Appell an die Werte der Stämme

Die Regierung des Jemen ist schwach und hat kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Das Patronagesystem, mit dessen Hilfe sie Loyalität gekauft hat, droht sich wegen des Rückgangs der Öleinnahmen aufzulösen. In Regionen, wo der Staat Macht verliert, kann das Terrornetzwerk Al-Qaida seinen Einfluss ausweiten. Dabei sind die radikalen Dschihadisten aber auf die Unterstützung der Stammesgesellschaften angewiesen – und die ist ihnen nicht sicher. Denn ihr Ziel, ein islamischer Staat, steht zu den Autonomiebestrebungen der Stämme im Widerspruch.

Nach dem fehlgeschlagene Anschlag auf ein US-amerikanisches Flugzeug am 25. Dezember in Detroit führten die Spuren in den Jemen und zum Terrornetzwerk Al-Qaida. Daraufhin wurde die Frage gestellt, ob in dem instabilen arabischen Staat ein Taliban-ähnliches Regime an die Macht kommen könnte. Die Organisation „Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) hatte da ihr Ziel längst erklärt: die Errichtung eines islamischen Kalifats. Doch AQAP kann nicht unbedingt auf die Unterstützung der Volksgruppen des Jemen zählen; diese könnten die Präsenz von Al-Qaida eher als Belastung empfinden.

Westliche Politiker bemühen sich den Eindruck zu erwecken, dass sie entschieden auf die Krise im Jemen reagieren: Sie bieten mehr militärische Unterstützung oder mehr Entwicklungshilfe oder eine Kombination von beidem an. Interventionen von außen können die Lage verbessern – allerdings in begrenztem Rahmen. Zwei Dinge müssen dabei bedacht werden: die Natur und Macht des Staates sowie das komplexe Verhältnis zwischen Stammesgemeinschaften und militanten Dschihadisten wie AQAP. Al-Qaida kommt die Schwäche der jemenitischen Regierung zugute, aber deren Scheitern würde für sie nicht notwendigerweise einen Gewinn bedeuten. Denn die Jemeniten sympathisieren nicht von Natur aus mit den militanten Dschihadisten. AQAP profitiert wahrscheinlich mehr von einem schwachen als von einem gescheiterten Staat.

Autorin

Sarah Phillips

lehrt am Centre for International Security Studies der Universität Sydney.

Der Prozess der Staatsbildung im Jemen verlief schnell, aber er ist noch nicht abgeschlossen. Nach der republikanischen Revolution von 1962 veränderte sich das Land zügig, fand jedoch nie zu einer Einigung über neue Regeln des politischen Spiels. Wie in vielen Entwicklungsländern dauern die Verteilungskämpfe darüber an, wem was wie zusteht. Mit Beginn der Erdölförderung in den 1980er Jahren setzte dann ein staatlich betriebenes Patronagesystem die traditionellen Mechanismen der Konfliktlösung und Ressourcenverteilung außer Kraft.   

Stützpfeiler des traditionellen und des Patronagesystems sind die Stammesführer, die Scheichs. Allerdings löst das Patronagesystem die Anführer von ihren Gruppen, weil es ihnen Wohlstand und Status im Austausch für politisches Einverständnis bietet. Das hat zu einer schnellen Zentralisierung des politischen Systems geführt. Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr so wie noch vor einer Generation; heute sind Stammesführer selten Erste unter Gleichen und haben sich zum Teil weit von den Interessen ihrer Stämme entfernt. Nun, da das Patronagesystem der Regierung aufgrund der sinkenden Öleinnahmen unter Druck geraten ist, werden die Auswirkungen die politische Ordnung im Jemen deutlich: Die Patronage hat viele Stammesgesetze und -normen ausgehöhlt und ein Vakuum hinterlassen. Die derzeitige politische Führung kann dieses Vakuum nicht füllen, findige Radikale wie AQAP haben damit mehr Raum, ihren Einfluss zu vergrößern.  

Der Geldmangel in der Staatskasse ist der wichtigste Auslöser für die politischen Krisen im Land. Die Regierung des Jemen hat in den vergangenen zwei Jahren die Fähigkeit verloren, gegen innenpolitische Bedrohungen wie AQAP vorzugehen. Die Organisation ließ im vergangenen August in ihrem Online-Magazin „Sada al-Malahim“ erkennen, dass sie die Regierung nicht länger als großes Hindernis für ihre Bestrebungen ansieht. Das wichtigste Ziel von AQAP sei nun die Absetzung der Regierung von Saudi-Arabien, da die Macht des jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bereits schwinde, hieß es in dem Magazin.

