Leben auf verseuchtem Land

Seit mehr als 50 Jahren fördern vor allem westliche Konzerne im Niger-Delta Öl. Die Bewohner der Region haben davon wenig. Im Gegenteil: Sie leiden unter Umweltschäden und gesundheitlichen Problemen. Militante Gruppen versuchen mit Gewalt, eine Beteiligung an den Öl-Einnahmen durchzusetzen. Um den Konflikt zu entschärfen, hat die Regierung ein Amnestieprogramm aufgelegt. Aber die Chancen auf einen dauerhaften Frieden stehen schlecht.
Das Niger-Delta ist ein Sumpfgebiet, durchzogen von einem Netz aus Bächen und Flüssen. Die Geschichten der Anwohner werfen Schlaglichter auf manche Widersprüche der Region, in der nahezu das gesamte Öl Nigerias gefördert wird. Im Dorf Oruma im Bundesstaat Bayelsa etwa zerstörte 2005 ein Leck in einer Pipeline des Konzerns Shell die traditionelle Lebensgrundlage vieler Menschen, die Fischzucht. „Unsere Fischteiche sind immer noch verschmutzt und unbenutzbar, weil das Öl sich dort festgesetzt hat“, sagt Alali Efanga, einer der Betroffenen. Der Ölunfall habe dem Dorf sehr geschadet. „Ich habe keine Möglichkeit mehr, meinen Lebensunterhalt zu verdienen“, fügt er hinzu. „Meine Kinder mussten die Schule verlassen, weil ich die Gebühren nicht bezahlen konnte.“
 

Autor

Sam Olukoya

ist freier Journalist im nigerianischen Lagos.

Die Ölförderung hätte eigentlich für die Gemeinden im Niger-Delta ein Segen sein sollen, sagt Morris Alagoa von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Environmental Rights Action (ERA). „Aber sie hat sich als Fluch entpuppt, weil die Ölkonzerne so rücksichtslos vorgehen.“ Im Niger-Delta sind die größten multinationalen Ölfirmen der Welt tätig: Royal Dutch Shell, die französische Firma Total sowie die amerikanischen Unternehmen Chevron und ExxonMobil. Auch wenn Öllecks häufig vorkommen, erhalten die Gemeinden selten eine Entschädigung. Gehen sie in Nigeria vor Gericht, müssen sie oft zusehen, wie sich ihre Verfahren jahrzehntelang ohne Ergebnis hinziehen. Um zu zeigen, dass sie das Vertrauen in das nigerianische Justizsystem verloren haben, klagten Efanga und weitere Dorfbewohner aus dem Niger-Delta Ende 2009 in den Niederlanden gegen Shell. Sie fordern Schadenersatz für die Verluste, die sie aufgrund der Ölverschmutzung erlitten haben. Das Verfahren ist noch immer anhängig.

Die Gemeinden verlieren ihre Lebensgrundlage, sie können keine wirksamen rechtlichen Schritte einleiten, und sie profitieren nicht von den Erträgen, die das Öl abwirft, das auf ihrem Land gefördert wird. Obwohl seit mehr als 50 Jahren im Niger-Delta Öl gefördert wird, gehören die Menschen dieser Region zu den Ärmsten der Welt. „Die Einnahmen aus dem Erdöl sind über die Jahre so schlecht verwaltet worden, dass sie das Leben der lokalen Bevölkerung noch nicht einmal erreicht, geschweige denn einen greifbaren Nutzen gebracht haben“, kritisiert Umweltaktivist Alagoa.

Die Ölfirmen arbeiten eng mit dem Militär zusammen, um ihre Operationen zu sichern

Die nigerianische Regierung und westliche Ölfirmen hingegen verdienen jährlich mehrere Milliarden US-Dollar an den Ölerträgen. Allein Nigerias Einnahmen aus der Ölwirtschaft betrugen in den vergangenen 30 Jahren mehr als 300 Milliarden Dollar –offiziell erhält die Regierung 60 Prozent der Gewinne, während die Ölfirmen die restlichen 40 Prozent bekommen. „Trotz dieser hohen Einnahmen leben die Bewohner des Niger-Deltas weitgehend noch so wie vor hundert Jahren“, sagt Alagoa. „Sie bauen sich Hütten aus Zweigen und Ästen mitten im Sumpf. Wir haben erwartet, dass sich ihre Lebensqualität über die Jahre verbessert.“

Das Bestreben der örtlichen Gemeinden, die Ölgewinne selbst zu kontrollieren, und ihre Entschlossenheit im Kampf um den Schutz der Umwelt vor den Machenschaften der Ölkonzerne sind die Wurzeln eines jahrzehntelangen Konflikts zwischen ihnen, den Konzernen und der Regierung. Proteste wurden von der Regierung oft mit Hilfe von Polizei und Armee niedergeschlagen. Tausende Menschen sind dabei umgekommen. Ein bekanntes Beispiel ist der Aufstand in Ogoniland von 1993, wo der Dramatiker und Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa und seine Leute versuchten, dem Ölkonzern Shell Einhalt zu gebieten. Bei der Militäraktion, die dem Aufstand folgte, starben 2000 Ogoni. 30 Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ken Saro-Wiwa und acht weitere Ogoni-Aktivisten wurden 1995 hingerichtet, nachdem sie in einer umstrittenen Verhandlung von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden waren.

