Grand Ethiopian Renaissance-Staudamm
Grand Ethiopian Renaissance-Staudamm

„Der Nil wird nie mehr so sein wie zuvor“

Der riesige Nilstaudamm in Äthiopien wird den natürlichen Wasserstrom des Flusses verändern. Das werden vor allem die Anrainerstaaten flussabwärts spüren, warnt Ange Asanzi von International Rivers.

Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat in einem Interview gesagt, der Staudamm sei eine Frage von „Leben oder Tod“. Ist das übertrieben oder trifft das zu?
Ich denke nicht, dass es übertrieben ist. Wasser ist Leben, und wenn in Ägypten das Wasser ausgeht oder weniger Wasser den Nil hinunter fließt, bedroht das das Leben flussabwärts.

Der Sudan hält den Bau des Staudamms in Äthiopien wiederum für eine gute Idee und hofft, davon zu profitieren. Wie eigentlich?
Es kommt auf den Blickwinkel an. Das Leben in Ägypten baut zu hundert Prozent auf dem Nil auf: privat, industriell und landwirtschaftlich. Beim Sudan ist das nicht in so einem großen Ausmaß der Fall. Außerdem hat der Sudan einen Vertrag mit Äthiopien abgeschlossen, der ihnen Strom vom Grand-Renaissance-Staudamm verspricht. Vielleicht glauben sie, dass sie profitieren, weil sie etwas abbekommen. Das ist jedoch zu kurz gedacht. Der Sudan verschließt die Augen vor den langfristigen Auswirkungen, wenn weniger Wasser den Nil hinunter fließt.

Wie sehen die Pläne Äthiopiens für die nächsten Jahre aus? Wann wollen sie anfangen, das Staubecken zu füllen, und wie viel Elektrizität wollen sie produzieren?
Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, da Äthiopien kaum Informationen preisgibt und intransparent arbeitet. Wir wissen, dass der Staudamm im vergangenen Oktober zu 60 Prozent fertig­­gestellt war und sie dieses Jahr anfangen wollen, das Staubecken zu füllen. Das soll nach meinen Informationen innerhalb von fünf Jahren geschehen. Offiziell soll der Grand-Renaissance-Staudamm 6000 Megawatt Strom produzieren, das wäre ungefähr dreimal so viel, wie das südafrikanische Atomkraftwerk Koeberg mit zwei Reaktoren  produziert. Nach eigenen Berechnungen glauben wir jedoch, dass es weniger sein wird. Aber es wird immer noch genug sein, um die Nachbarstaaten Sudan, Kenia und Dschibuti zu beliefern.

Wird sich der Wasserstrom wieder normalisieren, wenn das Staubecken erst einmal gefüllt ist?
Der Nil wird nie mehr so sein wie zuvor. Wenn man einmal einen Staudamm baut, verändert man den Wasserfluss. Die Länder flussabwärts hängen dann von einem künstlichen Wasserstrom ab, der sich danach richtet, wie viel Elektrizität flussaufwärts benötigt wird.

Wie wird der Staudamm das Nilufer verändern?
Normalerweise gibt es natürliche Muster: In der Regenzeit etwa ist der Wasserstand hoch; das verändert sich durch einen Damm. Aber die Bauern sind auf die natürlichen Wasserstände angewiesen, die den Jahreszeiten folgen. Sie bebauen ihre Felder dementsprechend. Das ist ein großes Problem. Der künstliche Wasserstrom verändert zudem die Wasserqualität. Das Wasser kann säurehaltiger werden und die Wassertemperatur kann sich verändern, was Tiere und Pflanzen beeinflusst. Der Staudamm kann auch die Fruchtbarkeit der Böden flussabwärts mindern. Das kann Ägypten wirtschaftlich schaden, da dort viel Landwirtschaft betrieben wird.

Ange Asanzi arbeitet seit 2014 bei der Organisation International Rivers und ist Expertin für Staudammprojekte in Afrika. Sie lebt und arbeitet in Südafrika und kommt ursprünglich aus dem Kongo. International Rivers
Wie sind die Bedürfnisse Ägyptens mit denen Äthiopiens in Einklang zu bringen?
Äthiopien muss offener werden. Bei den Staudammplänen haben sie niemanden miteinbezogen und alle vor vollendete Tatsachen gestellt. Äthiopien muss jetzt mit den anderen Anrainern zusammenarbeiten. Sie müssen etwa überlegen, wie sie den Wasserfluss am besten gemeinsam steuern, da Ägypten flussabwärts bereits auch schon Staudämme hat. Am besten wäre es, den natürlichen Wasserstrom zu imitieren, dazu wäre jedoch eine Zusammenarbeit nötig. Jedoch gibt es viel Konfliktpotenzial zwischen den Parteien, da sie komplett unterschiedliche Interessen verfolgen. Ägypten denkt an das Wasser für seine Bevölkerung und für die Landwirtschaft, Äthiopien will so schnell wie möglich Strom produzieren. Aber wenn sie keine gemeinsame Lösung finden, wird es großen Ärger in naher Zukunft geben.

Was gibt es für Erfahrungen mit anderen Staudammprojekten dieser Größe? Und was könnten Äthiopien, Ägypten und der Sudan von ihnen lernen?
Es gab bei anderen Staudammprojekten in Afrika nicht die gleichen Probleme und Voraussetzungen, deshalb ist es schwierig, die Frage zu beantworten. In Afrika ist der Grand-Renaissance-Staudamm derzeit das größte Staudamm-Projekt. Es gibt andere große Staudammprojekte, wie etwa den Grand-Inga-Staudamm im Kongo, aber die sind noch in Planung. Beim Grand-Inga-Staudamm wird es keine Probleme mit Nachbarstaaten geben, da der Kongo-Fluss nach dem geplanten Staudamm in den Atlantik mündet und nicht durch weitere Staaten fließt. Ich glaube, dass es am wichtigsten ist, vorausschauend zu planen und mit allen betroffenen Parteien zu sprechen – und zwar bevor man anfängt, einen Staudamm in der Größe des Grand-Renaissance-Damms zu bauen und die Lebensgrundlage von so vielen Menschen in den Ländern beeinflusst.

Das Gespräch führte Johanna Greuter.

erschienen in Ausgabe 3 / 2018: Kunst und Politik: Vom Atelier auf die Straße

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