Wie arme Länder vom Tourismus profitieren können

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Ein Jeep mit Touristen ist zu sehen, die aus dem Jeep heraus zwei Löwen fotografieren.
picture alliance / imageBROKER/Fabian von Poser
Safari-Touristen in Botswana, unterwegs mit einem Guide. Einerseits schafft Tourismus Jobs in Entwicklungsländern, andererseits profitieren nicht alle Einheimischen gleichermaßen davon. Auch Arbeitsrechte werden zum Beispiel bei Tourguides und Fahrern oft nicht eingehalten, haben Fallstudien in Südafrika ergeben.
Tourismus
Viele Entwicklungsländer werden zu attraktiven Zielen für Touristen. Wenn mehr Besucher auch der lokalen Wirtschaft und den Beschäftigten helfen sollen, ist aber mehr nötig als Marketing.

Der angolanische Tourismusminister Marcio de Jesus Lopes hat auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin 2026 verkündet, sein Land sei auf dem Weg, ein neues Tourismuszentrum in Afrika zu werden; dafür stelle seine Regierung 449 Millionen Euro bereit. Doch Angola ist damit alles andere als ein Trendsetter, vielmehr hinkt das südwestafrikanische Land hinterher. Denn einen Boom des Tourismus in Richtung Entwicklungs- und Schwellenländer gibt es schon seit vielen Jahren, und er wächst stetig an.

Laut dem „World Tourism Barometer,“ erstellt von der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen UN Tourism, wurden 2025 weltweit rund 1,5 Milliarden grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt – fast 60 Millionen mehr als 2024. Und immer mehr Touristen zieht es dabei in Länder des Globalen Südens. 

Verwunderlich ist das nicht, sind doch gerade Entwicklungs- und Schwellenländer ein vor allem bei Individualtouristen beliebtes Reiseziel. Denn sie bieten Exotik, eine faszinierende Kultur sowie spektakuläre und oft noch unberührte Naturlandschaften. Zudem haben die gegenwärtigen politischen Krisen zu einer Verlagerung von Reisezielen weg von Nah- und Fernost und hin etwa zu afrikanischen Zielen geführt, heißt es in der Reisebranche. Doch nicht nur in Afrika, auch ärmere Länder anderswo versprechen sich vom Tourismus Deviseneinnahmen, Jobs und Verbesserungen der Infrastruktur – sprich einen Push für ihre soziale und ökonomische Entwicklung.  

Tourismus ist oft die wichtigste Devisenquelle in Entwicklungsländern

Nachhaltiger Tourismus ist denn auch in den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) mehrfach als wichtiges Unterziel erwähnt. „Tourismus ist einer der dynamischsten Wirtschaftssektoren weltweit und die wichtigste Devisenquelle in jedem dritten Entwicklungsland“, stellt Brot für die Welt (BfdW) fest. Das Werk verweist aber zugleich darauf, dass vielerorts die ökonomischen Ungleichheiten infolge des Tourismus zunehmen: „Nur wenige profitieren davon.“ Tatsächlich fließen laut einer anderen Schätzung von UN Tourism in vielen Zielgebieten bis zu 70 Prozent der Einnahmen aus dem Tourismus in die Taschen von ausländischen Reiseunternehmen wie Hotelketten, Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften. Für die lokale Wertschöpfung bleibt nur ein Bruchteil.

Wieviel das genau ist, dazu gibt es allerdings bislang kaum verlässliche Zahlen. Der Fokus beim Thema verantwortliches Reisen lag bislang auf ökologischer Nachhaltigkeit, stellt der entwicklungspolitische Informationsdienst Tourism Watch fest. Denn: „Es ist deutlich einfacher zu kommunizieren, wie viele Tonnen CO₂ oder Müll durch Reiseprodukte eingespart werden. Soziale Aspekte sind dagegen schwieriger messbar und in Indikatorensysteme zu integrieren.“ Futouris, die Nachhaltigkeitsinitiative der deutschen Reisebranche, will deshalb eine einheitliche, branchenweite Berechnungsmethode entwickeln, um die lokale Wertschöpfung besser messen zu können. Damit soll besser festgestellt werden können, wie viele Jobs der Tourismus in einem bestimmten Land zusätzlich bringt und in welchem Umfang weitere Dienstleistungen, lokales Handwerk oder auch die Landwirtschaft davon profitieren.

