Das kulturelle Erbe in die Zukunft retten

Der Stuttgarter Verein „Freunde Aleppos“ unterstützt die zweitgrößte Stadt Syriens bei der Erhaltung der historischen Altstadt und der Bewahrung ihres kulturellen Erbes. Nach der Sanierung von traditionellen Wohnhäusern wirbt die Initiative jetzt mit dem Aufbau eines Stadtarchivs für mehr kulturelles Leben im alten Stadtzentrum.

Die alte Handelsstadt Aleppo gehört mit ihrer 5000-jährigen Geschichte zu den am längsten besiedelten Städten der Region. Heute ist Aleppo das wichtigste Zentrum der syrischen Textilindustrie und eine wuchernde Großstadt mit zwei Millionen Einwohnern. Die Altstadt mit Zitadelle, Moscheen, Souks (Händler- und Handwerkerviertel) und alten Karawansereien (Herbergen für Händler) zieht Touristen aus aller Welt an und wurde 1986 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Der Basar mit seinen traditionellen Handwerkern ist nach wie vor das pulsierende Handelszentrum der Stadt. Mit einer Fläche von 350 Hektar (3,5 Quadratkilometer) und rund 16.000 historischen Häusern gehört die Altstadt Aleppos zu den größten erhaltenen traditionellen Wohnvierteln in der arabischen Welt.

Doch die Bausubstanz der historischen Altstadt mit ihren rund 100.000 Einwohnern ist seit langem gefährdet. Bis in die 1970er Jahre verstand die Stadtverwaltung zudem unter Modernisierung den Abriss alter Häuser zugunsten von Straßen für den Autoverkehr. Erst nach Protesten des prominenten syrischen Architekten Adli Qudsi und der Listung als Weltkulturerbe revidierte die Stadtverwaltung ihre Planung. Heute arbeitet die Abteilung Altstadt der Kommunalverwaltung zusammen mit internationalen Geldgebern wie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Aga Khan-Stiftung daran, historisch wichtige Gebäude zu erhalten.

Große Teile der Altstadt waren seit den 1930er Jahren von Zerfall betroffen. Wer es sich leisten konnte, zog in neue Stadtviertel. Einkommensschwache Familien, zum Teil vom Land, rückten nach. Sie waren nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln die Wohnhäuser zu sanieren und Dächer zu reparieren. Fundamente wurden unterspült und Häuser bekamen Risse.

In den vergangenen 20 Jahren wurden 1000 Häuser saniert

Die „Freunde Aleppos“ haben deshalb zusammen mit der Stadtverwaltung von Aleppo und der GTZ 1994 einen „Emergency Fund“ eingerichtet, der den Bewohnern zinslose Kredite für die Sanierung ihrer Häuser gibt. Auf diesem Weg sollen zugleich die Lebensbedingungen der Bewohner verbessert und der Rückgang der Bevölkerung aufgehalten werden. Trotz Problemen mit einer überbordenden und schwerfälligen Bürokratie in der Stadtverwaltung konnten in den vergangenen zwanzig Jahren rund 1000 Häuser saniert werden. Ammar Ghazal, Direktor der Abteilung Altstadt, verwaltet den Fonds. Neben zinslosen Krediten von bis zu 45.000 Euro erhalten die Bewohner auch technische Unterstützung von Architekten der Stadtverwaltung. Bisher wurden 90 Prozent der Kredite pünktlich zurückgezahlt. „Die Renovierung ist im Interesse der Bevölkerung, nicht des Tourismus oder des Handels,“ erläutert Ghazal.

Doch das Verständnis für den Wert von historischen Baudenkmälern ist in Syrien gering ausgeprägt. Abfälle verschandeln alte Karawansereien; traditionelle Holzbalkone modern vor sich hin. „Wir wollen jetzt stärker die kulturelle Arbeit fördern“, sagt die Stadtplanerin Anette Gangler, die Vorsitzende der „Freunde Aleppos“, „um damit neues Leben in die Altstadt zu bringen.“ Ein Jahr lang informieren ausgewählte Schüler aus ganz Aleppo in Vorträgen und Workshops ihre Mitschüler und Erwachsene über die Geschichte und die wertvollen Schätze der Vergangenheit. In ihrem neuesten Projekt arbeiten die „Freunde Aleppos“ am Aufbau eines öffentlich zugänglichen Stadtarchivs mit unzähligen historischen Dokumenten, Karten und Fotografien, die sich zum Teil noch in Privatbesitz befinden oder in verschiedenen Abteilungen der Stadtverwaltung liegen. Das Stadtarchiv soll nach dem Ramadan Ende September mit einer Ausstellung eröffnet werden.

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2010: Andenländer, alte Kulturen neue Politik