„Männer betrachten Frauen als Besitz“

Im äußersten Norden von Kamerun haben Mädchen und Frauen noch immer wenig Chancen auf eine Ausbildung und ein selbstständiges Leben. Sie werden früh verheiratet, die Männer betrachten sie als Besitz, nicht als Partnerin. Die Frauenorganisation „Avenir Femme“ unterstützt Frauen dabei, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Doch es dauert lange, die Traditionen zu verändern, sagt die Vorsitzende des Verwaltungsrates der Organisation, Elisabeth Moussa Tchitoya.

Sie arbeiten in Maroua im Norden Kameruns – in der ärmsten Provinz des Landes, die mehrheitlich islamisch ist. Wie leben Frauen dort?

Die Frauen werden sehr jung verheiratet, oft schon zwischen 11 und 13 Jahren. Nach der Tradition will die Familie das Mädchen aus dem Haus haben, bevor sie ihre Regel bekommt. Denn sie könnte unehelich schwanger werden und das ist eine Schande für die Familie. Oft werden sie dann aber nach zwei oder drei Jahren von ihren Männern verjagt. Dann sitzen sie auf der Straße, weil ihre Eltern sie nicht wieder aufnehmen wollen. Viele von ihnen verdienen mit Prostitution ihr Geld.

Ist es immer noch üblich, dass Männer mehrere Frauen haben?

Ja. Drei oder vier Frauen leben zusammen in einem Haus und ohne Genehmigung ihres Ehemannes dürfen sie nicht auf die Straße gehen. Männer betrachten Frauen als Besitz, nicht als Partnerin. Sie bezahlen ja einen hohen Brautpreis. Ich bin eine Ausnahme. Mein Mann ist immer belächelt worden, weil er nur eine Frau hat. Ich konnte, obwohl ich schon verheiratet war und zwei Kinder hatte, drei Jahre in die Hauptstadt Yaoundé gehen und dort studieren.

Ist es schwierig für Frauen, zu studieren?

Die Situation ändert sich, aber sehr langsam. Jetzt gibt es in Maroua eine pädagogische Hochschule und wir hoffen, dass das die Chancen für Frauen verbessert.

Welche Möglichkeiten haben Mädchen, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen?

Die Regierung setzt sich sehr dafür ein, dass auch Mädchen eine Schulbildung erhalten. Viele von ihnen beginnen mit der Grundschule. Aber wenn sie dann die Pubertät erreicht haben, werden sie verheiratet und damit ist der Schulbesuch beendet. Zahlreiche  Frauen in Nordkamerun können nicht einmal lesen und schreiben.  

„Avenir Femme“ bietet eine Ausbildung für Frauen und Mädchen an. Was lernen sie bei Ihnen?

Zum einen können sie einen staatlich anerkannten Grundschulabschluss erwerben. Zum anderen können sie eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin machen. Daran schließt sich ein Praktikum an und danach können sie einen kleinen Kredit erhalten, um ein Atelier zu eröffnen. Seit unserer Gründung 1995 haben wir insgesamt mehr als zweitausend Mädchen und Frauen ausgebildet. Die Nachfrage ist groß, wir haben mehr Bewerberinnen als Plätze.

Gelingt es vielen Absolventinnen, sich selbstständig zu machen?

Manche eröffnen ein Atelier auf dem Markt, aber das ist teuer und deshalb bleiben andere lieber zuhause und schneidern dort für die Familie, für Verwandte und Nachbarn. Wenn sich eine Frau selbstständig macht, muss sie Miete, Steuern und Gehalt für den Nachtwächter bezahlen, vielleicht auch Löhne für Mitarbeiterinnen. Das ist eine knappe Kalkulation. Aber gleichzeitig stärkt es das Selbstbewusstsein der Frauen. Oft ist es ihnen lieber, weniger zu verdienen und dafür unter Leuten zu sein.

Wie reagieren denn die Väter, wenn ihre Töchter selbstständiger werden?

