Die Kleinstadt Pogradec am Ohridsee im Südosten Albaniens an der Grenze zu Nordmazedonien ist ein Ort des Tourismus genauso wie seine Partnerstadt Wismar an der Ostsee. Verbunden hat beide Städte der Christliche Hilfsverein e.V., hervorgegangen aus der evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Wismar, der bereits seit Anfang der 1990er Jahre in Albanien Kontakte hat.
Als die Hansestadt Wismar im Jahr 2019 nach einigen Begegnungen eine offizielle Partnerschaft mit Pogradec schloss, war dies die erste Verbindung einer deutschen Kommune mit einer Stadt in Albanien, das bis 1989 vom stalinistischen Diktator Enver Hodscha regiert wurde. Das Land steht bis heute nicht im Fokus deutscher Städtepartnerschaften, obwohl in Deutschland geschätzt 500.000 Albaner und Kosovo-Albaner leben. Abgesehen von Wismar hat bis heute nur noch Bocholt in Nordrhein-Westfalen eine offizielle Verbindung mit einer albanischen Kommune.
Kleine Schritte, großer Wunsch nach Austausch
Kleine Schritte prägen die Zusammenarbeit. Es gab gegenseitige Besuche, ein Künstler aus Pogradec konnte in Wismar ausstellen, ein ausgemustertes, aber noch funktionsfähiges Feuerwehrauto wurde den albanischen Partnern übergeben, ein zweites soll folgen. Ein Gesundheitsmobil zur medizinischen Versorgung von Patienten in abgelegenen Dörfern wurde von Jugendlichen gestaltet und nach Pogradec gebracht. Nach dem Besuch einer Jugendgruppe aus Wismar vor drei Jahren wurde der Gegenbesuch kurzfristig abgesagt, warum ist unklar.
„Die Sprachbarriere macht die Zusammenarbeit schwieriger als mit unseren anderen Partnerschaften zum Beispiel in Skandinavien“, sagt Marco Trunk von der Stadt Wismar. „Wir müssen immer mit Dolmetschern arbeiten.“ Der Einblick in die Strukturen der Stadtverwaltung von Pogradec sei begrenzt. Werde ein Bürgermeister abgewählt, werde zudem meist die ganze Rathausmannschaft ausgetauscht und es gibt wieder neue Ansprechpartner. Doch der Wunsch nach Kontakt und Austausch sei groß in der Partnerkommune.
Partnerschaftsvereine und regelmäßige Bürgerreisen
Auch mit Kommunen in anderen südosteuropäischen Ländern wie Serbien und Bosnien-Herzegowina gibt es Partnerschaften; manche reichen zurück bis in die kommunistische Zeit. So ist zum Beispiel Dortmund bereits seit 1982 mit Novi Sad im heutigen Serbien verbunden, auch die Universitäten der beiden Städte arbeiten zusammen. Partnerschaften mit Städten in Bosnien-Herzegowina sind häufig stark von der Zivilgesellschaft getragen mit eigenen Partnerschaftsvereinen und regelmäßigen Bürgerreisen. Die Unterstützung aus Deutschland während des Bosnienkriegs und der Belagerung Sarajevos (1992 bis 1995) sowie beim Wiederaufbau ließ sie wachsen.
Friedrichshafen ist bereits seit 1972 mit Sarajevo verpartnert, Leipzig seit 2003 mit Travnik in Zentralbosnien; zahlreiche Begegnungen von Schulpartnerschaften über Sportaustausch bis hin zu Unternehmenskooperationen prägen diese Verbindung. „Die Partner in Travnik wollten eine Partnerstadt in Ostdeutschland, die Erfahrungen mit einer Transformation mitbringt“, sagt Sabine Willenberg von der Stadt Leipzig und meint damit den Übergang nach dem Zusammenbruch der DDR. Seither ist eine intensive Zusammenarbeit gewachsen. Im März wurde Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung als Ehrenbürger von Travnik ausgezeichnet. Nachhaltige Mobilität und Stadtentwicklung sowie Anpassung an den Klimawandel sind gemeinsame Themen.
„Doch wir wollen auch einen Beitrag zur Stärkung der lokalen Demokratie leisten“, sagt Sabine Willenburg. So habe man Travnik beim Umbau einer Hauptgeschäftsstraße in eine autofreie Zone unter Beteiligung der Bürger unterstützt. Das Projekt trug mit Workshops und öffentlichen Veranstaltungen zur Akzeptanz des Umbaus in der Stadtgesellschaft bei und zeigte Möglichkeiten auf, wie die Bürger mitwirken können.
Komplizierte staatliche Strukturen in Bosnien
Bosnien-Herzegowina will in die Europäische Union, doch der Beginn der Beitrittsverhandlungen wird immer wieder blockiert. Das Land ist bis heute geprägt von komplizierten staatlichen Strukturen, eine Folge des Vertrags von Dayton, der 1995 den Bosnienkrieg beendet hat. Vor allem serbische nationalistische Kräfte blockieren Reformen und stellen Bosnien-Herzegowina als Staat immer wieder in Frage. Mit Projekten zur Bürgerbeteiligung könne man aber zeigen, dass auf lokaler Ebene Kompromisse möglich sind, meint Willenberg. „Die Bürger können so neues Vertrauen in den Staat gewinnen.“
„Auf kommunaler Ebene findet man sehr oft über pragmatische Fragen Anknüpfungspunkte“, sagt auch Marco Trunk über die Zusammenarbeit von Wismar mit Pogradec. „Wie kriegen wir die Wasserversorgung hin oder wie organisieren wir jetzt die Feuerwehr? Über solche Themen können wir uns austauschen, unabhängig davon, wie die politischen Systeme funktionieren.“
Laut der neuen Reformstrategie des Bundesentwicklungsministeriums sollen die Beziehungen zu Südosteuropa intensiviert werden und Kooperationen den EU-Beitrittskandidaten auf dem Weg in die EU helfen. Städte können hierzu einen kleinen Beitrag leisten. „Der Austausch mit einer Kommune in Deutschland ist für die Partner in Albanien auf dem Weg nach Europa zentral“, sagt auch Frieder Weinhold vom Christlichen Hilfsverein Wismar e.V. „Natürlich sind das nur kleine Schritte, aber sie sind wichtig.“
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