„Wer das Land zerstört, zerstört das Leben der Menschen“

Die Ölförderung ist die größte Einnahmequelle Nigerias. Doch die Menschen in den Förderregionen des Nigerdeltas profitieren kaum davon. Seit vielen Jahren leiden sie unter Umweltschäden und unter den gewaltsamen Konflikten zwischen Rebellen und Militär. Einzelne Unternehmen haben sich zwar verpflichtet, die Lage der Gemeinden im Delta zu verbessern. Doch die Projekte werden nur halbherzig verwirklicht.

Mitte Mai sind die Konflikte zwischen Rebellen und Regierung um die Ölförderung im Nigerdelta wieder heftig aufgeflammt. Bringt das Öl der Region nur Unglück?

Der sinkende Ölpreis auf dem Weltmarkt hat Nigerias Einnahmen aus dem Ölgeschäft geschmälert, aber die Angriffe der Rebellen auf die Förderanlagen schaden der Industrie deutlich mehr. Mit der Militäroffensive gegen die Rebellen sollen diese Ausfälle gestoppt werden. Dabei werden aber unschuldige Bewohner des Deltas getötet oder vertrieben. Die Regierung muss andere Wege finden, um die Aktionen der Rebellen zu beenden. Und sie muss vermeiden, dass Unschuldige zu Schaden kommen.

Ihre Organisation kritisiert die Ölfirmen. Welche Verstöße stellen Sie fest?

Das größte Problem ist das regelmäßige Auftreten von Lecks in den Ölleitungen. Einige Leitungen sind seit dem Bau in den 1950er Jahren nicht erneuert worden. Wir gehen von 300 Lecks pro Jahr aus. Sie verseuchen Anbauflächen und Fischgründe. Die Menschen in der Region trifft das sehr hart. Sie haben nur diese Ressourcen, um ihr Überleben zu sichern. Wer das Land zerstört, zerstört das Leben der Menschen. Während ich hier mit Ihnen spreche, gibt es im Bundesstaat Rivers State ein großes Leck in einer Pipeline, aus dem seit drei Monaten Öl austritt. Nichts wird dagegen unternommen. Die löchrigen Pipelines fordern außerdem immer wieder Menschenleben. Wir verlangen von den Unternehmen, die Lecks schnell zu schließen und die Verschmutzungen zu beheben. Die Unternehmen versuchen aber oft, sich darum zu drücken.

CSCR wendet sich gegen den gewaltsamen Widerstand im Nigerdelta und hat gemeinsam mit dem britischen „Ökumenischen Rat für Unternehmensverantwortung“ (ECCR) einen Dialog mit dem Ölkonzern Shell begonnen. Können Sie so Ihre Forderungen bei den Ölkonzernen durchsetzen?

Ja, daran glauben wir weiterhin. Wir suchen deshalb mit der Unterstützung des ECCR den Dialog mit den Vertretern der Firmen im Land sowie auf internationaler Ebene. Wir glauben, dass wir damit mehr erreichen können für die Gemeinden im Nigerdelta als durch bloßen Protest.

Was hat der Dialog bewirkt?

Einige Gemeinden in den Ölfördergebieten haben 2006 mit Shell und Chevron vierjährige Abkommen geschlossen. Darin sind Projekte zur Entwicklung der Gemeinden festgelegt. Medizinische Versorgung, Bildung und In-frastruktur stehen im Mittelpunkt. Zudem verpflichten sich die Unternehmen dazu, Umweltstandards einzuhalten. Wir müssen aber permanent Druck ausüben, damit die Projekte in der vereinbarten Zeit verwirklicht werden. Und wir müssen dafür sorgen, dass sie weitergeführt werden. Die Qualität des Trinkwassers ist in manchen Gebieten weiterhin sehr schlecht, weil die Unternehmen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Gibt es weitere Möglichkeiten, auf die Unternehmen einzuwirken?

Ja. Der ECCR ist Anteilseigner von Shell und kann deshalb mit dem Unternehmen über dessen Vorgehen debattieren. Auch meine Organisation hat 2007 Vorbehalte gegen ein Projekt im Delta mit Vertretern von Shell in London diskutiert. Ein Jahr zuvor konnten wir auf der Aktionärsversammlung von Shell eine Resolution gegen die Verschmutzung durchzusetzen. Shell ist daraufhin in manchen Gemeinden im Delta dagegen vorgegangen. Zwar hatte der Konzern auch vorher Reinigungsfirmen beauftragt, aber deren Arbeit war unzulänglich. Die Unterstützung der Aktionäre ist sehr wichtig für uns, um führende Vertreter der Unternehmen zum Handeln zu bewegen.      

