Eurozentrismus
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Die hässlichen Bilder von Afrika

Corona ist der Untergang Afrikas? In solchen überheblichen Kommentaren zeigt sich der typisch weiße Blick auf den Kontinent, meint Tillmann Elliesen.

Tillmann Elliesen ist Redakteur bei "welt-sichten".
Im April warb das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen mit Bildern von schreienden unterernährten Kindern aus Südsudan und Äthiopien auf Facebook und in anderen sozialen Medien um Spenden. Das Coronavirus gefährde die Versorgung von fast 100 Millionen hungrigen Menschen, hieß es in der Kampagne. Internetnutzer kritisierten das heftig, so dass das WFP die Kampagne stoppte und die Fotos löschte.

Es ist bedrückend, dass bis heute das Bild des hungernden Kindes dafür herhalten muss, um auf echte oder nur eingebildete Missstände in Afrika hinzuweisen. Hinzu kommen die hässlichen Bilder im Kopf, die manche Medien, Politiker oder der guten Sache verpflichtete Menschen im reichen Norden mit ihren Kommentaren erzeugen. Diese Bilder haben seit Beginn der Pandemie einmal mehr Konjunktur und verbreiten sich genauso schnell wie das Virus selbst.

Ene Mischung aus Überheblichkeit und Helfersyndrom

Anfang April sagte die Philanthropin Melinda Gates in einem Fernsehinterview, als Folge von Corona würden wir in Ländern Afrikas Leichen auf den Straßen sehen. Der britische Tory-Politiker und ehemalige Einwanderungsminister Mark Harper schrieb in einem Artikel, das Virus könne zum „Zerfall von Afrikas Gesellschaftssystem“ führen. Das wäre auch für den Westen katastrophal, da es eine „weitere Welle der Masseneinwanderung“ zur Folge haben könnte. Ähnlich klang das bei Entwicklungsminister Gerd Müller Anfang Juni: Europa dürfe nicht warten, „bis ganze Staaten zusammenbrechen und es zu Unruhen und unkontrollierbaren Fluchtbewegungen kommt“, warnte Müller in einem Interview mit Blick auf die Pandemie in Afrika.

Letztlich läuft es immer auf ein und dasselbe Bild hinaus: Wenn eine Krise anderswo schon schlimm ist, dann droht in Afrika die Apokalypse – und zwar „in Afrika“, nicht etwa in dem einen oder anderen der insgesamt 55 Länder des Kontinents. Das ist der typische weiße Blick: undifferenziert und gespeist aus einer Mischung aus Unwissenheit, Überheblichkeit und Helfersyndrom. 

In Afrika verläuft die Pandemie bislang vergleichsweise glimpflich

Meistens ist er falsch. Zwar weiß niemand, wie die Pandemie sich entwickelt, aber laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie in Afrika bis Mitte Juni vergleichsweise glimpflich verlaufen. Die WHO erklärt das unter anderem mit der schnellen und konsequenten Reaktion vieler Regierungen und mit der Erfahrung, die etliche Länder Afrikas im Umgang mit Gesundheitskrisen mitbringen.

Erfreulich ist, dass afrikanische Kommentatoren zunehmend genervt reagieren und die falschen Bilder korrigieren. Wird Corona etwas Gutes bringen? Vielleicht, dass in Afrika die Apokalypse ausbleibt und in der nächsten Krise der Blick etwas differenzierter ausfällt.

erschienen in Ausgabe 7 / 2020: Der Plan für die Zukunft?

Kommentare

Sehr geehrter Herr Elliesen, ganz allgemein gesehen stimme ich Ihrer Kritik daran, wie die Welt Afrika sieht, vollkommen zu. Aus meiner Beobachtung heraus ist Deutschland in diesem Zusammenhang ein sehr schlechtes Beispiel, in dem Sinne, dass das Verständnis von Afrika in Deutschland weit an der Realität vorbeigeht.
Hinsichtlich Corona bin ich nicht ganz so optimistisch. Ich denke, dass wir im Moment noch nicht wirklich sagen können wieviele an Corona erkrankt sind oder erkranken werden, weil zu viele Dinge, die in anderen Regionen der Welt gemessen werden, in Afrika nicht erfasst worden sind. Der größte Teil der Bevölkerung wird gar nicht getestet, wer stirbt wird nicht obduziert, wer den geringsten Anflug von Corona hat, wird vermutlich sehr schnell einen Malariaanfall entwickeln und evtl. an dem sterben. Ich denke es ist noch zu früh, um sagen zu können welchen Effekt Corona auf afrikanische Länder hat.

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