Fünf Jahre Rana Plaza

Sichere Ausbeutung

Textilfabrik in Sabhar, einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Hier stürzte 2013 die Fabrik Rana Plaza ein.
Mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, aber weniger Lohn: Fünf Jahre nach Rana Plaza hat sich in Bangladeschs Textilindustrie einiges bewegt – nicht nur zum Besseren.

Es war der größte Unfall in der jüngeren Geschichte der Textilindustrie: Am 24. April 2013 stürzte in Bangladesch das achtstöckige Hochhaus Rana Plaza ein. Mehr als 1100 Menschen starben in den Trümmern. Der Vorfall lenkte einmal mehr den Blick auf die Missstände in den Fabriken, in denen vor allem europäische und amerikanische Modemarken ihre Produkte fertigen lassen. Nach Rana Plaza machten Gewerkschaften Druck auf Politik und Industrie, und die internationalen Konzerne gelobten, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Was sich seitdem für die Arbeiterinnen in den Fabriken getan hat, haben Forscher des Centers for Global Worker's Right in Pennsylvania in einem Bericht zusammengefasst. Große Fortschritte beobachten sie bei der Gebäudesicherheit – vor allem dank des „Abkommens über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch“ (Accord), das Modefirmen, Hersteller und Gewerkschaften 2013 ins Leben gerufen haben.

Im Rahmen des Abkommens haben unabhängige Ingenieure die beteiligten Fabriken überprüft und über 130.000 einzelne Mängel an Bausubstanz, Feuerschutz und Stromversorgung festgestellt – rund 85 Prozent davon seien von den Betreibern behoben worden. Knapp 100 Fabriken kamen den Anforderungen nicht nach und wurden von Accord ausgeschlossen. Das Abkommen habe die Arbeitsplätze von 2,5 Millionen Menschen in 1600 Fabriken sicherer gemacht und ein weiteres Rana Plaza verhindert, so die Autoren. Zu verdanken sei das vor allem der rechtlich verbindlichen Natur des Abkommen, das Einkäufer und Produzenten in die Pflicht nehme.

Die großen Modefirmen drücken die Preise

Weniger wirksam waren offenbar die Absichtserklärungen der Textilkonzerne, für gerechtere Löhne zu sorgen. Im Gegenteil: Weil der Mindestlohn von rund 52 Euro pro Monat seit 2013 nicht mehr angehoben wurde, die Lebenskosten inflationsbedingt aber gestiegen sind, verdienen die Näherinnen heute weniger als vor fünf Jahren. Der Reallohn sei so um 6,5 Prozent gesunken, heißt es in dem Bericht.

Mitverantwortlich dafür machen die Autoren die Einkaufspolitik der internationalen Konzerne. Sie hätten in den vergangenen Jahren die Preise gedrückt. US-amerikanische Modefirmen zahlen demnach heute 13 Prozent weniger für die Herstellung einer Jeans, europäische Firmen neun Prozent weniger für ein T-Shirt. Zu schaffen machten den Arbeiterinnen auch die schnell wechselnden Modetrends, die in den vergangenen Jahren zu noch kürzeren Lieferzeiten geführt haben. In den Fabriken steigen damit die Arbeitsbelastung und der Druck, Überstunden zu machen. 

Eine Näherin könne von ihrem Lohn noch immer keine Familie ernähren, kritisiert Kalpona Akter vom Bangladesh Center for Worker Solidarity. Auch nicht von den 75 bis 80 Euro im Monat, die viele gelernte Arbeiterinnen nach Überstunden ausbezahlt bekommen. Viele müssten sich deshalb verschulden. Die Aktivistin fordert, den Mindestlohn auf umgerechnet 157 Euro anzuheben. Bei den  einflussreichen Fabrikbesitzern, die eng mit der Politik verbunden seien, stieße das aber auf großen Widerstand, meint Akter.

In den Läden nach der Herkunft der Produkte fragen

Aktivisten wie Akter, die in Bangladesch für höhere Löhne kämpfen, haben noch immer einen schweren Stand. Zwar ist die Zahl der Gewerkschaften seit 2013 deutlich gestiegen, ihr Einfluss aber ist begrenzt. „Auf dem Papier haben wir heute mehr Rechte, aber wenn es darauf ankommt, werden die Leute entlassen, verprügelt oder verhaftet“, kritisiert Akter. „Streiks und Proteste werden einfach kriminalisiert.“

Hoffnungen setzt Akter auf die Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie könnten dazu beitragen, die Bedingungen in den Textilfabriken zu verbessern, indem sie die Modemarken unter Druck setzen. Ihr Wunsch: Die Käuferinnen und Käufer sollten in den Läden nachfragen, woher die Kleidung stammt und ob die Arbeiterinnen dort genug für ein würdevolles Leben verdienen. „Das würde den Unternehmen zeigen, dass es den Leuten nicht nur um billige Klamotten geht.“

Der Bangladesch Accord, der ursprünglich für fünf Jahre ausgelegt war, wird nun bis 2021 verlängert. Das neue Abkommen umfasst zusätzlich die Produktion von Heimtextilien. Die Mitglieder wollen zudem stärker auf die Einhaltung der Gewerkschafts- und Streikrechte pochen – vor allem dann, wenn es um die Sicherheit und Gesundheit der Näherinnen geht.

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