Es gibt Momente in der Geschichte der Völker, in denen die Zeit von einer Linie zu einem Abgrund wird. Venezuela erlebt gerade einen solchen Moment. Die Ereignisse folgen aufeinander mit einer Geschwindigkeit, die kein Handbuch für politischen Wandel vorsieht und Berechnungen institutioneller Stabilität hinfällig machen. Die USA greifen an, nehmen Nicolás Maduro gefangen und bringen ihn in ein Gefängnis in New York. Der Oberste Gerichtshof Venezuelas entscheidet, dass Delcy Rodríguez die Macht übernehmen soll; Donald Trump spricht von einer „Vormundschaft“ der USA über die venezolanische Regierung. Delcy antwortet, begleitet vom Oberkommando der Streitkräfte, dass Venezuela niemals eine Kolonie sein werde, und fordert die Rückkehr Maduros.
Was auf den ersten Blick wie ein Film über nackte Geopolitik wirkt, lässt eine unangenehme Wahrheit hervortreten: Das Land ist in eine Phase eingetreten, in der der Fortgang nicht durch Dekrete entschieden wird, sondern durch das Spiel der tatsächlichen Macht, Minute für Minute, Straße für Straße, Kaserne für Kaserne.
Regieren in einem zerrütteten Land
Jetzt geht es nicht nur darum, wer regiert, sondern auch darum, was es bedeutet, ein Land zu regieren, das durch Jahre der Wirtschaftskrise, Massenmigration, institutionellen Verfall, kriminelle Netzwerke und eine tiefe Polarisierung zerrüttet ist. Venezuela ist zudem in einem explosiven Widerspruch gefangen: Eine interne Macht versucht ihre Legitimität und Kontrolle zu erhalten gegenüber einer äußeren Macht, die eine bestimmte „Ordnung“ durchsetzen will, ohne die Kosten dafür ganz zu begreifen.
Unter diesen Umständen ist es unmöglich, über die Zukunft Venezuelas anders als mit Hilfe von Szenarien nachzudenken. Die sind keine Fantasien, sondern mögliche Wege, die das Land infolge einzelner Entscheidungen nehmen kann.
Das erste Szenario ist das vernünftigste und wünschenswerteste: ein Pakt für eine Stabilisierung. Beteiligt sind hier erstens die moderaten Kräfte des Regimes, angeführt von Delcy Rodríguez sowie ihrem Bruder Jorge, dem Präsidenten der Nationalversammlung, unterstützt vom Militär; zweitens moderate Kräfte der Opposition, besonders solche mit Rückhalt in einer neuen Nationalversammlung; und drittens natürlich die Vereinigten Staaten, die sich jetzt zwischen Zwang und Verhandlung entscheiden können. Mit einem Stabilisierungspakt könnte das Land in eine Phase mit gewisser Ordnung und mit Aussichten auf Wiederaufbau übergehen, wenn auch unter schwierigen und spannungsgeladenen politischen Verhältnissen.
Stabilisierung als Frage der Legitimität
Dafür muss jedoch ein Kernproblem gelöst werden: das der Legitimität. Jeder künftige Übergang in Venezuela ist belastet von drei einander widersprechenden Legitimitätsansprüchen: „Legalität“ entsprechend der Gesetze des Landes, die der Oberste Gerichtshof und Delcy Rodríguez zu wahren vorgeben; demokratische Legitimität, auf der die Opposition besteht; und Legitimität des äußeren Zwangs seitens der Vereinigten Staaten. Wenn keine Formel gefunden wird, diesen Konflikt zu dämpfen, wird ein Übergang fragil oder schlicht undurchführbar.
Autor
José Javier Lombardi Boscán
José Javier Lombardi Boscán ist Politikwissenschaftler und lebt in Venezuela.Das zweite Szenario ist das der Verschanzung und des Widerstands. Hier schließen sich Delcy Rodríguez und der harte Flügel des Chavismus zusammen, um Widerstand zu leisten, und es beginnt eine Phase unvorhersehbarer Gewalt. In diesem Fall könnten die USA von einer kurzzeitigen Intervention zur Präsenz ihrer Truppen auf venezolanischem Boden übergehen – mit allen damit verbundenen menschlichen, politischen und symbolischen Kosten. Hier sollte man sich an eine Lektion der Geschichte erinnern: In einem laufenden Krieg werden Länder nicht „wiederaufgebaut“, sondern noch mehr zerstört. Interventionskriege beginnen oft mit Ordnungsversprechen und enden in langen Phasen des Chaos.
Auch ein Putsch ist denkbar...
Das dritte Szenario ist ein Militärputsch. Ein Teil der venezolanischen Streitkräfte könnte mit direkter oder indirekter Unterstützung der USA Delcy Rodríguez beiseite drängen oder unterwerfen und eine vom Militär geführte „Ordnungsmacht“ unter Kontrolle der USA einsetzen. Das kann passieren, wenn die zivilen Institutionen zusammenbrechen oder die politischen Kosten für ihre Erhaltung untragbar werden. Aber auch das ist ein Szenario mit hohem Risiko: Eine unter äußerer Vormundschaft stehende Militärregierung ohne echte politische Legitimität neigt dazu, sich mit Gewalt und nicht durch Konsens zu behaupten.
