Tödliche Kritik

Vor 30 Jahren hat Brigitte Erler mit dem Buch „Tödliche Hilfe“ eine furiose Abrechnung mit der Entwicklungshilfe vorgelegt. Diese Debatte hat dazu beigetragen, dass Projekte heute auf schnell messbare Wirkungen angelegt werden. Doch das macht blind für ihren wahren Beitrag zu Entwicklung.

Nachdem Brigitte Erler 1983 von einem dreiwöchigen Einsatz in Bangladesch zurückgekommen war, kündigte sie ihren Job. Die damalige Referentin des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) hatte dort Projekte ihres Arbeitgebers besucht. Zwei Jahre später erschien ihr Buch „Tödliche Hilfe“. Darin erklärte sie, dass „jede einzelne Komponente der unter meiner Verantwortung durchgeführten Projekte die Reichen reicher und die Armen ärmer machte“.

Erler war eine der ersten, die mit einer vernichtenden Kritik an der Entwicklungshilfe einen Bestseller landete. Sie sollte nicht die letzte sein. 2009 verfasste die sambische Wirtschaftswissenschaftlerin Dambisa Moyo ein Buch mit demselben Titel wie Erlers: „Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann“.  Ähnlich wie Erler stellt Moyo fest: „Millionen Afrikaner sind heute ärmer – nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe. Elend und Armut sind nicht beseitigt worden, sondern haben sich weiter verschlimmert.“

Kaum weniger drastisch, wenn auch etwas differenzierter argumentiert der ehemalige Weltbank-Mitarbeiter William Easterly in seinem Buch „Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut“. Hilfe sei meistens eine kolossale Geldverschwendung, schreibt Easterly. Die Planer drängten den Entwicklungsländern ihre „großen Ideen“ von oben auf, anstatt herauszufinden, was im Einzelfall klappen könnte.

Derlei fundamentale Skepsis hat zu einem fragwürdigen Trend in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit beigetragen: Entwicklungsprojekte werden zunehmend kurzfristigen Rahmenplänen unterworfen und an ergebnisorientierten Evaluierungen gemessen. Beispiele dafür sind das Konzept „Value for Money“ der britischen Entwicklungsbehörde DFID und die Ergebnismatrix des BMZ. Damit soll gezeigt werden, dass sich die Investition der Hilfe gelohnt hat. Manche Agenturen experimentieren sogar mit Konzepten, bei denen die Entwicklungshilfe erst ausgezahlt wird, nachdem die mit dem Entwicklungsland vereinbarten Ziele erreicht wurden.

Straßen helfen Bauern, ihre Produkte zu vermarkten

Kritiker in der Tradition von Brigitte Erler haben der Entwicklungshilfe einen Bärendienst erwiesen. Sie haben dafür gesorgt, dass eine Tatsache in Vergessenheit geraten ist: Entwicklung und erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit erfordern Geduld. Es ist aufschlussreich, sich heute einige der Projekte in Bangladesch anzusehen, die Erler vor 30 Jahren so wütend gemacht haben.

Von 1982 bis 1992 bemühte sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – die damals noch GTZ hieß – zusammen mit Partnern in Bangladesch im Distrikt Tangail darum, den Obst- und Gemüseanbau produktiver zu machen. Es wurden neue Sorten eingeführt und unterirdische Bewässerungssysteme verlegt. Weil in der Regenzeit die Straßen oft unpassierbar waren, konnten die Bauern ihre Ernte nicht zum Markt bringen. Deshalb wurden im Rahmen des Projekts wetterfeste Straßen gebaut, zunächst im Osten Tangails, später kamen weitere dazu. Im Rahmen eines Nachfolgeprojekts von 1992 bis 2004 finanzierten die GTZ und die KfW-Entwicklungsbank dann noch mehr Straßen in der Region.

Als Erler 1983 nach Tangail kam, kritisierte sie verschiedene Details bei der Umsetzung des noch relativ neuen Projekts, etwa die Versorgung über das Bewässerungssystem. Erler schien sich der potenziellen Bedeutung des Straßenbaus überhaupt nicht bewusst gewesen zu sein. Sie sorgte sich nur, die neuen Straßen würden zu Abholzung führen. Sie wären zudem überflüssig, weil „nur ausländische Experten und allerhöchste Regierungsbeamte in Autos herumfahren“.

