Politische Unruhen
Politische Unruhen

Fragiler Frieden in Äthiopien

Bei Unruhen sind in Äthiopien Ende Oktober fast 90 Menschen ums Leben gekommen. Schnell war von ethnischen und religiösen Konflikten die Rede. Gegen diese Lesart verwahrt sich Premierminister Abiy Ahmed, doch von der äthiopisch-orthodoxen Kirche kommt Gegenwind.

Der Auslöser der Unruhen war ein Konflikt zwischen Premierminister Abiy Ahmed und dem einflussreichen Medienunternehmer Jawar Mohammed. Abiy hatte Jawar – ohne ihn beim Namen zu nennen – in einer Rede vorgeworfen, Unruhe zu stiften, indem er Vorrechte für seine eigene Volksgruppe, die Oromo, fordere. „Wir haben versucht, geduldig zu bleiben. Aber wenn es dazu führt, den Frieden und die Existenz Äthiopiens zu unterminieren, werden wir Maßnahmen ergreifen“, sagte Abiy, der selbst Oromo ist, vor dem Parlament.

Vor allem junge Oromo feiern Jawar Mohammed als ihren Helden; allein auf Facebook hat er mehr als 1,7 Millionen Follower. Jawar verstand die Aussagen Abiys als Drohung und postete, dass der Staatsapparat etwas gegen ihn plane und seine Sicherheit gefährdet sei. Als sich kurz darauf Polizei in der Nähe seines Hauses versammelte, umstellten zahlreiche Demonstranten das Gebäude, um Jawar zu schützen. In Windeseile weiteten sich die Proteste aus, Befürworter und Gegner von Abiys Politik prallten in mehreren Städten aufeinander. Am Ende waren 86 Menschen tot, Hunderte verletzt und mehr als 400 Menschen wurden festgenommen.

Dass auch Kirchen und Moscheen angezündet wurden, sieht Abiy als einen Hinweis darauf, dass bewusst ethnische und religiöse Ressentiments geschürt werden sollten. „Es gibt Versuche, die derzeitige Krise als eine ethnische und religiöse Krise darzustellen“, sagte der Premierminister.

Das kann sich auch Teshome Fikre vorstellen, der Generalsekretär der katholischen äthio­pischen Bischofskonferenz. Dass solche Proteste gerade in einem Moment aufbrachen, in dem ein führender äthiopischer Politiker international für seine Friedensarbeit gewürdigt werde, habe ihn überrascht, sagte er im Interview mit Radio Vatikan. „Natürlich sind in der Politik nicht immer alle einer Meinung, aber die Mehrheit des Landes steht doch auf der Seite des Premierministers und unterstützt seine Maßnahmen!“

Indes macht die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche dem diesjährigen Friedensnobelpreisträger schwere Vorwürfe. Nach Angaben der Kirche, zu der rund 40 Prozent der Bevölkerung gehören und die vor allem aus Mitgliedern der Amharen und der Tigray besteht, sollen mehr als die Hälfte der Opfer orthodoxe Christen gewesen sein. Die Regierung schütze die Gläubigen unzureichend und habe zu zögerlich auf die religiösen und ethnischen Spannungen reagiert, sagte Markos Gebre-Egziabher, ein führendes Mitglied der Tewahedo-Kirche, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP in Addis Abeba. „Menschen sterben und es kommt die Frage auf, ob die Regierung überhaupt existiert. Die Menschen verlieren alle Hoffnung.“

Laut dem Internal Displacement Monitoring Center sind derzeit in Äthiopien als Folge ethnisch motivierter Gewalt fast drei Millionen Menschen im Land auf der Flucht.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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