Indien
Auf einer Mülldeponie der Millionenstadt Pune sammelt ein Abfallhändler wiederverwert­bares Material. Seinen Fund verkauft er an professionelle Schrotthändler.  
Indien

Kampf gegen die Plastikflut

In Indien türmen sich die Plastikberge. Für Müllsammler sind sie eine wichtige Einkommensquelle. Nun will die Regierung dem Abfall mit Verboten beikommen.

Abdul Khan steht vor einem Schuppen aus rostigem Wellblech und wartet auf Kundschaft. Zerbrochene Plastikstühle, alte Autoreifen und Papierfetzen liegen in der öden Landschaft verstreut. In seinem Schuppen türmen sich Stapel alter Zeitungen, Kartons mit leeren Flaschen und Berge von Plastikabfällen bis unter die Decke.

Ein silberner SUV fährt vor, die Heckklappe öffnet sich, und Khan schreitet zur Tat: Gemeinsam mit zwei jugendlichen Helfern trägt er säckeweise Papier- und Plastik­abfälle zur Waage im Schuppen. Schließlich zückt er einen Bündel Geldscheine und zahlt dem SUV-Fahrer einen Obolus. „Die reichen Leute aus den umliegenden Hochhäusern gehören zu meinen besten Kunden“, beteuert Khan. „Sie liefern ihre Abfälle, ich zahle ihnen je nach Material und Gewicht dafür einen guten Preis. Was für sie nur Müll ist, bedeutet mir bares Geld.“

Der Schrotthändler Abdul Khan in der westindischen Millionenstadt Pune sammelt Abfälle aus Haushalten und Kleinbetrieben und verkauft sie an Großhändler; diese liefern sie an Betriebe zur Weiterverwertung. Auch Müllsammlerinnen, die Wertstoffe auf den Straßen auflesen und in großen Säcken auf dem Rücken tragen, beliefern Khan. „In der Regel zahle ich meinen Lieferanten die Hälfte dessen, was mir die Großhändler geben“, beteuert er. „Mein Betrieb ernährt fast 50 Menschen, meine eigene Großfamilie sowie die meiner Angestellten.“

Doch das Geschäft läuft nicht mehr so gut, seit die Regierung im vergangenen Jahr einige Plastikprodukte verboten hat. Danach seien die Preise gefallen und mit ihnen auch sein Gewinn, sagt Khan. „Die Menge von Plastikmüll ist zurückgegangen.“ Vielen Großhändlern und Recyclern sei der Umgang mit Plastik zu riskant geworden, sie hätten ihre Betriebe geschlossen oder auf andere Materialien umgestellt.

Das Verbot hat seinen Grund. Leere Chipstüten, Milchbeutel und bunte Plastikfetzen säumen überall in Indien die Straßen. Der Wind trägt den Müll durch Wohnsiedlungen und Parks, streunende Hunde und Kühe suchen darin nach Nahrung. Achtlos weggeworfene Abfälle verwandeln selbst Flussufer und Badestrände in stinkende Müllkippen, die sich zu Brutstätten für Krankheitserreger entwickeln. Während des Monsuns verstopfen Plastiktüten die Kanalisation und verursachen Überflutungen ganzer Stadtviertel.

Rollkommandos sollten dem Gesetz Respekt verschaffen

Besonders schwer betroffen ist die Hafen- und Industriemetropole Mumbai (Bombay), die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra. Die Regierung dort zog im März 2018 die Notbremse und erließ ein Verbot von Einweggeschirr, Verpackungsmaterial und Tragetaschen aus Plastik. Mittlerweile haben 19 weitere indische Bundesstaaten ähnliche Verbote ausgesprochen.

Der Plastikbann war kaum verkündet, da sorgten in Maharashtra Razzien bei Geschäften und Plastikhändlern für Aufsehen. Städtische Rollkommandos beschlagnahmten große Mengen Plastik und verdonnerten Straßenhändler und Geschäftsinhaber zu saftigen Geldstrafen. Offenbar sollte so dem Gesetz Aufmerksamkeit und Respekt verschafft werden.

Autor

Rainer Hörig

ist freier Journalist in Pune, Indien, und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Meine Welt“ zur Förderung des Deutsch-Indischen Dialogs.
„Wer solche Plastikgegenstände benutzt oder verkauft, wird natürlich bestraft“, sagt Dnyaneshwar Molak, Chef der Müllabfuhr in Pune, der mit knapp fünf Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Maharashtras. Die Bürger fühlten sich verunsichert, Ladenbesitzer fragten sich, wie sie ihre Waren verpacken sollten, ohne die Kunden zu verprellen. Der Verband der Plastikhersteller drohte mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen.