AQAP ist darauf aus, das politisches System des Jemen zu zerstören und ihr eigenes zu etablieren. In weiten Teilen der Peripherie des Landes gibt es keine formelle staatliche Ordnung. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Gegenden gar nicht regiert würden. Die informellen Normen der Stammesordnung und Stammesoberen mögen an Einfluss verloren haben, doch sie bleiben lokal sehr einflussreich. Wenn AQAP die Peripherie des Jemen in ihr politisches Projekt einbinden will, muss sie mit den Volksgruppen zusammenarbeiten, die dort leben. Dafür müsste sie bedenken, dass Stammesgesellschaften von vielem anderem motiviert werden als von religiöser Ideologie. Die sozialen Pflichten innerhalb eines Stammes etwa werden in den Freitagspredigten häufig angesprochen.

Im Februar 2009 machten der AQAP-Anführer Nasir al-Wahayschi und Ayman al-Zawahiri, Osama bin Ladens Stellvertreter, deutlich, dass sie die immer noch zentrale Rolle des Stammessystems in weiten Teilen des Jemen kennen. Al-Wahayschi rief die Stämme auf, die Kontrolle über ihre Gebiete auch gegen Druck von außen zu verteidigen. Ähnlich bat al-Zawahiri um Unterstützung für Al-Qaida. Die Appelle beriefen sich auf den Stolz der Stämme, ihre Autonomie und vor allem auf die traditionelle Feindschaft gegenüber der Zentralregierung.

AQAP versucht, sich als Alternative zu einer Regierung zu präsentieren, die beschuldigt wird, den Reichtum des Landes selektiv an die Scheichs zu verteilen und die Stämme leer ausgehen zu lassen. Die Organisation scheint davon auszugehen, dass sie in den ländlichen Gebieten grundsätzlich Zustimmung für ihr politisches Modell des Dschihad findet. Der Aufruf, ein neues Kalifat zu errichten, ist ein Hinweis darauf, dass AQAP annimmt, viele Jemeniten sympathisierten mit „Herz und Verstand“ bereits mit ihr und man könne das jetzt in lebensfähige politische Institutionen ummünzen.

Doch die Geschichte lässt – wie zuletzt in Somalia und im Irak – etwas anderes vermuten. Der Wunsch nach politischer Autonomie von der Zentralregierung ist eine Schlüsselkomponente des Stammessystem im Jemen und das Konzept der Ehre einer ihrer Bestandteile. Um wirksam in von Stämmen regierten Gebieten operieren zu können, müssen von außen kommende Akteure entweder als Patrone oder als Klienten oder als Partner eines Stamms auftreten. Der Patron muss dauerhaft finanziell großzügig sein. Die Regierung hat versucht, diesen Weg zu gehen, aber der Rückgang der Öleinnahmen schwächt das Patronagesystem, so dass immer weniger Scheichs darin aufgenommen oder gehalten werden.

Für Außenseiter, die im Untergrund operieren, bedeutet die Stellung als Klient am ehesten Schutz und eventuell logistische Hilfe vom betreffenden Stamm. Im Gegenzug durchkreuzt er die Pläne der äußeren Konkurrenten des Stammes. Der Nutzen eines solchen Klienten für den Stamm besteht also vor allem darin, dass er als Druckmittel in Verhandlungen mit anderen eingesetzt werden kann. In Verhältnis als Klient muss der externe Akteur sich dem Stamm unterordnen.

Wenn das Patronagesystem ins Wanken gerät, bleibt für jene am Rand weniger übrig. Das verschärft den Wettbewerb um die schwindenden Ressourcen. Scheichs mit relativ geringer Macht werden eher von staatlichen Zuwendungen abgeschnitten und sind deshalb mehr geneigt, Al-Qaida-Flüchtlingen zu helfen, um mittels solcher Klienten ihren Einfluss zu erhöhen. Diese Klientenbeziehung hängt an einem Grundsatz der jemenitischen Stammeskultur: Die Ehre gebietet es, einem Außenstehenden Schutz zu gewähren, wenn er darum bittet. Jemanden auszuliefern, der Schutz beansprucht hat, ist eine Schande. Wenn man dieses kulturelle Gebot und den geringen Aufwand für eine Beherbergung bedenkt, ergibt sich daraus, dass Obdach bei einem Stamm nicht zwangsläufig bedeutet, dass dieser auch die Gewalt von Al-Qaida-Mitgliedern unterstützt.

