Das israelische Kabinett hat im November 2025 einen Plan gebilligt, bis zum Jahr 2030 etwa 5800 Angehörige der Bnei-Menashe-Gemeinschaft aus Nordostindien nach Israel zu holen; bis Mai waren die Ersten von ihnen bereits eingereist. Schon in den vergangenen 20 Jahren hat die israelische Regierung etwa 4000 Mitgliedern der Gemeinschaft die Einwanderung nach Israel ermöglicht.
Die Bnei Menashe im Nordosten Indiens verstehen sich als Nachkommen des biblischen Stammes Manasse – einer der zehn „verlorenen Stämme“ Israels, die nach der Überlieferung um 722 v. Chr. herum von assyrischen Eroberern aus ihrem Land vertrieben wurden. Ihre Zahl reicht geschätzt von mehreren Hunderttausend bis zu mehr als einer Million, zu finden vor allem im Nordosten Indiens. Doch die Einwanderung nach Israel bleibt auf kleine, streng kontrollierte Kontingente beschränkt und ist an eine strikte orthodoxe Konversion geknüpft, die nur in Israel vollendet werden kann. Wer nicht konvertiert, wird vom israelischen Staat nicht als Jude anerkannt.
Yehuda Manlun, 2007 nach Israel ausgewandert, beschreibt die Situation so: „Das Wichtigste, was man über die Bnei Menashe wissen muss, ist, dass 90 bis 95 Prozent von ihnen Christen sind“, sagt er. „In Manipur glauben mehr als eine Million Menschen, vielleicht sogar zwei Millionen, Nachkommen von Manasse zu sein. Aber wer in Indien bleibt und nicht nach Israel kommt, konvertiert nicht zum Judentum.“ In Indien seien die meisten seiner Freunde Christen, berichtet er. Die Trennung zwischen jüdischer und christlicher Identität trete nun schärfer hervor. Denn die von Israel geforderte orthodoxe Konversion, um als Jude anerkannt zu werden, habe den persönlichen Glauben in eine Schwarz-Weiß-Entscheidung mit materiellen Konsequenzen verwandelt.
Manipur: Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen
In Manipur und Mizoram, wo die meisten Bnei Menashe leben, wird das Thema mit einer Vorsicht behandelt, die einem Schweigegebot nahekommt. Gemeindemitglieder in Manipur werden von der eigenen Führung strikt davon abgehalten, mit den Medien über ihre Pläne für die Auswanderung nach Israel zu sprechen. Die Gemeinschaft befürchtet, dass kontroverse Äußerungen ihre Chancen auf eine Umsiedlung gefährden könnten.
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Seit Mai 2023 ist Manipur Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen den im Tal lebenden Meiteis, einer überwiegend hinduistischen Gemeinschaft, und den in den Bergen lebenden Kuki und verwandten Stämmen, die überwiegend christlich sind. Zehntausende Menschen wurden im Zuge dieses Konflikts vertrieben. Da die Bnei Menashe von Manipur größtenteils den Kuki angehören, ist die Migration zu einem brisanten Politikum geworden. Gangte, ein Mitglied der Bnei Menashe aus Churachandpur, sagt: „Die derzeitige Krise hat das Thema zu einer heiklen Angelegenheit gemacht.“
Zwar bestreiten die Mitglieder der Bnei Menashe stets, dass die Krise der Grund für die aktuellen Auswanderungspläne sei. Sie räumen aber ein, dass der Konflikt verändert hat, wie die Auswanderung vonstattengeht. Nach Angaben von Menschen in Mizoram durchlaufen alle potenziellen Migranten ein von israelischen Behörden durchgeführtes Interviewverfahren. Familien werden dabei als Einheit unter die Lupe genommen. Diejenigen, die bereits Verwandte in Israel haben, behandelt man bevorzugt und befragt sie zuerst. „Wer die Voraussetzungen erfüllt, wird nach Israel gebracht“, sagt Gangte. Von den Kandidaten wird erwartet, dass sie Kenntnisse der Thora und Engagement für die jüdische Praxis nachweisen und zeigen, dass sie die erforderlichen Rituale und Vorbereitungen für die Konversion absolviert haben.
