Aufstand der Anleger

Anders als in den USA, Großbritannien und der Schweiz hat das aktive Aktionärstum in Deutschland noch keine lange Tradition. Doch zunehmend beginnen Investoren, sich kritisch mit der Geschäftspolitik „ihrer“ Unternehmen auseinanderzusetzen. Sie protestieren gegen Waffenproduktion, die Zockerei mit Lebensmitteln sowie Steuerflucht und setzen dabei sowohl auf öffentlichen Druck als auch auf den Dialog.
Das Reinigungsfahrzeug müht sich redlich, aber der Gestank bleibt erst einmal hängen. Zur Begrüßung von Mitarbeitern und Aktionären bei der diesjährigen Hauptversammlung der Deutschen Bank hat die Initiative „Ordensleute für den Frieden“ vor der Frankfurter Festhalle Jauche ausgekippt. „Geld stinkt doch“ lautet die unmissverständliche Botschaft. Die Globalisierungskritiker von attac prangern derweil mit einer Performance Steuerflucht, Waffenproduktion und die Spekulation mit Nahrungsmitteln an. Am Stand des Dachverbandes der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre gibt das Kabarett-Duo „Onkel Fisch“ dem künftigen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain per Rap-Song gute Ratschläge mit auf den Weg.

„Wir wollen Aufmerksamkeit erzeugen und die Leute zum Nachdenken bringen“, sagt Bernd Moritz vom Vorstand des Dachverbandes. Die Hauptversammlungen von Unternehmen bieten den kritischen Aktionären die beste Gelegenheit, öffentlich Kritik am Geschäftsgebaren zu äußern und die anderen Anteilseigner für ein nachhaltiges Handeln zu sensibilisieren. In Frankfurt hasten die meisten Anleger allerdings eilig die Stufen zur Festhalle hinauf – sie wissen, dass es dauern kann, bis sie die Sicherheitsschleusen passiert haben. Immerhin nehmen zahlreiche Kamerateams und Fotografen die Proteste auf.

Die kritischen Aktionäre beschränken sich nicht auf spektakuläre Aktionen vor der Tür. Sie melden sich auch in der Versammlung, die mit 7000 Teilnehmern außerordentlich gut besucht ist, deutlich zu Wort. Dafür haben sie sich von Privatpersonen, die Deutsche-Bank-Aktien halten, Stimmrechte übertragen lassen. Ihre Vertreterinnen und Vertreter fordern den Ausstieg aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln und der Investition in Kohlekraftwerken. Sie werfen der Bank vor, dass sie ihr Versprechen vom vergangenen Jahr gebrochen habe, keine Streubombenhersteller mehr zu finanzieren.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Der scheidende Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann gibt sich einsichtig: Die Bank gehe „sehr sorgfältig Vorwürfen nach, unsere Aktivitäten trügen zum Hunger in der Welt bei“. Sie habe „vorsorglich“ beschlossen, keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln mehr aufzulegen. Auch habe die Deutsche Bank die Geschäftsbeziehung zu Unternehmen eingestellt, die an der Produktion von Streubomben beteiligt sind. Bestehende Verträge, verteidigt sich Ackermann, müssten natürlich eingehalten werden, und die Firmen müssten Zeit haben, sich aus solchen Geschäften zurückzuziehen.

Also ein Erfolg für die kritischen Aktionäre und ihre hartnäckige Aufklärungs- und Lobbyarbeit? Weit gefehlt. Geschäftsführer Markus Dufner ist überhaupt nicht zufrieden und nennt Ackermanns Ausführungen „abwiegelnd“. Gerade bei der Finanzierung von Rüstungsgeschäften verhalte sich die Deutsche Bank sehr intransparent. Da helfe nur eins: den öffentlichen Druck aufrechterhalten.

Andere gehen diplomatischer vor, wenn es um das aktive Engagement von Anlegern gegenüber ihren Aktiengesellschaften geht – etwa der traditionsreiche britische Vermögensverwalter F&C, der ein Kapital von rund 123,4 Milliarden Euro verwaltet. Seine Kunden sind unter anderem Kirchen, Kreditinstitute, Pensionskassen und Pensionsfonds, Versorgungswerke und private Anleger aus aller Welt. F&C will die Rendite steigern, indem er Unternehmen, in die er investiert, Vorschläge macht, wie sie ökologische und soziale Risiken besser managen und damit langfristig ihren Erfolg sichern können. Im Dialog mit der Unternehmensleitung werden sogenannte „Meilensteine“ vereinbart; die Kunden werden über Fortschritte und Ergebnisse informiert. Auf Hauptversammlungen nutzt F&C die Stimmrechte seiner Kunden, um sich etwa für mehr Transparenz in der Unternehmensführung einzusetzen, indem es sich bei der Entlastung von Aufsichtsräten der Stimme enthält oder diese verweigert.

