Abfallentsorgung
Der Handel mit Elektroschrott verläuft von Nord nach Süd: Ein Arbeiter in einer Recyclingfabrik in Kenia zerlegt einen ausrangierten Drucker, damit dessen Teile wiederverwertet werden können.  
Abfallentsorgung

Wohin mit dem Müll?

In den USA stapeln sich die Plastikabfälle, weil China sie nicht mehr will. Vietnam und Malaysia springen in die Bresche, doch niemand weiß, was dort damit geschieht. Der Westen muss selbst mehr recyceln – und weniger Müll produzieren.

Der schwunghafte internationale Handel mit giftigen Abfällen floriert. Schon viele Jahre schicken Unternehmen aus dem reichen Norden hochbelasteten Müll in die Länder des globalen Südens oder nach Ostmitteleuropa, wo er zum größten Teil auf Deponien landet. In den 1980er Jahren rückten diese Praktiken verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Fall des Frachters Khian Sea, der mit einer Ladung giftiger Asche aus Philadelphia eine Odyssee auf den Weltmeeren zurücklegte. Aufgrund solcher Vorfälle wurde 1989 das „Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung verabschiedet“, das sich schrittweise auf ein Verbot der Müllablagerung des Nordens im Süden zubewegt.

In jüngerer Zeit hat der Handel mit ausrangierten Haushaltsgeräten, Computern, Serveranlagen, Mobiltelefonen und dergleichen Schlagzeilen gemacht. Dieser Elektroschrott enthält viele wertvolle und wiederverwertbare Metalle wie Gold, Kupfer, Lithium und seltene Erden. Er ist aber auch mit für Mensch und Umwelt schädlichen Substanzen wie Blei und Quecksilber belastet sowie mit Kunststoffen, die bei nicht fachgerechter Entsorgung ebenfalls voller Gefahren stecken. Auch der Handel mit diesen Altgeräten fließt von Nord nach Süd und umfasst laut Schätzungen bis zu einem Viertel des weltweiten Aufkommens an Elektromüll. Diese Abfälle werden in den weniger industrialisierten Ländern auf großen Werkhöfen unter gefährlichen Arbeitsbedingungen und zu Hungerlöhnen zerlegt. Der Handel ist kaum reguliert: Elek­troschrott wird häufig als Spende oder als Recyclinggut deklariert, so dass er nach dem Basler Übereinkommen nicht als Müll gilt.

Müllhandel in der Krise

Im vergangenen Jahr geriet der internationale Müllhandel in eine Krise. China, der weltgrößte Importeur und Wiederverwerter von Altmetall, Kunststoff und Papier, erklärte der Welthandelsorganisation WTO, es wolle künftig die Einfuhr von 24 Arten von Altstoffen stark einschränken. Zu dem abgelehnten „ausländischen Müll“ zählen vor allem Kunststoffe und Papier. Mit den Bestimmungen, die am 1. März 2018 in Kraft traten, verringert Peking die erlaubten Verunreinigungsraten – also das Ausmaß, in dem die Altstoffe mit Dreck und Lebensmittelresten belastet sein dürfen.

Millionen Tonnen Plastikmüll verschmutzen die Meere. In der Bucht vor der philippinischen Hauptstadt Manila versuchen Umweltaktivisten, zumindest einen kleinen Teil davon zu entfernen. Jay Directo/AFP/Getty Images

Bis zu diesem Zeitpunkt war kaum bekannt, dass China mit seinem gewaltigen Wirtschafts- und Produktionswachstum der weltgrößte Importeur von Altstoffen geworden war. Die Volksrepublik führte Massen hochwertiger Metalle wie Aluminium und Kupfer, aber auch minderwertiges Altpapier und Kunststoffe ein. Bis zur Hälfte der Kunststoffabfälle, die die Menschen in Europa, Australien und den USA in ihre Mülltonnen werfen, landen in China. Deutschland war 2016 der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll in die Volksrepublik (und viertgrößter Exporteur insgesamt), hinter den USA und Japan. Diese Erkenntnis überraschte Verbraucher wie Behörden gleichermaßen.

