Exil-Eritreer
„Ein Leben ist nichts wert in Eritrea“, sagt der Musikproduzent Yonas Babacan, der selbst neun Monate im Gefängnis in Asmara saß.  
Exil-Eritreer

Eine Herkunft, zwei Sichtweisen

Der Frieden mit Äthiopien eröffnet Eritrea neue Möglichkeiten. Ist auch hier eine politische Öffnung zu erwarten und wird Eritreas Regierung zu Recht scharf kritisiert? Unter Exil-Eritreern in Deutschland sind die Meinungen dazu geteilt.

Yonas Babacan sagt heute: „Ich bin dankbar, dass ich im Gefängnis war. Diese Erfahrung hat mir den Schleier von den Augen genommen.“ Neun Monate saß er 2017 in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, in einem Gefängnis, das es eigentlich gar nicht gibt. Offiziell sei es eine Soldatenkaserne, das diene jedoch der Verschleierung, erzählt der knapp 50-Jährige. Yonas‘ „Anklage“ lief so ab: „Ein Soldat des Generals, der mich verhaftet hat, kam mit mir in einen Raum. In der Hand hielt er ein Papier, das ich unterschreiben sollte.“ Darauf standen elf Anklagepunkte, einer lautete: „Wir verdächtigen dich, Kontakte zu Führern der Tigray in Äthiopien zu haben. Wir vermuten, dass sie deine deutsche Firma finanziell unterstützen.“ Beweise habe der Soldat nicht vorgelegt.

Yonas Babacan lebte zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 30 Jahre im Exil. Seine Mutter war mit ihm und seinem Bruder 1980 aus Asmara in den Sudan geflohen und von dort weiter nach Deutschland. Er wurde hier eingeschult, machte Abitur und begann,  Volkswirtschaft zu studieren. Doch die traumatischen Erlebnisse des Krieges, aber auch die Sehnsucht nach Eritrea ließen ihn nicht los. Er wollte sich für seine Heimat engagieren, Eritreern helfen. 2012 gründete er ein Musiklabel und nahm eritreische und äthiopische Musiker unter Vertrag. Mehrmals im Jahr reiste er nach Eritrea, um Musiker zu treffen. Dabei musste er auch oft beim Zentralen Büro der Regierungspartei PFDJ vorsprechen. Denn: „Alle Schriften, alle Lieder werden vor der Veröffentlichung kontrolliert und wenn nötig zensiert.“ Die Regierung habe ihn für ihre Zwecke einspannen wollen. „Sie hat Musik und Kultur schon immer zur Vermittlung ihrer Botschaften benutzt“, sagt er.

Doch Yonas wollte unabhängig bleiben. „Wenn sie merken, dass du nicht lenkbar bist, versuchen sie dich zu zerstören.“ So wurde der Musikproduzent 2017 verhaftet. Einen Anwalt habe er ebenso wenig zu Gesicht bekommen wie ein Gericht.

„Ein Leben ist nichts wert in Eritrea“

Seine Erlebnisse stehen stellvertretend für das, was auch viele andere Eritreer erlebt haben. „In Eritrea regiert nicht das Gesetz, sondern Angst“, sagt er – die Angst davor, verraten zu werden, womöglich sogar von jemandem aus der eigenen Familie. Der Präsident und frühere Rebellenführer Isaias Afewerki halte die Menschen absichtlich am Existenzminimum, damit sie damit beschäftigt seien, ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen, statt einen Rechtsstaat, Demokratie und Gerechtigkeit zu fordern. „Die Menschen in Eritrea leiden. Sie werden weggesperrt, gefoltert oder getötet. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen“, sagt er. „Ein Leben ist nichts wert in Eritrea.“  Jede Familie in Eritrea sei in irgendeiner Form von den Machenschaften des Regimes betroffen. „Ein Täter mit Blut an den Händen wird sich nie freiwillig einem Rechtsstaat ausliefern.“ Deswegen verhindere Afewerki jegliche demokratischen Reformen. An einen politischen Wandel nach dem Friedensabkommen mit Äthiopien im vergangenen Jahr glaubt Yonas daher nicht.

Fithawie Habte glaubt an politischen Wandel in Eritrea. Melanie Kräuter
Fithawie Habte sieht das ganz anders. Seit dem Friedensabkommen habe sich viel getan, sagt  der zweite Vorsitzende der Deutsch-Eritreischen Gesellschaft in Frankfurt am Main. „Die Situation hat sich seit 2018 um 180 Grad gewendet.“ Eritrea sei nicht mehr so isoliert, es habe mit den Nachbarländern Frieden geschlossen und Handelsbeziehungen aufgenommen.