„Das Verbot wird nicht funktionieren“, schimpfte damals etwa Jagannath Kamath, der Präsident des Verbands der Plastikhersteller: „Es wird Tausende von Jobs kosten, dabei hatte die Regierung doch versprochen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen.“ Die Regierungen von Maharashtra und Mumbai ruderten zurück und nahmen einige Plastikfolien und Getränkeflaschen vom Verbot aus. Der Chef der Müllabfuhr in Pune wischt Zweifel an der Akzeptanz des Verbots beiseite: „Wir klären doch die Bevölkerung darüber auf, warum es wichtig ist, die Abfälle zu trennen und wiederzuverwerten. In der Stadt machen Wandgemälde auf die Gefahren von Plastik aufmerksam, wir führen außerdem Kampagnen in Schulen durch.“

Der Schrotthändler Abdul Khan kauft den Müll seiner gut betuchten Nachbarn und liefert ihn an Recyclingunternehmen. Rainer Hörig
Heute, rund ein Jahr später, ist das Plastikverbot normal geworden. Hausfrauen nehmen Stofftaschen mit zum Einkauf, Restaurants und Lebensmittelhändler nutzen Papiertüten zum Verpacken, Razzien sind Vergangenheit. Das Plastikverbot treffe auf breite gesellschaftliche Akzeptanz, meint Ravi Damre. Er ist Teil einer Kooperative von Müllsammlern und animiert die Anwohner zur Mülltrennung. „Viele Bürger meiden Plastiktüten und erkundigen sich bei uns nach Alternativen.“

Plastik ist nicht gleich Plastik

Ravi Damre führt Besucher in eine Halle voller Plastiksäcke und Abfallberge, zwischen denen Frauen mit flinken Händen das Material sortieren. „Plastik ist nicht gleich Plastik“, erklärt Damre. „Es gibt Hunderte verschiedene Sorten und entsprechend viele Preise, die Müllsammlerinnen beim Verkauf erzielen können. Daher wird der Abfall hier noch einmal sortiert, bevor wir ihn verkaufen. Schauen Sie, hier lagern nur Folien, dort finden wir Flaschen, sortiert nach Sorten. Je reiner das Material, desto höher sein Preis.“

Die Müllsammlerin Asha Kambale unterbricht ihre Arbeit und zupft ihren Sari zurecht, bevor sie sich äußert: „Plastik ist unser Lebensunterhalt. Ich finde es gut, dass die Regierung bestimmte Sorten verbietet, aber sie muss auch auf uns achten. Zum Beispiel Tragetaschen: die ganz dünnen sind für uns nutzlos, sie bringen kaum Gewicht und auch keinen guten Preis. Die stabileren Qualitäten dagegen bringen gutes Geld. Die Regierung aber verbietet sämtliche Tragetaschen aus Plastik, das ist doch Blödsinn. Manche Plastiksorten bringen gutes Geld, die sollten nicht verboten werden.“ Seit dem neuen Gesetz sei die Menge der Plastikabfälle leicht rückläufig, meint die Müllsammlerin, aber sie habe keine Einkommenseinbußen durch das Verbot hinnehmen müssen.

Die Regierung nimmt die Hersteller in die Pflicht

Das Aufkommen von Plastikmüll sei um 30 bis 40 Prozent gesunken, behauptet Dnyaneshwar Molak, der Müllbeauftragte der Stadt Pune. Ravi Damre hält das für übertrieben: „Es ist sicher weniger geworden, aber es gibt bislang keine verlässlichen Zahlen.“ Die farbigen Plastiktüten, die früher das Bild auf den Märkten bestimmten, sind aus den Städten verschwunden. Doch damit ist das Plastikproblem noch lange nicht gelöst. Für Sarthak Tapasvi, Koordinator der Müllsammlerkooperative SWACH in Pune, ist es jedoch ein erster Schritt in die richtige Richtung: „Ich finde, der wirklich interessante Aspekt des Plastikverbots besteht darin, dass nun eine Debatte über die Verantwortung der Hersteller schädlicher Stoffe in Gang gekommen ist. Die Regierung verpflichtet die Firmen, für das Einsammeln von Plastikmüll und deren Weiterverarbeitung zu sorgen. Das ist noch längst nicht perfekt, aber immerhin ist ein Anfang gemacht.“

Auch die Abbilder von Hindu-Gottheiten sind oft aus Plastik – und landen nach der Feier auf wilden Müllkippen. Sam Panthaky/AFP/Getty Images
Müllsammler wie Asha Kambale und Schrotthändler wie Abdul Khan bilden die erste Stufe einer informell organisierten Müllabfuhr, die überall in Indien funktioniert. Sie braucht keine teuren Maschinen und schafft massenweise Arbeitsplätze, hauptsächlich für die Armen. Mit Recycling und Wiederverwertung trägt sie dazu bei, die Müllmengen zu verringern.