Religiöse, aber auch wirtschaftliche Gründe für die „Rückkehr“
Die Bnei Menashe bezeichnen ihren Glaubenswechsel nicht als Konversion, sondern als Rückkehr. Viele von ihnen sprechen davon, dass sie vor Jahrzehnten den „verlorenen Stamm“ Manasse wiederentdeckt haben – ein Glaube, der das Gemeinschaftsleben seit den 1970er Jahren prägt, als christliche Missionare die Bibel in die lokalen indischen Sprachen übersetzten. Bereits 1976 wurde in Churachandpur eine Beit-Shalom-Synagoge gegründet. Viele Gemeindemitglieder sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das Heilige Land ihr gelobtes Land sei. Die Frage, ob sie nach der Auswanderung mit Heimweh nach Indien rechnen, verneinen zahlreiche Mitglieder. Rabbiner gibt es hier nicht, was es schwierig macht, das Judentum in Indien uneingeschränkt auszuüben. Israel hingegen wird als ein Ort imaginiert, an dem der Staat das religiöse Leben unterstützt.
Neben den theologischen Gesichtspunkten räumen Gemeindemitglieder auch materielle Erwägungen offen ein, etwa die Aussicht auf Beschäftigung, Sozialleistungen und Ausbildungsprogramme in Israel. Neuankömmlingen wird dort zugesichert, dass sie eine Unterkunft, Sprachunterricht sowie finanzielle Unterstützung während der Ausbildung erhalten. Danach wird von ihnen erwartet, dass sie eine Arbeit aufnehmen. Gangte hebt hervor, dass ihre Mutter, die bereits in den Siebzigern ist, in Israel eine Altersrente beziehen würde, nicht aber in Manipur.
„Hier in Manipur sind wir Bnei Menashe nur eine kleine Minderheit“, sagt Gangte. „In Israel wird das nicht so sein.“ Ginza, ein weiteres junges Mitglied der Bnei-Menashe-Gemeinschaft, wird noch deutlicher: „Warum hier Zeit verschwenden, wo es keine Perspektiven gibt?“ Dennoch stehen für die Mitglieder wirtschaftliche Motive nicht über den religiösen. „Es handelt sich nicht um einen Job“, meint eine Frau namens Sarah. „Es geht darum, das Judentum im vollen Sinne zu leben. Hier werden wir abgelenkt.“ Andere Gemeindemitglieder bestätigen, dass das Leben als kleine Minderheit in Indien eine strikte Einhaltung der Riten erschwert. Israel hingegen wird als ein Ort wahrgenommen, an dem das Judentum den Alltag prägt.
„Wir sind nicht gekommen, weil Israel ein schönes Land ist“
Diejenigen, die bereits ausgewandert sind, berichten, dass die Auswahl ziemlich undurchsichtig war. Yehuda Manlun erinnert sich, dass seine Familie erst zwei Monate vor der Ausreise informiert wurde. „Niemand kannte die Kriterien, nach denen die Familien ausgewählt wurden“, erzählt er. Nach der Ankunft in einem Aufnahmezentrum besuchte er ein Jahr lang einen Ulpan – einen intensiven Hebräischkurs – und trat anschließend in die Armee ein. „Nachdem ich mich verpflichtet hatte“, sagt er, „wollte ich nicht mehr nach Indien zurück.“
Manlun lebt heute in Sderot, nahe der Grenze zum Gazastreifen. Die Stadt wurde am 7. Oktober angegriffen. In der Nähe prangt ein Graffiti an einer Betonwand: „Das Paradies lässt sich nicht mit Blut erkaufen.“ Manlun zeigt auf eine Bibliothek und berichtet, dass dort zwanzig Menschen getötet worden seien. Er beschreibt Monate ohne Schulunterricht für die Kinder und die Evakuierung in ein Hotel. Seine Darstellung rückt die Migration der Bnei Menashe mitten in die gegenwärtigen Konflikte Israels. „Wir sind nicht gekommen, weil Israel ein schönes Land ist“, sagt er. „Wir kamen wegen des Judentums. Wegen der Thora. Gott und der Messias sammeln die verstreut lebenden Exilierten ein als Teil der endgültigen Erlösung.“
