Indien
Ein Polizist registriert Anfang Mai in Hyderabad einen Wanderarbeiter, der während des Corona-Lockdowns in sein Heimatdorf will. 
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Eingesperrt im Elendsviertel

Mit einem rabiat durchgesetzten Lockdown versucht die indische Regierung, das Coronavirus einzudämmen. Unter den Folgen leiden vor allem arme Wanderarbeiter, Slumbewohner und die muslimische Minderheit des Landes.

Am Abend des 24. März verkündete der indische Premierminister Narendra Modi den weltweit größten Lockdown, um die weitere Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Den 1,3 Milliarden Einwohnern des Landes blieben nur wenige Stunden Zeit, sich darauf vorzubereiten, 21 Tage lang in ihren Wohnungen zu bleiben. Ohne diese Maßnahme, so Modi, werde das gesamte Land um 21 Jahre zurückgeworfen. Der indische Staatschef erhielt viel Applaus für dieses entschlossene Vorgehen. Doch schon bald zeigten sich ernste Folgen für weite Teile der indischen Bevölkerung. 

Da Modi im Unklaren ließ, inwieweit den Menschen freier Zugang zu lebenswichtigen Dingen bleiben würde, riskierten an diesem Abend Tausende eine Ansteckung, indem sie eiligst die Märkte aufsuchten, um sich für drei Wochen mit Lebensmitteln einzudecken. Hausangestellte und Tagelöhner sahen eine düstere Zukunft vor sich, wussten sie doch nicht, wie sie Essen und Unterkunft bezahlen sollten, sollten sie über Wochen ohne Arbeit bleiben. Die Regierung stellte eiligst klar, dass Lebensmittelgeschäfte und andere wichtige Dienstleister weiterhin geöffnet bleiben sollten. Doch da war der Schaden bereits angerichtet. 

Der Lockdown, der inzwischen bis Ende Mai verlängert wurde, stellt viele Millionen Menschen, die über kein soziales Sicherheitsnetz verfügten, vor große Probleme. Zwar konnte die Ausbreitung des Virus tatsächlich eingedämmt werden, die Maßnahme war also im entscheidenden Punkt erfolgreich. Doch sie stürzte gerade die schwächsten Menschen Indiens, darunter die Armen, die Muslime und Wanderarbeiter, in große Schwierigkeiten. 

Mit dem Fischerboot nach Haus

Unter den Wanderarbeitern löste der Lockdown Panik aus. In Großstädten wie Neu-Delhi und Mumbai leben ständig Hunderttausende Menschen vom Land, die von der Aussicht auf Arbeit angelockt werden. Ihren Lohn schicken sie meist an ihre Familien, die auf dieses Geld angewiesen sind. Durch die Massenquarantäne saßen diese Arbeitskräfte nun unvermittelt in den Städten fest; das Leben dort können sie sich ohne Arbeit jedoch nicht leisten. Ihnen fehlte aber auch das Geld, in ihre Heimat zurückzukehren. Einige Verzweifelte versuchten Ende April, mit einem Fischerboot von Chennai in Südindien nach Hause zu gelangen, blieben aber dann ohne Treibstoff auf dem offenen Meer liegen.

Menschenmassen setzten sich zu Fuß in Bewegung, um ihre Dörfer auf dem Land zu erreichen, was für viele einen Marsch über Hunderte Kilometer unter sengender Sonne bedeutete. Mehr als zwanzig Wanderarbeiter starben unterwegs. Andere erreichten ihre Heimat nicht und saßen plötzlich buchstäblich auf der Straße, weil einige Bundesstaaten die Grenzen abriegelten. Zumeist die Hauptverdiener ihrer Familie, bangten sie nun, dass ihre Kinder und Verwandten verhungern mussten. Aritra Chaudhuri, ein Aktivist aus Delhi, bestätigt: Die Wanderarbeiter sind „mittellos gestrandet, viele wurden einfach aus ihren Unterkünften geworfen“. Seine Organisation bemüht sich, ein Netzwerk zu aufzubauen, das den Menschen hilft, sich während des Lockdowns über Wasser zu halten. Dies sei angesichts schwindender Vorräte und Mittel nicht einfach, sagt er. 

Nawneet Ranjan, der eine Hilfsorganisation in Mumbai leitet, berichtet, er erhalte seit Wochen verzweifelte Anrufe von Wanderarbeitern, die Hilfe suchen. „Die Angst unter ihnen ist groß“, sagt er. Viele Wanderarbeiter können nicht lesen und schreiben und erhalten keine Informationen über den Lockdown. Viele hätten außerdem keine Lebensmittelkarten und damit keinen Anspruch auf Leistungen, sagt Ranjan. Die Armen in Indien haben Anrecht auf die Zuteilung geringer Mengen Reis und Mehl. Da die meisten Wanderarbeiter jedoch in den Städten keine feste Adresse haben, bleibt ihnen Zugang selbst zu diesen kargen Rationen verwehrt. 

