Zum Thema
Antonia Schaefer
José Gabriel Gutiérrez Lizarazo (rechts) hebt mit zwei Helfern die Betonplatte von der Grube, in der vermutlich sein Bruder Pastor heimlich begraben wurde. 
Kolumbien
Auf der Suche nach versteckten Opfern
Fünf Jahre nach dem Friedensvertrag zwischen der Regierung und den Farc-Kämpfern werden in Kolumbien noch Zehntausende Menschen vermisst. Ein staatlicher Suchtrupp forscht nach heimlich vergrabenen Toten, doch das wird von Tag zu Tag schwieriger.

Die Leere, die ein Verschwundener hinterlässt, ist nicht zu füllen. Auch wenn die Erinnerungen nach zehn, nach dreißig Jahren verblassen. Doch jeder verpasste Geburtstag, jedes Weihnachtsfest bringt die Erinnerung zurück. Und im Hinterkopf bleibt immer die Hoffnung: Eines Tages kommt er vielleicht zurück. 

Für José Gabriel Gutiérrez Lizarazo ist diese Hoffnung vorbei. Heute will er dabei sein, wenn die Leiche seines Bruders Pastor ausgegraben wird. Ende der 1980er Jahre ist Pastor verschwunden. In der Region Labateca, aus der die Brüder stammen, erzählten sie damals, eine der Guerrillagruppen hätte den damals 16-Jährigen zwangsrekrutiert. Gesehen hat Gutiérrez seinen Bruder danach nicht mehr. 

Nach Jahrzehnten des Wartens kann Hoffnung zur Qual werden. Und die bittere Gewissheit zur Erlösung. Um der Gewissheit willen hat Kolumbien mit dem Friedensprozess zwischen Regierung und der ehemals größten Guerilla des Landes, der Farc, 2017 mehrere außergerichtliche, aber staatliche Sonderinstitutionen geschaffen. Sie sollen für eine nachhaltige Umsetzung des Friedensvertrages sorgen. Zu ihnen zählen etwa die Sondergerichtsbarkeit JEP, die eigene Prozesse gegen Kriegsbeteiligte führt, oder die Wahrheitskommission CEV, die versucht, die teils unübersichtlichen Kriegsereignisse aufzuarbeiten. 

Die Arbeit der Sucheinheit ist nicht ungefährlich

Zu diesen Institutionen zählt auch eine Sucheinheit, die nach den Zehntausenden Verschwundenen aus der Kriegszeit fahndet. Heute, fünf Jahre nach Unterzeichnung des Friedensvertrags, wird diese Suche wieder gefährlicher: Durch das Machtvakuum, das die Farc in vielen ländlichen Gebieten hinterlassen hat und das auch die Regierung nicht auszufüllen wusste, sind neue bewaffnete Akteure auf den Plan getreten, und politische Machtspiele destabilisieren die Umsetzung des Friedensvertrages.

Drei weiße Geländewagen fahren kurz nach vier Uhr morgens aus Pamplona Richtung Labateca, einer kleinen Gemeinde nahe der venezolanischen Grenze. An der Ladefläche hängen große weiße Fahnen. In grün-violetter Aufschrift steht dort „UBPD – Unidad de búsqueda de personas dadas por desaparecidas“ (Sucheinheit für als verschwunden Geltende). Am Heck der Fahrzeuge zeigt ein Aufkleber eine durchgestrichene Waffe. 

„Weil wir die Dynamiken der neuen bewaffneten Gruppen noch nicht gut kennen, kann unsere Anwesenheit dort für uns zur Gefahr werden“, sagt Carlos Andres Ariza Castillo. Er ist forensischer Anthropologe bei der UBPD und beinahe seit deren Gründung 2017 dabei. Anders als die Staatsanwaltschaft und die Polizei sucht diese Einheit ausschließlich nach Opfern des bewaffneten Konfliktes, die vor dem Friedensvertrag 2016 verschwunden sein sollen. Drei Monate Recherche sind dem heutigen Tag vorangegangen: Gespräche mit Gemeindemitgliedern vor Ort und mit der Familie des Opfers. 

Carlos Andres Ariza Castillo stellt als Fachmann sicher, dass alle Spuren erhalten werden.

Hinzu kamen mehrere Aufstiege zu der vermeintlichen Fundstelle. Auf einem Berg in mehr als 3000 Metern Höhe sollen die Leichen vergraben liegen. Eine Straße schlängelt sich neben dem Rio Caraba zwischen hohen Felswänden entlang. Hier, außerhalb von Labateca, halten die Geländewagen. Der Suchtrupp verpackt Spaten, Hacken, Spitzkellen und Pinsel in große Säcke und lädt sie auf die Rücken dreier Maulesel. 