Eine Partner-Beziehung erfordert persönliche oder ideologische Übereinstimmung oder ähnliche Ziele zwischen dem Stamm und dem Außenstehenden. Die internationalistischen Tendenzen von Al-Qaida und ihr Anspruch auf alleinige Herrschaft kollidierten im Irak und in Somalia mit lokalen Normen, wo die Stämme ihre relative Unabhängigkeit von der Zentralgewalt schätzen. Im Jemen ist das insofern anders, als die militante Dschihad-Ideologie schon verbreitet wurde, Jahrzehnte bevor Dschihadisten die Staatsmacht herausforderten. Denn Tausende Jemeniten kehrten in den 1980er und 1990er Jahren nach dem Krieg gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan in den Jemen zurück. Regierungsvertreter aus dem Norden bemühten sich, diese ehemaligen Kämpfer zu reintegrieren und sie im Bürgerkrieg 1994 gegen den Süden zu mobilisieren. Manche ältere ehemalige Al-Qaida-Unterstützer halten seit dieser Zeit noch immer Kontakt zur Regierung. Für die Jüngeren bedeutet Dschihadismus jedoch nicht Kooperation, sondern Widerstand gegen den Staat.     

AQAP hat politische Klugheit bewiesen, als sie die Ungerechtigkeiten und den Willen der Stämme nach Unabhängigkeit in den Mittelpunkt ihrer Rhetorik stellte und die Beschwerden und kulturell bedingten Forderungen ländlicher Jemeniten aufgriff. Aber das Wesen ihres politischen Ziels – die Errichtung eines islamischen Kalifats – und ihr Status als Außenstehender können mit dem Wunsch der Stämme kollidieren, ein gewisses Maß an lokaler Autonomie zu erhalten. Wenn Al-Qaida ihre politischen Ziele in den Stammesgebieten erreichen will, muss sie die Muskeln spielen lassen und sich auf heftigen Gegenwind einstellen.

Allerdings hat Al-Qaida den Stämmen außer der Kraft der Zerstörung wenig anzubieten. Weil Al-Qaida mit extremer Gewalt gegen Zivilisten vorgeht, wird die Unterstützung für sie aus der muslimischen Welt begrenzt bleiben. In der Stammesgesellschaft des Jemen hat eine Verletzung des Friedens ernste Folgen: Wenn ein Stamm jemanden tötet, kann dessen Stamm das Recht erhalten, „einen der Ihren für einen der Unseren“ zu töten. Die Stammesgesellschaft wird mit komplexen Normen reguliert, die alle Mitglieder miteinander verbinden. Die vielschichtigen Mechanismen zur Wahrung der Stabilität gründen sich auf die zentrale Prämisse, dass jeder einzelne die Pflicht hat, diese Stabilität zu schützen. Dieses Netzwerk reagiert sehr empfindlich auf rücksichtslose Eingriffe von außen. Mit ihren klaren politischen Vorstellungen bedroht AQAP die lokalen Mechanismen, die ein gewisses Maß an Ordnung aufrecht erhalten.  

Ferner wird es Al-Qaida schwer haben, die großen Trennlinien in der Gesellschaft des Jemen ideologisch zu überbrücken. Im Mai 2009 verkündete al-Wahayshi seine Unterstützung für „das Volk des Südjemen“ im Kampf für eine Abspaltung von der Zentralregierung. Er betonte, das islamische Recht, die Scharia, sei die einzige Möglichkeit für die Menschen im Süden, die Ungerechtigkeiten des Regimes zu überwinden. Al-Qaida wird es schwer haben, mit den Südjemeniten auf einen Nenner zu kommen, solange sie eine derart rigide ideologische Haltung vertritt. Aber gerade diese Haltung kennzeichnet Al-Qaida. Internationalistische Ziele und Ideologien mit lokalen Anliegen zu verbinden, führt oft zu Widersprüchen. Vieles, wofür Al-Qaida steht, stößt die lokale Bevölkerung ab. Jemeniten sind religiös konservativ, aber sie sind nicht radikal. Die Dschihadisten sind (bislang) weder die Stimme dieser Menschen noch eine alternative Regierung.     

