Der Artikel ist zuerst auf Englisch auf der Nachrichtenplattform „Mongabay“ erschienen.
Wo immer Menschen in unmittelbarer Nähe zu wilden Tieren leben, kommt es zu Zusammenstößen. Wenn sich dann die Umweltbedingungen ändern, kann das über Jahrtausende gewachsene natürliche Gleichgewicht gestört werden, so dass Konflikte eskalieren. Etwa dann, wenn Menschen in den Lebensraum von Tieren vordringen, wenn sich Wildtierpopulationen wieder erholen oder – was zunehmend der Fall ist – wenn der Klimawandel häufigere, längere und intensivere extreme Wettereignisse bringt.
Als die Wildbiologin Briana Abrahms von der University of Washington in den USA für ihre Doktorarbeit im Okavango-Delta in Botsuana forschte, hörte sie Berichte, dass Raubtiere in Dürrezeiten häufiger Nutztiere angriffen – und manchmal sogar Menschen. Später, als sie zur US-Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration gewechselt war, um Wale zu erforschen, führte eine schwere Hitzewelle zu einer Veränderung im Fressverhalten der Wale. Die Folge: Die Zahl der Wale, die sich in Fischernetzen verfingen, verfünffachte sich.
„Zwei völlig unterschiedliche Dinge“, erinnert sie sich. „Aber beides wurde von einem akuten Klimaereignis ausgelöst – einer anhaltenden Dürre oder einer marinen Hitzewelle –, das dann die Beziehung zwischen Menschen und Tieren veränderte. Ich fragte mich daraufhin, wie weit verbreitet dieses Phänomen sein könnte.“ Im Jahr 2023 veröffentlichten Abrahms und ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ eine Auswertung von 49 Studien, die alle darauf hindeuten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen zunehmenden Konflikten mit Wildtieren und den Auswirkungen von Extremwetterereignissen oder dem Klimawandel. „Die größte Überraschung war, wie allgegenwärtig dieser Zusammenhang ist“, sagt sie. „Ob im Ozean oder an Land, in der Arktis oder im südlichen Afrika – er ist weltweit verbreitet.“
Die Interaktionen mit Wildtieren verändern sich
„Dies ist eine wichtige Arbeit“, sagt Philip Nyhus, Naturschutzwissenschaftler am Colby College von Waterville in Maine (USA). Er hat sich mit Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren in ganz Asien beschäftigt, war aber nicht an der Studie beteiligt. „Diese Konflikte sind bereits heute eines der größten Probleme im Naturschutz. Da sich die Welt verändert, müssen wir verstehen, wie sich unsere Interaktionen mit Wildtieren verändern werden.“
Autor
Tim Vernimmen
ist freiberuflicher Wissenschaftsautor aus Belgien und schreibt zu Biowissenschaften und Naturschutz.Glücklicherweise nimmt die politische Aufmerksamkeit für dieses Thema zu: Anfang 2026 war Abrahms Hauptrednerin bei einem Treffen dazu, an dem Parlamentarier aus zehn verschiedenen Ländern teilnahmen, darunter Botsuana und Deutschland. Es wurden Ratschläge ausgetauscht, wie Konflikte bewältigt werden können – etwa, indem ausreichend Raum für die Bewegungsfreiheit der Tiere erhalten bleibt, Präventionsmaßnahmen finanziell unterstützt werden und Menschen, die von Wildtieren Schaden erleiden, entschädigt werden. Anschließend gab es eine Podiumsdiskussion mit Parlamentsabgeordneten, so Abrahms, „und jeder von ihnen berichtete, wie der Klimawandel Konflikte verschärft“.
Mexiko: Umherstreifende Tapire fressen Nutzpflanzen
In mehr als der Hälfte der Studien, die Abrahms und ihre Kollegen in „Nature Climate Change“ analysiert haben, wird festgestellt, dass Tiere bei Hitzewellen, Waldbränden, anhaltenden Dürren, übermäßigen Niederschlägen oder anderen Extremereignissen Teile der Landschaft genutzt haben, in denen sie sonst nur selten anzutreffen waren. Ein typisches Beispiel sind Baird-Tapire auf der Halbinsel Yucatán im Südosten Mexikos, die während schwerer Dürreperioden auf der Suche nach Wasser in der Umgebung lokaler Dörfer umherstreiften.
