Eritreische Diaspora
Eritreer in der Schweiz protestieren im November 2017 in Genf dagegen, dass die Schweiz die Verhältnisse in Eritrea schönredet – und auf die Idee kommen könnte, Flüchtlinge dorthin abzuschieben.
Eritreische Diaspora

„Streit gibt es vor allem über die aktuelle Lage in Eritrea“

In der Schweiz leben zwei Generationen von Eritreern. Privat verstehen Jüngere und Ältere sich gut, doch sobald es um Politik geht, gehen die Meinungen auseinander. Gemeinsame Initiativen wie die von Semhar Negash wollen die Spaltung überwinden.

Warum sind Sie in die Schweiz gegangen?
Eigentlich wollte ich nach England, weil ich in Eritrea Englisch studiert hatte, aber das hat nicht geklappt. Mein Bruder war schon in der Schweiz, also habe auch ich hier Asyl beantragt.

In der Schweiz lebt eine relativ große eritreische Diaspora. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich  finde nicht, dass es so viele Eritreer in der Schweiz gibt. In Ländern wie Sudan sind die Diasporas viel größer. Klar, aus Sicht der Schweizer sind wir bestimmt viele. Aber zu Ihrer Frage: Ich denke, die Schweiz ist attraktiv, weil hier die Menschenrechte geachtet werden. Dazu kommt, dass die Schweiz geografisch eine Art Brücke zu anderen Ländern in Europa bildet, etwa zu Deutschland oder Skandinavien. Auf der Flucht werden einige von der Polizei erwischt und bleiben in der Schweiz hängen. Und dann gibt es hier mittlerweile einige soziale Netzwerke für Eritreer und Verwandte.

Wie wurden Sie aufgenommen? Welche Chancen gab es für Sie, welche Hürden mussten Sie überwinden?
Ich bin Ende 2011 in die Schweiz gekommen und habe Asyl beantragt. Damals ging das viel schneller als heute. Schon nach einem Monat war mein Antrag genehmigt, und ich durfte in der Schweiz bleiben. Ich habe mich über Berufsaussichten beraten lassen, konnte einen Sprachkurs besuchen und aktiv werden. Ich hatte das Gefühl, dass ich willkommen bin. Mein Bachelorstudium aus Eritrea wurde anerkannt, so dass ich an der Uni Bern studieren konnte. Nebenher habe ich gearbeitet, zum Beispiel in der Bibliothek, so dass ich nicht auf Sozialhilfe angewiesen war.

Eritreer in der Schweiz

Die Schweiz ist nach Deutschland das wichtigste Zielland in Europa für Flüchtlinge aus Eritrea. Nach Angaben des Schweizer Staatssekretariats für Migration (SEM)

Klingt nach einem guten Start. Hat sich das für Flüchtlinge und Migranten heute verändert?
Ich habe in meinem Job vor allem mit minderjährigen Flüchtlingen zu tun, die aus Eritrea weggegangen sind, als sie 12 oder 13 Jahre alt waren. Für die ist das al les natürlich viel schwerer, als es für mich war.

Hat sich das Klima für Flüchtlinge in der Schweiz verändert?
Ich sehe  keinen großen Unterschied zu der Zeit, als ich gekommen bin. Außer dass die Asylverfahren für Eritreer länger dauern, hat sich das Verfahren zur Integration nicht verändert.

Ist es für Sie und andere Eritreer leicht, Kontakt zu Schweizern zu bekommen?
Für mich ist das eher ein kleines Problem: Ich studiere und lebe mit Schweizern in einer WG. Aber für viele meiner Landsleute ist es schwer. Viele Schweizer haben keinen Kontakt zu Eritreern. Sie kennen uns nur aus den Medien und da gibt es eine Menge Vorurteile. Ich kenne viele Schweizer, die richtig Angst haben vor Eritreern. Viele Eritreer hätten gern mehr Kontakt zu Schweizern, aber wir sind traditionell eher zurückhaltend – so wie die Schweizer. Das das macht es nicht leicht.

Semhar Negash kam Ende 2011 aus Eritrea in die Schweiz. In Bern hat die 32-Jährige vor kurzem ihren Master in Sozial­anthropologie gemacht. Sie arbeitet unter anderem beim Roten Kreuz als Begleiterin für Flüchtlingsfamilien und als Dolmetscherin.SFH/Barbara Graf Mousa
Welche Vorurteile gibt es in den Medien?
Es heißt zum Beispiel immer, dass die große Mehrheit der Eritreer von Sozialhilfe abhängig ist. Es heißt, die Eritreer zeugen nur immer mehr Kinder, aber arbeiten nicht. Und es heißt, die Eritreer sind ständig in Schlägereien verwickelt.

Gibt es so etwas wie eine gemeinsame Identität der Eritreer in der Schweiz? Ein Gefühl, dass man zusammengehört?
Ja, es gibt Gemeinsamkeiten. Man trifft sich in der Kirche, feiert Hochzeiten, religiöse Feste oder trauert zusammen, wenn jemand gestorben ist. Aber es gibt auch manchmal Konflikte. In der Diaspora leben, grob gesagt, zwei Generationen: Die einen sind vor allem während des Unabhängigkeitskrieges in den 1980er Jahren gekommen oder wurden sogar hier geboren. Die Jüngeren, zu denen ich zähle, sind in den vergangenen Jahren gekommen. Ich kann nicht generalisieren, aber viele von ihnen sind eher gegen die Regierung, die Älteren dafür, wobei es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt. Leute, die für die Regierung sind, feiern den Unabhängigkeitstag für sich, viele Leute, die dagegen sind, feiern nicht oder auch nur unter sich. Bei Hochzeiten oder kirchlichen Festen spielt diese Spaltung aber keine Rolle. Da feiern wir zusammen, egal welche politische Einstellung jemand hat.

Wie wird in der Diaspora mit den Konflikten umgegangen?
Streit gibt es vor allem über die aktuelle Lage in Eritrea: Es gibt einige, die sagen, die Lage ist gut, und andere sagen, die Lage ist schlecht. Diese unterschiedlichen Meinungen werden zum Beispiel über die Medien ausgetragen, auch über soziale Medien wie Facebook.

Es gibt einige eritreische Initiativen in der Schweiz, etwa den Eritreischen Medienbund oder die Eritrean Diaspora Academy. Welchen Zweck haben die?
Der Medienbund hat den Zweck, den Eritreern und Eritreerinnen in der Schweiz eine Stimme zu geben. Man hört viel über Eritreer in der Schweiz, aber kaum von diesen selbst.

Wer trägt solche Initiativen vor allem, die jüngeren oder die älteren Diasporamitglieder?
Bei der Eritrean Diaspora Academy sind die Jüngeren die Mehrheit, auch wegen der politischen Spaltung in der Diaspora. Wir versuchen aber, auch die ältere Generation zu beteiligen. Denn der Academy geht es ja um das Leben als Diaspora in der Schweiz – das betrifft uns alle, egal, welche politische Position man vertritt.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 2 / 2018: Diaspora: Zu Hause in zwei Ländern

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