Ungewöhnliche Vorgänge bemerkten Studierende im September 2025 an der Medizinischen Fakultät der Universität von São Paulo, der renommiertesten Uni Brasiliens: Behördenvertreter versammelten sich, um die Eröffnung des ersten „smarten Krankenhauses“ des Landes zu feiern. Der Komplex wird künstliche Intelligenz, Datenanalyse und Automatisierung in einem Kompetenzzentrum verbinden. Viele Menschen feierten die Eröffnung, übersahen jedoch: Zwei Drittel der Finanzierung stammten von der Neuen Entwicklungsbank der BRICS-Staaten.
BRICS ist ein zwischenstaatliches Bündnis, das die kulturelle, wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen seinen Mitgliedern stärken soll. Dies waren zunächst Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, ab 2024 auch Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Äthiopien, der Iran und ab 2025 Indonesien; Saudi-Arabien ist eingeladen, hat den Beitritt aber nicht offiziell vollzogen.
BRICS überspielt inneren Zwist
Dieses Jahr hat Indien das Gipfeltreffen der BRICS ausgerichtet – am 12. und 13. September in Neu-Delhi. ...
Brasilien setzt sich international nachdrücklich für Forschungspartnerschaften, Zusammenarbeit im Gesundheitswesen und Klimafinanzierung ein. Aber sein Hauptanliegen ist, das Gewicht des globalen Südens in der internationalen Ordnung zu stärken. Brasilien will das Stimmrecht der Mitgliedsländer in traditionellen Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds ausweiten. Es tritt gegen die Konzentration der globalen Entscheidungsfindung in den Vereinigten Staaten und Europa ein, möchte Alternativen zur Dominanz des US-Dollars im globalen Handel und Finanzwesen und drängt auf Reformen in internationalen Gremien, beispielsweise die Erweiterung des UN-Sicherheitsrats. BRICS ist für Brasilien ein Weg, dies zu tun.
Brics stellen 44 Prozent der weltweiten Ölförderung
Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in BRICS-Staaten. Bis 2026 entfielen auf sie 39 Prozent des Weltsozialprodukts (gemessen in Kaufkraftparitäten) und ein Viertel des internationalen Handels und der Investitionen. Sie stellen fast 44 Prozent der weltweiten Ölförderung, 36 Prozent der Erdgasförderung und haben 72 Prozent der Vorkommen an seltenen Erden.
„Mit BRICS haben wir unsere wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit ausgebaut. Darüber hinaus nutzen wir die Gruppe, um zu wichtigen Themen der internationalen Beziehungen Stellung zu beziehen“, sagt Emílio Mendonça Dias da Silva, Forscher in der BRICS-Studiengruppe der Universität von São Paulo. „Allerdings ist es nötig, den Handel innerhalb der BRICS einheitlicher zu entwickeln, über die bilateralen Beziehungen zu China hinaus.“
Brasilien unterhält auch Abkommen zu den USA und Europa
Brasilien war ein wichtiger Wegbereiter für die Gründung der BRICS und ist bis heute ein treibendes Mitglied geblieben – selbst unter Regierungen, die keine Sympathie für Allianzen mit dem Osten hatten, etwa der von Präsident Jair Bolsonaro (2019–2022). „Bei Regierungswechseln ändert sich in der Regel die Politik, doch die BRICS haben Bestand. Wir sehen hier möglicherweise eine der wenigen politischen Kontinuitäten in Brasilien: internationale Partner diversifizieren und Multipolarität fördern“, bemerkt Dias da Silva.
Allerdings vermeidet Brasilien es auch, sich völlig einem einzelnen Partner anzuschließen. Das Land unterhält und verhandelt gleichzeitig bilaterale Abkommen mit Europa und den USA. „Der Hauptgrund liegt in den Differenzen innerhalb der BRICS“, bemerkt Rita Coitinho, Mitglied des BRICS-Zivilgesellschaftsforums und Vertreterin des brasilianischen Zentrums für Solidarität mit den Völkern und den Kampf für den Frieden (Cebrapaz). Einige BRICS-Länder seien für Brasilien aus wirtschaftlicher und kultureller Sicht wichtig, doch nicht alle verfolgten eine Politik, die mit den Werten der brasilianischen Demokratie oder der eher neutralen diplomatischen Haltung des Landes im Einklang stehe, sagt sie.