Anleger versuchen also auf unterschiedlichen Wegen, die Geschäftspolitik „ihrer“ Unternehmen zu beeinflussen – und können durchaus Erfolge verbuchen. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre mit seinen 31 Mitgliedsorganisationen hat seit mehr als 25 Jahren vor allem große Konzerne mit Sitz in Deutschland wie Daimler, Bayer, ThyssenKrupp, Rheinmetall, die Sportartikel- und Bekleidungshersteller Adidas und Puma, Siemens, RWE sowie die Bankenbranche im Visier. „Mit unseren Aktionen haben wir die Verwicklung des Daimler-Konzerns in die Rüstungsproduktion über seine Beteiligung an EADS einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht“, sagt der Sprecher der Kritischen Aktionäre Daimler, Paul Russmann. Das Kinderhilfswerk Unicef habe deshalb den Automobilbauer als Sponsor abgelehnt. Auch den serienmäßigen Einbau von Rußpartikelfiltern bei Dieselfahrzeugen könnten sich die kritischen Aktionäre auf die Fahne schreiben.

Der Vermögensverwalter F&C hat sich im vergangenen Jahr laut seinem jüngsten „Bericht über verantwortliches Investment“ vor allem für die Einhaltung von Menschenrechten bei Geschäften in Bürgerkriegsgebieten, für die Verringerung von Umweltschäden bei der Gewinnung von Schiefergas und für den Kampf gegen Korruption in Pharmafirmen stark gemacht. Insgesamt seien Gespräche mit mehr als 1200 Unternehmen in 54 Ländern geführt worden. Ferner werden 480 „Meilensteine“ aufgelistet, Fälle, in denen Konzerne ihr Verhalten geändert haben – im Jahr zuvor waren es nur 432. F&C zählt mit mehr als tausend anderen institutionellen Investoren und Vermögensverwaltern zudem zu den Unterzeichnern der sechs Prinzipien für verantwortungsvolle Kapitalanlagen, die 2006 von den Vereinten Nationen eingeführt worden waren.

Öffentlicher Druck und die Macht der Investoren haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten für Veränderungen gesorgt. Kein großes Unternehmen kann es sich heute noch leisten, soziale und ökologische Folgen seines Handelns zu vernachlässigen. Man stehe in einem „konstruktiven“ Gespräch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, bestätigt etwa ein Sprecher der Deutschen Bank. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, voneinander zu lernen“, fügt er hinzu und verweist auf den umfangreichen Bericht der Bank über gesellschaftliche Verantwortung, in dem unter anderem ein so genannter Stakeholder-Dialog über Streumunition abgedruckt ist.

Auch Kleinanleger seien kritischer geworden, sagt Markus Dufner. Das zeige sich unter anderem an der gestiegenen Zahl der Aktien, die der Dachverband übertragen bekommt, um bei Hauptversammlungen das Stimmrecht auszuüben. Bei der Deutschen Bank kamen so immerhin 100.000 Stimmrechte zusammen – bei einer Gesamtzahl von 929,5 Millionen Aktien allerdings eine verschwindende Größe. Paul Russmann sieht denn auch klare Grenzen für den Einfluss der Initiative. Zum einen müsse die Gesellschaft für ein Anliegen sensibilisiert sein, damit Forderungen wirksam werden – dies werde etwa an der Debatte über den CO2-Ausstoß von Autos und der Ökologisierung der Fahrzeugflotte bei Daimler deutlich. Zum anderen müsse die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen, um Unternehmen zum Umdenken zu bewegen.