Manche Väter sind zunächst dagegen, und man muss sie erst überzeugen, dass eine Ausbildung für ihre Töchter wichtig ist. Aber wenn sie sehen, dass die Töchter danach ein Einkommen nach Hause bringen, sind sie zufrieden. Als „Avenir Femme“ gegründet wurde, sagten die Männer, diese Frauen wollen die Gesellschaft verderben. Aber inzwischen kommen am Anfang des Schuljahres viele Väter und bitten um einen Platz für ihre Tochter.

Wenn Frauen jung verheiratet werden, bekommen sie meist auch sehr früh Kinder. Welche Möglichkeiten haben sie zur Familienplanung?

Jedes Krankenhaus hat ein Büro für Familienplanung. Aber die Nachfrage ist nicht hoch. Die Frauen brauchen die Genehmigung ihrer Männer, um dort hinzugehen. Sie dürfen nicht allein entscheiden, dass sie kein Kind bekommen wollen. Wenn sie heimlich verhüten und der Mann kommt dahinter, gibt es Streit. Bei „Avenir Femme“ bieten wir in der Schule Sexualerziehung an. Seit wir auch HIV/Aids-Arbeit machen, ist das einfacher geworden. Da muss man über das Sexualverhalten sprechen und die Offenheit ist größer. Wir nutzen die Beratung, um Sexualkunde zu integrieren. Weil viele Mädchen Analphabetinnen sind, wissen sie wenig über ihren Körper.

Etwa fünf Prozent der 15- bis 49-Jährigen in Kamerun sind mit dem HI-Virus infiziert. Ist die Krankheit immer noch ein großes Tabu?

Die Menschen sind durch die Medien und viele Hilfsorganisationen besser informiert und werden offener für das Thema. Aber sie haben Angst vor Ausgrenzung. Sie fürchten, dass ihre Familie, Nachbarn und Freunde sie aufgeben, wenn sie hören, dass sie HIV-positiv oder aidskrank sind.

Was kann man dagegen tun?

Unsere Selbsthilfegruppen tragen dazu bei, dass sich langsam etwas bewegt. In einer Gruppe war eine Frau, die einen kleinen Verkaufsstand hat. Jemand schrieb an ihre Hauswand, dass sie aidskrank ist. Daraufhin wollte niemand mehr bei ihr einkaufen. Die Selbsthilfegruppe hat den Mann angezeigt, der das getan hatte, und er musste die Wand wieder säubern. Die Leiterin unseres Aids-Büros ist selbst HIV-positiv. Damit wollen wir zeigen, dass HIV-positive und aidskranke Menschen nicht versteckt werden müssen. Sie geht sehr offen damit um. Aber auch sie fürchtet sich davor, wieder zu heiraten. Sie hat Angst, dass der Mann mit ihrer Krankheit nicht umgehen kann.

Unterstützt die Regierung den Kampf gegen Aids?

Es gibt zahlreiche staatliche Aids-Programme. Dafür steht viel Geld zur Verfügung. Aber wenn es nicht von Basisorganisationen verwaltet wird, kommt es nicht immer bei den Kranken an. Vor einem Jahr haben wir eine Million CFA-Franc (etwa 1530 Euro) bei der Regierung für ein kleines Aids-Projekt beantragt. Wir haben die Hälfte erhalten und dann unseren Zwischenbericht vorgelegt, um die andere Hälfte zu bekommen. Bis heute warten wir auf das Geld. Keine Ahnung, wo es geblieben ist. Von Partnern wie „Brot für die Welt“ bekommen wir die Mittel direkt. Damit können wir viel besser planen. In  Kamerun sind die Aids-Medikamente aufgrund der Hilfe vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria umsonst erhältlich. Wegen der Weltwirtschaftskrise gehen allerdings die Vorräte in Nordkamerun zur Neige und der Nachschub aus dem Süden bleibt aus.

Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.

Elisabeth Moussa Tchitoya arbeitet im Erziehungsministerium Kameruns. Die Pädagogin ist ehrenamtliche Vorsitzende des Verwaltungsrates der Frauen­organisation „Avenir Femme“, die von „Brot für die Welt“ gefördert wird.

erschienen in Ausgabe 10 / 2009: Homosexualität: Akzeptiert, verdrängt, verboten