Wo die Felder Risse kriegen

Sambia: Zwei Afrikaner betrachten einen riesigen Graben in roter Erde, den die Suche nach Wolfram hinterlassen hat.
Bettina Meier
In Chalimongela in Sambia haben Bagger einer chinesischen Firma auf der Suche nach Wolfram zwei Meter tiefe Gräben in das Buschland gegraben. Fündig sind sie nicht geworden.
Bergbau in Sambia
Im Süden von Sambia wird Kohle abgebaut, um die Kupferbergwerke im Norden des Landes zu befeuern. Außerdem graben unzählige Kleinschürfer nach Rohstoffen wie Lithium und Zinn. In den Abbaugebieten wird mit der Frage gerungen, wie der Boom möglichst umwelt- und sozialverträglich gestaltet werden kann.

Sambia, Südprovinz nahe dem Kariba-Stausee. Am Straßenrand, in braunen, heißen Staub gehüllt, die Silhouette einer Frau, die mit einem Hammer Steine klein klopft, ein Kind auf dem Rücken, ein weiteres neben ihr im Sand. Keine zehn Meter weiter brettern Schwerlaster über die sandige Piste und ziehen Staubwolken hinter sich her. Sie transportieren Kohle, mit denen die Kupferbergwerke im Norden des Landes befeuert werden. 

Kupfer ist unverzichtbar für die Energiewende und für digitale Technologien, und Sambia im südlichen Afrika möchte davon profitieren. Der Abbau des Rohstoffs macht 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und über 70 Prozent der Exporte aus. Präsident Hichilema will die Kupferproduktion bis zum Jahr 2031 auf jährlich drei Millionen Tonnen verdreifachen. Auch der Abbau von Kobalt, Nickel, Lithium und Mangan wird forciert, diese Mineralien werden zur Batterieherstellung benötigt. China und zunehmend auch die Golfstaaten investieren stark in den Bergbau in Sambia, die USA fördern den Bau einer Eisenbahnlinie von der sambischen Bergbauprovinz Copperbelt in die angolanische Hafenstadt Lobito, die EU hat bereits seit 2023 eine strategische Rohstoffpartnerschaft mit dem Land. 

Mit dem Bergbau sollen Staatseinnahmen erhöht und Arbeitsplätze geschaffen werden, denn die Bevölkerung ist jung und die Armut groß. Das Durchschnittsalter der 21 Millionen Einwohner Sambias beträgt 17,7 Jahre. Fast zwei Drittel der Bevölkerung lebten laut Weltbank 2022 von weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag. Damit ist Sambia eines der ärmsten Länder weltweit. 

Wegen Dürre liefern die Wasserkaftwerke nicht mehr

Energie kriegen die Bergwerke im Kupfergürtel im Norden Sambias deshalb aus der Kohle aus dem Süden des Landes, weil aufgrund von klimabedingter Dürre der von Wasserkraft abhängige staatliche Energieversorger nicht liefern kann; also betreiben die Bergwerke ihre eigenen Kohlekraftwerke. Mit anderen Worten: Um das Kupfer für die Energiewende im globalen Norden zu produzieren, investiert man in Sambia gerade stark in fossile Rohstoffe. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. 

Autorin

Bettina Meier

ist Referentin für Sambia und Malawi bei Brot für die Welt.

In der Südprovinz, eine eigentlich landwirtschaftlich geprägte Region, werden seit der Kolonialzeit Kohle und Edelsteine abgebaut. Doch seit dem Boom kritischer Rohstoffe ändert sich das Leben der Menschen rapide. Jeff Kayamba ist Sozialarbeiter beim Center for Environment Justice (CEJ) in der Kleinstadt Sinazese, das lokale Gemeinden bei der Wahrnehmung ihrer Rechte berät. Er ist hier aufgewachsen und kennt die Gegend gut. „Vor drei Jahren hatten wir hier zwei Kohleunternehmen, jetzt sind es fünfzehn“, erzählt er. „Die Leute verlieren ihr Land, müssen umziehen und werden dann teilweise wieder umgesiedelt, weil auch auf dem neuen Land wieder gegraben wird. So müssen sie immer wieder von vorne anfangen.“ 

