Berlin bekommt ein „Dekoloniales Denkzeichen“

Der Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) betrachtet im September 2023 am Afrika-Haus die neue Stele zur Erinnerung an die Berliner Kolonialgeschichte.
picture alliance/dpa/Soeren Stache
Der Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) betrachtet im September 2023 am Afrika-Haus die neue Stele zur Erinnerung an die Berliner Kolonialgeschichte. Ein Jahr später, am 13. September 2024, soll vor dem Berlin Global Village ein Kunstwerk präsentiert werden, das sich mit dem Kolonialismus als einer wesentlichen Grundlage des Nord-Süd-Verhältnisses auseinandersetzt und dabei eine dekoloniale Perspektive einnimmt.
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Bis heute prägt der Kolonialismus die Nord-Süd-Beziehungen, auch in der Eine-Welt-Arbeit. Das anzuerkennen und aufzuarbeiten ist wichtig, sagen Fachleute. Ein Kunstprojekt in Berlin soll ein Zeichen setzen.

Berlin Global Village, das Eine-Welt-Zentrum in der Bundeshauptstadt, bekommt ein „Dekoloniales Denkzeichen“: ein Kunstwerk, das sich „mit dem Kolonialismus als einer wesentlichen Grundlage des Nord-Süd-Verhältnisses künstlerisch auseinandersetzen und eine dekoloniale Perspektive einnehmen“ soll, wie die Organisatoren schreiben. Es soll am 13. September der Öffentlichkeit präsentiert werden und dann gut sichtbar vor dem Berlin Global Village stehen. 

In einem international ausgeschriebenen Wettbewerb hatten244 Künstlerinnen und Künstler, viele davon aus dem globalen Süden, Vorschläge eingereicht. Ein Expertengremium hat diese geprüft und den Gewinnerentwurf ermittelt. Acht migrantisch-diasporische Organisationen aus dem Berlin Global Village waren ebenfalls eingebunden, darunter der Afrika-Rat Berlin-Brandenburg e.V. und die Initiative Schwarze Deutsche ISD e.V. Der Bund und das Land Berlin haben zusammen 1,5 Millionen Euro für den Wettbewerb, die Realisierung des Projekts und das begleitende Bildungsprogramm zur Verfügung gestellt. Unter dem Dach von Berlin Global Village sind rund 50 Eine Welt- und migrantische Gruppen aktiv.

Ziel ist ein nationaler Gedenkort

Das „Dekoloniale Denkzeichen“ soll ein erster Schritt auf dem Weg zu einem nationalen Gedenkort für die Folgen des deutschen Kolonialismus sein, sagt Projektleiterin Angelina Jellesen von Berlin Global Village. In Berlin habe 1884/85 die Kongo-Konferenz stattgefunden, auf der die „tragische und gewaltvolle Aufteilung Afrikas“ geplant wurde. Ein nationaler Gedenkort sei daher „zwingend“, diese Einsicht setze sich auch in der Politik langsam durch, so Jellesen. 

Nicht nur in Berlin, in ganz Deutschland beschäftigen sich seit etwa zehn Jahren Eine-Welt-Initiativen und Netzwerke zunehmend mit den Folgen der deutschen Kolonialherrschaft für die Entwicklungszusammenarbeit. Unter anderem in Bonn, München, Augsburg, Hamburg, Berlin, Erfurt, Dresden, Halle und Leipzig befassen sich Bündnisse von Gruppen oder Menschen mit den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte im öffentlichen Raum und engagieren sich etwa für die Umbenennung von kolonial belasteten Straßennahmen. Machtkritische und dekoloniale Haltungen im globalen Lernen stehen auf der Tagesordnung. Sie sollen Hintergrundinformationen über die deutsche Kolonialgeschichte bieten und erklären, wie koloniale Kontinuitäten bis heute das Verhältnis zu den Ländern im globalen Süden belasten.

Doch auch in der nichtstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit besteht das Machtgefälle weiter. Ein Großteil der Eine-Welt-Gruppen arbeitet wie bisher und unterstützt etwa Projekte in Ländern des globalen Südens. Auch Städtepartnerschaften funktionieren in der Regel noch nach diesem Muster: Die Geldgeber sitzen hier bei uns, während die Partner im globalen Süden die Empfänger sind. 

Dieses Gefälle besteht trotz der vielbeschworenen „Augenhöhe“ weiter. Das sei strukturell verankert, meint Stefanie Widholm vom Eine Welt Forum Düsseldorf e.V. . Das Bewusstsein dafür werde zwar stärker, aber es ändere sich nur langsam etwas. Für Widholm liegt das auch an den Vorgaben der Fördermittelgeber. Die Bestimmungen müssten eingehalten werden, sonst gebe es kein Geld. Das führe dazu, dass die Kontrolle über Projekte in Deutschland bleibe. 

Auch Angelina Jellesen sieht hier Veränderungsbedarf. Es gebe keine Patentrezepte, ein dekolonialer Ansatz sei jedoch Voraussetzung für „Augenhöhe“ zwischen den Partnern. Für Jellesen müsse die Handlungsmacht und die Entscheidungsgewalt über das Budget von Projekten stärker in den globalen Süden verlagert werden. Generell müssten Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen überprüft werden.

Verändert hat sich auf jeden Fall die entwicklungspolitische Bildungsarbeit. „Wir sehen hier so etwas wie einen unreflektierten Paradigmenwechsel“, meint Georg Krämer, Bildungsreferent am Welthaus Bielefeld. Postkoloniale und dekoloniale Ansätze seien heute „Mainstream“ im Globalen Lernen. Doch Krämer sieht darin auch eine Gefahr. Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sei zwar wichtig, aber machtkritisch dürfe man nicht nur gegenüber dem globalen Norden sein, sondern auch gegenüber Machtverhältnissen in Ländern des globalen Südens. Im starken Fokus auf die sehr theorielastigen Ansätze sieht Krämer zudem die Gefahr, dass zentrale entwicklungsbezogene Themen wie Weltwirtschaft, Verschuldung oder Welternährung dort kaum noch vorkommen. 

Solche Kritik äußern jedoch nur einzelne in der Eine-Welt-Szene. Im Berlin Global Village ist man froh, dass das Projekt „Dekoloniales Denkzeichen“ im September zu einem erfolgreichen Abschluss kommt. Denn angesichts leerer Kassen und des zunehmenden Rechtsrucks in Politik und Gesellschaft ist fraglich, ob ein derartiges Projekt heute noch beschlossen würde.

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