Fiebermessen in Mumbais Slum Dharavi Mitte April: Abstands- und Hygieneregeln können die Bewohner hier nur schwer einhalten.Hindustan Times/Getty
Andere schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen haben ähnliche Schwierigkeiten, beispielsweise Witwen, da die Lebensmittelkarten häufig auf den Namen ihrer Ehemänner ausgestellt waren. NGOs und Freiwillige bemühen sich nach Kräften, die Menschen mit lebensnotwendigen Gütern zu versorgen. Die nun überall in der Stadt errichteten Kontrollpunkte erschweren das allerdings.

Muslimische Bevölkerung zum Sündenbock gemacht

Auch für die indischen Muslime, eine immerhin 200 Millionen Menschen zählende Minderheit, brachte die Quarantäne große Probleme. Die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen haben seit dem Jahr 2014 zugenommen, als die Bharatiya Janata Party (BJP) mit Narendra Modi als Premierminister an die Macht kam. In den vergangenen Jahren hat die hinduistisch-nationalistische Regierung eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die speziell Muslime benachteiligen. Kaum jemand war überrascht, als die Regierung nur wenige Tage nach Inkrafttreten des Lockdowns die muslimische Bevölkerung zum Sündenbock für die Verbreitung des Coronavirus in Indien machte.

Vor der landesweiten Abriegelung hatte eine muslimische Missionsorganisation namens Tablighi Jamaat in Neu-Delhi eine seit mehr als einem Jahr geplante Veranstaltung abgehalten. Tausende von Menschen aus ganz Indien und Südasien waren vom 8. bis 10. März in die Hauptstadt gekommen, um anschließend wie vorgesehen zu Missionsreisen ins ländliche Indien aufzubrechen. Bedauerlicherweise haben sich einige Teilnehmer dieses Treffens mit dem neuen Virus angesteckt und es dann unwissentlich in siebzehn indische Bundesstaaten getragen.

Autorin

Namrata Kolachalam

ist Autorin und lebt in Mumbai, Indien. Von 2011 bis 2016 arbeitete sie im Kommunikationsbüro des Weißen Hauses unter Präsident Barack Obama.
Ende März brach ein Sturm in den sozialen Medien los. Politiker der BJP und Journalisten behaupteten, dass Mitglieder von Tablighi Jamaat das neue Coronavirus absichtlich in ganz Indien verbreitet hätten. Hashtags wie #coronajihad und #TablighiJamaatVirus waren tagelang im Trend, Fake News grassierten – darunter ein gefälschtes virales Video, das angeblich zeigte, wie muslimische Männer vorsätzlich Menschen anniesen, um das Virus zu verbreiten. Tablighi Jamaat, eine friedliche Organisation, die seit fast 100 Jahren besteht und in 150 Ländern aktiv ist, wurde urplötzlich mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht, obwohl zahlreiche andere religiöse Gruppierungen, politische Parteien und Privatpersonen zur selben Zeit ebenfalls Großversammlungen abhielten. So führte zum Beispiel ein Begräbnis im Bundesstaat Madhya Pradesh dazu, dass anschließend 25.000 Menschen unter Quarantäne gestellt wurden. Eine Veranstaltung bei einem religiösen Sikh-Fest im Punjab hatte zur Folge, dass sich 40.000 Menschen isolieren mussten, und Hindu-Tempel zählten in den Tagen der Versammlung von Tablighi Jamaat vielerorts mehr als 10.000 Besucher.

Rubaid Bhojani, ein Mitglied von Tablighi Jamaat, sagt, die Regierung habe ihre Veranstaltung in Delhi ins Visier genommen, um von ihrem eigenen Versagen bei der geordneten Durchführung des Lockdowns und der Unterstützung der Wanderarbeiter abzulenken: „Die Menschen haben vom ersten Tag an gelitten. Der Regierung fiel nichts ein, um die Aufmerksamkeit von ihrem Fehlverhalten abzulenken.“

Muslime im ganzen Land bekamen die zunehmende Islamophobie zu spüren. In Nordindien wurden Familien aus ihren Häusern gejagt und gezwungen, an einem Fluss zu kampieren, nachdem Nachbarn ihnen vorgeworfen hatten, sie seien „schmutzig“ und verbreiteten das Coronavirus. Ein Teeverkäufer beging Suizid, nachdem seine Gemeinde ihn wegen seiner Verbindungen zu Tablighi Jamaat boykottiert hatte. Nandini Sundar, Soziologieprofessorin an der Delhi School of Economics, meint: „Es geht überhaupt nicht um das Virus. Hier sollen gezielt Gemeinschaften verteufelt werden.“

