El Salvador

Das Gold muss im Boden bleiben

Ein Kleinschürfer schiebt seine Karre aus der Mine San Sebastian. Er muss in zwei Jahren sein Geld anders ­verdienen – bis dahin sollen auch kleine Minen geschlossen werden.
El Salvador verbietet als erstes Land weltweit den Abbau von Metallen. Dafür haben Umweltschützer und Kirchen lange gekämpft.

Cabañas ist eine der ärmsten Provinzen von El Salvador. Die Landschaft ist hügelig, trocken, entwaldet. Die tropische Sonne hat sie gelbbraun verbrannt, Wasser ist knapp. Rinder stehen auf mageren Weiden, nur auf wenigen Feldern wächst Mais. Es gibt kaum Arbeit und das bisschen Landwirtschaft wirft für kaum jemanden mehr als hundert US-Dollar im Monat ab. Die meisten Familien leben von dem, was ihnen Verwandte aus den USA überweisen.

Dabei könnte Cabañas eine Goldgrube sein: Viele der Hügel sind erloschene Vulkane. Darin lagern Gold, Silber und Minerale. Quer durch den Norden des zentralamerikanischen Landes zieht sich ein breiter Streifen Land, das „Goldene Band“. In der Nähe von San Isidro in Cabañas sollen sich bis zu dreißig Gramm Gold in einer Tonne Gestein befinden. Der Abbau rentiert sich schon bei einem Gramm.

Doch das Edelmetall bleibt im Boden. Seit diesem Frühjahr ist El Salvador das erste Land weltweit, das den Abbau von Metallen verboten hat. Umweltministerin Lina Pohl ist stolz auf das Gesetz. „Es ist ein historischer Schritt“, sagt sie, und könne Vorbildcharakter haben. Mehreren Faktoren ist es zu verdanken, dass es glatt durch ein von wirtschaftsfreundlichen Parteien dominiertes Parlament lief, das am Schutz der Umwelt reichlich desinteressiert ist. „Der wichtigste ist sicher eine starke und kämpferische Umweltbewegung“, sagt Pohl. „Dazu kam eine klare Stellungnahme der katholischen Kirche gegen den Abbau von Metallen.“

"Eine Sache internationaler Konzerne"

Und schließlich sei die wirtschaftliche Elite des Landes an Bergbau nicht interessiert und habe deshalb keinen Widerstand geleistet. Heimischen Unternehmen seien die für Minen nötigen Investitionen zu groß. „Bergbau war immer eine Sache internationaler Konzerne“, sagt die Ministerin. Das Gesetz wurde Ende März mit 70 gegen 14 Stimmen verabschiedet.

Die Erd- und Gesteinsschichten, die Gold enthalten, liegen in Cabañas in rund 60 Meter Tiefe. In den 1940er und 1950er Jahren gab es dort ein paar Minen im Untertagebau. US-amerikanische Konzerne suchten Adern, in denen das Edelmetall in bis zu walnussgroßen Nuggets vorkam. Die waren bald erschöpft. Die Konzerne zogen ab und mit ihnen verschwanden die Arbeitsplätze. Damals erlebte die Gegend ihre erste Auswanderungswelle. Vom kurzen Goldrausch blieb nur ein kleines Dorf mit dem Namen San Francisco El Dorado, das „Vergoldete“, ein paar Kilometer von San Isidro entfernt.

Die Kirche hat sich gegen den Bergbau gewandt: Nonnen nehmen im März an einer Demonstration in der Hauptstadt San Salvador teil.Jose Cabezas / Reuters
Im Jahr 2002 erhielt der kanadische Bergbaukonzern Pacific Rim eine Lizenz zur Erkundung von Goldlagerstätten in Cabañas. Er eröffnete ein kleines Büro in San Francisco El Dorado. Die Firma kaufte ein paar Stückchen Land auf und trieb dort tiefe Löcher in den Boden. Und sie bezahlte Landbesitzer für das Recht, auf ihrem Boden den Untergrund erforschen zu dürfen. Die Ingenieure wurden fündig. 2004 beantragte Pacific Rim eine Lizenz für den Abbau von Gold und Silber auf dem Gebiet der Gemeinde San Isidro. Doch die Behörden wiesen das Begehren ab. Der Bergbaukonzern hatte weder die möglichen Folgen für die Umwelt noch die technische Machbarkeit ausreichend dokumentiert. Zudem fehlten Unterlagen, ob das Unternehmen dort, wo es Minen im Tagebau öffnen wollte, den Grund und Boden oder das Einverständnis der Landeigentümer besitze.