In ungewöhnlich trockenen Jahren wie 2019 „verzeichneten wir häufigere Beschwerden von Landwirten über Wildtiere wie Tapire, die sich von Nutzpflanzen ernährten“, sagt Fernando Contreras-Moreno vom WWF Mexiko, ein Mitautor einer Studie, die Abrahms ausgewertet hat. „Wann immer die Aguadas, die natürlichen Gewässer des Maya-Waldes, austrocknen, rechnen wir damit, dass sich diese alarmierenden Umstände wiederholen“, sagt er.
Um diese Konflikte zu entschärfen, hat der WWF in Zusammenarbeit mit dem Biosphärenreservat Calakmul und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen künstliche Wasserstellen für Wildtiere eingerichtet. Seit 2020 werden sie mit Kamerafallen überwacht, um zu untersuchen, wie und wann Wildtiere sie nutzen.
Mensch-Tier-Konflikte in Kenia
Joseph Ogutu, Biostatistiker an der Universität Hohenheim, war an einer Reihe von Studien zu Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren in Kenia beteiligt. Er bestätigt, dass künstliche Wasserquellen angesichts der vom Klimawandel verursachten stärkeren Dürren eine gute Möglichkeit sein können, Tiere von menschlichen Siedlungen fernzuhalten. Er warnt jedoch vor unvorhergesehenen Folgen: „Im Krüger-Nationalpark in Südafrika, wo ich auch gearbeitet habe, wurden Gebiete, die weit vom Wasser entfernt sind, von seltenen Rappen- und Roanantilopen genutzt, um der Jagd der Löwen zu entkommen. Die künstlichen Wasserstellen zogen Zebras an, woraufhin Löwen hinzukamen und auch die Antilopen töteten. Deshalb mussten einige Wasserstellen wieder geschlossen werden.“
Gemeinsam mit Kollegen des Kenya Wildlife Service hat Ogutu mehr als 39.000 Fälle von Mensch-Tier-Konflikten im Ökosystem Greater Tsavo rund um die Nationalparks Tsavo East und Tsavo West analysiert. Mehr als die Hälfte der Fälle, die zwischen 1995 und 2016 erfasst wurden, betrafen Elefanten. Einige hatten Ernten oder Eigentum beschädigt, andere Menschen angegriffen. In den elf Jahren gab es 363 Vorfälle, bei denen Menschen getötet wurden, und viele weitere, bei denen der Elefant nicht überlebte.
Andere Wildtiere, die häufig in Konflikt mit Menschen gerieten, waren Paviane und Affen (4480 Vorfälle), Büffel und Flusspferde (2432 beziehungsweise 1497 Vorfälle) sowie Löwen und Hyänen (1645 beziehungsweise 925 Vorfälle). Als Nächstes auf der Konfliktliste stand ein eher ungewöhnlicher Verdächtiger: „Schlangen waren an fast 1500 Vorfällen beteiligt“, sagt Ogutu. „Und die treten ebenfalls häufiger während Dürreperioden auf, da Schlangen auf der Suche nach Wasser in die Häuser der Menschen eindringen können und einige von ihnen giftig sind.“
„Wir brauchen mehr Raum, in dem sich Wildtiere frei bewegen können“
In den letzten Jahren hätten sich viele dürrebedingte Probleme verschärft, darunter Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren. „Es verändert sich definitiv etwas. Dürren treten häufiger und intensiver auf, und der Klimawandel erhöht die Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit des Wetters“, sagt Ogutu. Doch der Klimawandel ist nicht das einzige Problem: „Meiner Meinung nach hat zumindest in Ostafrika das Zusammenspiel zwischen der menschlichen Bevölkerung, menschlichen Tätigkeiten und dem Klimawandel den stärksten Einfluss. Wildtiere und Viehzüchter haben sich früher mit Mobilität und Flexibilität darauf eingestellt. Da jedoch die Bevölkerungszahl gestiegen ist und es mehr Siedlungen und Infrastruktur gibt, wird dies immer schwieriger. Wir brauchen mehr Raum, in dem sich Wildtiere frei bewegen können.“
Zäune könnten einige dieser Probleme noch verschlimmern, meint Ogutu. Die Studie rund um Tsavo ergab, dass etwa Angriffe von Elefanten auf Menschen in Gebieten mit vielen Zäunen nicht seltener vorkommen, weil sowohl Elefanten als auch Menschen dazu neigen, die Barrieren zu überwinden. „Zäune sind oft keine gute Lösung“, sagt Ogutu.