Die unterschiedlichen Sichtweisen von Fithawie Habte und Yonas Babacan zeigen: Auch im deutschen Exil, wo nach Angaben des Auswärtigen Amts rund 70.000 Eritreer leben, ist die Zerstrittenheit zwischen Regierungsbefürwortern und Regierungsgegnern zu spüren. So hat die Young PFDJ, der Jugendarm der Regierungspartei, das Ziel, vor allem in der Diaspora eine „starke, bewusste und patriotische Bewegung“ zu bilden. Ihr gegenüber steht das Netzwerk United4Eritrea, in dem sich junge Eritreer in Deutschland und weltweit gegen die PFDJ engagieren und die „Militärdiktatur verurteilen“. 

Habte ist ebenfalls als kleiner Junge mit seiner Mutter und fünf Geschwistern nach Deutschland gekommen, während sein Vater in der Eritreischen Befreiungsfront für die Freiheit des Landes kämpfte. Auch er ging in Deutschland  zur Schule und studierte hier. Die Deutsch-Eritreische Gesellschaft, für die sich der 38-Jährige engagiert, möchte ein „umfassendes, realitätsgetreues Bild des heutigen Eritrea“ vermitteln, heißt es auf der Webseite.

Autorin

Melanie Kräuter

ist Redakteurin bei "Welt-Sichten".
Die Darstellung Eritreas in den Medien, in Menschenrechtsberichten und von Experten sei zu einseitig, kritisiert Habte. Er wirft der internationalen Gemeinschaft außerdem vor, mit unterschiedlichem Maß zu messen. Der Krieg von 1998 sei ein Vernichtungskrieg Äthiopiens gegen Eritrea gewesen. 2002 habe der Internationale Gerichtshof in Den Haag erklärt, dass die umstrittene Grenzstadt Badme eritreisch sei. Die internationale Gemeinschaft habe Äthiopien danach nie dazu gedrängt, sich zurückziehen. Stattdessen sei Eritrea von der internationalen Gemeinschaft „dämonisiert“ worden mit dem Ziel, das Land zu isolieren, sagt Habte. Als Beispiel nennt er den Vorwurf, Eritrea habe die somalische Terrormiliz Al-Shabaab mit Waffen versorgt. „Die ganze Küste des Roten Meeres wird überwacht. Wie hätte das gehen sollen? Man hat bis heute keine Beweise dafür gefunden.“ Doch die Sanktionen, die aufgrund des Vorwurfs über Eritrea verhängt worden seien, schadeten dem Land bis heute.

Beim Eritrea-Festival in Gießen 2019 prallen die Meinungen der Exilanten aufeinander: Drinnen feiert man mit Vertretern der Regierung Eritreas ein Kulturfest, draußen protestieren Gegner des Regimes Afewerki. Christian Schneebeck
In Berichten der Vereinten Nationen, von Amnesty International oder von Human Rights Watch werden Eritrea immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Habte sieht diese Berichte skeptisch: „Woher bezieht Amnesty diese Informationen?“, fragt er. „Sie befragen 500 eritreische Flüchtlinge in Äthiopien, die genau wissen, dass sie in Europa damit Asyl bekommen. Und dann werden noch ein paar Experten zitiert, die selbst nicht aus Eritrea kommen.“

Eritrea: Besetzt, befreit, unterdrückt

Eritrea hat eine lange Geschichte von Besatzung hinter sich. Seit 1890 war das Gebiet eine italienische Kolonie. Im Zweiten Weltkrieg eroberte Großbritannien es von den Italienern. 1952 wurde Eritrea per UN-…

Und was ist mit dem unbefristeten Nationaldienst, bei dem Menschen von 18 bis 55 Jahren auf Dauer für die Regierung für einen Lohn arbeiten müssen, der laut Menschenrechtsorganisationen kaum zum Leben reicht? Viele junge Eritreer geben diesen Dienst als Grund für ihre Flucht an. Habte sagt, er habe auf dem diesjährigen Eritrea-Festival in Gießen, das die Deutsch-Eritreische Gesellschaft mitorganisiert, den Außenminister Osman Saleh damit konfrontiert und gefordert, dass der Dienst wieder auf 18 Monate befristet wird. Saleh habe zugesagt, dass das kommen wird. Auch in den Jahren zuvor habe es solche Verlautbarungen gegeben, doch die instabile Lage zwischen Eritrea und Äthiopien habe immer wieder dazu geführt, dass die PFDJ diese Entscheidung ändern musste.

