Maria Senhora betreibt seit fünfzig Jahren familiäre Landwirtschaft in Tocantins, einem Bundesstaat im brasilianischen Amazonasgebiet. Noch immer ist sie dabei, die Verluste der letzten Ernte zu berechnen. „Ende letzten Jahres habe ich fünf Reihen Reis gepflanzt – alles ist eingegangen. Ich habe einen Fachmann um Hilfe gebeten, weil ich dachte, eine Krankheit sei schuld. Aber er sagte, es sei einfach zu viel Sonne gewesen. Also riet er mir, Mais anzubauen. Das habe ich getan, doch auch der Mais ist eingegangen – diesmal wegen zu viel Regen. Wir wissen nicht mehr, wann Regenzeit ist und wann Trockenzeit.“ Von Jahr zu Jahr werde es schwieriger, sich an das unberechenbare Klima anzupassen, sagt die Bäuerin. Das stellt die gewohnten Anbaumuster der Kleinbauern in Esperantina, einer Gemeinde in der Region Bico do Papagaio, zunehmend infrage.
Gleichzeitig gehört die Region zu den am stärksten von Gewalt geprägten im brasilianischen Hinterland – wegen eines dauerhaften Konflikts mit der Agrarindustrie. „Die von Großgrundbesitzern verursachte Entwaldung hat die Niederschlagsmuster und die Verfügbarkeit von Wasser in unserer Region verändert“, sagt Senhora. „Die Gruppen, die früher Waffen gegen uns eingesetzt haben“ – sie meint Vertreter der Agrarindustrie – „haben heute gewählte Bürgermeister und Gemeinderäte. Sie haben Geld für Lobbyarbeit und den Staat in der Hand.“
Der Staat kontrolliert die Agrarindustrie nur sporadisch
Das ist nicht nur in Bico do Papagaio so, sondern im gesamten brasilianischen Hinterland, besonders in den als MATOPIBA und AMACRO bekannten Gebieten, in denen sich die Agrarindustrie ausbreitet. MATOPIBA umfasst Teile der Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia; AMACRO erstreckt sich über Regionen in Amazonas, Acre und Rondônia. Hier liegt die „agricultural frontier“, die sogenannte Agrarfront, an der die Landwirtschaft in bisher unerschlossene Gebiete vordringt. Der Schutz durch den Staat ist hier bewusst schwach gehalten; die Agrarindustrie wird nur sporadisch kontrolliert.
„Das ist Teil einer Strategie, um die Expansion des Großkapitals an der Agrarfront abzusichern“, sagt Maria Petronila, Mitglied der Nationalen Koordinierungsstelle der Landpastoral (CPT). „Wäre der Staat hier wirklich präsent, müsste er garantieren, dass die Rechte der Gemeinden respektiert werden. Viel bequemer ist es, zu behaupten: Es gibt keine Möglichkeit, das zu überwachen.“
In diesem Machtkampf mischt auch der sogenannte Ländliche Ausschuss kräftig mit. Das Gremium vereint 329 Parlamentarierinnen und Parlamentarier – Abgeordnete wie Senatoren –, die sich für die Interessen der Agrarindustrie einsetzen, für die Lockerung von Umweltauflagen und gegen eine umfassende Agrarreform. Die Gruppe zählt zu den einflussreichsten Kräften im brasilianischen Parlament und prägt maßgeblich die Umwelt- und Landpolitik des Landes.
Autorin
Sarah Oliveira Fernandes
ist Journalistin und Geografin in Brasilien. Sie berichtet über Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen in Lateinamerika und Asien.Umweltveränderungen und Gewalt eng miteinander verflochten
Eine Studie der Brazilian Platform on Biodiversity and Ecosystem Services zeigt, wie stark sich die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten ausgeweitet hat: Zwischen 1985 und 2022 wuchs die Agrarfläche um 95,1 Millionen Hektar, das sind mehr als zehn Prozent der gesamten Landfläche Brasiliens. Klimaschwankungen könnten bis 2060 allein in der Übergangszone zwischen Amazonasgebiet und Cerrado – der brasilianischen Savanne – bis zu drei Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche gefährden. Gleichzeitig verändern der Vormarsch der Agrarindustrie und der zunehmende Anbau von Nutzpflanzen das regionale Klima, nicht nur durch Treibhausgasemissionen, sondern auch durch Entwaldung und landwirtschaftliche Praktiken, die die Umwelt zusätzlich belasten.
