Fünf Fragen
Fünf Fragen

"Staatliche Zensur verschärft"

"Wir arbeiten, um uns abzuschaffen", sagt Mohammed Chahrour, Nothilfereferent bei "Reporter ohne Grenzen", und spricht im Kurzinterview über die Repressalien gegen Journalisten weltweit.

 Mohammed Chahrour ist Nothilfereferent der Menschenrechtsorgani­sation Reporter ohne Grenzen.privat
Was beschäftigt Sie gerade am meisten?
Wir haben im Moment viele Nothilfeanfragen aus Belarus: Von bedrohten Journalisten, die noch im Land sind und dringend ausreisen müssten, aber auch von solchen, die vorerst im Ausland, etwa in Polen oder Georgien, aber auch in Deutschland untergekommen sind. Wir unterstützen sie zum Beispiel beim Visa­prozess, aber wir stellen auch Kontakte her, etwa wenn es darum geht, journalistische Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der Heimat zu finden und längerfristig ein Netzwerk von Exiljournalisten zu schaffen. Wir helfen denen, die vor dem Lukaschenko-Regime fliehen, ebenso wie bedrohten Journalisten aus anderen Weltregionen.

Kommen Sie selbst aus dem Medienbereich?
Nein, ich bin Sozialwissenschaftler. Viele, die bei uns mitarbeiten, kommen aus nicht-journalistischen Berufen.  

Wie haben Sie zu Reporter ohne Grenzen gefunden?
Ich habe dort während meines Studiums an der Berliner Humboldt-Universität ein Praktikum gemacht und dann Ende 2015 in einem Fall ehrenamtlich mitgeholfen, indem ich unter anderem Dokumente übersetzt habe. Kurz darauf wurde eine Stelle im Nothilfereferat frei, und ich schloss mich hauptberuflich an. Das ist jetzt fünf Jahre her. 

Wie hat sich die Corona-Krise auf den Journalismus ausgewirkt?
Viele autoritäre Regime haben die Schutzmaßnahmen genutzt, um die staatliche Zensur zu verschärfen und bürgerliche Freiheiten noch weiter einzuschränken. Bedrohte Journalisten hatten es angesichts geschlossener Grenzen noch schwerer, aus ihren Heimatländern zu fliehen. Wir von Reporter ohne Grenzen arbeiten ja eigentlich, um uns abzuschaffen – aber diesen Idealzustand werden wir wahrscheinlich nie erreichen.

Es gibt aber auch Länder, in denen die Bedrohungslage besser geworden ist, oder?
Ja, im letzten Jahr beispielsweise in Burundi, Sierra Leone und Mali. Aber das sind meist nur kurzfristige Entwicklungen. Wir wissen: Sobald wieder autoritäre Kräfte an die Macht kommen, geraten Journalisten erneut in Lebensgefahr. Als sich abzeichnete, dass in Afghanistan die Taliban vormarschieren, und auch als bei der Präsidentschaftswahl im Iran die Hardliner siegten, wussten wir, dass viele afghanische und iranische Journalisten unsere Solidarität brauchen würden. 

Das Gespräch führte Barbara Erbe.

erschienen in Ausgabe 12 / 2021: Das Spiel der großen Mächte

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