Autorin

Antonia Schaefer

ist freie Reporterin für Print, Radio und Fernsehen. Sie hat zwei Jahre in Kolumbien gearbeitet und berichtet ab Februar diesen Jahres aus Spanien.
Vier Stunden dauert der Aufstieg auf den Páramo Caracolito. Es geht durch feuchtheißen Regenwald, querfeldein über Bergwiesen und ein einzelnes Maisfeld, das einer der wenigen Bauern hier angepflanzt hat. Kurz vor Mittag kriechen zehn in weiße Schutzanzüge gekleidete Menschen unter einem Stacheldraht hindurch. Ariza sagt über sein Walkie-Talkie den anderen Mitgliedern des Suchtrupps, die länger für den Aufstieg brauchen: „Wir sind angekommen.“ 

Neben einer verlassenen Hütte blühen rostrote Pflanzen im grünen Gras. In der Ferne hängt Dunst über den Bergen. Außer der Gruppe ist nirgendwo ein Mensch zu sehen. Ohne Hinweise wäre die Sucheinheit niemals an diesen abgelegenen Ort gelangt. Die entscheidende Information stammt von einem Freund der Familie des Opfers. Luis Gregorio Flores Monterrey arbeitete Ende der 1990er Jahre mit dem Besitzer der kleinen Hütte, der hier damals Vieh hielt. Auch er ist heute mitgekommen. Der Besitzer, so erzählt es Flores, habe ihm erzählt, dass auf seinem Grundstück zwei Leichen vergraben liegen. Einer der Toten soll Pastor sein, der Bruder seines Freundes José Gabriel Gutiérrez Lizarazo. „Ich habe Gabriel damals gesagt, wir sollten auf den Berg steigen und ihn suchen”, sagt Flores. „Aber aus Angst haben wir das nicht gemacht.”

Die staatlichen Aufklärer müssen Vertrauen erst gewinnen

Angst vor Vergeltungsschlägen bewaffneter Gruppen ist eines der größten Hindernisse für die Aufklärung der Verbrechen des Konfliktes. Auch nach dem Friedensvertrag hat es gedauert, bis weite Teile der Landbevölkerung bereit waren, mit offiziellen Institutionen, die den Konflikt aufarbeiten sollen, zu sprechen. Trotz breit angelegter Aufklärungskampagnen waren besonders Menschen in abgelegenen Gebieten lange misstrauisch. Ein Gefühl, dass nun langsam weicht.

Eine wichtige Rolle bei der Aufklärung spielen die nichtstaatlichen Organisationen, die teils schon jahrelang mit der Bevölkerung in ländlichen Gebieten zusammenarbeiten. So war etwa die Menschenrechtsorganisation Poderpaz im Fall des verschwundenen Pastors eine entscheidende Stütze. „Der Bruder von Pastor hatte von der Organisation gehört und bat uns, den Fall zu untersuchen“, sagt Lina Amaya, Direktorin von Poderpaz. „In dieser Region hatte bisher noch niemand versucht, das Schicksal Verschwundener aufzuklären.“ Poderpaz wird von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gefördert. Diese gab Poderpaz Fördergelder, um die UBPD in ihrer Gründungsphase zu unterstützen. 

An der Ausgrabungsstätte rammen die Forensiker Spaten in den Boden. Nach mehreren Hieben schlägt eine Spatenspitze auf Stein. „Hier“, sagt Chef-Forensiker Ariza. Unter einer ersten Schicht Gras liegt eine Betonplatte vergraben. Langsam tragen die Männer in Weiß die Erde ab. 

Ariza fegt mit einem großen Malerpinsel letzte Sandkörner und Erdklumpen beiseite. Zwei Kreuze schmücken die Platte: So hatten es Flores und Gutiérrez den Forensikern geschildert. Weil Tiere die Überreste von Pastor und einer weiteren Leiche angefallen hatten, hätte sich der Besitzer der Hütte mit einigen Anwohnern weiter unten im Tal um eine angemessenere Grabstätte bemüht, so erzählen es die Dorfbewohner. 

Oft mit im Grab: Projektile, Knebel, Fesseln

Gutiérrez, Flores und einige Mitglieder der Gemeinde im Tal heben den Teil der Platte mit den Kreuzen aus dem Grab und lehnen sie an einen Grabstein. Darunter die Andeutungen zweier Skelette. Ariza und seine Kollegen nutzen nun kleine Spitzkellen und feine Pinsel. Ein halber Schädel kommt zum Vorschein, daneben Reste eines Shirts. Jede Handbewegung ist nun präzise, anstatt vier Forensikern arbeiten nur noch zwei in dem Erdloch, das mit pinkem Plastikflatterband abgesperrt ist. „Wir können die Handlungen rekonstruieren, die sich zugetragen haben“, sagt Ariza. Deshalb sei jetzt Vorsicht angebracht. „In welcher Position liegen die Körper? Welche Elemente sind wichtig für eine mögliche Tat? Häufig befinden sich mehrere Leichen in einem Grab. Häufig finden wir Projektile oder Knebel und Fesseln.“

Gutiérrez beobachtet jeden Handgriff, die Anspannung in seinem Gesicht ist nicht zu übersehen. Einer der Leichen fehlt ein Fuß, vermutlich haben wilde Tiere ihn abgetrennt, mutmaßt Ariza. Er stellt Einschusslöcher in den Knochen fest. Gutiérrez sieht zu, wie die UBPD die Leichen fotografiert, er schaut genau hin, als Knochen für Knochen in große weiße Plastiksäcke verpackt wird, die in ein Labor gebracht werden. Dort soll die Todesursache geklärt und die Verwandtschaft mit Gutiérrez bewiesen werden. Er fühle im Grunde seines Herzens, dass es sich um seinen Bruder handele, sagt Gutiérrez. Außerdem spüre er Erleichterung: „Endlich kann ich meinem Bruder das christliche Begräbnis geben, das er verdient.“

Zu der kleinen Messfeier kommen am Tag nach der Exhumierung auch Anwohner und Freunde der Familie des Toten.

