Antirassismus
Antirassismus

Meine Angst vor dem schwarzen Mann

Wie ich herausfinden wollte, ob ich ein Rassist bin.

Am Anfang war gespannte Erwartung. Aber auch ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was würde in den folgenden zweieinhalb Tagen passieren? Am Ende hatte sich das Gefühl in Wut verwandelt. Ja, ich war wütend: auf die Schwarzen. Darauf, dass sie so verdammt gelitten haben und noch leiden unter diesen verdammten 500 Jahren Kolonialismus. Darauf, dass ich mich deshalb auch schlecht und oft unsicher und gehemmt fühle in Gegenwart schwarzer Menschen. Dass ich mir zum Beispiel zweimal überlege, in der U-Bahn den Platz zu wechseln, wenn sich ein schwarzer Mann oder eine schwarze Frau neben mich setzt, die ich aus welchem Grund auch immer unsympathisch finde. Bei einer mir unangenehmen weißen Person bin ich da weniger schüchtern.

So sage ich das in die Runde, und der Mann, der seitlich von mir lässig an die Heizung gelehnt auf dem Boden sitzt, Mitte, Ende dreißig vielleicht, schaut mich an und nickt langsam. Das Anti-Rassismus-Training an diesem Wochenende hat bei mir offenbar voll angeschlagen.

Zwei Tage zuvor, ein Freitagnachmittag in einem schmucklosen, aber geräumigen Seminarraum in einer süddeutschen Universität. 13 Frauen und vier Männer sitzen auf Stühlen in einem großen Kreis und sagen, was ihnen alles zum Stichwort Rassismus einfällt. Nach wenigen Minuten ist das Flipchart voll mit Begriffen wie Hass, Ungleichheit, Diskriminierung, Macht, Gewalt und Erniedrigung – mit Begriffen also, die spiegeln, was aus Sicht weißer Frauen und Männer Rassismus für schwarze Frauen und Männer bedeutet. So weit, so einfach. Dann stellt der Mann an der Heizung, der das Training leitet, am Ende dieses ersten Tages eine Frage in den Raum: „Was bedeutet Rassismus denn für euch, für die Weißen?“ Auf dem Weg ins Hotel denke ich darüber nach und ein ungutes Gefühl kriecht mir den Nacken hoch. Ich will kein Rassist sein.

Wenig Ahnung von Afrikas Geschichte

Bin ich ja auch nicht. Wir sollen Beispiele nennen, was schwarze Menschen zur Menschheitsgeschichte beigetragen haben. Mir fällt nicht viel mehr ein als Blues, Bebop und Barack Obama. In diese Richtung gehen auch die Assoziationen der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Popkultur, Sport und ein wenig aktuelle Politik. Auch die Bürgerrechtsbewegung in den USA und ihre Vertreterinnen und Vertreter natürlich: Martin Luther King und Rosa Parks.

„Wusstet ihr, dass Alexander Puschkin, der russische Nationaldichter, ein Schwarzer war?“, fragt der Trainer. Nein, sorry, keine Ahnung.  Auch Alexandre Dumas, der Autor von „Die drei Musketiere“, hatte schwarze Vorfahren. Wusste ich auch nicht. Ebenso wenig, dass Schwarze die automatische Verkehrsampel und die Klimaanlage erfunden haben.

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".
Ich wusste auch nicht, dass Benin City im heutigen Nigeria einst von steinernen Stadtmauern durchzogen war, die insgesamt länger waren als die Chinesische Mauer. Bis die Briten sie zerstörten. Überhaupt habe ich im Grunde keine Ahnung, wie es in Afrika aussah, bevor die Europäer über den Kontinent hergefallen sind. Das ist mir etwas peinlich, immerhin befasse ich mich seit vielen Jahren beruflich mit Afrika. Aber bin ich deshalb ein Rassist? Nein.

Moment mal, schießt es mir durch den Kopf. Hat das irgendjemand hier in diesem Raum behauptet? Hat dir jemand einen Vorwurf gemacht, außer du dir selbst? Warum gehe ich innerlich gleich in die Verteidigung? Es geht doch nur darum zu akzeptieren, dass ich herzlich wenig weiß über das vorkoloniale Afrika. Und dass mir zu schwarzen Männern und Frauen fast nur Dinge einfallen, die am Ende irgendwie mit ihrem Opferstatus zu tun haben.

Ein Weißer als Negerkönig

Denke ich an Afrika und an schwarze Menschen, denke ich früher oder später auch an Europa und die Weißen – und daran, was letztere ersteren angetan haben. Ein von Europa unabhängiges Afrika – unabhängig vom Schlechten wie vom Guten, für das Europa steht – kommt mir nicht in den Sinn. Und ein Grund dafür dürften meine ersten Begegnungen mit Schwarzen gewesen sein, als ich ein Kind war. Da war etwa Jim Knopf, der schwarze Junge in der Augsburger Puppenkiste, der im Postpaket aus dem Nichts kam und nur mit Hilfe des starken Lokomotivführers Lukas sein im Meer versunkenes Land Jamballa wieder in Besitz nehmen konnte. Da war der Vater von Pippi Langstrumpf, der als Weißer einfach so Negerkönig wird. Und da waren die von den weißen Plantagenbesitzern geschundenen armseligen Kreaturen aus der US-Fernsehserie „Roots“ über die Südstaaten-Sklaverei, die ich als zwölf-, dreizehnjähriger Junge im Fernsehen geschaut habe und deren Bilder sich mir tief eingebrannt haben.

Das ist lange her, seitdem war ich oft in Afrika, habe dort als Journalist gearbeitet und gesehen, dass Schwarze nicht nur Opfer sind und  Afrika auch ohne Europa denkbar ist. Aber hier in diesem Seminarraum geht es nicht so sehr um meinen Kopf, sondern um meinen Bauch. Welche Gefühle lösen diese frühen Bilder bis heute in mir aus, wie wirken sie nach?

Um das herauszufinden, schließe ich am Samstagmittag die Augen – und ein Film aus einer meiner Reisen nach Südafrika läuft in mir ab: Ich sitze im Taxi, der schwarze Fahrer fährt mich aus Kapstadt heraus. Es dämmert, ich will nach Khayelitsha, eine schwarze Township, wo ich ein Zimmer in einer kleinen Pension gebucht habe. Weiße Männer haben mich davor gewarnt: Khayelitsha sei gefährlich, ein Slum, viel Gewalt. Wir fahren aus der erleuchteten Großstadt hinaus in die südafrikanische Nacht, am Straßenrand tauchen schemenhaft immer wieder dunkle Gestalten auf. Was machen die da? Ich weiß es nicht. Der Taxifahrer biegt nach Khayelitsha ab.

Ich öffne die Augen und die Furcht von damals ist wieder da. Mir wird klar, auch wenn es mir schwer fällt, das zuzugeben: Tief in mir steckt offenbar eine diffuse Angst vor dem schwarzen Mann – von dem ich nicht weiß, wo er herkommt und was er von mir will. Ob er überhaupt etwas von mir will.

Schwarze gehören nicht zu meiner Welt

Der Trainer sagt: „Als Kinder werden wir rassifiziert und als Weiße sozialisiert – und als Erwachsene müssen wir damit fertigwerden.“ Bin ich also doch ein Rassist? Ja, insofern ich zwischen „ihnen“, den Schwarzen, und mir unterscheide. Ich schaue sie anders an als Weiße, ich verhalte mich anders in ihrer Gegenwart, sie gehören nicht zu meiner Welt. Das ist der Rassismus der gesellschaftlichen Mitte, die nicht rassistisch sein will, sagt der Trainer. Und es ist dieser uneingestandene Rassismus, aus dem sich der offene, gewaltbereite Rassismus der Rechten nährt. Mit anderen Worten: Meine Angst vorm schwarzen Mann speist den Rassismus von AfD, Pegida und Co. Das ist schrecklich, aber ich fürchte, er hat recht.

Und dann kommt am Sonntagmorgen die Wut. Denn jetzt habe ich meine Antwort auf die Frage vom Freitag gefunden: Ich bin auch ein Opfer von Rassismus. Er macht mich unsicher gegenüber schwarzen Menschen. Er belastet mich, macht mich unfrei und hilflos. Mir fällt der einem israelischen Psychoanalytiker zugeschriebene Ausspruch ein, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Jetzt sage ich in die Runde: „Ich werde den Schwarzen den Kolonialismus nie verzeihen.“ Der Trainer nickt langsam.

Das auszusprechen, hat gutgetan. Ich fühle mich etwas leichter. Die Angst und der Zorn schmerzen. Aber es ist gut, dass sie offen liegen. Ich habe etwas über mich gelernt, und damit kann ich jetzt arbeiten – an mir und an der Gesellschaft, in der ich lebe. Zum Abschied sagt der Trainer, wir sollten uns Zeit geben: „Die Prägung durch 500 Jahre Kolonialzeit lässt sich nicht an einem Wochenende beheben.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2019: Rassismus

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