Stark vernetzt, schwach vereint

Jugendproteste
In vielen Ländern haben zuletzt vorwiegend junge Menschen gegen autokratische Regime protestiert – meist ohne zentrale Führung. Das hat Vor- und Nachteile, so eine neue Studie.

Als „horizontal“ bezeichnet das Autorenteam der GIGA Focus-Global-Studie „From Screens to Streets: A New Wave of Youth-Led Protests“ die Organisationsstruktur der jüngsten Protestbewegungen. Gemeint ist, dass sich hier Menschen überwiegend spontan, basisdemokratisch und ohne Hierarchie in Kundgebungen gegen soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Korruption zusammenfanden – vor allem über soziale Medien. Anders als bei früheren Protestbewegungen spielten bei ihnen weder charismatische Führungsfiguren noch weitergehende politische Forderungen eine prominente Rolle. Das erläutern die Forschenden anhand der Proteste in Kenia, Bangladesch, Indonesien, Nepal, Madagaskar, Peru und Paraguay, die von der GenZ geführt wurden, also von jungen Leuten, die bis etwa 36 Jahre alt sind. 

In diesen Ländern hätten sie erfolgreich Widerstand gegen unbeliebte Regierungen mobilisiert und kanalisiert. In Bangladesch, Madagaskar, Nepal und Peru konnten sie korrupte Regierungen tatsächlich stürzen. Ob und wo das zu einem demokratischeren oder weniger demokratischen System führen wird, ist für die Forschenden noch nicht absehbar. In Madagaskar etwa zeige die Einsetzung eines militärischen Interimspräsidenten, dass ein Regimewechsel nicht unbedingt eine strukturelle Umgestaltung bedeute.

Nicht überall wurde gleich die Regierung gestürzt

In Indonesien und Kenia konnten die Bewegungen Forderungen nur teilweise durchsetzen. In Indonesien habe die Regierung geplante Vergünstigungen für Abgeordnete zurückgenommen, in Kenia ein umstrittenes Finanz- und Steuergesetz abgeändert. Aber andere wichtige Forderungen wie die nach einer Revision des Strafrechts zugunsten gesellschaftlicher und politischer Freiheitsrechte in Indonesien oder nach umfassenden politischen Reformen und einer Untersuchung der teils tödlichen Angriffe von Sicherheitskräften auf Protestierende in Kenia wurden abgelehnt. 

Die Forschenden betonen, dass Smartphones und soziale Medien ein entscheidender Faktor für den Erfolg der neueren Protestbewegungen waren, nicht zuletzt wegen des sogenannten Bumerangeffekts: Dass staatliche Sicherheitskräfte friedliche Demonstrationen unterdrückten und dies über Social Media weit verbreitet wurde, habe in Bangladesch, Madagaskar, Indonesien und Kenia mehr Menschen veranlasst, Proteste zu unterstützen. Und es habe dazu beigetragen, dass teilweise Sicherheitskräfte auf die Seite der Proteste übergelaufen seien. 

Deutlich wird, dass soziale Medien Protestierende verbinden und Aktivisten mit ähnlichen Anliegen auf der ganzen Welt inspirieren können. Allerdings reagierten die meisten Regierungen auf solche Entwicklungen mit einer verstärkten Online-Überwachung. 

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