Chemische Pflanzenschutzmittel
 Das Bayer-Werk am Rhein in Leverkusen produziert auch nachts. Der Chemiekonzern ist nach BASF der zweitgrößte in Deutschland.

Rubert Oberhäuser/ picture alliance

Chemische Pflanzenschutzmittel

Streit um gefährliche Pestizide

Soll man den Export von Pestiziden verbieten, die in Europa nicht zugelassen sind? Wird Bayer beim Vertrieb dieser Stoffe seiner Verantwortung gerecht? Und wie nötig sind chemische Pflanzenschutzmittel für die Welternährung? Das diskutieren eine Kritikerin des Bayer-Konzerns und ein Vertreter des Unternehmens.

 Klaus Kunz ist Chemiker und bei Bayer zuständig für Sustainability and Business Stewardship, darunter für die sichere Anwendung der Produkte von Bayer.Detlev Schilke/detschilke.de

Herr Kunz, in der Studie „Doppelstandards und Ackergifte von Bayer und BASF“ heißt es, dass Bayer in Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas Pestizid-Wirkstoffe vertreibt, die in der EU nicht mehr zugelassen sind. Stimmt das?
Kunz: Das trifft auf eine immer kleinere Zahl von Wirkstoffen zu. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens gibt es Wirkstoffe, die man in der Landwirtschaft in Europa einfach nicht braucht, unter tropischen Bedingungen aber schon. Zweitens sind manche Stoffe in Europa nur deshalb nicht mehr zugelassen, weil wir die Verlängerung der Zulassung aus wirtschaftlichen Gründen nicht beantragt haben. Und dann gibt es einige sehr wenige Wirkstoffe, denen die EU die Zulassung verweigert oder entzogen hat, die aber in anderen Ländern noch vertrieben werden, da sie unter den dortigen agronomischen Bedingungen benötigt werden.

 

 Lena Luig ist Referentin für globale Landwirtschaft und Welternährung beim Inkota-Netzwerk und Mit­autorin der Studie „Doppelstandards und Ackergifte von Bayer und BASF“.Detlev Schilke/detschilke.de
Frau Luig, wie viele Wirkstoffe, die Bayer exportiert, finden Sie problematisch?
Luig: Am problematischsten sind Wirkstoffe, die nachweislich gesundheitsschädlich sind und deshalb in der EU nicht mehr genehmigt sind. Dazu zählen mindestens zwei, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als für Menschen akut giftig einstuft und die Bayer weiter im globalen Süden vermarktet, und ein weiterer derselben Kategorie, den Bayer herstellt und ein anderes Unternehmen in Brasilien vermarktet. Wir haben Anfang 2021 noch Produkte mit einem hochgiftigen Wirkstoff auf der Website von Bayer in Australien und Neuseeland gefunden.
Kunz: Das haben wir inzwischen geändert. Die Produkte waren zwar noch auf der Website zu sehen, konnten aber über unser System nicht mehr bestellt werden. 
Luig: Das freut mich. Es ist aber schade, dass dazu erst Druck von zivilgesellschaftlichen Gruppen nötig ist. Bayer selbst hat 2013 gesagt, dass sie die akut giftigen Stoffe, das sind die der WHO-Kategorie 1A und 1B, aus dem Angebot nehmen wollen. Das ist bei einigen immer noch nicht passiert.
Kunz: Es ist nur noch ein Wirkstoff übrig, der in diese Klasse fällt und den wir auch weiter anbieten. Und die Produkte, die wir damit herstellen – Wirkstoffe müssen für fertige Pflanzenschutzmittel mit anderen Stoffen gemischt und damit auch verdünnt werden –, die sind nicht in der WHO-Klasse 1. Die Selbstverpflichtung bezieht sich auf fertige Produkte, sie ist also umgesetzt.
Luig: Zwei andere Wirkstoffe schädigen die Fruchtbarkeit, die vermarktet Bayer noch in Brasilien und Südafrika.
Kunz: Wir haben unser Portfolio in mehreren Wellen bereinigt. Zuerst haben wir die Produkte der WHO-Klasse 1 aus dem Angebot genommen. Zweitens vertreiben wir weltweit nur noch Produkte, die in mindestens einem Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zugelassen sind, dort also eine Risikobewertung durchlaufen haben – in Bezug auf sichere Verwendung und auf die Umwelt. Drittens bringen wir nur noch Pflanzenschutzmittel auf den Markt, die in einer Mehrheit der sogenannten Hochregistrierländer eine Zulassung haben; dazu gehören die USA, Kanada, die EU, Australien, Japan und einige weitere.
Luig: Aus unserer Sicht ist es kein ausreichender Standard, dass die Zulassung in nur einem OECD-Land genügt. Zur OECD gehören auch Länder wie Chile und Argentinien, die Pestizide nur schwach regulieren. Unsere wichtigste Forderung ist, dass alle hochgefährlichen Pestizide weltweit nicht mehr vertrieben werden dürfen.

