Zweite Chance für Methadon

In Nepal lassen Armut und Perspektivlosigkeit viele Menschen zu Drogen greifen. Rauschgifte wie Heroin sind leicht zu haben. Der gemeinschaftliche Gebrauch von Spritzen beschleunigt die Ausbreitung von HIV/Aids. Ein von Deutschland gefördertes Methadonprogramm will dem entgegenwirken.

„Methadon kann Leben retten“, sagt Hans-Günter Meyer-Thompson. Der deutsche Arzt ist seit März für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Nepal und vermittelt dort dem medizinischen Personal in zwei Ambulanzen die Behandlung Abhängiger. Der ­Heroin-Ersatz ermögliche ein geregeltes Leben, sagt Meyer-Thompson, außerdem gingen Kriminalität, Prostitution und HIV-Infektionen zurück. Laut der nepalesischen Regierung gibt es 60.000 injizierende Drogenkonsumenten im Land (Bevölkerung: circa 29,5 Millionen), von denen circa zwei Drittel Heroin und andere Opiate spritzen. Der gemeinschaftliche Gebrauch infizierter Fixerutensilien sorgt auch in Nepal für eine rasche Verbreitung des HI-Virus; ein Drittel der rund 70.000 Menschen mit HIV in dem Himalayastaat sind drogenabhängig, schätzen WHO und UNAIDS.

Seit April 2009 unterstützen die GTZ und das private Unternehmen CompWare Medical (CWM) den Ausbau des Methadonprogramms in Nepal. Die öffentlich-private Partnerschaft (PPP) mit einem Gesamtbudget von 1,2 Millionen Euro für Südasien wird je zur Hälfte vom Bundesentwicklungsministerium und von CWM finanziert. Das von dem Unternehmen im hessischen Gernsheim entwickelte IT-basierte Dosierungssystem teilt für jeden Patienten die Methadondosis ein und dokumentiert die Ausgabe. Dank der einfachen Handhabung konnte laut Meyer-Thompson die Zahl der behandelten Patienten um das anderthalbfache gesteigert werden. Im Laufe dieses Jahres sollen zwei weitere Ambulanzen die Arbeit aufnehmen.

Außerdem könne das Medikament nun kaum noch auf den Schwarzmarkt gelangen. Ein erstes  Substitutionsprogramm war 2002 wieder eingestellt worden, weil zuviel Methadon unter der Hand verkauft wurde. Erst 2007, nachdem Selbsthilfegruppen mehrfach vor UN-Gebäuden in Nepals Hauptstadt Kathmandu demonstriert hatten, nahmen die UN-Behörde für Drogen und Kriminalität (UNODC) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Methadonprogramm wieder auf. Beim neuen Verfahren von GTZ und CWM wird die Methadon­ausgabe peinlich genau protokolliert, so dass Diebstahl sofort auffallen würde. Außerdem kontrolliert das Personal, dass jeder Patient das Mittel direkt in der Ambulanz einnimmt.

Ab 2011, wenn der Vertrag zwischen CompWare Medical und der GTZ ausläuft, sollen der Globale Gesundheitsfonds und die nepalesische Regierung das Programm finanzieren. Mitte 2010 wollen CWM und die GTZ in Indien einsteigen, und auch in Malaysia wollen in Kürze vier Ambulanzen ihre Patientenzahlen mit Hilfe des deutschen Systems steigern. (Desirée Brenner)

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware