Konferenz in Nigeria
Ein traditioneller Heiler im Dorf Magbumoh in Sierra Leone befreit einen unter einem Tuch verborgenen Mann von einem Fluch.
Konferenz in Nigeria

Über Hexerei redet man nicht

Eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema Hexerei hat Ende November in Nigeria zu wochenlangen Diskussionen geführt. Vor allem christliche Gruppen forderten, sie abzusagen. Fachleute weisen darauf hin, wie heikel das Thema in Afrika ist – was auch die westliche Entwicklungshilfe berücksichtigen sollte.

Die Angst, mit einem Zauber belegt zu werden oder gar selbst der Hexerei beschuldigt zu werden, ist in vielen Ländern Afrikas in allen Bevölkerungsschichten weit verbreitet. Ende November fand an der Nsukka-Universität im Südosten Nigerias eine zweitägige Fachkonferenz zu diesem Thema statt. Der Veranstalter, das Zentrum für politische Studien und Forschungen, wollte „die Hexerei und ihre zugrunde liegenden Prinzipien verständlich machen“ und zeigen, welche Auswirkungen sie „auf das menschliche Leben, die Gesellschaft und den Fortschritt“ hat.

Doch kaum wurde bekannt, dass sich dort nicht nur Fachleute, sondern auch Personen treffen wollten, die selbst Magie praktizieren oder schon einmal der Zauberei beschuldigt wurden, brach ein Sturm der Entrüstung los – erst in den lokalen Medien, dann unter Studierenden, die ihre Universität bereits an Hexen und Zauberer übergeben sahen. Auch der regionale Zweig der Christian Association of Nigeria (CAN), ein Dachverband verschiedener Kirchen, schaltete sich ein; die Pentecostal Fellowship, in der 82 Pfingstkirchen in Nigeria organisiert sind, forderte, die Tagung abzusagen. Über Tage und Wochen berichteten nigerianische Medien immer wieder von der bevorstehenden Tagung.

Erst als die Universität den Namen von „Internationale Konferenz zu Hexerei“ in „Internationale und Interdisziplinäre Konferenz über Dimensionen menschlichen Verhaltens“ änderte, konnte sie stattfinden. Die Organisatoren legten außerdem die Eröffnungszeremonie in die Hände eines katholischen Priesters, der zusammen mit dem Chor der Universitätsgemeinde und allen Beteiligten einen Gottesdienst feierte.

Die Konferenz sei ein gutes Beispiel dafür, wie heikel das Thema in Afrika ist, sagt Claudia Währisch-Oblau, Leiterin der Abteilung Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. Sie forscht seit Jahren zum kirchlichen Umgang mit dem Hexenglauben. „Neutral kann man darüber nicht reden, auch in den Kirchen nicht. Viele fürchten, dass allein das Sprechen über Hexerei bereits den bösen Kräften Macht über einen gibt.“

Wenn Menschen an Dämonen glauben, hat das Auswirkungen

Das bestätigt auch Judith Bachmann, die an der Uni Heidelberg zum Thema Hexenglauben in Nigeria promoviert hat. „Hexerei ist ein Reizwort, das insbesondere in den Medien große Aufmerksamkeit bekommt“, sagt sie. Sobald man aber einzelne Leute zu ihren Erfahrungen befrage, verstummten sie aus Angst, sie könnten sich anfällig für Zauber und Magie machen oder verdächtigt werden, selbst Hexen zu sein, berichtet sie von ihrer Feldforschung. Über die sozialen Medien habe sie die Aufregung um die Konferenz mitbekommen. „Manche waren total dagegen, andere wiederum sprachen sich dafür aus, das Thema als Teil des traditionellen afrikanischen Wissens zu betrachten, über das man sich informieren und mit dem man umzugehen lernen müsse“, sagt sie.

Eine akademische Auseinandersetzung und Aufarbeitung sei wichtig, denn viele Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Lynchmord würden im Rahmen von Hexenglauben verübt. Schnell würden Außenseiter in der Gesellschaft oder auch alte Frauen für Missernten, Krankheit oder sonstiges Unglück verantwortlich gemacht und der Hexerei beschuldigt.

Bachmann gibt aber zu bedenken, dass sich auch der aufgeklärte Westen mit seinen Klischees auseinandersetzen müsse. „Wir tun das gerne als Aberglaube ab und wollen uns damit nicht weiter beschäftigen“, sagt die Theologin. „Um zu Lösungen zu kommen, müssen wir aber die Menschen in ihrer Realität ernst nehmen.“ Wenn jemand glaube, verhext zu sein, helfe es wenig, ihm zu sagen, dass sei nur Aberglaube, sagt Bachmann.

Das sieht auch Währisch-Oblau so. „Wenn Menschen an Dämonen glauben, hat das sehr wohl Auswirkungen auf ihre Lebenswirklichkeit“, sagt sie und nennt den Kampf gegen Ebola als Beispiel:  Wenn viele Menschen in den betroffenen Gebieten davon ausgingen, dass hinter Ebola ein böser Zauber stecke, dürften westliche Hilfsorganisationen das nicht einfach als Aberglaube abtun. Das bedeute zum Beispiel, sich mit der spirituellen Dimension von Hexerei auseinanderzusetzen. „Theologisch kann das heißen, den Menschen zu erklären, dass Jesus stärker ist als all die Dämonen“, sagt Währisch-Oblau. Erst aus der Sicherheit eines gefestigten Glaubens heraus könne ein tief verwurzeltes Phänomen wie der Hexenglaube dekonstruiert werden.

erschienen in Ausgabe 2 / 2020: Meinungs- und Pressefreiheit

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