Vertriebene Familien erhalten kaum Entschädigung 

Zwar sieht das Gesetz eine Entschädigung und die Zuweisung von Ersatzland und Wohnraum vor, doch die meisten Unternehmen halten sich nicht daran. „Meist erhalten die Vertriebenen lediglich zwei Kwacha, also etwa 50 Eurocent, Entschädigung pro Quadratmeter“, sagt Kayamba. Seine Organisation hat viele solcher Fälle dokumentiert. Auch die investigative Plattform „Makanday Weekly“ berichtete Ende Januar von 50 Familien, die in halb fertige, minderwertige Häuser auf unfruchtbarem Land umgesiedelt wurden. Gebaut hat die Häuser das chinesische Bergbauunternehmen African Power Coal Limited.

Aber bringt der Bergbau nicht auch Vorteile, Arbeitsplätze etwa? Doch, sagt Kayamba, viele junge Männer seien in den Kohlebergwerken unter Tage beschäftigt, meint er. „Aber prekär, als Tagelöhner. Feste Verträge mit Sozial- und Krankenversicherung haben die wenigsten.“ Der Stundenlohn liege bei 50 Kwacha, etwa zwei Euro. Der monatliche Mindestlohn für ungelernte Minenarbeiter beträgt zwar 1500 Kwacha (60 Euro), doch das verdienen die meisten nicht, da sie keine Arbeitsverträge haben, sondern nur tageweise angestellt sind. Und die Sicherheitsstandards seien schlecht, die Arbeit gefährlich. 

Von einsturzgefährdeten Häusern in Zelte 

Im Dorf Siamajele, dessen Land dem chinesischen Unternehmen Collum Coal Mining Industries gehört, haben sich zwischen den Häusern und auf den Feldern der Dorfbewohner lange Risse aufgetan, weil das Unternehmen unter Tage seine Schächte weitertreibt.

Die staatliche Umweltschutzbehörde ZEMA (Zambia Environmental Management Agency) ordnete im Mai 2025 an, dass 167 Familien wegen Lebensgefahr ihr Zuhause verlassen müssen. Die ZEMA verfügte außerdem die Schließung der Mine – eine seltene Maßnahme der chronisch unterfinanzierten und oft untätigen Behörde. Collum Mine musste die Leute entschädigen und Ersatzhäuser bauen. 

Viele Dorfbewohner stimmten den angebotenen Entschädigungen zu. Auf einer Dorfversammlung macht Kayamba seinem Ärger darüber Luft, denn hätte man gemeinsam gehandelt, wäre mehr drin gewesen. Die von Collum Mine bereitgestellten Häuser seien nicht gut, sagt er. Viele andere Familien wollten deshalb zunächst nicht umziehen und blieben auf ihrem Land, auch wenn das gefährlich war. Mittlerweile sind fast alle umgezogen und viele wohnen nun in Zelten, weil Collum Mine nicht genug Häuser gebaut hat. 

Kleine Minen von chinesischen und indischen Unternehmen

Doch nicht nur die Großbergwerke zerstören den Lebensraum und die bäuerliche Existenz der Menschen. Auch der Klein- und Kleinstbergbau, oft illegal, hat zu großen Pro­blemen geführt. Die Entdeckung von Lithium im Distrikt Zimba, ebenfalls in der Südprovinz, vor zwei Jahren habe zu einem unkontrollierten Ansturm von Kleinbergleuten – artisanal miners – aus dem ganzen Land geführt, die auf eigene Faust und ohne Maschinen nach Mineralien graben, erklärt Namo Chuma, Direktor der Organisation Environment Africa Zambia (EAZ). Zudem haben sich vor allem chinesische und indische Kleinbergbauunternehmen (small-scale mining) angesiedelt, die im Tagebau Lithium, Edelsteine, Tantalum und Zinn abbauen. 