In der Regenzeit verbreiten die Abfälle giftige Abwässer

Doch im Zeitalter des von der Globalisierung entfachten Massenkonsums stößt das informelle System an seine Grenzen. Neue Stoffe wie mehrschichtige Plastikfolien lassen sich nicht gewinnbringend wiederverwerten, die Abfallmengen wachsen buchstäblich in den Himmel. Die städtischen Müllabfuhren sind immer noch miserabel organisiert und technisch sowie personell unterausgestattet. Die Mehrzahl der Stadtverwaltungen begnügt sich damit, in Wohngebieten große Stahlbehälter aufzustellen, in die Bürger ihre Mülltüten werfen können. Diese Behälter werden auf Mülldeponien weit vor den Toren der Städte entleert. Dort türmen sich die Abfälle zu stinkenden Hügeln auf, die während der Regenzeit giftige Abwässer verbreiten und in der Hitze des Sommers Feuer fangen. In jüngster Zeit wird Müllverbrennung propagiert, um Energie zu gewinnen.

Im Jahr 2016 hat die Zentralregierung in Neu-Delhi neue Regeln für ein modernes  Abfallmanagement formuliert: Mülltrennung bereits im Haushalt, Abholung an der Haustür, Kompostierung und Recycling, Integration von Müllsammlern und Schrotthändlern in die städtische Müllabfuhr, Müllverbrennung. Doch wie die immer noch beklagenswerten Zustände in den Städten zeigen, klafft zwischen Gesetz und Wirklichkeit eine große Lücke.

Einweggeschirr aus Plastik ist an vielen Orten verboten

Das heute in weiten Teilen des Landes gültige Verbot von Einweggeschirr und Tüten aus Plastik ist ein weiterer, wichtiger Schritt in die richtige Richtung. In der indischen Gesellschaft kursieren darüber hinaus Ideen und Konzepte, wie durch geschlossene Materialkreisläufe Abfälle vermieden werden können. Seit mehr als zehn Jahren entwickelt etwa die Bürgerinitiative Ecoexist in Pune Ideen, wie der Alltag der Bürger entgiftet werden kann. Ecoexist vertreibt biologisch abbaubare Farbpulver für das hinduistische Frühlingsfest Holi, bei dem sich vor allem Jugendliche mit Farben bewerfen und bespritzen. Für das Fest des Elefantengottes Ganesh lässt Ecoexist massenweise Götterstatuen aus Lehm produzieren, die bei der zeremoniellen Versenkung in örtlichen Gewässern keine Giftstoffe freisetzen. Der Großteil der Statuen wird aus Gips gefertigt und mit giftigen Farben bemalt.

Seit Jahren schon propagiert Ecoexist Stofftaschen statt Plastiktüten. Manisha Gutman, eine der Mitbegründerinnen der Bürger­initi­ative, fordert, das Plastikverbot auf weitere Stoffe und Produkte auszudehnen: „Früher dachten wir alle, Plastik sei ein toller Stoff, billig und leicht und überall verfügbar. Mittlerweile sehen wir auch die Nachteile. Nun kommt es darauf an, neue Stoffe zu schaffen, die keine Gefahr für unsere Umwelt darstellen. Das wird zu innovativen Geschäftsideen führen und neue Jobs schaffen.“

Allerdings dauert es, bis sich die Einstellung der Menschen ändert. Manisha Gutman und ihre Kolleginnen leisten seit Jahren Aufklärungsarbeit, gehen in Schulen, sprechen mit Menschen in Geschäften und Parks und organisieren eine Bürgergruppe, die heute rund 80 Mitglieder zählt. Ein Leben und Wirtschaften ohne Abfälle, das sei für Indien eigentlich keine neue Idee, sagt Gutman: „In meiner Jugend konnte ich in meiner Familie beobachten, wie meine Mutter aus alten Saris Vorhänge nähte, später entstanden daraus Kissenbezüge. Es war keineswegs so, dass wir uns solche Dinge nicht kaufen konnten, aber die Wiederverwertung geschah aus Respekt vor den Ressourcen. Erst mit der Industrialisierung und vor allem im Zuge der Globalisierung hat sich die Idee verbreitet, immer wieder neue Dinge anzuschaffen.“

Recycling sei grundsätzlich eine gute Idee, aber es dürfe nicht wie häufig im wohlhabenden Westen dazu führen, dass immer mehr Dinge produziert und verbraucht würden, gibt Manisha Gutman zu bedenken. Während Deutsche im Durchschnitt jährlich 37 Kilogramm Plastik verbrauchen, nutzen Inder bisher nur 11 Kilo.

erschienen in Ausgabe 4 / 2019: Erde aus dem Gleichgewicht

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