„In Brasilien zeigt sich, wie eng Klimawandel und Gewalt in ländlichen Regionen miteinander verflochten sind“, sagt Aiala Couto, Professorin an der staatlichen Universität von Pará und Mitglied des Brazilian Forum on Public Security. „Umweltveränderungen verschärfen historische Konflikte: Dürren, Waldbrände oder veränderte Niederschlagsmuster lassen Ressourcen knapper werden, erschweren die landwirtschaftliche Planung und erhöhen die wirtschaftliche Unsicherheit.“
Die Gewalt auf dem brasilianischen Land folgt seit Jahrzehnten denselben Mustern. Sie manifestiert sich in direkten Konflikten um Landbesitz und Landnutzung, häufig begleitet von Zwangsräumungen und Angriffen auf Gemeindevorsteher, indigene Gemeinschaften, Kleinbauern und Umweltschützer. Menschen werden ermordet, um lokalen Widerstand zum Schweigen zu bringen. Auch private, vom Agrarsektor finanzierte bewaffnete Gruppen spielen eine Rolle: Sie zerstören Arbeitsgeräte, legen Brände und dienen als Instrument der Einschüchterung. „Ein entscheidender Faktor ist die anhaltende Straflosigkeit“, betont Couto. „Sie senkt die Kosten der Gewalt – insbesondere für Geschäftsleute und Großgrundbesitzer.“
Wo die Agrarindustrie vorrückt, toben die heftigsten Konflikte
Im Jahr 2025 wurden laut einem Bericht der Landpastoral CPT in ländlichen Regionen Brasiliens 1593 Gewaltkonflikte registriert. Das ist zwar ein Rückgang gegenüber der extrem hohen Zahl von 2024, allerdings hat sich die Zahl der Morde auf dem Land innerhalb eines Jahres von 13 auf 26 verdoppelt, die meisten davon im Amazonasgebiet. Laut dem Bericht waren in mehr als drei Vierteln der Fälle Großgrundbesitzer entweder die Auftraggeber oder die direkten Täter.
An der Spitze der Gewalt lag der Bundesstaat Maranhão mit 190 Vorfällen, gefolgt von Pará (142), Rondônia (111) und Bahia (101). Genau in diesen Regionen rückt die Agrarindustrie im Cerrado und im Amazonas vor. Die Orte mit den heftigsten Konflikten decken sich mit dem Vormarsch von Monokulturen, zunehmender Entwaldung und der Ausbreitung agroindustrieller Strukturen. Der Klimawandel heizt die Gewalt in ländlichen Regionen an. Der zunehmende Wettbewerb um Wasserressourcen wirkt dabei als Brandbeschleuniger.
Besonders betroffen: Traditionelle Gemeinschaften
„In Regionen wie dem Cerrado und dem Amazonasgebiet wirken die zunehmenden extremen Wetterereignisse direkt auf Produktivität und Einkommen – besonders von Kleinbauern“, sagt Couto. „Das verschärft Konflikte um Land und Wasser und erhöht den Druck auf Naturschutzgebiete.“ Studien zeigten, so Couto weiter, dass Klimaschocks in ohnehin angespannten Regionen das Risiko von Konfrontationen und Gewalt deutlich erhöhen. Besonders betroffen sind traditionelle Gemeinschaften und Siedler, die meist für lokale Märkte produzieren. Nicht weil das Klima Gewalt auslöst, sondern weil es bestehende Spannungen verstärkt – vor allem dort, wo staatlicher Schutz unzureichend ist.