EAZ bildet sogenannte Mining Action Groups aus, Aktionskomitees, die die Interessen der lokalen Bevölkerung gegenüber den Unternehmen verteidigen sollen. Eine örtliche Parlamentsabgeordnete präsentiert in ihrem Büro stolz eine Liste von 16 Unternehmen, die derzeit eine Bergbaulizenz in ihrem Wahlkreis besäßen. Etwas weiter im Ort Chalimongela haben sich zehn Mitglieder des Aktionskomitees in der Schule versammelt, unter ihnen auch die gewählten Gemeindevertreter und die traditionellen Chiefs, die das Ackerland eigentlich verwalten. Doch die Bodenschätze unter der Erde gehören dem Staat, und die Lizenz zum Abbau wird vom Bergbauministerium in der fernen Hauptstadt Lusaka vergeben. Die örtlichen Behörden sind selten informiert, geschweige denn die Bauern, auf deren Land die Bodenschätze gehoben werden. 

Ähnlich wie bei der Umsiedlung gibt es auch bei Abbaugenehmigungen Gesetze und Verordnungen, die die Bürgerinnen und Bürger und die Umwelt schützen sollen. So muss eine Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung der ZEMA vorliegen, bevor eine Lizenz erteilt wird. Auch eine öffentliche Anhörung ist vorgesehen. Ja, theoretisch man könne Eingaben machen, sagt Namo Chuma. Doch die Fristen seien kurz, die Studien selbst nur im Ministerium in Lusaka oder online einzusehen; oft sei die Entscheidung längst gefallen. „Meist steht in den Papieren, die Gemeinden seien konsultiert worden. Doch wenn wir die Leute fragen, sind sie überrascht und wissen nichts davon“, sagt Chuma. 

Früher hätten sie von der Viehzucht und von der Landwirtschaft gelebt, doch wegen des Klimawandels seien die Böden so trocken, dass das kaum noch möglich sei, klagen Bauern im Gespräch mit dem Komitee. Wovon also leben, wenn man in der Heimat bleiben möchte? Der Kleinstbergbau ist auch für viele Einheimische die einzige Alternative. 

Der Zinnabbau ist Frauensache, auch Kinder graben mit 

Weil Landwirtschaft kaum noch möglich ist, müssen viele mit Kleinstbergbau überleben. Hier gräbt eine Frau in einer Mine, ihr Kind schaut zu.

Eine im Jahr 2024 veröffentlichte Studie der sambischen Caritas hat die menschenrechtlichen und umweltrelevanten Konsequenzen des Abbaus von kritischen Rohstoffen in Chalimongela untersucht. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Gemeinden vom Kleinstbergbau sei enorm, fand man heraus. Je größer die Umweltzerstörung durch den Bergbau und den Klimawandel, desto weniger sind Viehzucht und Landwirtschaft möglich, desto mehr verarmte Bauern graben nach kritischen Rohstoffen – ein Teufelskreislauf. 

„Heutzutage verdienen wir unseren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Mineralien, nach denen wir mit der Hacke graben. Mobile Händler, sogenannte Briefcase Buyers, kaufen die Steine direkt bei uns zu Hause“, erzählen die Mitglieder des Komitees. Die ganze Gemeinde, Frauen, Kinder, Jugendliche, sei im Busch und grabe nach Zinn, Tantalum, Nobium und Aquamineral. Der Zinnabbau ist Frauensache, eine Knochenarbeit, weil der Stein besonders hart sei. Wenn man Glück hat, bekommt man an einem Tag ein Gramm Zinn zusammen und kann es für 20 Kwacha verkaufen, das sind weniger als ein Euro.