Laut Menschenrechtsgruppen arbeiten die Ölfirmen eng mit dem Militär zusammen, um das Fortbestehen ihrer Operationen zu sichern, und verletzen dabei systematisch die Menschenrechte. 1996 gab Shell zu, Polizisten mit Waffen ausgestattet zu haben, die Ölanlagen bewachten. In mehreren anderen Fällen haben Ölfirmen ihre Einrichtungen Sicherheitskräften zur Verfügung gestellt, damit diese friedliche Proteste gewalttätig niederschlagen konnten. 1999 flog die Firma Chevron Soldaten mit konzerneigenen Helikoptern zu einer vor der Küste gelegenen Ölplattform, wo Dorfbewohner gerade friedlich demonstrierten. Die Soldaten eröffneten das Feuer, töteten zwei Demonstranten und verletzten viele andere schwer.

Laut einem jüngst veröffentlichten Bericht der britischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Platform stützt sich Shell für den Schutz seiner Anlagen auf Regierungstruppen, die für ihre Menschenrechtsverletzungen bekannt sind. Platform prangert an, dass die Sicherheitskräfte die Rechte der örtlichen Gemeinden verletzen. Shell habe zudem zwischen 2000 und 2010 durch die Zahlung großer Summen an bewaffnete Kämpfer Menschenrechtsverletzungen befördert und Konflikte im Niger-Delta geschürt. So sei in der Stadt Rumuekpe zwischen verschiedenen Gangs ein Kampf um mehrere tausend Dollar ausgebrochen, die Shell in Aussicht gestellt hatte. 60 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, die ganze Stadt wurde zerstört.

Die Unsicherheit im Niger-Delta hat der Ölwirtschaft Nigerias geschadet

„Eine Firma, die in einem solchen Umfeld tätig ist, trägt die Verantwortung, Verletzungen der Menschenrechte zu vermeiden“, betont der Autor des Berichts, Ben Amunwa. „Aufgrund der Beweise in unserem Bericht glauben wir, dass Shell dem nicht gerecht wird.“ Der Ölkonzern hingegen hat in einer schriftlichen Antwort auf die Vorwürfe jegliche Verantwortung zurückgewiesen. „Seit langem wissen wir, dass die rechtmäßigen Zahlungen an Vertragspartner ebenso wie unsere sozialen Investitionen in der Niger-Delta-Region zu Reibungen in und zwischen den Gemeinden führen können. Trotzdem arbeiten wir hart an einer fairen und gerechten Verteilung der Vorteile, die unsere Anwesenheit mit sich bringt“, so der Konzern. Angesichts der hohen Kriminalität im Niger-Delta stelle die nigerianische Regierung als Mehrheitseigentümer der Ölanlagen Sicherheitskräfte, um die Mitarbeiter und die Anlagen zu schützen. „Die Annahmen in dem Bericht, dass Shell militärische Aktivitäten leitet oder kontrolliert, sind deshalb völlig haltlos.“

2004 nahm der Protest in den betroffenen Gemeinden mit der Gründung militanter Gruppen eine heftigere Form an. Damals rief der junge Aktivist Mujahid Asari-Dokubo die Niger Delta People’s Volunteer Force ins Leben. Sie drohte damit, die Förderanlagen anzugreifen, sollten die Firmen die Produktion nicht stoppen. Die Konzerne zogen hastig einen Großteil ihres Personals ab, was zu einem Rückgang der nigerianischen Rohölproduktion führte. Asari-Dokubos Kampf strahlte in Form von steigenden Ölpreisen auf die ganze Welt aus.

Den Sümpfen des Niger-Deltas entsprangen weitere militante Gruppen. Das Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) ist die größte und bekannteste unter ihnen. Ihr Ziel ist es, die Ölressourcen unter die Kontrolle der lokalen Bevölkerung zu bringen. 2006 begann die Bewegung mit einer Welle von Gewalt, um die Ölproduktion in der Region zum Erliegen zu bringen. MEND-Kämpfer entführten hunderte Menschen, darunter ausländische Arbeiter, und sie attackierten Förderanlagen und Pipelines. Die nigerianische Regierung setzte ein Gremium ein, das eine Lösung für die Krise im Delta finden sollte, das Niger Delta Technical Committee. Laut einem Bericht des Komitees hat die MEND allein 2008 rund 300 Geiseln genommen und 1000 Menschen getötet. Auch bei Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen um territoriale Rechte und Schutzgeld von den Ölkonzernen kommt es immer wieder zu Toten.