Das vierte ist das gefährlichste Szenario von allen: die Spaltung der Streitkräfte und ein unübersichtlicher Bürgerkrieg. Hier verwandelt sich das Land in ein Mosaik aus Herrschaftsgebieten von Fraktionen, die um die Kontrolle von Territorien, Ressourcen und Verbindungswegen konkurrieren: Militärs, andere Sicherheitskräfte, von der Regierung geschaffene Milizen (colectivos), regionale Machthaber sowie kriminelle Netzwerke. Darin wären die USA kein Schiedsrichter, sondern würden die Seite unterstützen, die sie für strategisch wichtig halten. In diesem Szenario würden nicht nur die verbleibenden Institutionen zerstört, sondern Venezuela auch zu einem regionalen Problem für Sicherheit, Migration und grenzüberschreitende Kriminalität.
...oder ein Sieg der Hardliner
Es gibt noch ein fünftes Szenario: die Ablösung von Delcy Rodríguez durch Hardliner wie Innenminister Diosdado Cabello oder Verteidigungsminister Padrino López. In diesem Fall würde sich der Konflikt mit den USA verschärfen und ein militärischer Zusammenstoß wäre fast unvermeidlich. Der Appell an den „Nationalismus der Schützengräben“ würde kurzfristig den inneren Zusammenhalt in Venezuela stärken, aber mittelfristig den Zusammenbruch beschleunigen.
Welcher dieser Wege wird sich durchsetzen? Die ehrliche Antwort lautet, dass dies niemand mit Sicherheit weiß. In akuten Krisen ändern sich die Variablen oft durch ein einziges Ereignis. Das kann ein Zwist in der Führungsspitze sein, eine Stellungnahme aus der Region, ein längerer Stromausfall, ein Zusammenbruch der Logistikkette, eine Protestwelle oder ein Vorfall mit zivilen Opfern, der kollektive Wut auslöst. Eines wissen wir jedoch: Entscheidend wird das Verhalten der tatsächlichen Machthaber sein, nicht die formale Macht.
Wo die tatsächliche Macht sich zeigt
Wer tatsächlich Macht hat, zeigt sich an der Kontrolle über Kommunikationswege, Treibstoff, Strom, Häfen, Geld, Waffen, die Geheimdienste und das Territorium. Sie bemisst sich am Gehorsam der Führungen der 29 „Zonen der Integrierten Verteidigung“ (ZODI, Zonas de Defensa Integral), in die das Land unterteilt ist und in denen das Militär andere Sicherheitskräfte einbindet. Sie zeigt sich daran, ob die Sicherheitskräfte sich koordinieren, ob die Grenzen kontrolliert werden, ob die Bevölkerung essen und sich frei bewegen kann, ob die tägliche Regierungsarbeit aufrechterhalten wird. Und sie bemisst sich auch an der internationalen Anerkennung: Welche Länder unterstützen und welche verurteilen Venezuelas Führung, welche verhandeln stillschweigend oder nutzen die Krise, um sich neu zu positionieren.
Deshalb lautet die große Frage für Venezuela jetzt nicht einfach, was mit Delcy Rodríguez oder Nicolás Maduro geschehen wird. Die Frage lautet: Wird Venezuela es schaffen, eine innere Spaltung zu vermeiden? Ein Land kann einen abrupten Führungswechsel überstehen. Doch es dauert Jahrzehnte, eine Aufsplitterung der Streitkräfte, einen totalen Zusammenbruch der Dienstleistungen und eine Normalisierung von Gewalt als Form der Politik rückgängig zu machen.
Ein Mindestmaß an Zusammenhalt wahren
Inmitten dieses Wirbels gilt es zu bedenken, was nach dem Tod des Diktators Juan Vicente Gómez im Jahr 1935 dessen Kriegsminister und Nachfolger Eleazar López Contreras ausgesprochen hat: „Ruhe und Vernunft.“ Das war und ist eine zivile Doktrin, um zu verhindern, dass sich Venezuela in seinem eigenen Aufruhr zerstört.
Ruhe, um sich nicht von Gerüchten, Propaganda und Provokationen mitreißen zu lassen. Vernunft, um zu verstehen, dass Rache kein Programm für den Wiederaufbau ist. Ruhe, um Familien zu schützen und ein Mindestmaß an sozialem Zusammenhalt zu bewahren. Vernunft, um politische Lösungen zu fordern, keine blutigen Abenteuer. Ruhe, um den Nachbarn nicht zum Feind zu machen. Vernunft, um sich daran zu erinnern, dass kein Land sich retten kann, wenn es sich selbst hasst.
Die Verantwortung der politischen, militärischen, sozialen und internationalen Kräfte in und außerhalb von Venezuela ist in diesem Moment immens: Entweder wird das Land auf einen Übergang bei Erhalt der Regierungsfähigkeit hin gesteuert, oder es beginnt eine Phase der Gewalt, die niemand kontrollieren kann. Die Lage ist ernst. Aber gerade deshalb ist es für die Venezolaner heute nicht das Revolutionärste, zu schreien, sondern dem Wahnsinn mit Gelassenheit zu widerstehen und trotz allem an der Möglichkeit einer Nation festzuhalten.
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