 Streitgespräch mit Lena Luig, Inkota (links im Bild) und Klaus Kunz, Bayer (Mitte). Rechts im Bild welt-sichten-Chefredakteur Bernd Ludermann.(c) Detlev Schilke

Welche sind das – mehr als die, welche die WHO als für Menschen akut giftig einstuft?
Luig: Ja. Das Pestizid Aktions-Netzwerk PAN erstellt eine Liste der „highly hazardous pesticides“ nach Kriterien, auf die sich die WHO und die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO geeinigt haben. Darauf stehen die Wirkstoffe der WHO-Kategorie 1, aber berücksichtigt werden auch langfristige Gesundheitswirkungen wie auf die Fruchtbarkeit, gestützt auf Einschätzungen in den USA und der EU. Hinzu kommen Kriterien zur Bewertung der Umweltauswirkungen wie die Giftigkeit für Bienen. Zurzeit enthält die Liste etwa 300 Stoffe. Deren Einsatz müssen wir beenden.

Herr Kunz, ist das eine gute Idee?
Kunz: Ich halte es für eine gute Idee, Pflanzenschutzmittel zu reduzieren, wo immer man kann. Allerdings gibt es verschiedene Definitionen, was zu den hochgefährlichen zählt. Auf der Liste von PAN stehen mehr Stoffe, als den Kriterien der WHO und der FAO entsprechen und die für uns maßgebend sind.
Luig: Das sehe ich anders. Die PAN-Liste folgt den Kriterien der WHO und der FAO, die selbst leider nie eine Liste der betroffenen Stoffe vorgelegt haben. Sie wird bei den Auswirkungen auf die Umwelt lediglich konkreter. Das ist bei der WHO und der FAO zu schwammig gefasst.
Kunz: Für Bayer gilt: Wir vertreiben nur Produkte, bei denen wir ausschließen können, dass bei richtiger Anwendung Risiken für Bauern oder für Menschen entstehen, die am Feld entlanggehen. Wenn ein Stoff Schädlinge auf dem Feld eindämmen soll, ist es allerdings unmöglich, Nebenwirkungen auf andere Insekten völlig auszuschließen. Doch wir wollen die Nebenwirkungen immer weiter reduzieren. Bienensicherheit ist zum Beispiel in unserer Forschung heute ein wichtiger Teil der Selektion von potenziellen neuen Stoffen.

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Was heißt Schäden bei Menschen ausschließen? Eine große Befragung unter Kleinbauernfamilien in Süd- und Südostasien von 2018 hat ergeben, dass die Mehrheit ohne Schutzkleidung arbeiten musste, zu früh wieder auf besprühte Felder ging und Hunderttausende unter Krankheitssymptomen litten, die sie auf Pestizide zurückführten.
Kunz: Da werden die Stoffe falsch verwendet und die Hinweise auf den Etiketten leider nicht beachtet. Wir müssen alles dafür tun, dass Pflanzenschutzmittel professionell angewendet werden. Wir führen zum Beispiel viele Trainings mit Landwirten vor Ort durch. In den vergangenen Jahren waren dies regelmäßig mehr als eine Million Trainings pro Jahr.  Das ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, eine Firma kann das nicht allein leisten.