Pacific Rim reichte die geforderten Unterlagen nicht nach, sondern argumentierte, die Lizenz zur Exploration von Bodenschätzen garantiere, wenn welche gefunden würden, automatisch das Recht auf deren Ausbeutung. Auch dies wurde zurückgewiesen. Die Firma beauftragte ihre Anwälte, ein neues Gesetz zur Reglementierung von Minen in El Salvador auszuarbeiten. Der Vorschlag, der über Abgeordnete ins Parlament eingebracht werden sollte, sah für Konzerne das Recht vor, im ganzen Land ohne jegliche Restriktionen Minen öffnen zu können. Der Vorstoß scheiterte.

2006 verlegte sich das kanadische Unternehmen auf eine neue Strategie: Es wollte die Bevölkerung von Cabañas davon überzeugen, dass Minen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nur Vorteile brächten. Mit einer millionenschweren Werbekampagne in nationalen Radiostationen, im Fernsehen und in Zeitungen rühmte die Firma den von ihr angeblich praktizierten „grünen Bergbau“, der keinerlei Schäden für die Umwelt nach sich ziehe. Ihr Büro verteilte Geld an die Bürgermeister der Gegend, bezahlte hier ein neues Dach für eine Schule und dort einen Sportplatz. Bei den Festen zu Ehren der Ortsheiligen gab es Freibier auf Kosten von Pacific Rim.

Franziskaner kämpfen gegen die Minen

Der gewünschte Effekt blieb jedoch aus. „Ganz im Gegenteil“, sagt Andrés McKinley, ein Spezialist für Wasserschutz und Minen an der von Jesuiten geführten Zentralamerikanischen Universität von San Salvador. Er verweist auf eine nationale Umfrage seiner Hochschule von 2007. Danach waren zwei Drittel der Bevölkerung davon überzeugt, dass El Salvador nicht für den Bergbau geeignet sei. „Das einzige, was Pacific Rim erreicht hat, waren zerstrittene Familien und Dorfgemeinschaften in Cabañas“, sagt McKinley. „Ein paar befürworteten das Öffnen von Minen, weil sie der Firma glaubten, das würde wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze bringen.“ Andere hätten sich um die Umwelt und das ohnehin knappe Wasser Sorgen gemacht und seien deshalb von Anfang an dagegen gewesen.

Die Gegner der Mine wurden von Umweltverbänden unterstützt, die sich zu einem nationalen „Runden Tisch gegen Bergbau“ zusammengeschlossen hatten. Sandra Ascencio vertritt an diesem Tisch seit 2008 die Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung des Franziskanerordens in El Salvador. „Natürlich hilft es, wenn man in die Dörfer geht und sagen kann, die Kirche ist auf unserer Seite“, sagt sie. „Wir haben immer gesagt, dass wir Franziskaner sind und dass wir gegen Minen kämpfen, weil wir an die menschliche Würde und an das Gemeinwohl glauben.“

Zunächst sei es nur um Information und Aufklärung gegangen. Mehrfach besuchten Vertreter von Umweltverbänden und Abgeordnete der betroffenen Gemeinden das benachbarte Honduras, um in dem Dorf San Martín im Zentrum des Landes eine damals gerade erschöpfte Goldmine eines anderen Bergbaukonzerns zu besichtigen. Sie erfuhren, dass dort innerhalb eines Jahrzehnts 19 der ursprünglich 23 Flüsschen ausgetrocknet sind, die Kindersterblichkeit zwölf Mal höher lag als im honduranischen Durchschnitt und viele Menschen unter Haut-, Augen- und Nierenkrankheiten litten. In Cabañas kam es darauf zu ersten Demonstrationen gegen Pacific Rim.

Im salvadorianischen Bürgerkrieg (1980 bis 1992) hatten in der Provinz ultrarechte Todesschwadronen gewütet. Auch 15 Jahre später ließen sich dort noch leicht Pistoleros finden, die jeden Protest für kommunistisch gesteuert hielten und bereit waren, dagegen mit Waffengewalt vorzugehen. Allein 2009 wurden in der Gegend von San Isidro vier Umweltschützer ermordet, darunter eine hochschwangere junge Frau. Keiner dieser Morde wurde je aufgeklärt. Journalisten einer lokalen Radiostation, die den Protesten viel Raum einräumte, erhielten Todesdrohungen; eine junge Reporterin musste für ein Jahr nach Deutschland ins Exil.