Das Mercosur-Abkommen mit der EU ist wichtig für Brasilien
Einer der wichtigsten Züge Brasiliens auf dem geopolitischen Schachbrett war das vorläufige Handelsabkommen zwischen dem Mercosur und der Europäischen Union. Es trat im Mai 2026 in Kraft und schafft eine der weltweit größten Freihandelszonen mit Zollfreiheit für fast alle zwischen den Blöcken gehandelten Produkte. „Mit der Priorität für dieses Abkommen signalisiert Brasilien den Wunsch, die Beziehungen zum Westen zu vertiefen, und dazu muss es seinen Einsatz für den globalen Süden mäßigen“, analysiert Rita. „Gleichzeitig war Brasilien im Mai 2025 Gastgeber des BRICS-Gipfels in Rio de Janeiro, unterzeichnete alle Erklärungen der Gruppe und forderte die Demokratisierung der UN. Es ist ein Balanceakt – charakteristisch für die brasilianische Außenpolitik: Ich schließe mich niemandem an und bin mit allen befreundet.“
Die Handelsbilanz beeinflusst den Ton in den Außenbeziehungen: China ist mit Abstand Brasiliens wichtigster Handelspartner. Der bilaterale Handel hatte 2025 einen Umfang von 171 Milliarden US-Dollar, Brasiliens Exporte erreichten 100 Milliarden US-Dollar – angeführt von Sojabohnen. An zweiter Stelle folgen die Vereinigten Staaten mit 83 Milliarden US-Dollar. „Brasilien neigt dazu, mit unterschiedlichen Zielen an vielen internationalen Foren teilzunehmen“, sagt Rita.
Die Neue Entwicklungsbank soll Mittel für Infrastruktur mobilisieren
Eine der bedeutendsten Errungenschaften der BRICS-Staaten ist die Neue Entwicklungsbank, auch als BRICS-Bank bekannt. Sie wurde 2014 mit dem Ziel gegründet, Mittel für Infrastruktur, erneuerbare Energien, Wasser und Verkehr in Entwicklungsländern zu mobilisieren. Seitdem hat sie mehr als 42 Milliarden US-Dollar für rund 139 Projekte in Schwellenländern bereitgestellt. In Brasilien wurden 29 Projekte bewilligt, darunter das „Smart Hospital“ in São Paulo.
Eine Besonderheit der Bank ist: Anders als traditionelle multilaterale Entwicklungsbanken wie die Weltbank vergibt sie einen Teil ihrer Kredite in der Landeswährung des Kreditnehmers. Das verhindert, dass die Schulden im Falle einer Währungsabwertung gegenüber dem Dollar in die Höhe schnellen. Zudem: „Traditionelle Finanzinstitute knüpfen die Vergabe von Krediten an Bedingungen für die Wirtschaftspolitik der Schuldnerländer. Die BRICS-Bank erlegt keine solchen Anforderungen auf und bietet damit eine Alternative. Sie wurde aber nicht konzipiert, bestehende Institutionen zu ersetzen“, betont Dias da Silva.
Einführung von „BRICS Pay“?
Für das Finanzwesen ist Brasilien der wichtigste Ideengeber und ein großer Befürworter der Debatte über Alternativen zum in Belgien ansässigen SWIFT-System für den Auslandszahlungsverkehr. Der Vorschlag sieht die Einführung von „BRICS Pay“ vor, einer Zahlungsinfrastruktur, die Banken und staatliche Finanzinstitute der Mitgliedsländer verbindet. BRICS Pay soll es einem Käufer ermöglichen, in seiner Landeswährung zu bezahlen, während der Verkäufer die Zahlung in seiner Währung erhält, ohne dass die Beträge in Dollar umgerechnet werden müssen.
In der Zwischenzeit setzt Brasilien sein diplomatisches Schachspiel fort: Das Land ist ein pragmatischer Partner des Westens und eine aktive Stimme in den BRICS, die sich als Alternative für eine multipolare Weltordnung präsentiert. Das ist weniger ein ideologisches Bündnis als vielmehr ein kalkulierter Schachzug, um Stabilität in einer globalen Landschaft zu gewährleisten, in der jedes Land versucht, seine eigenen Interessen zu sichern.
Aus dem Englischen von Bernd Ludermann.
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