Wie viele Menschen leiden denn unter den Umweltschäden?

Wir können das nur schätzen. Die Ölfirmen fördern in neun nigerianischen Bundesstaaten mit rund 27 Millionen Einwohnern. Die Verschmutzung ist weitläufig, weil das Gas, das bei der Ölförderung abgespalten werden muss, einfach abgefackelt wird, statt gespeichert und verwertet zu werden. Dadurch sparen die Unternehmen Geld. Das Abfackeln verschmutzt die Luft und macht viele Menschen krank. Wir haben in den drei Bundesstaaten Rivers, Bayelsa und Delta einige Gemeinden ausgewählt, die mit unserer Beratung die Verträge mit Shell und Chevron abgeschlossen haben.    

Es heißt, dass andere Regionen Nigerias von den Öl-Einnahmen profitieren, während das Delta arm bleibt.

Das stimmt. Die meisten Petro-Dollars werden dafür ausgegeben, Städte wie Lagos und Abuja zu modernisieren. Das liegt daran, dass die Politik Nigerias von den Volksgruppen der Haussa, Yoruba und Igbo dominiert wird. Sie verteilen die Einnahmen aus der Öl-förderung. Im Nigerdelta leben hingegen Minderheiten. 2007 wurde zwar ein Politiker aus dem Nigerdelta Vizepräsident, doch leider gehen auch Politiker aus dem Delta nicht verantwortungsvoller mit der anvertrauten Macht um als andere. Immerhin 13 Prozent der staatlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft fließen direkt zurück in die Förderregionen. Aber viel von dem Geld haben Politiker veruntreut. Seit den Wahlen von 2007 bessert sich die Lage scheinbar. Man muss aber aufmerksam bleiben und die Korruption im Auge behalten.      

Wenn der nigerianische Staat vom Öl profitiert, sind also viele Politiker eher an der Förderung als am Schutz der Menschen im Delta interessiert.

Ja, in Nigeria fehlt der politische Wille, die Vergehen der Ölfirmen zu verfolgen. Das ist unverantwortlich. Man darf nicht vergessen, dass Nigeria erst seit 1999 eine Demokratie und die Zivilgesellschaft oft noch zu schwach ist, um ihre Forderungen durchzusetzen. Das wird sich sicher verbessern, aber so lange müssten die Unternehmen die Mindeststandards von sich aus einhalten. Stattdessen ignorieren sie die Gerichtsurteile, wenn sie wegen Verschmutzung verurteilt werden. Sie werden von der Mobile Police Force unterstützt, einer Spezialeinheit der nigerianischen Polizei, die den Ölfirmen hilft.

Nach den Enthüllungen um verseuchte Böden in den 1990er Jahren hatten die Unternehmen auch Sozialprojekte im Nigerdelta gestartet. Haben sie etwas bewirkt?

Nicht viel. Die gewaltsamen Proteste, Entführungen und Sabotageakte im Nigerdelta sind deshalb auch als Reaktion auf das allgemeine Gefühl zu verstehen, dass nichts unternommen wird.

Beseitigen die Ölfirmen auch von sich aus die Umweltschäden?

In der Regel passiert da trotz unserer Appelle wenig. Erst auf öffentlichen und internationalen Druck hin werden sie aktiv. Die Ogoni etwa haben so lange gegen die Verschmutzung gekämpft, dass die Reinigung der Region jetzt vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen koordiniert wird. Wir wollen, dass dieses Programm im Nigerdelta ausgeweitet wird. Shell hat Reinigungsverträge an die lokale Bevölkerung vergeben, anstatt die Schäden von Experten beseitigen zu lassen. Das sehen viele Leute in der Region als große Chance, Geld zu verdienen. Sie wissen aber überhaupt nicht, wie verseuchtes Land gereinigt werden muss.

Das Gespräch führte Felix Ehring.

Boniface Dumpe ist Direktor des Zentrums für Sozial- und Unternehmensverantwortung (CSCR) in Nigeria, das von Misereor unterstützt wird. CSCR setzt sich für die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt in Nigerias Nigerdelta ein.

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2009: Finanzordnung: Was die Krise lehrt