Frau Luig, überzeugt Sie das?
Luig: Nein. Es gibt strukturelle Gründe, warum Pestizide im Süden vorschriftswidrig eingesetzt werden. Häufig können sich Kleinbäuerinnen die Schutzausrüstung nicht leisten, Plantagenarbeiter bekommen sie nicht gestellt. Partner berichten von Weinfarmen in Südafrika, wo einen Tag vor einer angekündigten Inspektion Schutzausrüstung ausgeteilt und am Tag danach wieder eingesammelt wird. Da helfen Schulungen wenig. Aus Indien haben wir gerade wieder erfahren, dass Pestizide – in dem Fall nicht von Bayer – in Plastiksäcken ohne jede Kennzeichnung verkauft werden. Bei einem von Bayer in Indien verkauften Produkte waren Warnhinweise nur auf Englisch abgedruckt, nicht in lokalen Sprachen. Das wäre für Bäuerinnen und Bauern mit geringer Bildung wichtig. Auch wenn ein Haus neben dem Feld liegt und Sicherheitsabstände schon deshalb nicht eingehalten werden können, helfen Schulungen nicht. Nach neuen Zahlen von Wissenschaftlern des Pestizid Aktions-Netzwerks gibt es jedes Jahr weltweit etwa 385 Millionen Pestizidvergiftungen, davon 11.000 Todesfälle – Selbstmorde nicht mitgerechnet.

Die neue Bundesregierung hat sich geeinigt, den Export von in der EU nicht zugelassenen Wirkstoffen zu verbieten. Ist das sinnvoll?
Kunz: Das wird auf Bayer weniger Auswirkungen haben als auf andere, weil wir schon viele dieser Stoffe aus dem Angebot genommen haben. Aber so ein Verbot kann dazu führen, dass Landwirte in anderen Ländern nicht mehr das bekommen, was sie brauchen, um ihre Ernten zu schützen. Ich möchte betonen: In den allermeisten Bereichen sind wir mit der Zulassungspolitik der EU völlig einverstanden. Aber in einigen Punkten kommen andere Länder zu einer anderen Risikobewertung. Und es sollte nicht um den Export gehen, sondern darum, was welche Firma in diesen Ländern vermarktet. Wo es hergestellt wird, ist aus meiner Sicht zweitrangig. 

Fehlen globale Regeln für den Vertrieb und den Einsatz von Pestiziden?
Luig: Globale Regeln sind auf jeden Fall wichtig. Es gibt einige wie das Rotterdam-Abkommen, wonach Importländer der Einfuhr von besonders gefährlichen Pestiziden zustimmen müssen. Und mit der Stockholm-Konvention wird der Einsatz besonders langlebiger Stoffe verboten oder streng begrenzt. Aber diese verbindlichen Abkommen erfassen nur einen sehr kleinen Teil der gehandelten Pestizide, gut drei Prozent. Wir fordern daher einen globalen Ausstieg aus hochgefährlichen Stoffen.

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Wenn wir Soja und Mais aus Lateinamerika importieren, aber wollen, dass man dort beim Anbau auf viele Pestizide verzichtet – ist das nicht Bevormundung? 
Luig: Nein. Unsere Forderungen beruhen auf dem Austausch mit Partnern in vielen Ländern im globalen Süden und die wollen, dass die bei uns nicht genehmigten Pestizide auch bei ihnen nicht mehr verkauft werden. 
Kunz: Aber die Alternative kann nicht sein, dass Pflanzenschutzmittel in vielen Ländern nicht mehr angeboten werden können. Das hätte dramatische Folgen für die Ernten in diesen Ländern und damit auch für die globale Versorgung mit Lebensmitteln. Wir suchen nach Wirkstoffen, weil wir Bauern helfen wollen, aus dem Acker gute Erträge zu holen. Nicht akzeptabel ist allerdings, in Entwicklungsländern etwas einzusetzen, was keine vernünftige Risikobewertung durchlaufen hat. Das trifft leider auf viele Stoffe zu, die dort noch verkauft werden.

