Anfang Mai ist einer der prominentesten Mönche Sri Lankas, Pallegama Hemarathana Thero, verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, seit 2022 ein minderjähriges Mädchen mehrfach in einem Tempel sexuell missbraucht zu haben. Das Mädchen soll zum Zeitpunkt des ersten Übergriffs elf Jahre alt gewesen sein. Ihre Mutter wurde wegen des Verdachts der Beihilfe zum Missbrauch ebenfalls verhaftet.
Der 71-jährige Hemarathana ist geistlicher Hüter der acht für den Buddhismus wichtigen heiligen Stätten in Anuradhapura im Norden des Inselstaats. Hier soll im sechsten vorchristlichen Jahrhundert Siddharta Gautama, der Buddha, die Erleuchtung erfahren haben, was als Beginn des Buddhismus gilt. Der Theravada-Buddhismus wird in Sri Lanka vom Staat privilegiert; etwa 70 Prozent der Bevölkerung gehören ihm an, überwiegend Singhalesen, die größte ethnische Gruppe des Landes.
Die Verhaftung von Hemarathana hat in Sri Lanka, wo Mönche in der Regel bewundert und respektiert werden, zu Kontroversen geführt. Kritik an Geistlichen wird von vielen Buddhisten als Angriff auf ihre Identität verstanden. Der Respekt reicht so weit, dass viele sri-lankische Medien über Hemarathanas Verhaftung gar nicht berichtet haben, obwohl sein Fall international für Schlagzeilen gesorgt hat.
285 Beschwerden gegen buddhistische Mönche
Im Zusammenhang mit seiner Verhaftung wurde auch bekannt, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Laut der Nationalen Kinderschutzbehörde (NPCA) wurden in den vergangenen drei Jahren 285 Beschwerden gegen buddhistische Mönche eingereicht, mehr als 70 Prozent davon wegen sexueller Straftaten an Minderjährigen, sagte die Vorsitzende der NCPA, Preethi Inoka Ranasinghe, dem internationalen Recherchenetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP). Die Fälle nähmen zu, allerdings würden viele Misshandlungen weiterhin nicht gemeldet, gerade wenn die mutmaßlichen Täter religiöse Persönlichkeiten seien. Nur in 27 Fällen sei es zu Anklagen gekommen. Und in den letzten zehn Jahren seien laut NPCA lediglich drei Mönche verurteilt worden.
In sri-lankischen Gemeinden spielen buddhistische Tempel und Klöster eine zentrale Rolle. Oft dienen sie als Zentren für Bildung, Kultur und spirituelle Orientierung. Viele Kinder kommen auf diese Weise regelmäßig mit Mönchen in Kontakt, was die Frage nach dem Schutz von Minderjährigen in religiösen Einrichtungen aufwirft.
„Alle religiösen Stätten, nicht nur buddhistische Tempel, müssen für Frauen und Kinder sicher sein“, sagte die katholische Frauenrechtlerin Marian Pradeepa wenige Wochen nach der Verhaftung Hemarathanas bei landesweiten Protesten. Dort wurde kritisiert, dass die Medien in Sri Lanka sich auf die Verteidigung des Beschuldigten konzentrierten und nicht auf die Hilfe für die Opfer.
Den Umgang mit Vorwürfen gegen Mönche wegen sexuellen Missbrauchs kritisiert auch die NCPA. Die Rechtsbeauftragte der Behörde, Sajeewani Abeykoon, sagte, man habe „die Polizei zum Jagen tragen“ müssen, bis sie den Mönch bei einem Krankenhausaufenthalt in Colombo endlich festnahm. Der hohe Status von buddhistischen Mönchen in der konservativen Gesellschaft Sri Lankas mache es schwierig, diejenigen festzunehmen, denen Verbrechen an Minderjährigen vorgeworfen werden, sagte Harendra de Silva, der Gründungsvorsitzende der Kinderschutzbehörde, gegenüber OCCRP. Man müsse bedenken, dass ein Geistlicher wie Pellagama Hemarathana eine mächtige Person mit viel Einfluss und Geld sei.
Der Mönch ist mittlerweile gegen Kaution wieder auf freiem Fuß. Er weist alle Anschuldigungen als gegenstandslos zurück. Ende Mai reagierte die buddhistische Hierarchie und suspendierte Hemarathana von seinem Posten als Hüter der heiligen Stätten in Anuradhapura.

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