Große globale Fragen in Österreichs Klassenzimmern

Gruppenbild der Preisträgerinnen des C3-Awards.
ÖFSE ChristineMiess
Der C3-Award würdigt nicht nur wissenschaftliche Leistungen, sondern auch den Blick einer Generation auf die Welt. Erstmals in der zehnjährigen Geschichte des Wettbewerbs wurden dieses Jahr ausschließlich Frauen ausgezeichnet.
Schülerpreis
Zum Jubiläum des C3-Awards für Junges Forschen und Engagement standen ausschließlich junge Frauen im Finale. Mit ihren vorwissenschaftlichen Arbeiten und Diplomprojekten analysierten sie Themen wie Umweltrassismus, Frauenrechte, Klimapolitik und Künstliche Intelligenz.

Die Zukunft scheint weiblich zu sein – zumindest, wenn man auf den diesjährigen C3-Award blickt. Erstmals in der zehnjährigen Geschichte des Wettbewerbs waren alle zehn Finalistinnen Frauen. Mit dem C3-Award würdigen fünf entwicklungspolitische Organisationen jedes Jahr herausragende abschließende Arbeiten (ABA), Diplomarbeiten und Abschlussprojekte von österreichischen Schülerinnen und Schülern zu globalen gesellschaftlichen Fragen mit entwicklungspolitischem Bezug. Die Arbeiten sind ein Bestandteil der österreichischen Reifeprüfung.

Der Wettbewerb verzeichnete zum Jubiläum auch einen neuen Beteiligungsrekord: 282 Jugendliche aus ganz Österreich reichten insgesamt 154 Arbeiten und Projekte ein; bei der ersten Ausschreibung im Jahr 2016 waren es noch 50 Arbeiten. Die fünf entwicklungspolitischen Organisationen ÖFSE (Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung), BAOBAB, Frauen*solidarität, Paulo-Freire-Zentrum und Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik verleihen den Preis gemeinsam.

Die Themenpalette der Finalarbeiten spiegelt große Fragen wider, die die junge Generation beschäftigen. Sie reicht von feministischen Medienprojekten über Partizipationsmöglichkeiten Jugendlicher in der Klimapolitik bis hin zu Postwachstum, Sharing Economy und Künstlicher Intelligenz als Bausteinen einer zukunftsfähigen Wirtschaft.

Praxis der Bacha Posh in Afghanistan

Aus den eingereichten Arbeiten wählte die Jury zehn für das Finale aus, drei wurden als herausragend ausgezeichnet. Eine stammt von Sumira Salim und widmet sich der Praxis der sogenannten Bacha Posh in Afghanistan. Bacha Posh sind Mädchen, die von ihren Familien vorübergehend als Jungen aufgezogen und gekleidet werden, so dass sie in der patriarchalen afghanischen Gesellschaft die sozialen und wirtschaftlichen Vorteile von Jungen  nutzen können. Durch Kleidung, Frisur, Namen und die Übernahme männlicher Rollen erhalten sie Privilegien, die Mädchen verwehrt bleiben. 

Salim untersucht in ihrer Arbeit, wie diese Praxis entstanden ist und wie sie sich auf die Mädchen auswirkt. Für sie handelt es sich um eine gesellschaftlich erzwungene Geschlechterrolle, da sie nicht auf dem Identitätsempfinden der Mädchen beruht, sondern von den Familien auferlegt wird. Für ihre Recherche führte sie unter anderem ein Interview mit dem Regisseur Siddiq Barmak, dessen preisgekrönter Film „Osama“ das Leben einer Bacha Posh thematisiert. 

Salims persönliche Biografie verleiht der Arbeit eine besondere Perspektive: Als afghanisches Mädchen, das in Österreich aufgewachsen ist, gehöre sie „weder vollständig zu der einen noch zu der anderen Kultur“. Mit ihrer Arbeit wolle sie unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden und die Lebensrealität afghanischer Mädchen für ein westliches Publikum greifbarer machen.

"Umweltrassismus" in Mississippi

Ebenfalls ausgezeichnet wurde Elisa Herget mit ihrer Arbeit über die sogenannte Cancer Alley – „Krebsgasse“ – im US-Bundesstaat Louisiana. Entlang des Mississippi zwischen Baton Rouge und New Orleans befinden sich rund 200 petrochemische Anlagen und Raffinerien. Die Region weist eine besonders hohe Umweltbelastung und überdurchschnittlich viele Krebserkrankungen auf und wird mehrheitlich von afroamerikanischen Gemeinden bewohnt. Herget kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um einen Fall von „Umweltrassismus“ handelt und nicht um eine zufällig starke Belastung durch Chemieindustrien in einem mehrheitlich von Afroamerikanern bewohntem Gebiet. 

Sie zeichnet die historische Entwicklung der Region nach, die früher stark von Plantagenwirtschaft geprägt war und sich zu einem der größten Industriezentren der USA entwickelt hat. Die rassistische Diskriminierung sei tief in der Umweltpolitik, der Durchsetzung umweltrechtlicher Vorschriften sowie der Ansiedlung von Industrieanlagen verankert. Während überwiegend Schwarze Gemeinden seit Jahrzehnten von petrochemischen Anlagen umgeben sind, bleiben benachbarte weiße Wohngebiete weitgehend verschont. 

Die dritte herausragende Arbeit stammt von Greta Raich und Marie Reich. Sie untersuchen, wie Algorithmen politische Meinungen beeinflussen und weshalb rechtspopulistische Inhalte in sozialen Medien besonders hohe Reichweiten erzielen.

Ob Frauenrechte in Afghanistan, Umweltrassismus in den USA oder die Zukunft demokratischer Gesellschaften: Der C3-Award würdigt nicht nur wissenschaftliche Leistungen, sondern auch den Blick einer Generation auf die Welt. Einmal mehr zeigt sich, dass die großen globalen Fragen in österreichischen Klassenzimmern angekommen sind.

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