Je gewalttätiger der Konflikt wurde, desto mehr versuchte die damalige rechte Regierung unter Präsident Antonio Saca, weitere Proteste von der Polizei unterdrücken zu lassen. „Wir machten deshalb keine Demonstrationen mehr, sondern nannten sie einfach Prozessionen und gingen mit einem großen Kreuz voraus“, erinnert sich Vidalina Morales aus dem in der Gegend liegenden Städtchen Sensuntepeque, die bei fast allen Protesten dabei war. Die Minengegner konnten auf die Unterstützung der Kirchenleitung zählen.

Bestehende Minen müssen versiegelt werden

Damals war Fernando Sáenz Lacalle, ein stockkonservativer und wirtschaftsfreundlicher Vertreter von Opus Dei, Erzbischof in der Hauptstadt San Salvador. Doch Sáenz Lacalle war auch gelernter Chemie-Ingenieur und wusste, was eine Goldmine für das ohnehin knappe Wasser in Cabañas bedeutet: Sie würde pro Tag mindestens eine Million Liter verschlucken und höchstwahrscheinlich schwer mit Giften belastet wieder ausspucken. Dabei sind auch ohne Bergbau 90 Prozent des Oberflächenwassers in El Salvador verseucht – in dem Land gibt es bis heute keine einzige öffentlich betriebene Kläranlage und nur wenige Firmen bereiten ihre eigenen Abwässer auf.

2009 sprach sich das Erzbistum von San Salvador entschieden gegen eine Mine aus. Das war der Wendepunkt. Wenn ein konservativer Erzbischof so klare Worte sprach, konnte sich auch der rechte Präsident nicht mehr verstecken. Saca verhängte ein Moratorium. Bis auf Weiteres dürfe in El Salvador keine neue Mine geöffnet werden.

Autoren

Cecibel Romero

ist freie Journalistin in San Salvador. Sie schreibt unter anderem für die „tageszeitung“.

Toni Keppeler

ist freier Journalist und berichtet für mehrere deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus Lateinamerika.
Trotzdem dauerte es noch einmal acht Jahre, bis das vorläufige Verbot dauerhaft gesetzlich verankert wurde. Denn zunächst verklagte Pacific Rim den Staat vor dem Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten in Washington auf 100 Millionen US-Dollar Schadensersatz für entgangene Gewinne. Das Verfahren zog sich hin. Pacific Rim wurde an den australischen Konzern Oceana Gold verkauft, doch der neue Eigentümer hielt an der Klage fest. El Salvador kostete der Prozess 13 Millionen US-Dollar für Gutachten, Anwälte und Verfahrenskosten.

Ende 2016 erging das Urteil: Die Ansprüche von Oceana Gold sind haltlos, der Konzern musste El Salvador acht Millionen US-Dollar erstatten. Der Rest war Formsache. „Wir wollten warten, bis das Verfahren abgeschlossen ist“, sagt Umweltministerin Pohl. „Wir wollten einem Urteil nicht mit Gesetzen vorgreifen, das hätte uns in kein gutes Licht gerückt.“ Danach aber wurde das Verbot des Abbaus von Metallen – außer Gold und Silber gibt es in El Salvador auch Uran – ins Parlament eingebracht und verabschiedet. Vier Fünftel der Bevölkerung stehen laut neueren Umfragen dahinter. Oceana Gold weigerte sich zunächst, El Salvador einen Teil der Verfahrenskosten zu erstatten. Erst nachdem die salvadorianische Staatsanwaltschaft die örtlichen Konten des Konzerns eingefroren und seine Büros und Fahrzeuge gepfändet hatte, wurde das Geld im Juli überwiesen.

Trotzdem wird in Cabañas weiter nach Gold geschürft. „Es gibt dort immer noch Minenarbeiter, und sie sind so aktiv wie eh und je“, weiß Ascencio vom Orden der Franziskaner. In den ungesicherten Minen der 1940er Jahre suchen arme Leute nach den letzten Resten. Sie arbeiten ohne jegliche Kontrolle, graben neue Stollen und setzen dabei viel Dynamit und Quecksilber ein. In besonders niedrigen Gängen arbeiten vor allem Kinder. Reich wird davon niemand. „Ich weiß, dass es das gibt“, sagt Umweltministerin Pohl. Gut zwei Dutzend weitere erschöpfte Minen im Land seien bis heute nicht sachgerecht geschlossen. „Das neue Gesetz gibt uns zwei Jahre“, sagt sie. In dieser Zeit müssen alle bestehenden Minen versiegelt werden. „Und wir müssen andere Möglichkeiten finden, wie die armen Goldschürfer in Cabañas in Zukunft ihr Brot verdienen können.“

erschienen in Ausgabe 10 / 2017: Kongo: Das geschundene Herz Afrikas

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