Kirchen
Kirchen können Menschen mobilisieren – auch für Forderungen nach einer nachhaltigen Landwirtschaft wie hier in Berlin Anfang 2018.
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Potenzial noch nicht ausgeschöpft

Almosen reichen nicht: Seit langem wollen Kirchen auch gegen Strukturen angehen, die arme Länder benachtei­ligen. Wie gut Deutschlands Protestanten dem Anspruch gerecht werden – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Normalerweise ist es einfach, über den runden Geburtstag einer Institution zu berichten: ein bisschen Rückblick in die Geschichte, ein bisschen Schulterklopfen und dann noch ein paar Auszüge aus den Festreden prominenter Gäste. Beim Kirchlichen Entwicklungsdienst, der im Oktober sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat, ist das nicht so leicht. Es  stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich der Jubilar? Der KED ist keine Organisation mit Satzung, Sitz und Homepage. Er ist auch mehr als die Summe derjenigen, die in den Landeskirchen, bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und bei Brot für die Welt für Entwicklung zuständig sind. Am wenigsten kann man ihn auf das Geld reduzieren, das die Landeskirchen für entwicklungspolitische Projekte zur Verfügung stellen.

Hinter dem Kürzel KED steht vielmehr der Anspruch, eine Gemeinschaftsaufgabe zu sein. Alle Ebenen der Kirche – vom Gläubigen in der Gemeinde über die Landeskirchen bis hin zu den Leitungsgremien in Deutschland – sind aufgefordert, daran mitzuwirken. So jedenfalls hatten es die Gründerväter und -mütter des KED vor 50 Jahren gedacht. Damals fassten sie auf der EKD-Synode in Berlin-Spandau auch den Beschluss, dass alle Kirchen in der EKD zwei bis fünf Prozent ihrer Haushaltsmittel für entwicklungspolitische Aufgaben zur Verfügung stellen sollten.

Dieser bemerkenswerten Selbstverpflichtung war ein Impulsreferat des Theologen Helmut Gollwitzer vorausgegangen. Unter dem Titel „Die Weltverantwortung der Kirche in einem revolutionären Zeitalter“ hatte er deutlich gemacht, dass es für die Kirche nicht ausreichen kann, gegen den Hunger in der Welt nur Almosen zu geben. Gollwitzer hatte selbst zehn Jahre zuvor, 1958, die Spendenaktion Brot für die Welt mit auf den Weg gebracht. Jetzt beharrte er darauf, dass die Kirche auch gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten kämpfen müsse, die zu Hunger und Armut führen. Dafür müsse sie über Spenden hinaus institutionelle Verantwortung übernehmen. „Das Evangelium lässt uns keine Wahl“, sagte Gollwitzer damals. „Die Kirche muss zur Pressure-Group in Entwicklungsfragen werden.“

Entwicklungspolitisches Bewusstsein schärfen

Gollwitzer traf damals einen Nerv. Bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Uppsala wenige Monate zuvor waren ähnliche Töne angeschlagen worden. Die Umbrüche der 1968er Jahre hatten weite Teile der Gesellschaft für die großen Zusammenhänge sensibilisiert. In den deutschen Kirchen war der Wunsch greifbar, zum entwicklungspolitischen Akteur zu werden. Einmütig fassten sie in Berlin-Spandau den Beschluss, einen gemeinsamen, aus Kirchensteuermitteln finanzierten kirchlichen Entwicklungsdienst zu schaffen. Neben klassischen Entwicklungsprojekten in Afrika, Asien oder Lateinamerika sollte mit den KED-Geldern vor allem das entwicklungspolitische Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung geschärft werden. Denn um strukturelle Ungerechtigkeiten zu beseitigen, braucht es politischen Willen. Und den wiederum kann nur eine informierte und aktive Öffentlichkeit beeinflussen – eine „Pressure-Group“ eben.

Die anvisierten fünf Prozent der Haushaltsmittel für den KED wurden nie erreicht und bis vor zehn Jahren waren die KED-Beiträge nur eine freiwillige Abgabe, an die die Landessynoden in finanzschwachen Zeiten gern den Rotstift anlegten. Deswegen beschlossen die Landeskirchen 2010, den KED im sogenannten Umlageverfahren zu finanzieren. Seither fließen regelmäßig 1,5 Prozent des Haushalts der Landeskirchen in den KED-Fonds, der für die Arbeit von Brot für die Welt zur Verfügung steht. Mehr als 50 Millionen Euro kommen so jährlich zusammen.