Auch kirchliche Anleger würden sich zunehmend ihrer Verantwortung bewusst, sagt Antje Schneeweiß vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene. Sie hat 2009 in einer Studie die Entwicklungsmöglichkeiten für aktives Aktio-närstum im Deutschland untersucht und ist bei Landeskirchen, kirchlichen Institutionen und Stiftungen auf eine große Bereitschaft gestoßen, sich mehr zu engagieren. Dennoch sieht sie großen Handlungsbedarf – schließlich hat das aktive Engagement von Anlegern in Deutschland eine weitaus geringere Tradition als in den USA, Großbritannien und der Schweiz. Das liegt unter anderem daran, dass institutionelle Anleger lange Zeit zurückhaltend in Aktien investiert haben und mehr in Immobilien und festverzinsliche Wertpapiere, die nicht mit einem Stimmrecht verbunden sind. Die enge Verflechtung zwischen Großbanken und Unternehmen erschwere Kritik von Seiten der Aktionäre, erläutert Schneeweiß. Sie plädiert dafür, die verschiedenen Möglichkeiten und Grade des Engagements ohne ideologische Brille zu betrachten und wenn möglich miteinander zu kombinieren.

Markus Dufner von den kritischen Aktionären wünscht sich eine größere Beteiligung der Kirchen an den Aktionen seines Verbands. Sie scheuten sich, öffentlich Position gegen große Konzerne zu ergreifen. „Es wäre ein großer Erfolg, wenn wir die Pensionsfonds der Kirchen mit ins Boot holen könnten“, meint er. Die Finanzchefin der Evangelischen Landeskirche in Baden, Barbara Bauer, teilt viele Ziele der kritischen Aktionäre, aber sie hat einen anderen Weg gewählt. Die badische Landeskirche nehme ihre Verantwortung als Investor ernst und nutze ihre Marktmacht, um die Geschäftspolitik der Unternehmen im Sinne eines ökologischen und sozial gerechten Wirtschaftens zu beeinflussen, erklärt sie.

Sie tue dies aber nicht nur in Einzelfällen, sondern für ihre gesamten Vermögensanlagen. Seit 2008 lässt sie ebenso wie etwa die Nachbarkirche in Hessen, die Evangelische Ruhegehaltskasse und die Evangelische Zusatzversorgungskasse ihre Stimmrechte als Aktionärin vom Vermögensverwalter F&C ausüben. „Für diese professionelle Dienstleistung bezahlen wir, weil wir der Meinung sind, dass das zu unserer Verantwortung gehört“, betont Bauer. Im Übrigen betrachtet sie die Aktionen der kritischen Aktionäre als Ergänzung zu dieser Form des Engagements.

Der Leiter der hessischen Kirchenverwaltung, Heinz Thomas Striegler, sieht spätestens seit der Finanzkrise 2008 bei den Kirchen eine wachsende Bereitschaft, sich mit ihren Einflussmöglichkeiten als Investoren auseinanderzusetzen. Er verweist auf den Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlagen in der evangelischen Kirche, der unter anderem Empfehlungen für Aktionärs-Engagement enthält. Weitere Impulse erhofft er sich von einer Koordinierungsstelle auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland, die voraussichtlich im Herbst ihre Arbeit aufnimmt – auch in Richtung des Vermögensverwalters F&C. „Wir möchten gern selbst mehr Anregungen geben, welche ökologischen und sozialen Kritikpunkte F&C bei seinen Unternehmensdialogen anspricht“, sagt Striegler, der auch Vorsitzender des Arbeitskreises „Kirchliches Investment“ ist. Dafür müssten verlässliche Informationen etwa von Partnern des Südwind-Institutes oder von „Brot für die Welt“ gesammelt werden.

Dass der geballte Unmut von Anlegern Wirkung zeigen kann, wurde bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank deutlich. Der scheidende Aufsichtsrat wurde wegen der Personalquerelen um den Vorstandsvorsitzenden Ackermann mit nur knapp 78 Prozent der Stimmen entlastet. „Ein klares Misstrauensvotum“, sagt Markus Dufner von den kritischen Aktionären – eine schallende Ohrfeige, kommentierten Beobachter. Ob es als Warnsignal für mehr Transparenz und eine bessere Unternehmensführung verstanden wird? Mittelfristig schon, glaubt Dufner. Mehr Druck haben die Aktionäre der US-amerikanischen Bank Citigroup im April entfaltet: Sie blockierten Sonderzahlungen in Millionenhöhe, die sich die Spitzenmanager genehmigen wollten.

erschienen in Ausgabe 7 / 2012: Konzerne: Profit ohne Grenzen

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