„Die Menschen sind kriegsmüde“

Natürlich gibt es strukturelle Probleme“, räumt Habte ein. „Aber wenn die Situation in Eritrea wirklich so schlimm ist, wie es immer dargestellt wird, warum rebellieren die Eritreer dann nicht dagegen?“ Die Menschen seien nach 30 Jahren kriegsmüde. „Sie wollen jetzt erst einmal wirtschaftliche Entwicklung – Geld, Arbeit, eine Wohnung.“ Die 1997 geschriebene Verfassung ist bis heute nicht in Kraft. Dennoch ist Habte optimistisch, dass die demokratische Entwicklung in Eritrea kommt. „Wir haben doch nicht 30 Jahre für unsere Unabhängigkeit gekämpft, um am Ende eine Diktatur zu haben.“

Zerai Abraham und Rania Kinfe finden, dass sich die Lage der Menschen kaum verbessert. Melanie Kräuter
Zerai Abraham und Rania Kinfe haben im Kleinen das geschafft, was Eritrea und Äthiopien im Großen noch vor sich haben: Sie arbeiten zusammen – und sie sind befreundet. Der Eritreer und die Äthiopierin haben das hinter sich gelassen, was ihnen damals als Kinder über den jeweiligen „Erzfeind“ eingebläut wurde. Das Einzige, was sich seit dem Friedensabkommen von 2018 für Eritreer verbessert habe, sei die Grenzöffnung gewesen. Dadurch hätten Familien wieder zusammengefunden, sagt Zerai Abraham. Doch inzwischen habe Afewerki die Grenze schon wieder geschlossen. In Eritrea seien nach wie vor keine Grundrechte wie Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit gültig, auch gebe es keine Demokratie, keine Gewaltenteilung, und die Abschaffung des Nationaldienstes sei auch nicht in Sicht. Seit einem halben Jahr sei vor allem in den sozialen Medien Widerstand zu spüren, es habe sich die „Enough is Enough“-Bewegung gegründet. Ziel (und der Slogan) der Kampagne, die von Exil-Eritreern gestartet wurde, lautet „Nein zu Diktatur, Ja zu Gerechtigkeit“. Sie will vor allem die „schweigende Mehrheit“ aufrütteln, die Angst vor Repressalien durch die Regierungspartei hat. Da die Bevölkerung in Eritrea kaum Zugang zum Internet hat, versuchte die Enough-Bewegung zuletzt auch über Flugblätter, die Einheimischen zu erreichen.

„Deutschland ist meine Heimat, mein Land“

Zerai Abraham ist 1990 mit seiner Mutter während des Befreiungskrieges nach Deutschland geflohen. Zwischen 1961 und 1991 kamen nach Angaben des Auswärtigen Amts mehr als 25.000 Eritreer nach Deutschland. Viele von ihnen sind inzwischen deutsche Staatsbürger. Zerai hat noch den eritreischen Pass. „Aber Deutschland ist meine Heimat, mein Land.“ Er will von hier aus den Menschen aus und in Eritrea helfen. So hat er unter anderem das Ubuntu-Haus in Frankfurt mitgegründet, wo Flüchtlinge als „Newcomer“ willkommen geheißen werden.

Viele von ihnen haben auf ihrem Weg viel durchgemacht. Rania Kinfe, die auch ehrenamtlich als Übersetzerin arbeitet, hört oft als erste von den Erfahrungen der Flüchtlinge: Verfolgung, Folter, Sklavenarbeit, Erpressung oder Vergewaltigung.  „Die Menschen, die das durchgemacht haben, sind eigentlich nur körperlich da, ihre Psyche ist tot.“ Zerai, der sich selbst als Sozialaktivist bezeichnet, arbeitet inzwischen an einem neuen Projekt: einer App für „Missing People“. Denn so viele Leute verschwinden, nicht nur auf der Flucht, sondern auch in ihren Heimatländern. Die App soll helfen, sie wiederzufinden.

Obwohl sie alle die Entwicklungen in Eritrea unterschiedlich sehen, wollen die Exil-Eritreer vor allem, dass es ihren Angehörigen und Freunden in der Heimat besser geht. Auch sie sollen die Grundrechte haben, die die Eritreer in der Diaspora genießen. „Wir alle wünschen uns die Verfassung und eine prosperierende Wirtschaft“, sagt Fithawie Habte. Er fordert von der internationalen Gemeinschaft eine faire Behandlung der Regierung und dass sie sich die verschiedenen Perspektiven anhört. Yonas Babacan appelliert an jeden Einzelnen: „Wir alle tragen die Verantwortung für das, was in Eritrea passiert.“

erschienen in Ausgabe 11 / 2019: Aufbruch am Horn von Afrika

Kommentare

Verehrter Herr Babacan,
wie grotesk, dich auf die eritreische Ehrentribüne zu stellen und an Eritreer zu appellieren.
Wann hast du jemals für Eritrea etwas beigetragen? Als die Kinder der Befreier an der Front die Souveränität mit dem Leben verteidigten, kamst du durch die Hintertür, um Geld zu machen. Du willst uns eine Moralpredigt halten über Menschenrechte?
Dass in Eritrea nicht alles richtig läuft, ist bekannt, aber den wahren Ursachen dafür dürfen wir uns nicht verschließen und auch nicht als Sprungbrett für eine GmbH Missbrauchen!

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