Dem neuen Plan der israelischen Regierung, weitere Bnei Menashe ins Land zu holen, steht Manlun skeptisch gegenüber. „Wir haben das alles schon einmal gehört“, sagt er. „Es wäre unmöglich, sie alle hierherzubringen.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Ich hoffe, sie holen sie alle.“
Steuerung der Umsiedlung: Von Shavei Israel zur Jewish Agency
Die Verantwortung dafür ist inzwischen auf die Jewish Agency übergegangen. Zuvor wurde die Auswahl, Ansiedlung und Ausbildung der Bnei Menashe fast zwei Jahrzehnte lang weitgehend von Shavei Israel gesteuert, einer privaten Organisation, gegründet von Michael Freund. Die Organisation agierte auf Basis staatlicher Genehmigungen und lobbyierte dafür, kleine Gruppen von Migranten ins Land zu bringen. Freund beschreibt die Aufgabe von Shavei Israel nicht als Missionierung, sondern als Engagement. Es gehe darum, Beziehungen zu Nachfahren von Juden aufzubauen, die aus spirituellen, kulturellen oder historischen Gründen mehr über ihr Erbe erfahren möchten. „Das Judentum ist keine missionierende Religion“, erklärt er. „Wir wollen Menschen nicht in etwas verwandeln, das sie nicht sind.“
Für Freund sind die Bnei Menashe ein einzigartiger Fall: Nachfahren eines verlorenen Stammes, der vor etwa 2700 Jahren ins Exil getrieben wurde und die trotz jahrhundertelanger Trennung Elemente ihrer jüdischen Identität bewahrt haben. Die Konversion ist seiner Ansicht nach notwendig, damit „niemand ihre jüdische Identität infrage stellen kann“. Shavei Israel hat die Gemeinden in Indien durch den Bau oder die Renovierung von Synagogen, die Errichtung von Mikwa’ot – rituellen Tauchbädern – sowie durch Unterricht in Hebräisch, dem Judentum und israelischer Geschichte unterstützt. „Die Menschen in der Gemeinschaft leben und praktizieren ein modernes orthodoxes Judentum, genau wie Juden an jedem anderen Ort“, sagt Freund.
Gemäß dem neuen Regierungsbeschluss wird die Jewish Agency nun die Umsiedlung übernehmen. Shavei Israel werde weiterhin in Indien Bildungsprogramme durchführen, sagt Freund, und die Neuankömmlinge nach ihrer Ankunft in Israel bei der Integration unterstützen.
Die Vorschrift zur Konversion als politisches Instrument
Die fortlaufende Einbindung der Organisation wirft jedoch Fragen zur staatlichen Aufsicht auf, die bereits in der Vergangenheit diskutiert wurden. Eine Recherche der Zeitung „Haaretz“ im Jahr 2021 beschrieb Shavei Israel als ein undurchsichtiges, finanzstarkes System, das ohne staatliche Ausschreibung operiere. Umsiedler berichteten, dass sie sich nach ihrer Ankunft bestimmten religiösen Autoritäten unterwerfen mussten und diejenigen bestraft wurden, die das nicht taten. Obwohl die Umsiedlung der Bnei Menashe nun in einen staatlichen Rahmen eingebettet wird, bleibt Shavei Israel weiterhin an der Erstellung von Listen und der Durchführung von Pflichtprogrammen beteiligt.
Die Bnei Menashe haben keinen Anspruch auf automatische Staatsbürgerschaft gemäß dem israelischen Rückkehrgesetz; die Konversion fungiert weiter als der Mechanismus, über den die Anerkennung als Staatsbürger gewährt wird. Dies ermöglicht es dem Staat, sowohl das Tempo zu steuern als auch die Berechtigung zu kontrollieren. Könnte eine Gruppe von der Größe der Bnei Menashe eine jüdische Abstammung unabhängig vom Rabbinat geltend machen, würde dies die Nadelöhrfunktion des Rückkehrgesetzes infrage stellen. Die Vorschrift zur Konversion erweist sich somit als politisches Instrument zur Steuerung eines demografischen Anspruchs, der andernfalls das System überwältigen könnte.