Aber nicht von Bayer?
Kunz: Nein, nicht von Bayer. Es geht um Wirkstoffe, die vor langer Zeit entwickelt wurden. Sie sind vermutlich für den Großteil der Vergiftungen verantwortlich. Wir bei Bayer werden unserer Verantwortung gerecht und wünschen uns überall eine gute Zulassungspraxis und eine strikte und konsequente Regulierung.
Luig: Es stimmt nicht, dass Bayer da nicht mehr mitwirkt. Wenn wir die PAN-Liste als Basis nehmen, hat Bayer 2018 ein Drittel seines weltweiten Umsatzes mit hochgefährlichen Pestiziden gemacht; das haben Greenpeace und Public Eye ermittelt. Bayer hat ein wirtschaftliches Interesse, sie weiter zu vermarkten.
Kunz: Wir halten uns an die Liste der FAO, die weltweit anerkannt und sinnvoll ist. Wenn Sie die Liste von PAN zugrunde legen, geht es auch um Wirkstoffe, die in Europa zugelassen sind – also auch in Ihren Augen streng reguliert sind. 
Luig: Einige jetzt nicht mehr, etwa Neonikotinoide. Das Insektizid gilt als eine Ursache des Bienensterbens. Nach dem EU-Verbot vor einem Jahr hat Bayer immer noch Neonikotinoide exportiert.
Kunz: Als diese Wirkstoffklasse Anfang der 1990er Jahre eingeführt wurde, war das ein echter Fortschritt, weil für Menschen akut giftige Insektizide ersetzt wurden. Erst danach hat man die Schäden für Bienen beobachtet. Wir haben seitdem die Anwendung eingeschränkt – zum Beispiel darf nicht mehr in der Blütezeit gespritzt werden, so dass Bienen nicht mehr in Kontakt damit kommen. Unser Marktanteil bei Neonikotinoiden ist stark gesunken. Wir haben aus den Erfahrungen gelernt und verstanden, dass wir uns in der Kommunikation zu diesem Thema nicht immer klug verhalten und Vertrauen verspielt haben. Das wollen wir wieder aufbauen. Vor vier Jahren haben wir alle unsere sicherheitsrelevanten Daten allen zur Verfügung gestellt, die sie sehen wollen.

Also die Ergebnisse Ihrer Sicherheitsforschung?
Kunz: Ja. Wenn wir für ein Produkt die Zulassung beantragen wollen, führen wir Hunderte Studien durch. Zur Sicherheit für Menschen und für viele Organismen, von Vögeln über Insekten bis zum Regenwurm und auch zum Abbau im Boden. Wir reichen sie den Behörden für die Zulassung ein und haben vor einigen Jahren beschlossen, sie auch öffentlich zugänglich zu machen.  
Luig: Transparenz würde ich mir aber auch darüber wünschen, welche Wirkstoffe Bayer wohin exportiert. Am Versuch, das herauszufinden, haben wir uns die Zähne ausgebissen, Bayer hat gesagt, das seien Geschäftsgeheimnisse.
Kunz: Wir wollen Transparenz, wo das machbar ist. Aber es gibt tatsächlich Informationen, aus denen unsere Konkurrenten wertvolle Schlüsse ableiten könnten, und das wollen wir nicht.

 Detlev Schilke/detschilke.de

Wo sind für Bayer die größten Märkte – wächst der Einsatz von Pestiziden am schnellsten in Schwellenländern?
Kunz: Die größten Märkte für unser Saatgut und unsere Pflanzenschutzmittel sind bisher Nord- und Südamerika. Aber ein Entwicklungsexperte hat mir jüngst gesagt, dass die Landwirtschaft auch in einigen Ländern des globalen Südens intensiviert werden muss, auch mithilfe von Pflanzenschutzmitteln – vor allem in Afrika und Südostasien.  
Luig: Aber wir müssen da kleinbäuerliche Betriebe von Plantagen unterscheiden. Kleinbetriebe können oft ohne Pestizide mit agrar­ökologischen Methoden sehr gut arbeiten. Die indischen Bundesstaaten Sikkim und Andhra Pradesh sind auf 100 Prozent Bio-Anbau umgestiegen und das funktioniert: Kleinbäuerliche Betriebe können so ihre Ernährung sichern und ihre Einkommen steigern, ohne von Konzernen und chemischen Pestiziden abhängig zu werden.
Kunz: Wir wollen sie nicht abhängig machen.