Ökonomisch gesehen ist dieser Handel durchaus sinnvoll. Die Frachtkosten sind niedrig, die Schiffe, die Waren aus China in die westlichen Länder transportieren, werden für den Heimweg mit Altstoffen beladen, was man im Fachjargon „Rückbefrachtung“ nennt. Die boomenden Produktionsstandorte Chinas liegen in der Nähe großer Häfen und haben einen gewaltigen Bedarf an Kunststoffen, die im eigenen Land nicht produziert werden. Daher sind sie bereit, gute Preise für qualitativ hochwertigen Müll zu zahlen, den sie recyceln können. Für die Müllentsorger in den USA ist der Verkauf des Abfalls an Zwischenhändler, die ihn nach China verschiffen, billiger als das Recycling im eigenen Land.

Die Recyclingindustrie in den USA nahm Pekings Ankündigung mit Schrecken zur Kenntnis. Zwar hatte China schon seit einigen Jahren mit einschneidenden Maßnahmen gedroht und 2013 seine Importbestimmungen verschärft, doch die überraschend und sehr kurzfristig angekündigte Maßnahme traf sie völlig unvorbereitet. Das amerikanische Institute of Scrap Recycling Industries (ISRI) und das Bureau of International Recycling warnten sogleich vor dem drohenden Verlust von Arbeitsplätzen und der Schließung vieler Müllsortieranlagen in den USA. Sie prophezeiten, dass nun mehr Müll auf Deponien landen würde. In der Welt der Abfallentsorgung sah man das „Ende des Recyclings, wie wir es kennen“ heraufziehen.

Plastikmüll ist besonders problematisch

Diese Sorgen sind nicht unbegründet. Die globalen Recyclingmärkte sind ziemlich störanfällig, und die industrialisierten Länder haben jahrelang zu wenig in ihre Recyclinginfrastruktur investiert. Plastikmüll ist besonders problematisch. Er ist wenig wert und schwer wiederzuverwerten. Die Qualität von Kunststoffen verschlechtert sich mit jedem Recyclingzyklus, Metalle hingegen können wieder und wieder verwendet werden, jahrzehntelang. Viele Kunststoffprodukte wie Trinkhalme, Getränkeflaschen und Plastiktüten sind Einwegprodukte.

In einer Augsburger Firma kontrolliert ein Arbeiter das Recycling von Altpapier. Künftig müssen Europa und die USA noch mehr Altstoffe selbst verwerten. Stefan Puchner/picture alliance/dpa

Als Mitglieder der globalen Gemeinschaft müssen wir die Menge des Plastiks verringern, das wir produzieren und wegwerfen. Die Verwendung von Tüten und Trinkhalmen wird inzwischen in vielen Ländern gesetzlich eingeschränkt. Langfristig wäre die Massenproduktion von biologisch abbaubaren Kunststoffen eine Lösung, sie wird sich allerdings nicht kurzfristig realisieren lassen.

Plastik zersetzt sich zudem sehr langsam, und die riesige Menge an Kunststoff, die in die Ozeane und die Umwelt gelangt, ist ein großes Problem. Der gewaltige pazifische Müllstrudel soll inzwischen die dreifache Größe von Frankreich erreicht haben. Dieser Plastikmüll schädigt die Ökosysteme der Meere und landet im Verdauungssystem von Vögeln, Fischen und anderen Meerestieren. Nanopartikel aus Kunststoff können sogar von Phytoplankton absorbiert werden, der Basis der gesamten Nahrungskette des Meeres. Selbst im Trinkwasser finden sich inzwischen Plastikpartikel.

Bezahlen mit Plastikmüll

Acht Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen schätzungsweise jährlich in die Ozeane – zusätzlich zu den rund 150 Millionen Tonnen, die bereits dort liegen. Die Kanadier David Katz und Shaun Frankson wollen das ändern und…

An Land gibt es nur wenige sichere Möglichkeiten, der Plastikplage Herr zu werden. Die Verbrennung ist besonders problematisch. Chinesische Unternehmen recyceln Kunststoffe zwar zu einem höheren Prozentsatz als westliche Firmen. Doch der Verunreinigungsgrad mancher Lieferungen – weil Joghurtbecher und Lebensmittelverpackungen nicht ausgewaschen worden sind – zwingt dazu, sie auf die Deponie zu bringen oder zu verbrennen. Auch die Vermischung mit minderwertigem Kunststoff erschwert das Recycling. Und ein Teil dieser Kunststoffe landet auf inoffiziellen Recyclinghöfen in chinesischen Städten.