Polizeidrohnen überwachen Armenviertel

Der Lockdown beeinträchtigte verschiedene Gruppen auf unterschiedliche Weise. Am schlimmsten traf er die Armen in den Städten, deren ohnehin prekäre Lage sich durch einen Mangel an angemessener Infrastruktur und Unterstützung noch verschärfte. Dharavi im Herzen von Mumbai ist der größte Slum Asiens. Hier leben in zentraler Lage mehr als eine Million Menschen auf engstem Raum, die seit dem Lockdown um ihr Überleben kämpfen.

Die Bewohner Dharavis leisten als Tagelöhner und Hausangestellte wichtige Arbeit für die gesamte Stadt und tragen jedes Jahr eine Milliarde Dollar zur Wirtschaft bei. Die Betriebe von Dharavi recyceln den größten Teil der Kunststoffabfälle von Mumbai und stellen hochwertige Lederprodukte her. Trotz der wirtschaftlichen Bedeutung Dharavis tut die Stadtverwaltung nichts zur Verbesserung der Infrastruktur oder zur Versorgung der Bewohner mit Trinkwasser und Lebensmitteln. Dort waren während des Lockdowns Familien mit sechs bis acht Personen auf zehn Quadratmetern eingesperrt und wurden drangsaliert, sobald sie auch nur den Kopf aus der Tür steckten.

Ein Bewohner, der anonym bleiben möchte, berichtete Ende April, er höre ständig Polizeidrohnen über seinem Kopf, die Ausschau halten, ob sich jemand aus seiner Behausung wagt. Wenn die Drohnen jemanden erspähen, schwärme die Polizei aus und prügele auf ihn ein. Dabei verlassen die Bewohner von Dharavi ihre Häuser häufig nur, weil es dort während der heißen Jahreszeit nicht auszuhalten ist. „Räumliche Distanzierung ist unmöglich“, meint der Bewohner von Dharavi. Die Menschen strömen jeden Morgen in Scharen zu den Märkten, um Lebensmittel zu kaufen, und die Mehrheit muss sich mit Gemeinschaftstoiletten begnügen.

Keine ausgeprägte Angst vor Covid-19

Janna Pujari, die in Dharavi lebt, meint, Abstandsregeln seien auch deshalb schwer durchzusetzen, weil das Virus bei all den Problemen manchen nicht als die größte Bedrohung erscheint. Schließlich fürchten viele den Hungertod. Und da in Dharavi auch Tuberkulose, Malaria und andere Infektionskrankheiten grassieren, „haben die Menschen keine ausgeprägte Angst vor Covid-19, weil sie ohnehin ständig in Gefahr sind, sich mit irgendwas anzustecken“.

Dennoch versuchen die Menschen in Dharavi, sich ihren Gemeinschaftssinn zu bewahren. Oft spenden sie einen Teil ihrer eigenen bescheidenen Hilfsrationen an andere, oder sie spielen abends gemeinsam Karten. Einige Lehrer tun ihr Bestes, um ihre Schüler zu beschäftigen. Mallika, eine Frau in den Dreißigern, unterrichtet ihre Klassen per Telefon, ruft die Schülerinnen und Schüler täglich an, verteilt Aufgaben und gibt ihnen ausführlich Rückmeldung. Die Kinder „haben Schwierigkeiten, weil viele ihrer Eltern Arbeiter sind und ihre Betriebe geschlossen sind“, sagt sie. Manche Familien erhalten Unterstützung durch NGOs, von der Regierung kommt hingegen kaum etwas.

Wegen der hohen Bevölkerungsdichte in Dharavi bemüht sich die Verwaltung dort mehr als anderswo, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es wurden fünf „rote Zonen“ ausgewiesen, in denen die Bewohner ihre Häuser nicht einmal zum Einkaufen verlassen dürfen, sondern Lieferungen an die Tür erhalten. Und Zehntausende Menschen werden mit Temperaturmessgeräten überwacht.

Der Lockdown hat Orte wie Dharavi sehr stark getroffen, während wohlhabendere Viertel und Regionen von den nachteiligen Auswirkungen mehr oder weniger verschont blieben. Aus diesem Grund ist Amal de Chickera vom Institut für Staatenlosigkeit und Inklusion in den Niederlanden, „zutiefst besorgt, dass Indien aus dieser Krise gespaltener und ungleicher denn je hervorgehen wird und die Bevölkerungsgruppe der Rechtlosen und an den Rand gedrängten Staatenlosen noch weiter wächst“.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

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