Wahlen in Kenia

"Es muss schon ein Wunder geben"

Nicht schon wieder: Kenianer beten Ende Juli für einen friedlichen Verlauf der Wahlen im August.
... damit Kenia nach der Wahl nicht wieder in Gewalt versinkt, sagt die Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor. Sie war bei den Unruhen vor zehn Jahren dabei. Ihr Urteil: Das System hat versagt.

Schon zu Beginn ihres Debütroman „Der Ort, an dem die Reise endet“ stößt man auf viele Charaktere, Orte, Gerüche, zeitliche Ebenen und unterschiedliche Stilmittel. Hatten Sie beim Schreiben je das Gefühl: Das könnte alles zu viel werden?
Nein, gar nicht (lacht). Ich habe es geschrieben, wie es kam. Vorher habe ich mehrmals Texte geplant und wollte sie dann schreiben. Das hat nie geklappt, ich hatte eine halbjährige Schreibblockade. Ich musste erst das ganze Planen hinter mir lassen, um anfangen zu können.

Also gar kein Plan?
Nichts dergleichen. Lange hatte ich ein Buch mit einem einzigen Protagonisten im Kopf, aber als ich dann zu schreiben begann, merkte ich, dass es nicht um die eine Person ging. Ich folgte der Geschichte, und die Geschichte gab mir vor, wie es weiterging. Letztlich hat mich die Handlung selbst überrascht.

Wie beginnen Sie?
Mit einem Gefühl, einer kleinen Beobachtung, es kann etwas völlig Nebensächliches sein und daraus ergibt sich etwas.

Ihre Protagonisten sind stark in die jüngere kenianische Geschichte verstrickt. Es geht um die Unruhen nach den Wahlen 2007 mit ungefähr 1200 Toten. Sie gehen aber auch zurück in die 1950er und 1960er Jahre, die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung und Staatsgründung mit dem gewaltsamen Mau-Mau-Aufstand der Kikuyu gegen die Kolonialherrschaft.
Einige Kenianer haben mein Buch kritisiert, sie haben es als Kikuyu-feindlich bezeichnet. Das wurde aber in den Medien schnell von anderen gerade gerückt. Ich wollte lediglich etwas dem Mythos entgegenhalten, dass Mau-Mau das wichtigste Ereignis auf dem Weg zur Unabhängigkeit war. Ich wollte sagen: Es gibt viele Gründungserzählungen über Kenia, und keine Gruppe darf von ihrer Erzählung ableiten, dass es besondere Ansprüche auf die Ressourcen des Landes hat.

Weshalb so viel Historisches?
Kenias Geschichte gibt meiner Erzählung Umgebung und Energie. Mir geht es auch darum zu verstehen, wie diese Gewalt 2007 ausbrechen konnte. Tatsache ist, dass man ein Land verlieren kann. Die meisten Leute denken: Das passiert nur in anderen Ländern, in Syrien oder im Irak. Aber es hätte auch uns in Kenia passieren können. Wir waren nah dran, ich habe das förmlich gerochen und gefühlt.

Yvonne Adhiambo Owuor, geboren 1968 in Kenia, hat in Nairobi und an der University of Reading in England Anglistik und Fernseh- und Videoproduktion studiert. 2003 erhielt sie den britischen Caine Prize for African Writing für die beste Kurzgeschichte in englischer Sprache. Im Juli war sie auf Einladung von litprom zu Besuch in Frankfurt am Main.Felix Ehring
Waren Sie während der Unruhen in Nairobi?
Zunächst ja, ich bin aber dann dorthin gefahren, wo es besonders gewalttätig war. Während der Krise klingelte der kenianische Autor Binyavanga Wainaina an meiner Tür und sagte: Wenn unser Land brennt, kannst Du nicht hier rumsitzen. Hol deine Sachen, wir fahren los! Wir waren acht Autoren und fuhren in zwei Autos über die komplett leeren Straßen nach Eldoret im Westen, um zu sehen, was dort vor sich ging. Die Aktion war naiv, verrückt, aber wir bekamen von den lokalen Medien keine Informationen und von den internationalen Medien nur Hysterie. Vor Ort bekam ich den Eindruck, dass alle voreinander Angst hatten. Ich machte mir keine Notizen, hörte nur zu und nahm die Stimmung der Leute auf. Und da habe ich begonnen, die Politiker zu hassen. Was mich am meisten getroffen hat, war die Wut der jungen Leute über Vorkommnisse, mit denen sie nichts mehr zu tun haben. Ein junger Mann, war völlig außer sich, weil vor 50 Jahren bestimmte Gruppen in die Region migriert waren und dort gesiedelt hatten. Über diese geerbte Wut der Vorfahren wird nicht gesprochen. Aber wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann bricht das hervor und endet tödlich. Mir wurde in Eldoret klar: Geschichte ist immer präsent, Geister kann man nicht vergraben. Und alles Unrecht, das geschehen ist, müsste zumindest einmal anerkannt werden. Solange das nicht geschieht, wird es immer wieder hochkochen.

