Sparen am Einsatz im Ausland

An einem langen Tisch sitzen Kinder über Schulheften.
Eine Welt Netz NRW
Freiwillige im Programm "weltwärts" unterstützen in einer Gemeindebibliothek in Ecuador Schulkinder bei den Hausaufgaben.
Freiwilligendienste
Deutschland kürzt seine Förderung für internationale Freiwilligendienste junger Menschen. „weltwärts“ soll bleiben, aber Verbände fürchten einen schleichenden Niedergang.

Das Programm „kulturweit“ für Kultur- und Bildungsarbeit Jugendlicher im Ausland: eingestellt vom Auswärtigen Amt ab 2027. Der interkulturelle Jugendfreiwilligendienst IJFD:  vom Bundesbildungsministerium vernachlässigt und unterfinanziert. Die Förderung des Entwicklungsministeriums (BMZ) für Austausch- und Entsendedienste: 2026 gekürzt von 47 auf 43 Millionen Euro, weitere Einschnitte sollen folgen. Es steht nicht gut um staatliche Unterstützung für jugendliches Engagement im Ausland. 

Zwar scheint im BMZ niemand radikal Einschnitte zu wollen. Doch wächst die Sorge unter Entsendeorganisationen, dass die Kürzungen sich zu einem existenzbedrohenden Selbstläufer entwickeln. Ein Netzwerk von rund 200 Trägern, organisiert in der Interessensgemeinschaft Bundesforum Freiwilliges Internationales Jahr (FIJ) und dem Verein Vidi (dem früheren Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee), fragt irritiert: Warum sagt der Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot zu, Freiwilligendienste auszubauen, aber bei den internationalen geschieht das Gegenteil?

„weltwärts“ kann weniger Freiwillige nehmen

„Für alle, die dafür engagiert sind, jugendlichen Freiwilligen Auslandserfahrung zu ermöglichen, wirkt das Aus für 'kulturweit' wie ein Schock“, sagt die FIJ-Forumsreferentin Michelle Wrecz. Für entwicklungspolitisch orientierte Dienste habe das BMZ den Haushaltstitel 2026 um knapp 4 Millionen Euro gekürzt, für 2027 seien weitere 3,1 Millionen Euro weniger geplant. Da dies vor allem das Entsendeprogramm weltwärts betreffe, bietet das 2026 bereits etwa 15 Prozent weniger Plätze an, gefolgt von voraussichtlich weiteren 15 Prozent weniger 2027, so Wrecz. Schon stiegen Träger aus dem „weltwärts“-Programm aus.

Michael Bogatzki, langjähriges Vidi-Vorstandsmitglied und Programmdirektor des Trägervereins AFS Interkulturelle Begegnungen, sieht den Trend als Teil eines Gesamtbilds: Entwicklungspolitik habe keinen hohen Stellenwert mehr und die Entwicklungsministerin kein Gewicht in der Regierung. Über Freiwilligendienste werde eher im Zusammenhang mit Resilienz und Katastrophenvorsorge in Deutschland diskutiert oder als Neuauflage eines Zivildienstes. Auch die Grünen kritisieren, mehr Haushaltsmittel gebe es allein für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Inland, während internationale Dienste abgebaut würden. Sie kämen in einem geplanten Rahmengesetz für Gesellschaftsdienste nicht einmal vor, hieß es bei einem Fachgespräch der Bundestagsfraktion im September. 

Voluntourismus ist nur für Bessergestellte

Aber wie wichtig ist die Förderung noch, wenn viele junge Menschen nach dem Schulabschluss dank Unterstützung ihrer Familie kommerzielle Angebote für Auslandserfahrungen im sogenannten Voluntourismus annehmen? Der Anspruch der Regierung ist demgegenüber, internationale Freiwilligendienste zu ermöglichen, die sozial offen, niedrigschwellig, inklusiv und divers sind. Von geförderten Anbietern wird erwartet, dass die Teilnahme vom Bildungsgrad und Geldbeutel der Eltern oder auch von körperlichen Einschränkungen weitgehend unabhängig ist.

Auslandseinsätze mit Ausrichtung auf Gesundheit, Bildung, Umweltschutz oder Entwicklungspolitik sind laut Bogatzki kein „nice to have für Wohlstandskids“. Sie ermöglichten es jungen Menschen, durch persönliches Lernen ein Verständnis für globale Zusammenhänge zu entwickeln, Spannungen zwischen Kulturen zu verstehen und auszuhalten. Freiwillige würden geprägt fürs Leben, prägten umgekehrt das Bild von Deutschland im Ausland und erlangten interkulturelle Kompetenzen, die gerade für das Exportland Deutschland wertvoll seien. „Will man eine offene, tolerante Gesellschaft haben, die füreinander einsteht, braucht es Menschen die andere Perspektiven einnehmen, andere Kulturen und Sprachen erleben“, ergänzt Wrecz. 

Weniger junge Leute suchen einen Dienst im Ausland

Beide verweisen auf eine Langzeitstudie zur Wirkung von weltwärts. Sie zeige, dass viele Teilnehmende sich anschließend zuhause lokal als „active global citizens“ einbrächten, betont Bogatzki. 60 Prozent engagieren sich demnach ehrenamtlich, 93 Prozent sehen einen bleibenden positiven Einfluss auf ihre Offenheit gegenüber anderen Kulturen. 80 Prozent fühlen sich motivierter, soziale und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. 

Zur Wahrheit gehört indes auch, dass die Nachfrage seit der Corona-Pandemie gesunken ist. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag hervorgeht, zählte weltwärts vor Corona im Jahresdurchschnitt 3.500 Teilnehmer, seither unter 2.500. Offenbar sinkt hierzulande angesichts globaler Konflikte und Krisen der Drang, persönliche Erfahrung in Ländern des globalen Südens zu machen. Dagegen ist die Zahl der Freiwilligen aus weniger entwickelten Ländern, die mit weltwärts nach Deutschland kommen, 2025 wieder auf 714 gestiegen, das Niveau vor Corona.

Die Gefahr ist schleichende Austrocknung

Wenn bei weltwärts weiter gekürzt wird, sehen die Verbände die Gefahr, dass eine kritische Schwelle unterschritten wird: Irgendwann können die Entsendeorganisationen ihre Strukturen und ihre aufwändige und personalintensive Begleitung, zum Beispiel mit vor- und nachbereitenden Seminaren, nicht mehr aufrechterhalten. Es könne sein, dass „Träger sich wegen zu weniger Plätze den Aufwand nicht mehr leisten können", erläutert Bogatzki.

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Wird das BMZ das jetzt riskieren, zumal weltwärts 2027 seinen 20. Jahrestag feiert und es mit derzeit 130 Trägerorganisationen immer noch ein Aushängeschild ist? Eine generelle Verringerung bei den Einsatzländern oder -stellen sei nicht erkennbar, erklärte die Bundesregierung im März. Ungeachtet aktueller Sparzwänge sei das Programm „in seiner Substanz nicht gefährdet“. 

Aus Sicht der Träger spricht für den Erhalt ein weiterer Grund: das Erstarken des rechten Rands, der Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich in Frage stellt. „Die AfD holt immer mehr junge Leute ab, das sollten wir nicht geschehen lassen“, warnte Lourens de Jong vom Verbund ventao, der die Qualität von weltwärts prüft, bei dem Fachgespräch der Grünen. „Wir erreichen mit Freiwilligendiensten sehr viele, und sie sind ein unheimlich wichtiges Instrument für die demokratische Jugendbildung. Deutschland hat damit in der EU die Nase vorne, und das sollte so bleiben.“

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