ÖRK-Programm
Eine ökumenische Begleitperson unterwegs mit einen Hirten im Jordantal, Oktober 2018.
ÖRK-Programm

Trainingslager für Israelkritiker?

Die israelische Organisation NGO Monitor übt scharfe Kritik am Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Dessen EAPPI-Programm befördere antiisraelische Propaganda und Judenhass. Der ÖRK reagiert mit einem offenen Brief. Vor Ort sorgt man sich um die Freiwilligen.

Über das Ökumenische Begleitprogramm für Palästina und Israel (EAPPI) sind in den vergangenen 15 Jahren rund 1800 Freiwillige aus aller Welt nach Israel und in die besetzten Gebiete entsendet worden. Ihre Aufgabe ist es, Menschen in ihrem Alltag zu begleiten, etwa palästinensische Kinder in Hebron auf ihrem Weg zur Schule, auf dem sie an Besatzungssoldaten vorbeimüssen. Andere begleiten palästinensische Schäfer, deren Tiere in der Nähe illegaler Siedlungen weiden. Wieder andere beobachten das Geschehen an den israelischen Checkpoints.

Den israelischen Behörden ist EAPPI schon länger ein Dorn im Auge. So wurde der beigeordneten Generalsekretärin des Weltkirchenrats, Isabel Apawo Phiri, mit Verweis auf die vermeintlich antiisraelische Haltung des ÖRK im Dezember 2016 die Einreise nach Israel verweigert. Nun hat die israelische Organisation NGO Monitor Mitte Januar eine 18-seitige Studie vorgelegt, die zu dem Schluss kommt, dass der ÖRK mit EAPPI zu Antisemitismus und Israelfeindlichkeit beiträgt. Begründet wird diese These mit Zitaten von ehemaligen Freiwilligen. So sollen Südafrikaner die Situation in Palästina als Apartheid bezeichnet haben. In Kanada soll ein ökumenischer Begleiter den Einwurf eines Zuhörers, die Israelis würden mit den Palästinensern umgehen wie einst die Nazis mit den Juden, nicht deutlich genug zurückgewiesen haben. Als weiteren Beleg verweist NGO Monitor auf den Facebook-Post eines Ehemaligen, der einen blutenden Davidstern zeigt, unter dem tote Kinder liegen.

Die Organisation kommt zu dem Schluss, dass der ÖRK mit EAPPI ein „Trainingslager für antiisraelische Propaganda“ unterhalte. Der ÖRK und alle nationalen EAPPI-Koordinatoren (in Deutschland ist dies unter anderem Brot für die Welt) wollten Israel delegitimieren. Zudem hätten sich ÖRK-Vertreter mehrfach antisemitisch geäußert.

Der Weltkirchenrat weist in einem offenen Brief alle Vorwürfe zurück. Antisemitismus sei eine „Sünde gegen Gott und die Menschheit“. Der ÖRK habe schon immer und in verschiedenen Kontexten „ungerechte Politik, Praktiken, Gewalt sowie die Verletzung der menschlichen Würde und der Menschenrechte kritisiert“. Der ÖRK unterstütze keine Boykottaufrufe oder wirtschaftliche Sanktionen gegen Israel insgesamt, sondern nur gegen israelische Waren, die in den besetzten Gebieten produziert würden. EAPPI sei auf die dringende Bitte der Kirchen in der Region entstanden, um den Problemen etwas entgegenzusetzen, „die leider spezifisch für diese Region sind“.

Probleme bei der Einreise befürchtet

Vor Ort bangt man nun um die Zukunft des Programms. „Wir fürchten, dass die Freiwilligen künftig Probleme bei der Einreise bekommen“, sagt Ibrahim Azar, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Wenn Israel entscheide, die Freiwilligen nicht mehr ins Land zu lassen, könnten die Kirchen nicht viel dagegen tun. Dabei sei EAPPI sehr wichtig für die Menschen in Israel und den besetzten Gebieten und erfahre viel Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen in Israel.

Vielleicht müsse EAPPI aber neu ausgerichtet werden, gibt Azar zu bedenken. Von den lokalen Kirchen, die vor 15 Jahren zusammen mit dem ÖRK das Programm aus der Taufe gehoben hatten, stünden einige nicht mehr voll dahinter. Das liege unter anderem daran, dass einige der damaligen Bischöfe und Patriarchen heute im Ruhestand sind. Azar plädiert deswegen dafür, dass alle lokalen Kirchenführer zusammenkommen und gemeinsam mit dem Weltkirchenrat für EAPPI neue Ziele definieren.

Einseitiger Einblick in das Leben in Israel

Uwe Gräbe, der lange in Israel gelebt hat und heute Nahostverbindungsreferent der Evangelischen Mission in Solidarität ist, die in den zurückliegenden Jahren mehrfach Freiwillige in das EAPPI-Programm entsandt hat, wirft den Machern der Studie mangelnde Neutralität vor. NGO Monitor beleuchte ausschließlich Organisationen die gemeinhin als „pro-palästinensisch“ wahrgenommen werden, aber keine der zahlreichen „pro-israelischen“ Organisationen. Gräbe sagt, ein Programm wie EAPPI bräuchte es gar nicht, wenn der Staat Israel seine rechtsstaatlichen Mittel konsequent auch im Westjordanland einsetzen würde, etwa gegen Gewalt von Siedlern. „Leider geschieht dies nicht. Daher ist die Präsenz internationaler Freiwilliger nicht antisemitisch, sondern zur Deeskalation bis auf Weiteres dringend notwendig.“

Problematisch an EAPPI sei allerdings, dass die Freiweilligen nur einen sehr einseitigen Einblick in das Leben in Israel bekämen. Über EAPPI würden sie gewissermaßen in den „schmutzigen Hinterhof“ des an sich bunten, dynamischen und sehr facettenreichen Staates geschickt. Die Zeit des Einsatzes vor Ort sei zu kurz, um den Freiwilligen einen angemessenen Eindruck auch von der „anderen Seite“ zu vermitteln. „Daraus mag resultieren, dass einzelne Freiwillige nach ihrer Rückkehr bei Auftritten in der Öffentlichkeit ein Bild transportieren, welches der komplexen Realität vor Ort nicht gerecht wird“, sagt Gräbe. Den Entsendeorganisationen in Deutschland sei diese Gefahr bewusst, und sie versuchten dem insbesondere durch eine gute Vorbereitung entgegenzuwirken.

erschienen in Ausgabe 3 / 2019: Rassismus

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