Sowohl Al-Qaida als auch die jemenitische Regierung verfolgen Ziele, die gegen die der Stämme stehen. Die Kluft zwischen den Stämmen und Al-Qaida bietet der Regierung die Möglichkeit, einfache Beschwerden der Stämme auszuräumen und sie so zu überzeugen, dass de Regierung auf Dauer ein besserer Partner ist als AQAP. Allein da die Regierung in einer tiefen Krise steckt, kann man darauf kaum hoffen. Das Land kann nur stabilisiert werden, wenn die Zentralregierung größere Teile der Gesellschaft in politische Entscheidungen einbindet. Es ist unwahrscheinlich, dass dies demnächst geschehen wird.

AQAP kann auf der Welle der Beschwerden am Ort und in den Stämmen reiten. Doch wenn sie ihr grundsätzliches Ziel beibehält, Stammesgebiete politisch zu kontrollieren, es ihr aber nicht gelingt zu demonstrieren, dass sie den Stämmen handfeste Vorteile für eine Unterordnung bieten kann, dann wird es ihr wohl genauso gehen wie anderen, die versucht haben, von außen Einfluss zu nehmen. Das gibt auf lange Sicht Anlass zu Optimismus.

Kurzfristig sind die Aussichten weit weniger günstig. Das auseinanderbrechende Patronagesystem gibt den Dschihadisten die Möglichkeit, sich auf lokaler Ebene in politische Konflikte einzuschalten. Anders als Somalia und Irak, wo Al-Qaida nicht Fuß fassen konnte, ist der Jemen kein gescheiterter Staat. Die Organisation profitiert davon, wenn eine Zentralregierung zwar schwach, die Gesellschaft aber nicht völlig ohne Ordnung ist. Die Erfahrungen aus Somalia und dem Irak legen den Schluss nahe, dass Al-Qaida besser dort gedeiht, wo der Staat irgendwo auf dem Weg zum Scheitern ist – nicht in einem Chaos, wo die Dschihadisten nur eine Gruppe von vielen sind, die ums Überleben kämpfen. Die Stammeslandschaft im Jemen macht es für Al-Qaida zwar schwierig, erfolgreich zu sein. Aber je länger sie im Hintergrund agiert, ohne die Macht der Stämme offen in Frage zu stellen, desto eher könnte sie irgendwann als legitimer politischer Akteur angesehen werden.

Der Westen sucht dringend eine Strategie als Reaktion auf die jüngsten Ereignisse im Jemen. Hier ist es wichtig zu beachten, dass weder ein militärischer Anti-Terror-Einsatz noch kurzfristige Entwicklungsansätze die Ursache des Problems beseitigen können: das hochgradig zentralisierte Machtsystem, das Ressourcen und politische Macht in der Hand einer kleinen Gruppe hält und die Wirtschaft schädigt. Von den USA unterstützte Luftschläge gegen die Anführer von AQAP im Jemen werden daran nichts ändern und sie werden auch die Regierung kaum langfristig gegen die Dschihadisten stärken. Sichtbare militärische Interventionen fördern vermutlich sogar das Ansehen von AQAP in ländlichen Gebieten, da die Dschihadisten stets argumentieren, Jemens Regierung sei ein „Lakai der USA“.

Der vorsichtigere Ansatz, die Regierung insgesamt zu stärken, scheint davon auszugehen, dass jede Niederlage für sie ein Gewinn für Al-Qaida ist. Doch das vereinfacht die Krise zu sehr. Das Center for a New American Security (CNAS) hat die US-Regierung kürzlich aufgefordert, mehr Geld zu investieren, um „die Reichweite der Regierung des Jemen auszuweiten und ihre Effektivität zu steigern“. Aber diese Taktik könnte das Problem verschärfen. Denn mehr Geld wird die Regierung des Jemen nicht unbedingt dazu bringen, Macht abzugeben. Die Lösung läge in einer weitreichenden Umstrukturierung des politischen Systems. Die herrschende Elite müsste Macht abgeben, um mehr Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Der Jemen braucht eine politische Führung, die diese Reformen durchführen will und kann. Es bleibt aber die Frage, ob sich der Westen in das komplizierte innenpolitische Machtgefüge einbringen kann, ohne für das Legitimationsproblem der jemenitischen Regierung mit verantwortlich gemacht zu werden.

Aus dem Englischen von Felix Ehring.

 

Zusatzinformationen: 

© Carnegie Endowment for International Peace, 2010.

Der Beitrag ist die gekürzte Version eines Textes, den die US-amerikanische Carnegie-Stiftung veröffentlicht hat.
erschienen in Ausgabe 5 / 2010: Menschenrechte - Für ein Leben in Würde