Wirkungen des Tourismus sind zwiespältig

Indes gibt es einzelne Fallstudien – so die Untersuchung zu den sozialen Auswirkungen des Tourismus in Südafrika, vorrangig in Kapstadt, Johannesburg und dem Gebiet des Krüger-Nationalparks, die die Organisation Roundtable Human Rights in Tourism 2025 vorgelegt hat. Dazu wurden typische Lieferketten und Dienstleistungen bis hin zu Tourguides und Fahrern vor Ort überprüft. Danach sind die Wirkungen des Tourismus zwiespältig. Er schaffe durchaus Jobmöglichkeiten, auch und gerade für weniger ausgebildete Kräfte in einem Land, in dem die Arbeitslosenrate unter Menschen zwischen 15 und 34 Jahren bei deutlich über 40 Prozent liegt. Allerdings, so die Studie, belege die amtliche Statistik eine „alarmierende Konzentration“ von Touristen in den untersuchten Gebieten, während in entlegeneren Gegenden die Besucherzahlen „sehr niedrig“ seien. Dies sei „auf keinen Fall nachhaltig“ und könne langfristig die Einkommensschere in der Bevölkerung vergrößern.

Obwohl Südafrika starke Gesetze zum Schutz von Arbeitnehmern und Menschenrechten habe, seien prekäre Arbeitsbedingungen im Tourismus nicht selten. Überstunden und unregelmäßige Schichten seien etwa bei Fahrern üblich, lokale Führer erhielten während mehrtägiger Safaris keine Unterkunft. Bei Kinderarbeit bewegten sich Reiseveranstalter oft auf einem schmalen Grat: Zwar hat Südafrika laut der Studie klare Gesetze, die etwa Arbeit bis zum 15. Lebensjahr und während der Schulzeit verbieten. Aber: „Es kann ziemlich schwierig sein, zwischen Ausbeutung und kulturell akzeptierter Mithilfe von Kindern in den Familien zu unterscheiden.“ Dies gelte umso mehr für kleinere Familienbetriebe, die der nachhaltige Tourismus ja eigentlich unterstützen will. 

Einheimische bieten selbst Unterkünfte, Ausflüge und Dienstleistungen an

Ähnliche Probleme mit Jobs im Tourismus gibt es auch anderswo. So sichert nach Angaben der Weltbank die Reisebranche derzeit zwar 357 Millionen Arbeitsplätze rund um den Globus, doch dabei gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. In einer Studie von 2023 stellt der World Travel and Tourism Council (WTTC), ein Verband des privaten Reise- und Tourismussektors weltweit, fest, dass in Ländern mit mittlerem und hohem Einkommen 6,4 Prozent der offiziellen Jobs, die junge Leute innehaben, in der Reise- und Tourismusbranche angesiedelt waren – verglichen mit nur 0,8 Prozent in einkommensschwachen Ländern. Denn dort überwiegen die Arbeitsplätze im schwer messbaren und prekären informellen Sektor. Und selbst im formellen Bereich liege menschenwürdige Arbeit vielfach „noch in weiter Ferne“, konstatiert Tourism Watch. 

Dennoch gibt wegweisende Projekte für verantwortlichen Tourismus. So werden vielerorts „gemeindebasierte“ Reiseerlebnisse angeboten. Unterkünfte, Ausflüge, Dienstleistungen werden von den Einheimischen weitgehend selbst gemanagt. Beispiele dafür finden sich auf der Plattform des Social Start-Ups Earth Changers, darunter etwa die „Tiger Mountain Pokhara Lodge“ in Nepal. Die Öko-Lodge mit Sicht auf mehrere 8000er-Gipfel wurde mit lokalen Materialien und von Einheimischen erbaut, von denen viele nun auch als Angestellte im Zimmer- oder Restaurantbereich arbeiten. Über den Lohn hinaus erhalten sie und ihre Familien medizinische Versorgung sowie zehn Prozent vom jährlichen Betriebsgewinn. In gemeinsamen Teamsitzungen werden Maßnahmen und immer neue Ideen für nachhaltiges Management entwickelt. Im Souvenir-Shop der Lodge werden biologisch angebauter Kaffee, nepalesische Teespezialitäten, handgemachte Seifen und lokales Kunsthandwerk angeboten. Ausflüge wie Vogelbeobachtung und Trekking-Touren werden von lokalen Führern geleitet. 