Und entsprechende Initiativen gab es in Kenia bisher nicht?
Doch, es gab einige, organisiert von der katholischen Kirche. Die Regierung hat selbst jedoch keine Verständigungsprozesse initiiert. Sie hat getan, was sie am besten kann: das Ganze beiseitegeschoben. Das können wir in Kenia ziemlich gut.

Anfang August wählen die Kenianer wieder. Vergangenes Jahr schrieb ein Beobachter, je näher die Wahl rücke, desto mehr setzten die Parteien im Wahlkampf auf die ethnische Karte. Weshalb ist das in Kenia so stark ausgeprägt?
Einige Politiker ziehen daraus Vorteile. Aber die Konflikte im Land auf Ethnien zu reduzieren, ist natürlich zu simpel und führt nicht zum Kern des Problems. Kenia ist zwar keine Kolonie mehr, aber die Strukturen haben sich nie wirklich geändert. Die Regierenden haben heute nur andere Farben, Gesichter, Namen. Ethnizität wird vorgeschoben, tatsächlich geht es aber darum, wer die Ressourcen des Landes kontrolliert und diesen Einfluss absichert.

Ein junger Mann wird in Nairobi ermordet, seine Schwester kehrt aus Brasilien zurück, jedes Familienmitglied trauert für sich, ein Brite taucht auf und will das Verschwinden seines Vaters aufklären – viele Personen begegnen sich in Yvonne Adhiambo Owuors „Der Ort, an dem die Reise endet“ (Du Mont 2015, 510 Seiten), das 2014 im Original unter dem Titel „Dust“ erschienen ist und mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Owuor findet für jede Person und jede Landschaft eigene Wörter und eine eigene Sprache, sie schafft viele kleine Geschichten in einer großen. Für dieses Können bekommt sie von Kritikern einhelliges Lob.
Kenia soll föderaler werden, es gibt mittlerweile 47 Bezirke, der Zentralismus soll verringert werden. Geht das in die richtige Richtung?
Ganz sicher, da wir bisher daran gescheitert sind, eine echte Nation aufzubauen. In der Vergangenheit hat mich die Fragmentierung einer gemeinsamen kenianischen Identität beunruhigt. Mittlerweile kann ich mich immer besser mit der Idee anfreunden, dass wir viele verschiedene Ideen von Kenia in unserem Land haben können, solange sich alle frei bewegen und siedeln dürfen.

Wie könnte eine kenianische Demokratie noch gestaltet sein?
Wir sind ein äußerst multikultureller und pluralistischer Staat. Das sind Stärken, die ich erst wirklich als solche wahrgenommen habe, nachdem in Europa die Flüchtlingskrise zu diesen Abwehrmechanismen geführt hat oder Trump sich gegen Muslime aus bestimmten Ländern gewandt hat. In Kenia steht eine Kirche neben einer Moschee – und es funktioniert. Das wird auch ein Thema meines nächsten Buches sein. Diese kulturellen Stärken sollten wir besser nutzen.

Sie schreiben auch über die Turkana-Region im Norden Kenias, die als trocken, vernachlässigt und arm beschrieben wird. Weshalb diese Gegend?
Weil ich sie liebe. Das ist mein Kenia. Waren Sie mal dort?

Leider nicht.
Schade. Wer dorthin reist, versteht, wie klein die menschliche Existenz ist, auch die eigene. Das ängstigt einen nicht, man merkt einfach: Ah, andere waren schon vor mir hier, haben es vor mir durchquert. Ich bin dort gewandert, ich liebe es, in Kenia umher zu reisen. In den Nachrichten hört man leider höchstens von Dürren.

Wie erleben Sie die aktuelle Kampagne vor den Wahlen, bei denen zwei große Bündnisse gegeneinander antreten?
Es ist der gleiche Mist wie immer! Ich mache mir Sorgen. Es muss schon ein kleines Wunder geben, damit es nicht wieder in Gewalt endet. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Wunden der Wahlen von 2007 noch nicht verheilt sind und dafür nichts getan wurde. Es hilft nicht, eine neue, schicke Straße dort zu bauen, wo die Gewalt eskaliert ist. Die Leute, egal von welcher politischen Gruppe, haben das Vertrauen ins Justizsystem verloren. Zweimal wurde wegen Wahlmanipulationen ermittelt und beide Male kam nichts dabei heraus. Das System hat versagt.

Was stimmt Sie optimistisch?
Die Wirtschaft läuft gut, die Leute feiern wie verrückt, haben immer noch Geld in den Taschen, wenn auch vielleicht nicht so viel wie vor 2007. Wir Kenianer sind extreme Idealisten und halten Kenia für ein außergewöhnliches Land. Viele halten es sogar für das beste Land der Welt.

Das Gespräch führte Felix Ehring.

erschienen in Ausgabe 8 / 2017: Wenn die Seele krank ist

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