Falscher hätte sie die Lage nicht einschätzen können. Heute wird ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produkte aus Tangail in die Hauptstadt Dhaka und in andere Regionen Bangladeschs geliefert. Auch ärmeren Menschen helfen die Straßen. Sie besuchen regelmäßiger Ärzte und schicken ihr Kinder öfter zur Schule. Frauen berichten, sie seien mobiler als früher. Tangail wurde zur Pilot-Region für ein landesweites Projekt zur Wartung von Straßen und für Verkehrssicherheit.

Bangladesch schreibt eine entwicklungspolitische Erfolgsgeschichte

Nicht weniger kritisch als den Straßenbau sah Erler ein Projekt zur Familienplanung im Distrikt Munshiganj, mit dem moderne Verhütungsmittel eingeführt werden sollten. Dort unterstützte die GTZ sogenannte Mütter-Clubs. Erler nannte diese Clubs einen Trick: Sie sollten „über den Umweg des Einkommens-Schaffens, über Beschäftigungsprogramme und Kreditgewährung, die Frauen emanzipieren, sie aus ihren Baris [Häusern] herauslocken und zu Sterilisation oder Pillenkonsum bewegen“.

Das Projekt in Munshiganj wurde jedoch von einer deutschen Soziologin geleitet, die weder die Bedürfnisse der Frauen ignorieren noch ihnen Verhütungsmittel aufzwingen wollte. Gisela Hayfa begann 1979 dort zu arbeiten, sprach viel mit den Frauen, ging auf sie ein und versuchte, die Programme ihren Bedürfnissen anzupassen. Bereits 1982, also noch vor Erlers „Tödliche Hilfe“, schrieb Hayfa in ihrem Buch „Aufbau von Frauengruppen in Bangladesch“ über die Erfolge und Misserfolge des Projekts.

Autorin

Marianne Scholte

ist freie Journalistin. Zu Bangladesch bloggt sie unter www.threadsandborders.blogspot.de
Für Erler ging es in dem Projekt nur um die Reichen und Mächtigen. Das BMZ schlug jedoch einen ganz anderen Kurs ein. Es nutzte die Erfahrungen aus Munshiganj  für ein weiteres Vorhaben von 1986 bis 1999, in dem Familienplanung mit Gesundheitsvorsorge kombiniert wurde. Diese Strategie hat Bangladeschs Familienplanungsprogramm zu einem der erfolgreichsten weltweit gemacht. Die Geburtenrate ist von fast sieben Kindern pro Frau in den frühen 1970er Jahren auf 3,3 Mitte der 1990er und weiter auf 2,2 Kinder im Jahr 2012 gefallen.

Bangladesch hat insgesamt bemerkenswerte Fortschritte bei den Millenniumsentwicklungszielen gemacht. Laut dem UN-Entwicklungsprogramm hat sich der Anteil der Menschen unter der Armutsgrenze in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. In Vor- und Grundschulen wurde Geschlechtergleichheit erzielt, die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren um zwei Drittel reduziert. Diese entwicklungspolitische Erfolgsgeschichte sorgt erst seit kurzem für Aufmerksamkeit. Viele Entwicklungspartner, einschließlich der Bundesregierung, haben dafür mit Bangladesch zusammengearbeitet – stetig und geduldig, seit mehr als 40 Jahren.

Wären die von Erler kritisierten Projekte einer rigiden Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen worden, hätten sie mittel- und langfristig keine Wirkung entfalten können. Aus einer verengten Perspektive auf kurzfristige Ergebnisse, die Kritikerinnen wie Erler – vielleicht unbeabsichtigt – seit dem Erscheinen von „Tödliche Hilfe“ vor 30 Jahren befördert haben, hätte man die langfristige Bedeutung der Programme in Bangladesch nicht erkennen können.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2015: Töten für den rechten Glauben

Kommentare

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Über Frau Erlers Besuch, ihre psychische Situation zu dieser Zeit und ihr Buch ließe sich viel sagen. Wir konnten damals nicht alles sagen, weil wir heftig in der Kritik waren und unsere Standpunkte keine Chance hatten, gehört zu werden. Ich war damals der GTZ-Teamleiter des Familienplanungsprojektes.

Sie haben sehr Recht mit der Feststellung, dass die derzeitige EZ auf "Wirkung" aus ist. Es geht meist nur um das Ergebnis - egal auf welche Weise es erreicht wird. Damals waren wir stark prozessorientiert und schrieben seitenweise darüber, wie die Ergebnisse erzielt wurden, welche Veränderungen auf Seiten der Partner stattgefunden haben (Change Management). Das interessiert heute kaum noch jemanden.

Herzlichen Gruß
Günter Merk

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