Abro Bobby Tandawurah, ein hart arbeitender Landwirt aus der Savannenregion Ghanas, bewirtschaftet rund zwei Hektar Land. Seine Farm bildet die Lebensgrundlage für ihn, seine zwei Frauen und sechs Kinder; es ist ihre einzige Nahrungs- und Einkommensquelle. Doch seit einigen Jahren ist Tandawurah von Sorgen geplagt, weil frei umherlaufende Tiere immer wieder in seine Felder eindringen und seine Ernte zerstören.
Im Dezember 2025, bei einem seiner Routinebesuche auf dem Feld, packte ihn der Zorn besonders heftig. Diesmal war der Schaden größer als je zuvor. Während er die Zerstörung begutachtete, festigte sich sein Verdacht gegen ein bekanntes Gemeindemitglied: den Hirten Alhassan Amadu, der sein Vieh in der Nähe weiden ließ.
Überzeugt, dass er genug ertragen hatte, stellte Tandawurah den Hirten zur Rede. „Sein Vieh ist in unsere Farm eingedrungen und hat die Ernte vernichtet – das geht nun schon seit Jahren so“, erklärt er. Doch als er Amadu direkt mit den Vorwürfen konfrontierte, reagierte dieser verständnislos und beharrte darauf, dass die Situation außerhalb seiner Kontrolle liege. „Es gibt kein für alle offenes Land mehr, auf dem das Vieh weiden kann. Egal, wohin wir unsere Tiere führen, wir kommen zwangsläufig an Farmen vorbei – und dabei verirren sich die Tiere auf die Felder.“
Warum die Konflikte zwischen Ackerbauern und Hirten oft eskalieren
Die Spannungen zwischen Bauern und Hirten wie zwischen Tandawurah und Amadu sind kein Einzelfall. In weiten Teilen Ghanas – insbesondere in den Regionen Ashanti, Eastern und Northern – kommt es regelmäßig zu ähnlichen Zusammenstößen. Fachleute warnen, dass diese Konflikte mittlerweile eine erhebliche und wachsende Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen.
Hinter den Streitigkeiten steht ein komplexes Geflecht aus Ursachen: Der Klimawandel, schrumpfende Weideflächen, die zunehmende Zerstörung von Ernten, Viehdiebstahl und Ressourcenknappheit heizen die Lage an. Diese Faktoren lassen die Konflikte zwischen nomadischen oder halbnomadischen Fulani-Hirten und lokalen Ackerbauern eskalieren, was Verletzte und Tote fordert und vielerorts zu enormen Sachschäden führt. In mehreren Krisengebieten sah sich die Regierung bereits gezwungen, sowohl Militär als auch Polizei einzusetzen.
„Die Situation in Ghana hat sich so weit zugespitzt, dass die Fulani als ethnische Gruppe inzwischen pauschal diskriminiert werden“, erklärt Clement Mweyang Aapengnuo, ein ghanaischer Analyst für Konflikt- und Sicherheitsfragen sowie Friedensaktivist. „Typisch für Rassismus oder Ethnozentrismus ist die Dämonisierung des ‚anderen‘. Die Fulani werden oft kollektiv als kriminell und destruktiv wahrgenommen, selbst wenn sie an den ihnen vorgeworfenen Taten völlig unschuldig sind.“
In Ghana sind die Fulani eine weit verbreitete, überwiegend muslimische Gruppe. Ursprünglich stammen sie aus der Sahelzone und Westafrika. Obwohl sie zum Teil bereits vor der Unabhängigkeit im Land lebten, fällt es vielen lokalen Gemeinschaften schwer, die Fulani, die seit jeher Wanderviehhaltung betreiben, als Einheimische zu akzeptieren. Diese Stigmatisierung führt dazu, dass Hirten bei Rechtsstreitigkeiten oft nur begrenzten Zugang zu fairen Verfahren haben. Nicht selten greifen Landwirte aus Rache Hirten an oder töten sie sogar, was eine Spirale aus Angst und Feindseligkeit befeuert.
Abro Bobby Tandawurah suchte Hilfe bei den Gemeindevorstehern
Autor
Isaac Kaledzi
lebt als Journalist in Accra, Ghana. Er berichtet unter anderem für den deutschen Auslandsrundfunk Deutsche Welle.Trotz der aufgeladenen Atmosphäre und der fast schon physischen Konfrontation entschied sich Tandawurah an jenem Tag für einen anderen Weg. Statt auf Gewalt oder das staatliche Polizeiwesen zu setzen, suchte er nach einer friedlichen Lösung, die in den Traditionen seiner Gemeinschaft verwurzelt ist. Tandawurah entschied sich, nicht zur Polizei zu gehen, weil er befürchtete, dass das formelle System das Verfahren unnötig in die Länge ziehen und Kosten verursachen würde, die er nicht tragen konnte, statt ihm die nötige schnelle Hilfe zu verschaffen. „Ich vertraue darauf, dass die Gemeindevorsteher die Krise zügiger lösen können. Anzeige bei der Polizei zu erstatten und vor Gericht zu gehen, dafür fehlt mir das Geld“, erklärt er.
