Eine-Welt-Arbeit
Bei dem "Unteilbar"-Marsch in Berlin im Oktober vergangenen Jahres haben die Menschen gegen Rassismus, Diskriminierung und für eine offene Gesellschaft demonstriert.
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Entwicklungshilfe gegen Rassismus

Wer sich in Ostdeutschland für Entwicklungshilfe engagiert, stößt oft auf Unverständnis, Anfeindungen und rassistische Vorurteile. Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern in einem Aufruf mehr Engagement gegen Rechtspopulismus – und Solidarität aus dem Westen.

Studien und Meinungsumfragen belegen es immer wieder: In den ostdeutschen Bundesländern sind fremdenfeindliche, rassistische und rechtsextreme Einstellungen deutlich weiter verbreitet und tiefer verankert sind als im Westen. Jetzt schlagen  auch die entwicklungspolitischen Landesnetzwerke in Ostdeutschland, die Stiftung Nord-Süd-Brücken in Berlin und etliche andere ostdeutsche zivilgesellschaftliche Organisationen und Initiativen Alarm: 30 Jahre nach dem Mauerfall, heißt es in einem Aufruf von Anfang August, werde die entwicklungspolitische Arbeit in Ostdeutschland von Rassismus, Rechtspopulismus, Nationalismus und Ausgrenzung untergraben.

Die Unterzeichner des Aufrufs plädieren dafür, das Engagement gegen Rassismus und Rechtspopulismus als Teil entwicklungspolitischer Bildungsarbeit anzuerkennen. Und sie beklagen, die entwicklungspolitische Zivilgesellschaft in Deutschland habe sich bislang nicht eindeutig dazu bekannt, dass solches Engagement zu ihren Aufgaben gehört: „Eine explizite Erklärung entwicklungspolitischer Organisationen fehlt unseres Erachtens“, heißt es in dem Aufruf – und weiter: „Solidarität bedeutet sich darüber klar zu werden, dass alle unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen ,zusammengedacht‘ und bekämpft werden müssen, damit eine solidarische Gesellschaft möglich ist.“

„Helft doch erst einmal uns“

Dass entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Ostdeutschland schwieriger ist als im Westen, hat im vergangenen Jahr eine Evaluierung des Eine-Welt-Promotorinnenprogramms deutlich gemacht. Im Rahmen dieses von den Landesnetzwerken, deren Arbeitsgemeinschaft AGL und der Stiftung Nord-Süd-Brücken getragenen Programms unterstützen mehr als 140 Promotorinnen und Promotoren die Eine-Welt-Arbeit auf lokaler Ebene. Die Evaluierung hat ergeben, dass die in Ostdeutschland tätigen Promotorinnen und Promotoren die Ausgangslage für ihre Arbeit deutlich schlechter einschätzen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen.

Was das in der Praxis heißt, erklärt Dorothea Trappe, die Geschäftsführerin des Entwicklungspolitischen Netzwerks Sachsen: „Es ist schwierig, in einer Schulklasse mit Eine-Welt-Themen anzukommen, wenn zwei Drittel der Jugendlichen offen rechtsextrem sind.“ Vor allem in ländlichen Regionen in Ostdeutschland herrsche bei vielen Leuten das Gefühl: Helft doch erst einmal uns, bevor ihr euch um die Armut in der Welt und um Flüchtlinge kümmert.

Muss man solche Klagen ernst nehmen und sich auf solche Diskussionen einlassen? Für Dorothea Trappe hängt das davon ab, ob sie parteipolitisch motiviert sind oder ob darin eine echte Sorge zum Ausdruck kommt. „In der Bildungsarbeit ist es ganz wichtig, die Leute da abzuholen, wo sie sind“, sagt Trappe. Sie plädiert dafür, die wirtschaftliche Not und Marginalisierung vieler Menschen in Ostdeutschland zum Thema entwicklungspolitischer Inlandsarbeit zu machen.