Der bekannte Filmemacher Wang Jiu-Liang behandelt dieses Müllproblem in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm „Plastic China“. Im Mittelpunkt steht ein elfjähriges Mädchen, das nicht zur Schule geht, sondern mit seiner Familie auf dem Gelände eines Recyclingbetriebs für Plastik lebt und arbeitet. In den Plastikbergen erkennt man viele Marken, die in Europa und Nordamerika verkauft werden. Der Film verbreitete sich in China viral über das Internet, was die chinesischen Behörden rasch unterbanden. Es wird jedoch vermutet, dass der Film, den auch hochrangige Mitglieder des chinesischen Politbüros gesehen haben, eine Rolle gespielt hat bei ihrer Entscheidung, die Müllimporte zu reduzieren.

Arbeiterinnen im vietnamesischen Quan Do sortieren ausrangierte Kabel. Der Ort ist bei den Einheimischen dafür bekannt, dass hier recyceltes Material aus einer Vielzahl von Quellen erhältlich ist. Nguyen Huy Kam/Reuters

Chinas Vorgehen ist verständlich – und wohl auch sinnvoll. Die chinesische Führung macht sich ernsthaft Sorgen um die Umwelt und möchte nicht, dass ihr Land als „Müllkippe der Welt“ angesehen wird. Peking arbeitet daran, Chinas informellen Recyclingsektor durch saubere „Öko-Industrieparks“ auf dem neuesten Stand der Technik zu ersetzen. China begnügt sich nicht damit, die größte Wirtschaftsmacht der Welt zu sein, das Land strebt eine internationale Führungsrolle an. Dies zeigt sich auch darin, wie China bei den internationalen Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels vorangeht.

Die Folgen der chinesischen Entscheidung sind bis in die Haushalte der USA, Australiens und Teilen Europas spürbar. An der Westküste der USA stapeln sich die Papier- und Plastikballen turmhoch. Schon wurden in einigen Gemeinden die Gebühren für die Müllabfuhr erhöht, andere begrenzten die Abholmengen. Mehr Plastik und Papier landet auf Deponien. Und da täglich neuer Müll hinzukommt, wird sich daran so schnell nichts ändern.

Kunststoffabfälle ins Meer gekippt?

Der Plastikmüll wird nun in andere Häfen umgelenkt, viele davon in Südostasien. So ist der Import von Kunststoffabfällen in Vietnam und Malaysia sprunghaft gestiegen. Es ist unklar, was dort mit ihnen geschieht, da diese Länder weder eine nennenswerte Nachfrage nach solchen Kunststoffen noch die entsprechenden Recyclinganlagen haben. Schon hört man von Schiffen, die irgendwo leer anlegen, nachdem sie ihre Müllfracht offensichtlich ins Meer gekippt haben. Das ist nicht überraschend angesichts der hohen Kosten, die es verursacht, den Müll in die Ursprungsländer zurückzubringen.

Was wird getan, um dieser Krise langfristig Herr zu werden? Recyclingunternehmen in den USA setzen teilweise darauf, die Konsumenten zu erziehen. Sie wollen ihnen beibringen, dass sie ihren Recyclingmüll säubern müssen und nicht so vieles in die Recyclingtonnen werfen sollen, dessen Wiederverwertung vielleicht wünschenswert, aber nicht machbar ist. Lebensmittelverpackungen zu säubern und Klebematerialien von Kartons zu entfernen, ist sicher sinnvoll. Doch auf die Dauer hilft nur der Aufbau einer besseren Recyclinginfrastruktur.

In ihrem jährlich ausgestellten „Infrastrukturzeugnis“ bemängelt die American Society of Civil Engineers, dass es der Abfallwirtschaft in den USA an Innovationen mangelt und sie zu wenig tut, um die Recyclingrate zu verbessern. Dafür benötigt man jedoch Geld, und woher das kommen soll, ist unklar. Kalifornien und der australische Bundesstaat New South Wales haben angekündigt, mehr Mittel bereitzustellen. Private Investoren und Stiftungen wie der Closed Loop Fund, der Forschungsarbeit und Initiativen auf dem Gebiet der  Kreislaufwirtschaft unterstützt, wollen ebenfalls einspringen. Auch ist die Rede davon, dass chinesische Unternehmen nun direkt in Sortier- und Recyclingbetriebe der USA investieren wollen. Die amerikanische Regierung scheint sich derzeit nicht engagieren zu wollen, obwohl die amerikanische Umweltschutzbehörde die Entwicklung im Auge behält.

