„Über der Verfassung steht das islamische Recht“

Eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat Anfang November den Iran besucht. In dem islamischen Staat sind heute weit unter ein Prozent der rund 74 Millionen Einwohner Christen, die große Mehrheit davon armenisch-orthodoxe. Die römisch-katholischen Gemeinden bestehen vorwiegend aus Zuwanderern, und zwei einheimische Kirchen mit eigener Hierarchie haben sich Rom angeschlossen, darunter die Chaldäer. Der Bamberger Erzbischof und Vorsitzende der DBK-Kommission Weltkirche, Ludwig Schick, hat die Delegation der DBK in den Iran geleitet und war vom Mut und der Hoffnung der Christen dort beeindruckt.
Welchen Stand haben die Kirchen in der iranischen Gesellschaft?

Die Christen im Iran sind zahlenmäßig eine kleine Minderheit. Nach außen können sie nicht aktiv werden. Doch sie feiern Gottesdienste, geben Kindern und Jugendlichen Unterricht in der christlichen Religion und unterhalten karitative Einrichtungen; ich habe beispielsweise ein Altenheim besucht, in dem ältere Christen von Ordensschwestern betreut werden. Die Christen stehen auch jedermann als Gesprächspartner zur Verfügung und geben durch ihr Leben Zeugnis von der Liebe Christi. Das kirchliche Leben findet in einem eher familiären Rahmen statt. Nach außen dringt nicht viel. Viele Muslime erkennen aber an, dass die Christen ihren Glauben leben, und pflegen auch gute nachbarschaftliche Beziehungen zu ihnen.

Der Iran bezeichnet sich als Islamische Republik. Was heißt das für die dort lebenden Christen?

Der Iran hat ein Rechtssystem, das uns fremd ist. Zum einen gilt die Verfassung, in der auch das Recht auf Religionsfreiheit festgehalten ist. Doch über der Verfassung steht noch das islamische Recht. Das heißt, alles verfasste Recht wird aus dem Islam heraus interpretiert. Für die Christen bedeutet dies zum Beispiel, dass sie im Iran leben und auch ihren Glauben ausüben dürfen. Aktiv evangelisieren können sie aber nicht.

Viele Christen wandern aus dem Iran aus. Stirbt das Christentum langsam aus?

Das Christentum wird im Iran nicht aussterben. Es wird auf absehbare Zeit klein und unauffällig bleiben. Ich habe die Kirchenvertreter in dieser Frage als gelassen und sogar hoffnungsvoll erlebt. Sie haben ein viel größeres Vertrauen auf das Wirken Jesu und seines Geistes als wir. Sie vertrauen darauf, dass der Herr bei ihnen bleibt bis ans Ende der Welt. Sicher ist die Abwanderung insbesondere von jungen Leuten ein großes Problem. Aber der Iran hat eine so lange, reiche und wechselvolle Geschichte. Irgendwann wird es auch wieder einmal mehr Christen geben.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Meldungen aus dem Iran über Gefängnisstrafen für evangelikale Pastoren. Was sagen die anderen Kirchen dazu?

Man muss unterscheiden zwischen dem, was wir hier wissen, und was die Menschen im Iran wissen und zu was sich die Christen äußern können. Wichtig ist, dass die Christen und die Politiker im Ausland, auch in Deutschland, öffentlich die Menschenrechte einfordern. Wo die Religionsfreiheit verletzt wird, muss das bei uns angeprangert werden.

Haben Sie mit den Kirchenvertretern über diese Fälle gesprochen?

Nein, das war in unseren Gesprächen kein Thema. Wir haben es nicht bewusst ausgeklammert, vielmehr kamen wir nicht darauf zu sprechen.

Wie sieht es insgesamt mit der Ökumene unter den wenigen Christen im Iran aus?

Die wenigen Christen im Iran sind weit verstreut. Ich habe im Iran armenische, chaldäische, evangelische und römisch-katholische Christen getroffen. Sie haben Kontakte zueinander. So wie sie aber einzeln nicht öffentlich auftreten dürfen, können sie es gemeinsam auch nicht tun.

Sie sind im Iran mit einigen islamischen Geistlichen zusammengekommen. Welchen Eindruck haben Sie vom christlich-islamischen Dialog dort?

Ich habe Professoren an der Islamischen Universität in Ghom getroffen, die uns vor allem ihre Studien über den Islam vorstellen wollten. Das war sehr interessant. Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass sie eher an internationalen Kontakten und zu anderen Universitäten, auch christlich-theologischen Fakultäten im Ausland, interessiert sind als am Dialog mit der christlichen Minderheit im eigenen Land.


Die Fragen stellte Katja Dorothea Buck.

erschienen in Ausgabe 12 / 2011: Bodenschätze: Reiche Minen, arme Länder

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