Textilbündnis
Schuften für 120 Dollar Mindestlohn: Arbeiter in der Textilfabrik Kaung Aunt Garment Manufacturing Co. in Rangun, Myanmar.
Textilbündnis

Der Geduldsfaden reißt

Nach vier Jahren Verhandlungen mit der deutschen Textilwirtschaft über bessere Arbeitsbedingungen in Asien zeigt sich auch die Bundesregierung frustriert. Entwicklungsminister Gerd Müller vermisst in dem von ihm gegründeten Textilbündnis „qualitative Sprünge aufseiten der Wirtschaft“. In einer Rede im November drohte er erstmals, „nicht mehr weiterzumachen“.

Müller warf der Textilwirtschaft und ihrer hervorragend organisierten Lobby Widerstand vor. Die Richtung stimme nicht. Am Anfang der Lieferketten in den Betrieben müssten existenzsichernde Löhne gezahlt und die Umwelt weniger belastet werden, betonte Müller. „Wenn Freiwilligkeit nicht funktioniert, brauchen wir gesetzliche Regelungen.“ Im Textilbündnis verfolgen rund 100 Unternehmen sowie Politik, Zivilgesellschaft und Siegelorganisationen das Ziel, die gesamte Lieferkette fair und umweltschonend zu gestalten, etwa durch bessere Arbeitsbedingungen und das Verbot bestimmter giftiger Chemikalien.

Der Einzelhandelsverband HDE hingegen lobt die Beiträge der Wirtschaft. Der bisherige Erfolg sei nicht hoch genug einzuschätzen, betonte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in einer Pressemitteilung. In diesem Jahr hätten Bündnismitglieder 116 Maßnahmenpläne mit 1300 Verbesserungen veröffentlicht. Damit öffneten sie sich kritischen Nachfragen und Kontrollen.

Ein derartiges Engagement gebe es aber nicht zum Nulltarif, so Genth. Solange nur knapp die Hälfte des deutschen Textilumsatzes vertreten ist, befürchtet der Verband Nachteile im hart umkämpften nationalen und internationalen Wettbewerb. Glaubt man den Nachhaltigkeitsbeauftragten großer Konzerne, dann ist die Bereitschaft, höhere Kosten zu tragen, aber durchaus gegeben. „Wir müssen sehen, wie wir das System verändern können“, sagt Nanda Bergstein von Tchibo zum globalen Preisdruck. „Das geht nur branchenweit.“

Branchenweite Tarife in Kambodscha

Nun soll ein Versuch auf der Ebene der Herstellerländer Fortschritte bringen: Mittels branchenweiter Tarife sollen die Löhne bei allen Herstellern angeglichen werden, zunächst im Pilotland Kambodscha. Dort bemühen sich 20 internationale Modekonzerne, Fabrikbesitzer und Gewerkschaften, Verhandlungen auf die Beine zu stellen. Die Regierung soll sich heraushalten. Klappt der Versuch, sollen andere Herstellerländer wie Bangladesch und Myanmar folgen.

In der Initiative ACT on Living Wages, die Marken wie C&A, H&M, Tchibo und Zara und die Billigkette Primark auf Betreiben der globalen Gewerkschaftsföderation Industriall gegründet haben, wollen die Konzerne ihre Einkaufsmacht in die Waagschale werfen. In Kambodscha hängt die Auslastung jeder dritten Fabrik von ihnen ab. Ein deutscher Discounter sagt, auch er würde die Allianz unterstützen, wenn alle im Textilbündnis dies tun.

Auch die am Bündnis beteiligte Zivilgesellschaft stellt die Verankerung existenzsichernder Löhne als Menschenrecht ins Zentrum. Von einer Nagelprobe für das Bündnis spricht Berndt Hinzmann vom Netzwerk Inkota. Und Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut sagt, die Partnerschaft werde sich daran messen müssen, ob sich 2019 bei den Einkaufspreisen etwas verbessere.

Gewerkschaften stehen unter Druck

Am schlechtesten würden die 4,2 Millionen Textilarbeiterinnen in Bangladesch bezahlt, sagt Amirul Haque Amin von der National Garments Workers Federation. Seine Gewerkschaft fordere mit umgerechnet 160 Dollar Monatslohn das Doppelte des ab Dezember geltenden Mindestlohns. Auch in Myanmar müsse das Minimum von 120 Dollar verdoppelt werden, forderte die Gewerkschafterin Khain Zar Aung bei einem Symposium von Arbeitervertretern aus sieben Ländern in Berlin. Zu dem Treffen waren auch Bündnisunternehmen eingeladen: Drei von ihnen kamen.

Die Gewerkschaften stehen nicht nur in Kambodscha unter Druck. Gesetze werden verschärft, die Versammlungsfreiheit eingeschränkt, Mitarbeiter, die sich organisieren, häufig ohne Klagerecht entlassen. In Kambodscha seien vier von fünf der Arbeiterinnen verschuldet, hieß es. In Indonesien umgehen Arbeitgeber mit Kurzzeitverträgen den Mindestlohn, berichtet Dina Septi Utami. In der Region gebe es einerseits viele schwache und wenig progressive, andererseits starke regierungsnahe Gewerkschaften, die an existenzsichernden Löhnen kein Interesse hätten. Anannya Bhattacharjee von der Asia Floor Wage Allicance aus Indien sagte, niedrige Erzeugerpreise und schwache Arbeiter seien Teil der Logik der globalen Textilindustrie. Es werde Generationen dauern, diese zu durchbrechen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2018: Mehr als Reis und Weizen

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