Auch in China sind einige Beteiligte – insbesondere lokale Behörden und die Müllimporteure – mit der Entscheidung ihrer Regierung nicht glücklich, doch sie werden daran nichts ändern können. Der jüngst ausgebrochene Handelskrieg mit den USA, in dem die Amerikaner Importe aus China mit zusätzlichen Zöllen belegen, könnte die Situation noch verschärfen. Anders als man vielleicht erwartet, ist die Reduzierung der Müllimporte nicht unbedingt ein Segen für die chinesische Umwelt.

Der im Inland anfallende Abfall ist meist von bedeutend geringerer Qualität als der verschmähte „ausländische Müll“ und belastet die Umwelt wahrscheinlich noch mehr. Müllschmuggel könnte ebenfalls zum Problem werden.Derzeit sind Bemühungen im Gange, klarere weltweit gültige Definitionen zu finden, um gut recycelbare Abfälle, wie sie bei der Produktion anfallen, von problematischerem Müll zu unterscheiden. Das ISRI, das als Verband Recyclingunternehmen in den USA und 34 anderen Ländern vertritt, hat sich dafür bereits an die WTO gewandt. Möglicherweise lässt sich in globalen Handelsforen eine Lösung finden. Allerdings kann man nicht auf internationale Umweltabkommen zurückgreifen. Das Basler Übereinkommen betrifft nur Müll, der als gefährlich eingestuft ist. Es gibt Initiativen, ein internationales Recht zu schaffen und Verträge abzuschließen, um die Menge der Abfälle zu begrenzen, die in die Meere gelangt. In ihrem Rahmen könnte auch das Problem der Unterscheidung von Müllarten angegangen werden.

Effektives Recycling ist keine Frage von Werten (Recycling als gesellschaftliche Norm) und Technik (der Möglichkeit, eine Vielzahl von Materialien wiederzuverwerten). Entscheidend sind Märkte, Käufer und Nutzer der entstehenden Sekundärmaterialien. Da die Produktionsstätten über die ganze Welt verstreut sind, ist ein gewisses Maß an Müllhandel wohl nicht zu vermeiden. Zu den Vorschlägen des ISRI und anderer gehört es daher, den Abfallhandel zu zertifizieren, so dass bestimmte Standards eingehalten werden.

Autorin

Kate O’Neill

lehrt als Professorin an der Fakultät für Umweltwissenschaft, Politik und Management der Universität von Berkeley, Kalifornien. Sie hat mehrere Bücher zu Abfallmanagement und Müllhandel verfasst.
Es ist jedoch schwer, in den Ländern, die diesen Müll importieren, vernünftige Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutzmaßnahmen durchzusetzen. Das hat sich auch schon in anderen Bereichen des Müllhandels gezeigt. So geht trotz aller Verbotsforderungen der Handel mit Elektroschrott munter weiter – allenfalls mit dem Unterschied, dass er nicht mehr allein in Nord-Süd-Richtung läuft, sondern die Länder des Südens ihren Elektroschrott nun auch untereinander herumschicken. Innovative Lösungen tun not. Diese können am Ende des Lebenszyklus der Produkte angesiedelt sein, müssen aber auch schon in ihr Design einfließen: weniger Plastik verwenden oder die Geräte so bauen, dass sie länger halten und leichter repariert werden können. In Europa und den USA gibt es bereits solche Bestrebungen.

In der Zwischenzeit ist es wichtig, alles zu tun, was möglich ist. Die privaten Haushalte sollten das Recyceln nicht aufgeben, sondern gewissenhaft nutzen, und die entwickelten Länder müssen die Qualität und die Kapazität ihrer Recyclingbetriebe verbessern. Pekings Müllblockade könnte der Anstoß sein, zu begreifen, was eine grüne Ökonomie bedeutet, und der Anfang der Entwicklung einer globalen Kreislaufwirtschaft sein. Es wird viel politischer Wille nötig sein, dies in naher Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 5 / 2018: Müllberge als Goldgruben

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