Ein anderes Beispiel für lokale geführte Angebote sind die African Bush Camps in Simbabwe. Dort geht es darum, Safari-Touren zu „entkolonialisieren“ und indigene Gemeinschaften mit einzubringen. Gegründet wurden die Bush Camps von dem Simbabwer Beks Ndlovu. Für ihn ist die die Einbindung der lokalen Bevölkerung in verantwortlichen Tourismus zentral. Denn dadurch, so Beks, gebe es nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Gemeinden: „Man schafft auch ein Bewusstsein dafür, wie Tourismus zur Erhaltung ihrer Heimat beiträgt, und ermutigt so die Einheimischen, beim Schutz von Wildtieren und Landschaften mitzuhelfen." African Bush Camps investiert zudem in Bildungs- und Gesundheitsprojekte und fördert Frauen und Jugendliche, damit sie in der Tourismusbranche Fuß fassen können.  

Tourismus hilft, interkulturelle Konflikte abzubauen

Anderswo tragen Projekte für verantwortlichen Tourismus sogar zum Abbau von interkulturellen Konflikten bei – wie ein Pilotprojekt der TUI Care Foundation im thailändischen Chiang Mai. Dort gibt es eine große Gemeinschaft von Flüchtlingen aus Myanmar, die stark marginalisiert sind. Das Pilotprojekt setzt diese Menschen gemeinsam mit Thailändern und Thailänderinnen als lokale Reiseführer ein und hat so Schritt für Schritt schon zu mehr Verständigung beigetragen. 

Die gebürtige Finnin Kirsi Hyvaerinen ist Beraterin und Zertifiziererin mit über 30 Jahren Erfahrung im Bereich nachhaltiger Tourismus. Sie arbeitet in Montenegro und hat die Initiative „Balkan Green“ mitgegründet, die sich für einen ökologisch und sozial verantwortlichen Tourismus in verschiedenen Balkanländern einsetzt. Auch Hyvaerinen ist davon überzeugt, dass dazu die Einbindung lokaler Gemeinschaften unerlässlich ist. Damit es aber nicht bei einzelnen Projekten bleibt, sind nach ihrer Erfahrung umfassende nationale Strategien mit klaren Verantwortlichkeiten nötig. 

So habe sich Montenegro in seiner Verfassung von 1991 zwar zum „ökologischen Staat“ erklärt, doch die Realität sehe anders aus. Hyvaerinen: „Mangelnde Raumplanung, Nachhaltigkeitsprojekte, die nur auf dem Papier stehen, und Over-Tourism sind gravierende Probleme.“ Besonders zeige sich das in der Bucht von Kotor: lange Staus und Verkehrskollaps nicht nur in den Ferienzeiten, Hunderttausende Besucher und bis zu 500 Kreuzfahrtschiffe im Jahr belasten das UNESCO-Weltkulturerbe und seine Anwohner schwer. 

Was für Montenegro gilt, beobachtet Hyvaerinen auch für Schwellen- und Entwicklungsländer im globalen Süden: „Man setzt auf Tourismusmarketing statt auf ein nachhaltiges und kluges Management vor Ort.“ Das müsse, gepaart mit einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie und Mitsprache der Zivilgesellschaft, aber absolute Priorität haben. Dann, so Hyvaerinen, könne selbst der All-Inclusive-Tourismus entlang der Küsten ökologischer und sozial verträglich gestaltet werden. „Auch hier wäre entscheidend, wie man die Gemeinden vor Ort einbindet.“ Dass sich Entwicklungsländer zuerst mit kostspieligen Messeauftritten und einem „Tourismus-Investoren-Gipfel“ als neue Sterne am Reisehimmel präsentieren, wie es derzeit Angola macht, davon hält die Expertin für Nachhaltigkeit nichts. „Ohne schlüssige Konzepte vor Ort läuft das in die falsche Richtung.“

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