Bei dieser Summe können die katholischen Geschwister nur neidisch aufseufzen. In den Katholischen Fonds, der seit 1998 ebenfalls die entwicklungspolitische Bewusstseinsförderung in Deutschland unterstützt, zahlen die fünf Hilfswerke Adveniat, Caritas International, Misereor, Missio und Renovabis jeweils pro Jahr 100.000 Euro der ihnen zur Verfügung gestellten Kirchensteuermittel ein. Das ergibt gerade ein Prozent der Gesamtsumme des KED. Allerdings sind der KED und der Katholische Fonds nicht direkt vergleichbar: Aus dem KED werden, anders als aus dem Fonds, Programme im Ausland mitfinanziert. Und in der katholischen Kirche findet unabhängig vom Katholischen Fonds in den fünf Hilfswerken und in den einzelnen Diözesen sehr viel entwicklungspolitisches Engagement statt.

Pressure-Group in Entwicklungsfragen?

Doch auch der KED ist nicht nur das, was mit seinen 50 Millionen Euro jährlich gemacht wird. Unter KED kann alles subsumiert werden, was im evangelischen Bereich entwicklungspolitisch passiert. Und das ist viel – sei es ehrenamtlich auf Gemeindeebene oder hauptamtlich in den Landeskirchen, in der EKD und bei Brot für die Welt.

Autorin

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.
Ist also Kirche tatsächlich zur „Pressure-Group in Entwicklungsfragen“ geworden? Jürgen Dunst ist seit 25 Jahren in der Pfälzischen Landeskirche für Entwicklungspolitik zuständig und vertritt seit zwölf Jahren als KED-Beauftragter seine Kirche auf EKD-Ebene. Er beantwortet die Frage schnell und klar mit Nein. „Sie ist es weniger denn je“, findet er. „Um wirklich eine Pressure-Group zu sein, müssten die Kirchen Entwicklungspolitik zu einem ihrer Hauptthemen machen mit den entsprechenden Mittelzuweisungen und Stellendotierungen.“ Auch sei früher in den Landessynoden mehr für den KED gekämpft worden. „Man musste begründen und überzeugen, warum die Kirche Gelder für Entwicklungspolitik zur Verfügung stellen soll, und das vielleicht auf Kosten von Projekten vor der eigenen Haustür. Einige Synodale waren da richtig gut“, erinnert sich Dunst. Natürlich bringe das Umlageverfahren eine gewisse Finanzsicherheit für den KED. Die engagierten Diskussionen in den Landessynoden fehlten heute aber. Auch das sei schließlich Bewusstseinsbildung gewesen.

Ähnlich sieht es Ruth Gütter, die bei der EKD von 2007 bis 2012 Referentin für Entwicklungspolitik war und heute Referentin für Nachhaltigkeit ist. Sie findet, dass die Kirche schon einmal besser in Sachen Entwicklungspolitik aufgestellt war. Zwar habe die EKD in den vergangenen zehn Jahren eine Reihe von klugen Papieren und Analysen zur nachhaltigen Entwicklung veröffentlicht. „Wir können aber nicht behaupten, dass wir damit zur Avantgarde der gesellschaftlichen Diskussion geworden sind, von einer Vorreiterrolle in unserer nachhaltigen Praxis ganz zu schweigen“, sagt Gütter. „Manche Landeskirchen denken darüber nach, ob es noch den Umwelt- oder den KED-Beauftragten braucht oder ob diese Aufgaben nicht an andere Stellen gekoppelt werden können. Das hängt ganz klar mit Verteilungskämpfen innerhalb der einzelnen Kirchen zusammen. In den Synoden sitzen einfach mehr Leute, die sich mit Kindergärten auskennen und deren Bedeutung für kirchliches Wirken in die Gesellschaft zu schätzen wissen, als Leute, die deutlich machen können, warum es zum Wesen der Kirche gehört, dass sie sich entwicklungspolitisch einsetzt“, sagt Gütter.