Ansiedlung nach strategischen Gesichtspunkten
Wo die Bnei Menashe in Israel angesiedelt werden, ist keineswegs zufällig. Yehuda Manlun wurde als Mitglied einer Gruppe von einem Aufnahmezentrum an der Küste nach Karmiel und später nach Sderot umgesiedelt. Andere wurden nach Ma’alot geschickt. Karmiel, eine in den 1960er Jahren auf enteignetem Land umliegender palästinensischer Dörfer errichtete Stadt in Galiläa, sollte die jüdische Präsenz im Norden festigen. Sderot wiederum gehört zu einer Kette von Städten, die Israels Südgrenze zum Gazastreifen sichern. Ma’alot wurde bereits 1963 administrativ mit der benachbarten palästinensischen Stadt Tarshiha zusammengelegt, um einen kommunalen Verbund mit jüdischer Mehrheit zu schaffen, der seitdem mittels staatlicher Anreize aufrechterhalten wird. Freund betont, dass seine Organisation keine politischen Ziele verfolge. Er bestreitet, die Wahl der Wohnorte über die erste Phase der Integration hinaus zu beeinflussen.
Viele Bnei Menashe haben sich im Westjordanland niedergelassen, unter anderem in Ofra, Beit Aryeh und Kiryat Arba. Zudem lebten im Gazastreifen bis zum israelischen Rückzug im Jahr 2005 etwa fünfzig Bnei-Menashe-Familien.
Die heute größte Gruppe mit mindestens 2000 Personen befindet sich in Nof HaGalil, einer Stadt nördlich von Nazareth. Finanzminister Bezalel Smotrich unterstützte die Entscheidung der Regierung öffentlich, Neuankömmlinge dort anzusiedeln; er bezeichnete das als „Stärkung unseres Griffs auf den Norden“. Muhammed Khader, ein palästinensischer Einwohner von Nof HaGalil, sagt dazu: „Sie kommen an, erhalten Wohnraum sowie finanzielle Unterstützung und haben eine gesicherte Zukunft. Wir hingegen leben hier seit Jahren ohne Baugenehmigungen, ohne Schulen, ohne Investitionen – eine eindeutige Botschaft, für wen diese Stadt gedacht ist.“
Als Gemeinschaft abgestempelt, die woanders hingehört
Zurück nach Manipur: Dort hat die Abwanderung der Bnei Menashe im Zusammenhang mit Landstreitigkeiten politische Bedeutung. Die von den Meitei dominierten staatlichen Behörden wollen Schutzmaßnahmen lockern, die der Bevölkerung des Tals bisher untersagen, Land in Stammesgebieten zu erwerben. Die Kuki- und Naga-Gemeinschaften dort leisten Widerstand gegen solche Versuche. Die Ausreise einiger Bnei Menashe wird von Meitei-Führern nun zunehmend als Beleg dafür angeführt, dass die Kukis nicht richtig dazugehörten.
Für Yehuda Manlun, der seit fast 20 Jahren in Israel lebt, ist die Sache theologisch geklärt. „Ich glaube zu hundert Prozent, dass wir Nachkommen Manasses sind“, sagt er. „Aber wer kann das nach 2700 Jahren Exil schon mit Sicherheit wissen?“ Die Konversion, so findet er, löst diese Ungewissheit. „Thora und Land sind eins“, erklärt er. Mit anderen Worten: ohne Auswanderung keine Anerkennung als Jude. Es ist nicht möglich, als Jude anerkannt zu werden und gleichzeitig indischer Staatsbürger zu bleiben.
Im Nordosten Indiens führt das dazu, dass eine Bevölkerungsgruppe, die durch Landkonflikte und ethnische Gewalt ohnehin gefährdet ist, als eine Gemeinschaft abgestempelt wird, die eigentlich woanders zu Hause ist. Für diejenigen, die zur Umsiedlung ausgewählt wurden, ist das Gelobte Land nicht mehr nur eine Vorstellung. Doch für die, die zurückbleiben, bleibt die Aussicht ungewiss. Was als endgültige Heimkehr verkauft wird, entpuppt sich als fortlaufende Angelegenheit, in der es um Auswahl, Glauben und staatliche Macht geht – von den Hügeln Manipurs bis zu den Entwicklungsstädten im Norden Israels.
Einige Namen wurden zum Schutz der Identität geändert.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
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