Aber Sie wollen ihnen schon etwas verkaufen?
Kunz: Ja. Aber ich verstehe als Chemiker nicht, warum chemisch erzeugte Pflanzenschutzmittel immer gefährlicher sein sollen als biologische. „Natürlich“ heißt nicht automatisch „ungefährlich“. Bayer hat ein wachsendes Angebot an biologischen Wirkstoffen, und da wird in Zukunft noch mehr kommen.
Luig: Es geht bei Agrarökologie um mehr als die Frage, ist das Chemie oder nehmen wir gegen Schädlinge Neem-Öl. Es geht um ein anderes Modell der Landwirtschaft, ein ganzheitliches System, das möglichst ohne zugekaufte Vorprodukte auskommt. Bei kleinbäuerlichen Betrieben funktioniert das. Bei Großbetrieben wie Sojaplantagen oder südafrikanischen Weinfarmen dagegen brauchen wir keine Intensivierung und Ertragssteigerung mehr, können aber auch nicht von heute auf morgen auf Agrarökologie umsteigen. Also ist es sehr wichtig, mit mehr und auch öffentlicher Forschung weniger gefährliche Pestizide zu suchen, die für eine Übergangszeit eingesetzt werden können. Ziel muss sein, dass schnellstmöglich keine hochgefährlichen Pestizide mehr genutzt werden und der Gesundheitsschutz für die Arbeiterinnen und Arbeiter gestärkt wird.
Kunz: Bayer hat vor drei Jahren begonnen, Nachhaltigkeit in seinem Geschäftsmodell zu verankern. Wir wollen erreichen, dass genug Nahrung für die Menschheit produziert werden kann, ohne das Klima und die Artenvielfalt weiter zu gefährden. Deshalb kann man zum Beispiel nicht weitere Naturflächen in Agrarland umwandeln. Und für klimafreundliche Landwirtschaft gibt es jetzt viel Geld, weil zum Beispiel Fluglinien in Agrarprojekte investieren, um ihre Emissionen auszugleichen und so klimaneutral zu werden. Wenn man strenge Standards für solche Projekte in der Landwirtschaft schafft, ist das eine Chance. Wir wollen das mitgestalten, etwa mit Digitaltechnik und Datenerhebung dazu, wie viel CO2 der jeweilige lokale Boden der Atmosphäre entzieht. Und wir wollen Landwirte für diesen Beitrag auch entlohnen. Digitale Technik ist auch ein Schlüssel, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erheblich zu senken. Man kann damit zum Beispiel Herbizide Tropfen für Tropfen nur auf das Unkraut bringen, das man bekämpfen will.

Dann verkauft Bayer weniger. Woran verdienen Sie dann?
Luig: An den Daten.
Kunz: Nein, an der Lösung, die wir den Bauern anbieten. Wir ermöglichen Landwirten auf Grundlage von Daten Erkenntnisse über den Boden und ihr Feld. Damit können sie bessere Erträge erzielen. Dafür werden wir dann bezahlt. Dann würden Produkte wie Pflanzenschutzmittel, an denen wir vorher verdient haben, für uns zu Kosten: Sie bleiben Teil der Lösung, aber je weniger wir für das Ergebnis brauchen, desto mehr verdienen wir. Wir stehen vor einer Transformation der Landwirtschaft, dabei wird sich auch unser Geschäftsmodell wandeln.
Luig: Das beobachte ich auch: Firmen wie Bayer wird klar, dass sie Profit künftig anders generieren müssen als in erster Linie mit der Vermarktung gefährlicher Pestizide. Monsanto zu übernehmen war deshalb eine strategische Entscheidung für Bayer, weil Monsanto führend in digitaler Landwirtschaft war. Ich bezweifle aber, dass das Kernmotiv war, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen.
Kunz: Aber auch für Sie ist es ein Schritt zu Nachhaltigkeit, Pflanzenschutzmittel mit modernster Technik genau zu dosieren?
Luig: Das kann ein Teil der Lösung sein, aber die Frage ist: für wen? Es ist utopisch, dass Kleinbäuerinnen in digitale Landwirtschaft einsteigen. Selbst wenn die Preise das zulassen, scheitert es schon daran, dass in vielen Landgebieten ein guter Internetzugang fehlt. Die Lösung ist wieder auf große Betriebe ausgerichtet – nicht auf die Sicherung der Welternährung, für die Kleinbauern entscheidend sind.
Kunz: Sind für Sie neue Züchtungsmethoden eine sinnvolle Option?

Sie meinen Crispr-Cas, die sogenannte Genschere?
Kunz: Ja, aus unserer Sicht und aus Sicht der Wissenschaft eine der entscheidenden Technologien der Zukunft. Muss man das prüfen?
Luig: Prüfen kann man das. Aber mir scheint noch nicht hinreichend geklärt, ob so veränderte Pflanzen in der Natur wirklich sicher sind. Das müsste klar sein. Und für mich hat Vorrang, dass Bäuerinnen und Bauern befähigt werden, eigene Lösungen zu suchen und nicht von Konzernen abhängig werden oder bleiben.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann. 

Grafiken aus: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und PAN Germany, Pestizidatlas 2022, Januar 2022, 50 S.

Die Studie „Doppelstandards und Ackergifte von Bayer und BASF“ haben das Inkota-Netzwerk, PAN Germany und die Rosa-Luxemburg-Stiftung im April 2021 vorgelegt.

erschienen in Ausgabe 2 / 2022: Riskante Geschäfte mit der Chemie

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