Doch nicht nur die Finanzen haben Einfluss darauf, wie dynamisch sich der KED gestaltet. Auch strukturelle Veränderungen im Raum der evangelischen Kirche hatten immer wieder Einfluss auf diese Gemeinschaftsaufgabe. Zuletzt wurden 2012 Brot für die Welt und der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) mit dem Diakonischen Werk fusioniert zum Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE). Das neue große Werk wird von den Landes- und Freikirchen sowie den Landes- und Fachverbänden der Diakonie gemeinsam getragen. Einerseits bietet diese Bündelung die Chance, auf nationaler und internationaler Ebene noch stärker Einfluss auf entwicklungspolitische Debatten zu nehmen. Und so sieht Klaus Seitz, Leiter der Abteilung Politik von Brot für die Welt, anders als Dunst und Gütter den Aufruf Gollwitzers, die Kirche solle zur Pressure-Group werden, als erfüllt an.

Zusammenspiel auf regionaler Eben verbessern

Doch andererseits ist die Sorge zu hören, dass die Landeskirchen mit ihrer jährlichen Einzahlung in den KED-Fonds ihr entwicklungspolitisches Engagement immer mehr an die Profis in Berlin delegieren und dabei vergessen, dass Bildungsarbeit und Bewusstseinsbildung an der Basis stattfinden müssen. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass neben den Landeskirchen die Landes- und Fachverbände der Diakonie gleichberechtigt in der Mitgliederversammlung des EWDE sitzen. Für diese ist Entwicklungspolitik naturgemäß nur ein Thema unter vielen.

Das Zusammenspiel von Brot für die Welt, den Landeskirchen und den Netzwerken auf regionaler Ebene könne noch verbessert werden, sagt Seitz. Darauf lege Brot für die Welt großen Wert: „Wir schöpfen das Mobilisierungspotenzial, das die Gemeinden bieten, nicht hinreichend aus. Das machen NGOs wie der BUND oder Greenpeace manches Mal besser als wir.“ Gleichzeitig bestehe aber bei Brot für die Welt eine große Offenheit, Impulse aufzunehmen, die aus den Regionen kommen. „Unsere Sensoren für Prozesse in den Landeskirchen müssen gerade auch in der entwicklungspolitischen Arbeit weiter geschärft werden“, stellt Seitz selbstkritisch fest.

Das sieht Wilfried Steen ähnlich, der viele Jahre beim EED im Vorstand saß und Geschäftsführer des KED bei der EKD war. Seit 2009 ist er im Ruhestand und engagiert sich nun quasi am anderen Ende der Kette. Er kennt die Perspektive der ehrenamtlichen Basis: „Die Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Brot für die Welt und den Gemeinden könnten noch viel stärker genutzt werden“, findet er. In den Kirchengemeinden gebe es eine Fülle von interessierten und aufgeschlossenen Menschen, die sich gerne engagieren wollen und neue Ideen haben. „Großorganisationen sind wie Tanker. Die brauchen oft lange, bis sie einmal eine neue Richtung einschlagen. Ehrenamtliche Gruppen und Initiativen dagegen können wie Lotsenboote sein. Sie sind viel wendiger“, sagt Steen. Die Vernetzung mit der Basis sei eine gute Möglichkeit, um der Gefahr der Bürokratisierung, die überall in der Entwicklungspolitik festzustellen sei, zu entgehen.

Mit diesem Ansinnen rennt Steen bei Brot für die Welt offene Türen ein. „Das Lebenselixier von Brot für die Welt ist diese breite Aufstellung in den Gemeinden“, sagt Seitz. „Diese Bodenhaftung hebt uns von anderen nichtkirchlichen Entwicklungsorganisationen ab.“ Das sei ein Grund dafür, dass Brot für die Welt nun eine eigene Bildungsabteilung aufbaue, die im Laufe des nächsten Jahres ihre Arbeit aufnehmen werde. Sie solle insbesondere auch auf Bedarf in den Regionen reagieren, inhaltliche und finanzielle Unterstützung bereitstellen und zur Gewissensschärfung und Bewusstseinsbildung in der breiten Öffentlichkeit beitragen, sagt Seitz.  
Vielleicht tritt dann beim nächsten Jubiläum in zehn Jahren der KED wieder selbstbewusster und dynamischer auf. Denn eines klang bei der jüngsten Feier immer wieder durch: Der kirchliche Entwicklungsdienst ist heute wichtiger denn je. „Wir brauchen ihn, um uns als Kirchen in Deutschland auch in Zukunft die Weite des globalen und ökumenischen Horizontes zu erhalten und uns angesichts der Zunahme von nationalistischem Denken vor der Selbstprovinzialisierung zu schützen“, formulierte es Ruth Gütter in ihrem Grußwort.

erschienen in Ausgabe 12 / 2018: Mehr als Reis und Weizen

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