Einer jahrhundertealten Tradition folgend, brachte er den Fall vor den örtlichen Chief und die Ältesten. Diese Instanzen genießen in ganz Ghana hohes Ansehen für ihre Schlichtung von Streitfällen. Es wurde eine öffentliche Anhörung organisiert, an der Verwandte und angesehene Mitglieder beider Seiten teilnahmen.
Nachdem beide Parteien ihre Argumente vorgetragen hatten, fällten der Chief und die Ältesten ihr Urteil: Zwar sei ein Schaden entstanden, dieser sei jedoch nicht schwerwiegend genug, um eine finanzielle Entschädigung zu rechtfertigen. Amadu musste keine Zahlung leisten, erhielt aber eine eindringliche Warnung, dass künftige Vorfälle mit Strafen geahndet würden.
Beide Männer akzeptierten die Entscheidung. Mit einem Händeschütteln und einer Umarmung verließen sie die Versammlung in Frieden – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie informelle Justiz nicht nur Konflikte löst, sondern auch das soziale Gefüge repariert.
Der kulturell verankerte Ansatz: Kitt für Risse im sozialen Gefüge
In ganz Ghana verlassen sich Gemeinschaften seit langem auf solche traditionellen Rechtssysteme, um Streitigkeiten effizient, kostengünstig und einvernehmlich beizulegen. Chiefs, Älteste und Familienoberhäupter nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein – und das bereits seit Generationen, lange bevor moderne Gerichte existierten.
Da die traditionellen Führer in der ghanaischen Gesellschaft hoch geschätzt werden, finden ihre Urteile in der Regel breite Akzeptanz. Viele Gemeinden bringen diesen Verfahren mehr Vertrauen entgegen als der formellen Justiz, die oft als schwerfällig, teuer und bürokratisch wahrgenommen wird.
Nichtstaatliche Organisationen wie das ghanaische Center for Conflict Transformation and Peace Studies (CECOTAPS) fördern diesen kulturell verankerten Ansatz. Sie betonen, dass die traditionelle Streitbeilegung nicht nur Eskalationen verhindert, sondern auch Risse im sozialen Gefüge kittet. Joseph Issahaku von CECOTAPS stellt fest, dass dieses System den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt: „Die Spannungen zwischen Hirten und Bauern nahmen immer weiter zu. Doch diese Mediationsverfahren haben die Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen spürbar verbessert.“
Die Entscheidungen der Chiefs: Akzeptiert und rechtlich anerkannt
Auch die Verfassung Ghanas erkennt die bedeutende Rolle der Stammesführer bei der Lösung in der Gemeinde auftretender oder mit Landfragen zusammenhängender Konflikte offiziell an. Obwohl ihre Autorität dem nationalen Recht untersteht, genießen sie nach wie vor große Legitimität – ihre Entscheidungen werden akzeptiert und rechtlich anerkannt.
Zudem spielen die verfassungsmäßig verankerten „Houses of Chiefs“ auf nationaler und regionaler Ebene einflussreiche Rollen bei der Konfliktbewältigung. Diese Gremien fungieren nicht als Gesetzgeber, sondern vertreten die Interessen der traditionellen Führer und setzen sich aus deren gewählten Vertretern zusammen.
Um in Ghana den Titel eines „Chief“ zu tragen, muss man einer anerkannten königlichen Familie angehören. Man qualifiziert sich über die Abstammung. Bedeutende Chiefs, deren Zuständigkeit sich über größere Gebiete erstreckt, gelten als Oberhäupter („Paramount Chiefs“) und haben Sub-Chiefs unter sich. Einfluss haben die Chiefs in Städten wie in Dörfern.