Im Jahr 2024 kam es im Amazonasgebiet aufgrund von Brandstiftung und extremer Dürre zu schweren Waldbränden; Brasilien erlebte damals eine der heftigsten Trockenperioden seiner Geschichte. Die Menschen waren Feuer, Rauch und gesundheitlichen Problemen ausgesetzt – und mussten gleichzeitig mit der Dürre kämpfen. Es war eine Katastrophe“, erinnert sich Maria Petronila von der Landpastoral CPT. „Die Bewohner ländlicher Gemeinden litten unter der extremen Hitze, unter Atemwegserkrankungen und konnten sich nur noch eingeschränkt fortbewegen. Wer sein Zuhause nur über den Wasserweg erreichen konnte, war wegen der ausgetrockneten Flüsse praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.“
An der Agrarfront ist das Leben unberechenbar
Für Maria Senhora, Kleinbäuerin aus Tocantins, ist das längst Alltag. Die Unberechenbarkeit des Klimas prägt ihr Leben, und die Ernte, die früher einem halbwegs verlässlichen Rhythmus folgte, ist heute kaum noch planbar. „Früher haben wir im Dezember Reis gepflanzt, im festen Vertrauen darauf, dass wir ihn ernten würden. Jetzt pflanzen wir – und es regnet nicht. Die Hitze ist so stark, dass sie die Ernte vernichtet“, klagt sie. Der Staat unterstütze sie weder wirtschaftlich noch politisch oder rechtlich. „Es fühlt sich an, als gäbe es ein Machtvakuum, als wäre niemand verantwortlich. Während wir um unsere Rechte kämpfen, roden Großgrundbesitzer den Wald, versprühen Gift – und nichts passiert.“
Der Begriff „agricultural frontier“ bezeichnet im brasilianischen Kontext jene Räume, in denen die Agrarproduktion voranschreitet und Territorialkonflikte besonders ausgeprägt sind. Landtitel sind oft unklar, Gesetze werden nicht durchgesetzt. Die ohnehin angespannte Lage wird dadurch verschärft, dass das brasilianische Justizsystem weit entfernt ist und langsam arbeitet – ein Umstand, der gewalttätige Auseinandersetzungen begünstigt.
Für Fachleute ist die Agrarfront daher ein Raum, in dem formelle Regeln und illegale Praktiken nebeneinander existieren und Konflikte leicht eskalieren. „Die Agrarfront ist die Grenze zwischen großen Landbesitzern und dem Wald, der von indigenen Völkern und Kleinbauern bewahrt wird. Sie ist geprägt von der Wechselwirkung zwischen Landwirtschaft und traditionellen Formen der Landnutzung“, erklärt der Geograf José Sobreiro Filho, Professor an der Universität von Brasília und Mitbegründer der Landkonflikt-Datenbank Dataluta. „Es ist ein Raum der Eingriffe in die Natur – ein Ort, an dem sie verändert wird.“
Es fehlt der Wille, sich der Lobby der Großkonzerne entgegenzustellen
Der Forscher betont, dass die Agrarfront weit mehr ist als eine geografische Linie – sie ist ein politisches Konstrukt, getragen von großen multinationalen Agrarkonzernen und vom brasilianischen Staat. „Es handelt sich nicht nur um ein Projekt des großen Wirtschaftskapitals. Es ist der Staat, der das Projekt festigt“, sagt Sobreiro Filho. „Es fehlt der politische Wille, sich der Lobby der Großkonzerne entgegenzustellen, die den Amazonas und den Cerrado zerstören.“
Die brasilianische Agrarfront ist also nicht das Produkt eines geschwächten Staates, der weder Kontrolle noch Schutz gewährleisten kann und dessen Versäumnisse der Klimawandel noch verschärft. „In Ländern wie Mali, Sudan, Südsudan oder Syrien denkt man bei der Debatte über Klima und Konflikte an Staatszerfall oder staatliche Fragilität. Brasilien hingegen verfügt über robuste Institutionen und Verwaltungskapazitäten, und doch gibt es wichtige Parallelen“, betont Couto. „Im Amazonasgebiet ist der Staat kaum präsent, so dass Konfliktmediation ausbleibt. Das zeugt aber nicht von einer strukturellen Abwesenheit des Staates, sondern von einer ungleichen Präsenz über das Staatsgebiet – und von politischen Entscheidungen.“
Die Folgen sind das Fehlen formeller Landrechte, ein Mangel an Infrastruktur und Schwierigkeiten beim Zugang zur Justiz. „Gleichzeitig üben große Wirtschaftskonzerne, insbesondere aus der Agrar- und Bergbauindustrie, erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen aus“, sagt Couto. Statt Landnahmen rechtzeitig zu regulieren und die Eskalation zur Gewalt zu verhindern, lassen sich die Behörden häufig erst blicken, wenn die Agrarkonzerne mit Abholzung, Landraub und Umweltzerstörung längst Fakten geschaffen haben.