Mehr Unterstützung durch die westdeutsche Zivilgesellschaft gewünscht

Andreas Rosen hat sich schon Anfang der 1990er Jahre in zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus in der ostdeutschen Provinz engagiert. Heute ist er Politischer Geschäftsführer der Stiftung Nord-Süd-Brücken, die von Berlin aus ostdeutsche Eine-Welt-Organisationen unterstützt. Er wünscht sich „mehr Interesse, Solidarität und Empathie“ der westdeutschen Zivilgesellschaft für die schwierige Lage in Ostdeutschland. „Viele im Westen sehen nicht, dass die Kolleginnen und Kollegen im Osten unter verschärften Bedingungen arbeiten“, sagt Rosen. Es sei schon etwas Besonderes, wenn man rassistisch und sexistisch angemacht werde, nur weil man eine Schule in Gambia unterstütze. Dorothea Trappe bestätigt, dass vor allem migrantische Mitarbeiterinnen öfter bedroht würden: „Das Klima hat sich verschlechtert.“

Rosen und Trappe betonen, dass Institutionen wie Engagement Global oder Brot für die Welt, die die Eine-Welt-Arbeit fördern, durchaus offen dafür seien, Engagement gegen Rassismus und Rechtspopulismus als Teil entwicklungspolitischer Inlandsarbeit  zu unterstützen. Auch die Geschäftsführung des Dachverbands Venro habe zustimmend auf den Aufruf aus Ostdeutschland reagiert. Rosen vermisst aber auf der Arbeitsebene zivilgesellschaftlicher Organisationen im Westen die Bereitschaft, sich die Lage im Osten „mal aus der Nähe anzusehen“.

Vorschläge, wie die Ost-West-Kluft verkleinert werden könnte

So habe sich offenbar niemand aus dem Westen ernsthaft für das Programm „Weltoffen Solidarisch Dialogisch“ der Stiftung Nord-Süd-Brücken interessiert. In dessen Rahmen arbeiten seit drei Jahren 17 entwicklungspolitische und zivilgesellschaftliche Vereine in vier ostdeutschen Bundesländern mit Zielgruppen auf kommunaler Ebene, um Perspektiven „friedlicher und inklusiver Gesellschaften“ im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele aufzuzeigen und zu stärken. Im vergangenen Jahr haben die Vereine ihre Arbeit auf einer Tour durch Ostdeutschland vorgestellt. Dazu wurde bundesweit eingeladen, aber niemand aus dem Westen sei der Einladung gefolgt, sagt Rosen.

Rosen hat drei praktische Vorschläge, wie die Ost-West-Kluft in der bundesdeutschen Eine-Welt-Arbeit verkleinert werden könnte: Erstens sollte im Rahmen von Venro eine neue Definition für entwicklungspolitische Inlandsarbeit erarbeitet werden, die antirassistisches Engagement ausdrücklich einschließt. Zweitens appelliert Rosen an zivilgesellschaftliche Organisationen im Westen, Veranstaltungen nicht immer nur in Berlin oder Bonn, sondern doch auch einmal in Leipzig, Chemnitz oder Rostock durchzuführen. Und drittens schlägt Rosen Partnerschaften zwischen entwicklungspolitischen Einrichtungen in Ost- und Westdeutschland vor, etwa zwischen Welthäusern in verschiedenen Städten: „Da kann man sich dann bei rassistischen Vorfällen gegenseitig helfen und sich solidarisch zeigen.“

Wie ernst die entwicklungspolitische Zivilgesellschaft Probleme wie Rassismus und Rechtsextremismus nimmt, kann sie schon am kommenden Wochenende zeigen: Am Samstag, 24. August, findet in Dresden die zweite bundesweite #unteilbar-Demonstration für eine offene und freie Gesellschaft und gegen Ausgrenzung statt. Dorothea Trappe und Andreas Rosen hoffen auf einen starken entwicklungspolitischen Block im Demonstrationszug.

erschienen in Ausgabe 10 / 2019: Ab in die Steueroase

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