Das traditionelle System setzt auf Versöhnung statt Bestrafung
Ibrahim Halidu, Rechtsanwalt und Gemeindevorsteher in Accra, ist ein überzeugter Befürworter dieser informellen Justiz. Obwohl er beruflich Mandanten vor staatlichen Gerichten vertritt, sieht er klare Vorzüge in den traditionellen Verfahren: „Unser traditionelles Rechtssystem ist auf Wiedergutmachung statt auf reine Bestrafung ausgelegt. Es stellt Versöhnung, Entschädigung, Entschuldigung und die Wiederherstellung der Harmonie ins Zentrum – nicht die Bestrafung.“
Im Gegensatz zu westlich geprägten Gerichten, die oft Gewinner und Verlierer hervorbringen und damit soziale Gräben vertiefen können, zielt das traditionelle System primär darauf ab, Beziehungen zu kitten. Seine Niedrigschwelligkeit und Einfachheit machen es besonders in ländlichen Regionen unverzichtbar. Dabei beschränkt sich der Strafrahmen traditioneller Gerichte auf Bußgelder; Freiheitsstrafen oder körperliche Züchtigungen sind ausgeschlossen. Halidu erklärt dazu: „Das traditionelle System ist weitaus weniger bürokratisch. Es gleicht nicht dem formellen Apparat, bei dem man Anzeige erstatten und langwierige Verfahren durchlaufen muss, bevor ein Staatsanwalt den Fall schließlich vor Gericht bringt.“
Ein weiterer entscheidender Vorteil ist die Erschwinglichkeit: Viele Fälle, die vor den Chiefs verhandelt werden, verursachen kaum oder gar keine Kosten. „Das traditionelle Recht ist kostengünstiger, schneller und wird zudem in den jeweiligen Lokalsprachen praktiziert“, fügt er hinzu. Und die informelle Justiz entwickelt sich stetig weiter.
Frauen: Von der Konfliktlösung nicht länger ausgeschlossen
In manchen Gemeinschaften übernehmen Frauen, die historisch von der Konfliktlösung ausgeschlossen waren, heute tragende Rollen. So konnten etwa im Jahr 2019 erneute Zusammenstöße zwischen den Gemeinschaften Doba und Kandiga im Nordosten Ghanas durch die Einbeziehung von Frauengruppen entschärft werden. Zwar fällten sie nicht selbst Urteile, doch ihr Einsatz – insbesondere ihr Fokus auf das Leid der Familien und Kinder – bewegte beide Seiten schließlich zum Kompromiss.
„Wir haben Frauen zusammengebracht, um zu sehen, welche Rolle sie bei der Friedenskonsolidierung spielen können, zunächst ohne einen spezifischen Krieg oder Konflikt in den Blick zu nehmen. Denn in diesem Bereich sind fast immer mehr Männer als Frauen tätig“, erläutert die Frauenrechtlerin Bridget Adongo Akasise.
Staatliche Gerichte und Gefängnisse werden entlastet
Gleichzeitig entlastet die informelle Justiz die chronisch überfüllten Gefängnisse Ghanas: Mehr als 15.000 Insassen drängen sich in Einrichtungen, die für etwa 10.000 Personen ausgelegt sind. In Gefängnissen wie Nsawam nahe der Hauptstadt Accra liegt die Auslastung Berichten zufolge bei über 400 Prozent, was zu schweren Hygieneproblemen, Krankheitsausbrüchen und Ressourcenmangel führt.
Indem das informelle Rechtssystem Konflikte innerhalb der Stammeshierarchie löst, nimmt es den Druck von den staatlichen Gerichten – und senkt letztlich die Zahl der Inhaftierungen. „Ein Blick auf die ghanaischen Gerichte zeigt, wie stark sie durch Landstreitigkeiten, Konflikte über die Stammesführung (etwa die Nachfolge für einen Chief), Familienangelegenheiten und auch zivilrechtliche Klagen belastet sind. Vieles davon ließe sich auf Gemeindeebene klären, ohne dass es die Gerichte überhaupt beschäftigen muss“, stellt Halidu fest.
Die informelle Justiz hat Grenzen und bleibt doch unverzichtbar
Doch trotz aller Vorzüge stößt die informelle Justiz an ihre Grenzen: Schwere Verbrechen wie Raub, Mord oder Vergewaltigung dürfen nicht von Chiefs oder Ältesten sanktioniert werden. Solche Fälle erfordern staatliche Autorität, offizielle Ermittlungsstrukturen und die verfahrensrechtlichen Garantien des formellen Rechtswegs. Versuchen traditionelle Führer, derlei Delikte eigenmächtig im Geheimen zu regeln, riskieren sie, gegen das Gesetz zu verstoßen und den Rechtsstaat zu untergraben.
In einem Land jedoch, in dem formelle Gerichtsurteile oft neue Streitigkeiten auslösen und Spannungen schüren, setzen Ghanas Gemeinschaften weiterhin auf den flexiblen, beziehungsorientierten und friedensfördernden Charakter der informellen Justiz. Auch für künftige Generationen wird sie das Fundament bleiben, um Konflikte zu lösen, Beziehungen zu heilen und den sozialen Frieden zu bewahren.
Genau das hat die Anhörung vor der Gemeinde für den Bauern Tandawurah und den Hirten Amadu bewirkt: Beide schätzten es, dass ihr Streit beigelegt werden konnte, bevor Gewalt oder dauerhafte Verbitterung ihr Leben bestimmen konnten.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
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