Seit ihrer Arbeitsaufnahme 2018 hat die Unidad de búsqueda 337 Leichen gefunden. Derzeit arbeitet sie an der Suche nach mehr als 3000 Vermissten in zwanzig Regionen des Landes. Doch selbst laut den konservativsten Schätzungen der Staatsanwaltschaft gelten noch immer beinahe 100.000 Menschen im Land als vermisst. Die UN gehen von bis zu einer Million Vermissten aus dem bewaffneten Konflikt aus. Und das Mandat der Sucheinheit ist auf maximal 20 Jahre angesetzt. Wenig Zeit für die Suche nach so vielen Menschen. Ariza und seine Kollegen wissen, dass es lange dauert, Vertrauen in der Bevölkerung zu gewinnen. Mehr als 6700 Angehörige hat die UBPD in den letzten drei Jahren interviewt. Und langsam, so erklärt Ariza, verstehen die Menschen, dass die Sucheinheit nicht dazu da ist, zu urteilen oder zu bestrafen, sondern aufzuklären. 

Der Ex-Präsident untergräbt die Aufklärungsgremien

Doch das Vertrauen in die Institutionen des Friedensprozesses wurde zuletzt immer wieder erschüttert. Insbesondere vom früheren Präsidenten Álvaro Uribe Vélez, der den Leiter der Sondergerichtsbarkeit JEP zuletzt als politisch motiviert verunglimpft hat. Wegen des sogenannten Falsos-Positivos-Skandal, der sich überwiegend während Uribes Präsidentschaft ereignete, steht Uribe in der Kritik: Soldaten hatten mehrere tausend Zivilisten getötet und die Leichen als gefallene Guerrilleros präsentiert, um Prämien zu bekommen. Die Vermutung liegt nahe, dass der Ex-Präsident deshalb eines Tages von der JEP vorgeladen werden könnte und daher versucht, die Institution zu untergraben, um sich selbst vor Strafen zu schützen. 

Kolumbiens heutiger Präsident Iván Duque, der politisch Uribes Lager zugerechnet wird, hat den Friedensvertrag bei der UN-Generalversammlung zuletzt als schwach bezeichnet, gleichzeitig aber die eigenen Bemühungen gerühmt, ihn umzusetzen. Zu Beginn seiner Amtszeit 2018 hatte Duque angekündigt, bei der Umsetzung Anpassungen an dem Vertrag vornehmen zu wollen, ohne genauer zu sagen, welche; so hatte er das Vertrauen insbesondere bei früheren Guerilleros erschüttert. 
Das politische Spiel mit dem Friedensvertrag kostet Ariza und seine Kollegen indes wertvolle Zeit. Denn während ein Großteil der Farc die Waffen niedergelegt hat, kämpfen nun kleinere Splittergruppen, Paramilitärs und Drogenbanden um die Vormachtstellung in ländlichen Gebieten. Diese Kämpfe können für den Suchtrupp zur Gefahr werden. 

Oben an der Ausgrabungsstätte wird Ariza unruhig. Es ist vier Uhr nachmittags, der Abstieg zur nächsten Hütte dauert mindestens zwei Stunden. Im Dunkeln will er nicht in den Bergen unterwegs sein. Hastig packt das Team alle Utensilien auf die Maultiere und tritt den Rückweg an. Trotzdem ist ein Teil der Sucheinheit nach Einbruch der Dunkelheit noch nicht an der Hütte. Die Mitglieder dort rufen in ihre Walkie-Talkies, bis Arizas Stimme endlich krächzend zurückschallt: „Wir sind gleich da.“

Am nächsten Morgen findet auf der Hütte eine kleine Messe für Pastor und den unidentifizierten Leichnam statt. Einige Nachbarn und Freunde von Gutiérrez’ Familie sind gekommen. Der Priester betet das „Vater unser“, die Gemeinde wiederholt. 

Als die Messe vorbei ist, wirkt José Gabriel Gutiérrez Lizarazo trotz aller Trauer erleichtert. Die Hoffnung, dass sein Bruder zurückkommt, hat sich zwar endgültig zerschlagen. Aber Gutiérrez hofft, dass seine Kinder niemals die Ungewissheit erleben müssen, nicht zu wissen, was mit einem geliebten Menschen geschehen ist.  

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erschienen in Ausgabe 2 / 2022: Riskante Geschäfte mit der Chemie
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