Vorbeugemaßnahmen und Entschädigungen
Dynamische Maßnahmen könnten besser funktionieren, sagt Abrahms. Als Beispiel nennt sie die jüngste Reaktion darauf, dass sich immer mehr Wale in Fischernetzen verfangen. „Wenn darüber entschieden wird, ob für die Fischerei grünes Licht gegeben wird, berücksichtigt der Bundesstaat Kalifornien nun ausdrücklich auch die klimatischen und ozeanischen Bedingungen und bewertet das Risiko, dass Wale sich in den Netzen verfangen könnten“, erklärt sie. Verbesserte Möglichkeiten, extremes Wetter vorherzusagen, könnten in Verbindung mit vorübergehenden Vorbeugemaßnahmen ein Weg vorwärts sein, sagt sie.
Es sei auch gerechtfertigt, einen gewissen Prozentsatz der Zahlungen an verwundbare Nationen für Verluste und Schäden (Loss and Damage Fund) und für Klimaanpassung dafür zu verwenden, Mensch-Tier-Konflikte lokal zu managen und Entschädigungen dafür zu zahlen. Solche Zahlungen an traditionelle Gemeinschaften, die zunehmend mit vom Klimawandel gestressten Tieren in Kontakt kommen, könnten laut Abrahms direkt sowohl die lokalen Lebensgrundlagen verbessern als auch der Artenvielfalt zugutekommen: „Ich denke, es kann in der Klimaanpassung Win-Win-Situationen geben.“
Auch Menschen ändern klimabedingt ihr Verhalten
Ein Großteil der Literatur konzentriert sich auf die Seite der Wildtiere. Relativ wenige der von Abrahms und ihrem Team analysierten Studien haben untersucht, wie Menschen als Reaktion auf extreme Klimaereignisse ihr Verhalten ändern. Aber sie hat einige Studien ausfindig gemacht, die auf solche Veränderungen hindeuten.
In Südafrika zum Beispiel haben sich die Haiangriffe während einer Hitzewelle mehr als verdreifacht – vermutlich, weil die Bedingungen im Meer die Haie zwangen, näher an der Küste zu jagen, während die extreme Hitze mehr Menschen zum Schwimmen an die Strände lockte. Laut einer anderen Studie gab es im ausgedehnten Sudd-Feuchtgebiet im Südsudan während der Trockenzeit mehr Krokodilangriffe auf Menschen und ihr Vieh, weil die Menschen mehr Zeit in der Nähe der Flüsse verbringen, um zu baden und Wasser zu holen, und Hirten zu Fuß das Wasser durchqueren, um frisches Futter für ihr Vieh zu finden.
John Benansio von der Alliance for Environment and Rural Development in Juba hat zwischen 2018 und 2020 Zeugenberichte zu 23 Angriffen auf Menschen gesammelt, die alle tödlich verliefen, sowie zu 355 Angriffen auf Vieh. Er bemerkt, die Lage werde sich wahrscheinlich noch verschlimmern. „Die Trockenzeit wird immer länger“, sagt Benansio. „Als ich jung war, setzte der Regen im März ein, heute beginnt er manchmal erst im Mai.“ Und während des langen Bürgerkrieges in der Region lebten nur wenige Menschen im Feuchtgebiet, „jetzt sind viele zurückgekehrt“.
Mensch und Vieh als früher.
Zudem wissen weniger Leute als früher, wie man Angriffe von Krokodilen vermeiden kann. „Erfahrene Leute sagen, sie bemerken ein Krokodil am Geruch oder daran, dass kleine Fische aus dem Wasser springen“, erklärt er. „Wir brauchen eine Initiative, um die Menschen aufzuklären und auch Wasserstellen für sie einzurichten“, sagt er.
Wissenschaftler wie Benansio können zu Lösungen beitragen, indem sie regelmäßig mit Menschen sprechen, die unterschiedlich viel Erfahrung im Umgang mit Wildtieren haben. Da sich einige Tierbestände dank Naturschutzmaßnahmen erholen und die menschliche Bevölkerung weiterwächst, werden Leute wie er wichtiger, die Wissen darüber neu beleben, wie man sich in der Nähe von Wildtieren verhält. Sie schlagen auch Wege vor, die Lebensgrundlagen von Menschen zu schützen. „Viele Jüngere haben vielleicht wenig Erfahrung mit Wildtieren“, bemerkt Ogutu. „Aber die Älteren, die den größten Teil ihres Lebens mit Wildtieren verbracht haben, wissen sehr viel darüber. Sie sollten uns aufklären, damit wir verstehen, wie wir reagieren sollten.“
ZUM NACHLESEN:
B. Abrahms u. a.: Climate change as a global amplifier of human-wildlife conflict, Nature Climate Change, Februar 2023
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