In Schulungen werden die Leute über ihre Rechte informiert

Die Ausbeutung durch die Händler nehmen die Menschen hin, obwohl sie wissen, dass diese zu weit höheren Preisen weiterverkaufen. „Die Leute kennen die Marktpreise nicht, und sie trauen sich nicht, den Händlern entgegenzutreten“, sagt Chuma. Durch Schulungen sollen sie lernen, wie sie sich über Preise informieren und welche Rechte sie gegenüber Unternehmen haben, die bei ihnen eine Mine eröffnen wollen. 

Die Komiteemitglieder zeigen eine Lithiummine, dessen chinesischer Betreiber auf Druck des lokalen Chiefs aufgeben musste. Nun betreibe eine Kooperative die Mine, sie wirkt jedoch verlassen. Ohne Maschinen das Mineral aus dem Stein zu lösen, ist sehr aufwendig. Der Steinbruch wirkt wie eine klaffende Wunde in dem hügeligen Buschland. 

Ein paar Kilometer weiter gräbt ein weiteres chinesisches Unternehmen nach Tungsten, zu Deutsch Wolfram, das im Maschinenbau, für Leuchtmittel und in der Rüstungsindustrie gebraucht wird. Ein Bagger reißt zwei Meter tiefe und etwa 20 Meter lange Gräben in das Buschland, es sieht aus, als habe ein Riesentier seine Krallen in die Erde gehauen. Bisher habe man noch nichts gefunden, erklären die Wachleute. Ob sie die Gräben wieder zuschütten, wenn sie nicht fündig werden, ist fraglich. Denn kontrollieren wird das aller Wahrscheinlichkeit nach niemand. Den Nachteil haben die Bauern, deren Vieh hier nicht mehr grasen kann. Viele Tiere sind schon elend verendet, weil sie in solche Gruben fielen, auch Kinder sind gefährdet. 

Für die Genehmigungen ist nun eine unabhängige Kommission zuständig

Doch viele in Chalimongela profitieren vom Abbau kritischer Rohstoffe. Wie also lässt sich der Bergbau hier so regeln, dass Mensch und Natur weniger da­runter leiden? Die Regierung hat im Juni 2025 ein Gesetz zur Modernisierung der Bergbauverwaltung beschlossen. Eine unabhängige Kommission (Minerals Regulation Commission) ist nun für die Genehmigungen zuständig und kann diese auch suspendieren. Außerdem wird die Aufsicht über Arbeitsschutz und die Einhaltung von Gesundheits- und Umweltstandards verbessert.

Das Bergbauministerium soll Büros in den Provinzen eröffnen, eine Voraussetzung dafür, dass Aufsichtspflichten eingehalten werden. Für den Kleinstbergbau wurde eine eigene Abteilung im Ministerium eingerichtet und für artisanal miners, die sich zu Kooperativen zusammenschließen, ein Förderfonds geschaffen; die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterstützt die vorgesehenen Schulungen. 

„Auf dem Papier sind das gute Ansätze, das Problem ist die Umsetzung. Haben die Behörden genug Ressourcen, finanziell und personell, um ihre Aufgabe zu erledigen? Das ist die zentrale Frage“, sagt Namo Chuma von Environment Africa Zambia. Und Jeff Kayamba vom Center for Environment Jus­tice meint: „Unsere Gesetze und Verordnungen sind an sich in Ordnung, aber es stehen viel zu wenig Mittel für ihre Umsetzung zur Verfügung.“ 

Zivilgesellschaftlicher Druck auf die Regierung sei deshalb nötig. Zudem müsse die lokale Bevölkerung über ihre Rechte aufgeklärt und anwaltlich unterstützt werden. Im Wahlkampf zu den Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen im August wird sich zeigen, wer sich dafür einsetzt, dass die Extraktion von Kupfer, Lithium und anderen kritischen Rohstoffen nicht auf dem Rücken der Armen und der Natur erfolgt.

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