Gewalt gegen Christen in Nigeria
Gewalt gegen Christen in Nigeria

Das Vertrauen zur Regierung schwinde

Seit Dezember häufen sich die Angriffe von Boko Haram und anderen Terrorgruppen auf Christen im Nordosten von Nigeria. Nationale und internationale Kirchenverbände üben heftige Kritik an der Regierung von Präsident Muhammadu Buhari. Der wiegelt ab.

Im Dezember wurden elf Christen im Bundesstaat Borno von Boko Haram hingerichtet. Anfang Januar wurden vier katholische Priesteranwärter entführt, drei später entlassen und einer schließlich ermordet. Außerdem veröffentlichte der „Islamische Staat“ in der Provinz Westafrika (ISWAP), der mit Boko Haram in Verbindung steht, ein Video, auf dem die Ermordung eines jungen Christen gezeigt wird.

Das meiste Aufsehen erregte aber der Fall von Lawan Andimi, Pfarrer der Evangelischen Kirche der Geschwister (EYN), den Dschihadisten am 3. Januar bei einem Angriff auf die Provinzstadt Michika im Bundesstaat Adawama entführten. Andimi, der auch Regionalpräsident des nationalen Kirchenverbands Christian Association of Nigeria (CAN) war, hatte in einem Video den Provinzgouverneur noch um Hilfe gebeten. Doch am 20. Januar enthaupteten ihn seine Geiselnehmer vor laufender Kamera. Unklar ist, ob Andimi allein wegen seines Glaubens umgebracht wurde, wie es in christlichen Medien seither heißt, oder weil das Lösegeld nicht gezahlt wurde.

Schwere Vorwürfe erhebt nun CAN gegen den nigerianischen Präsidenten Buhari und seine Regierung. Die Kirche habe alles getan, was in ihrer Macht steht, um Andimi sicher zu befreien. Es sei aber unmöglich gewesen, weil sie nicht die militärische Stärke dazu habe, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands. Auch Amnesty International in Nigeria fordert, die nigerianischen Sicherheitskräfte müssten ihre Bemühungen verdoppeln, um die Hunderten von Boko Haram entführten Zivilisten zu befreien und die Täter vor Gericht zu bringen. Buhari hingegen erklärte, Boko Haram sei geschwächt, weil die Gruppe in verschiedene rivalisierende Gruppen zersplittert sei. „Zusammen mit britischer und amerikanischer Unterstützung werden wir diesen Kampf gewinnen“, sagte der Präsident gegenüber nigerianischen Medien.

Doch das Vertrauen in die nigerianische Regierung hat mittlerweile auch international Schaden genommen. Ende Januar richteten der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und der Lutherische Weltbund (LWB) sich in einem gemeinsamen Schreiben an Buhari: „Das Vertrauen in die Entschlossenheit und Effektivität Ihrer Regierung, die nigerianischen Bürger schützen zu wollen, ist auf einen Tiefstand gesunken“, heißt es darin.

Praktisch keine Christen in der Regierung

Der ÖRK und der LWB fordern außerdem Reformen des Sicherheitsapparats: Es müsse sichergestellt werden, dass sich darin die Diversität der nigerianischen Gesellschaft widerspiegele. Der Präsident der nigerianischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Benin-City, Augustine Akubeze, sagte gegenüber dem katholischen Hilfswerk Kirche in Not: „Die Zusammensetzung der Regierung wirft Fragen auf. In einem Land, in dem 50 Prozent Christen leben, ist die Regierung zu 95 Prozent mit Muslimen aus der gleichen Ethnie wie Präsident Buhari besetzt.“

Wenig hilfreich ist unterdessen, dass besonders in christlichen Medien die Angriffe von Boko Haram in einen Topf mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Fulani-Viehhirten und christlichen Bauern geworfen werden. In diesem Konflikt hat es in den vergangenen Jahren viele Opfer gegeben – nicht nur unter Christen. Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass die muslimischen Nomaden vom Dschihadismus beeinflusst sind. Doch die Wurzeln des Konflikts liegen woanders. Durch den Klimawandel und die zunehmende Bebauung ihrer ursprünglichen Weidegebiete geraten die nomadischen Viehhirten immer mehr unter Druck. Wenn sie ihre Herden dann auf den Feldern der Bauern weiden lassen, kommt es zu Auseinandersetzungen.
 

erschienen in Ausgabe 3 / 2020: Schuften für den Weltmarkt

Neuen Kommentar schreiben