Neues Entwicklungsmodell gefordert
An Brasiliens Agrarfront treffen also Klimawandel, Gewalt und ein eklatanter Mangel an staatlicher Präsenz aufeinander. Fachleute fordern deshalb einen Kurswechsel: mehr Befugnisse und Ressourcen für Kontrollbehörden, einen schnellen und verlässlichen Zugang zur Justiz sowie staatliche Programme für ländliche Gemeinden. In einem Punkt herrscht unter ihnen besondere Einigkeit: Der entscheidende Hebel für Veränderung ist ein neues Entwicklungsmodell. Statt weiterhin auf Bergbau und industrielle Großlandwirtschaft zu setzen, müsse die Regierung in Agrarreformen und agrarökologische Ansätze investieren sowie die Wirtschaft diversifizieren.
„Es geht darum, sicherzustellen, dass indigene Gemeinschaften in ihren Territorien wirklich sicher leben können“, sagt Maria Petronila von der CPT. „Die Logik ist simpel: Wo Gebiete geschützt sind, geht die Entwaldung zurück, der Druck auf das Land nimmt ab – und das Klima stabilisiert sich tendenziell.“ Konkret heißt das: technische Unterstützung für Kleinproduzenten, eine stärkere Umweltaufsicht und öffentliche Beschaffungsprogramme für Produkte aus der familiären Landwirtschaft. Der Staat garantiert dabei einen Teil des Lebensmitteleinkaufs und verteilt ihn weiter an Schulen, Tafeln oder öffentliche Krankenhäuser.
„Der Klimawandel verschärft bestehende Spannungen – und eine Antwort darauf kann nicht allein ökologisch sein oder sich auf Sicherheitsmaßnahmen beschränken. Entscheidend ist zu erkennen, dass Klimavulnerabilität eng mit Ungleichheiten beim Zugang zu Land, Wasser und institutionellem Schutz verknüpft ist“, sagt Aiala Couto. „Da sich der Klimawandel weiter zuspitzen wird, hängt Brasiliens Fähigkeit zur Anpassung davon ab, wie konsequent das Land die soziale Ungleichheit angeht und seine Institutionen stärkt.“
Ohne Förderung bleibt die familiäre Landwirtschaft begrenzt
Das fordert auch Kleinbäuerin Maria Senhora. Sie ist Mitglied einer Genossenschaft von Familienbetrieben in Tocantins, die Reis, Bohnen, Maniok, Mais und Obst produziert. Für den Zugang zu größeren Märkten sind sie auf funktionierende Infrastruktur angewiesen. „Um in großem Maßstab zu verkaufen – an das Ministerium für landwirtschaftliche Entwicklung, an das Lebensmittelbeschaffungsprogramm oder an das nationale Schulernährungsprogramm – brauchen wir ein Gütesiegel“, erklärt sie. „Und um dieses Gütesiegel zu bekommen, müssen wir unsere Rohprodukte verarbeiten. Dafür wiederum brauchen wir Geld. Diese Unterstützung durch staatliche Programme fehlt uns.“
Ohne Förderung bleibt die familiäre Landwirtschaft begrenzt und verletzlich – obwohl sie eine echte Alternative zum Agrargroßbetrieb darstellt. Oder wie Maria Senhora es formuliert: „Der Schutz des Territoriums und des Klimas bedeutet auch den Schutz traditioneller Völker und der Nahrungsmittelproduktion sowie eine gerechte Einkommensverteilung.“
Erst wenn das Land geschützt, die familiäre Landwirtschaft unterstützt und die Abholzung beendet wird, kann die Gewalt an der Agrarfront enden. Das Klima hat sich bereits verändert. Die Frage ist jetzt, ob die Politik bereit ist, sich ebenfalls zu verändern.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
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