Die Unsicherheit im Niger-Delta hat der Ölwirtschaft Nigerias geschadet. Bevor die MEND 2006 aktiv wurde, exportierte das Land 2,5 Millionen Fass Rohöl täglich – Anfang 2009 waren es nur noch 800.000 Fass. Der gewaltige Einbruch wurde für die nigerianische Regierung zum Problem, da sie mehr als 90 Prozent ihres Haushaltes mit den Einkünften aus dem Ölexport deckt. Nicht einmal der Aufmarsch einer großen Zahl von Truppen im Niger-Delta konnte die zerstörerischen Aktivitäten der militanten Kämpfer unterbinden. Die Regierung war gezwungen, im August 2009 ein Friedensprogramm auszuarbeiten. Darin wird den Kämpfern Straferlass, bedingungslose Vergebung und die Teilnahme an einem Reintegrationsprogramm zugesichert, wenn sie ihre Waffen abgeben. Die MEND spaltete sich in zwei Lager auf: Die eine Seite akzeptierte die Amnestie, die andere lehnte sie ab.

Das Trinkwasser ist mit hohen Mengen von Kohlenwasserstoff belastet

Laut Regierung wurden bislang 20.192 ehemalige Mitglieder militanter Gruppen entwaffnet und demobilisiert. Sie werden nun in der ersten Phase des Amnestieprogramms wieder in die Zivilgesellschaft integriert. Weitere 6616 ehemalige Kämpfer werden ein ähnliches Training in der zweiten und letzten Phase des Programms durchlaufen. Die Regierung hält das Programm für einen Erfolg – angesichts der großen Zahl von Kämpfern, die die Amnestie akzeptiert hätten. Präsident Goodluck Jonathan betont, mit dem Frieden seien auch Nigerias Ölexporte wieder auf 2,6 bis 2,8 Millionen Fass pro Tag gestiegen.

Doch manche Beobachter werten das Programm trotz der gestiegenen Ausfuhren nicht als Erfolg. Denn das weiter aktive Lager der MEND und andere militante Gruppen verüben weiter gelegentlich Anschläge auf die Ölanlagen. MEND-Sprecher Jomo Gbomo erklärt, seine Bewegung habe kein Vertrauen in das Programm. „Unsere Position bleibt die gleiche. Wir identifizieren uns nicht mit einer Amnestie, die uns keinen Raum für einen Dialog bietet und die Themen ausblendet, die diesem Konflikt zu Grunde liegen“, sagt er.

Patrick Nagbaaton, Koordinator des im Niger-Delta gelegenen Zentrums für Gesundheit, Menschenrechte und Entwicklung, teilt diese Meinung. „Wir haben keinen nachhaltigen Frieden. Die Amnestie kann nichts daran ändern, dass sich Kleinwaffen immer weiter verbreiten und ständig neue militante Gruppen entstehen.“ Eine Untersuchung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zu den ökologischen Auswirkungen des Ölabbaus auf Ogoniland rückt die Aussichten auf andauernden Frieden in noch weitere Ferne. Laut dem im August veröffentlichten Bericht ist das Trinkwasser der Region mit hohen Mengen von Kohlenwasserstoff belastet und bedrohe damit die Gesundheit. Die Experten schätzen, dass die Beseitigung der Schadstoffe, damit sich das Gebiet erholen kann, zwischen 25 und 30 Jahren dauern könnte. Dem Bericht zufolge würden allein die ersten fünf Jahre der Reinigung eine Milliarde US-Dollar kosten. Es wird angenommen, dass es in anderen Orten im Niger-Delta, an denen Öl gefördert wird, ähnliche ökologische Probleme gibt.

Morris Alagoa von der Environmental Rights Action findet, bei diesen trüben Aussichten müsse die Ölförderung in der Region zumindest vorerst gestoppt werden – bis sich die Gemüter beruhigt hätten. „Wir treten dafür ein, das Öl im Boden zu lassen und die Zuweisung neuer Ölförder-Blöcke zu stoppen“, sagt er. „ Das soll so lange gelten, bis die Regierung in der Lage ist, die Ölindustrie zu regulieren und die multinationalen Konzerne beginnen, sich verantwortungsbewusst zu verhalten.“

Aus dem Englischen von Barbara Koch

erschienen in Ausgabe 11 / 2011: Nigeria: Besser als sein Ruf

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