Verkappte Ausbeutung oder sinnvolle Hilfe?

Seit im vergangenen Jahr Berichte über Selbstmorde von verschuldeten Bauern in Indien durch die Medien gingen, hat die Debatte über Mikrokredite eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Der Journalist Gerhard Klas hat in Indien und Bangladesch recherchiert und sagt, mit Mikrokrediten werde die Armut nicht kleiner – im Gegenteil. Ulrike Chini von der kirchlichen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit widerspricht: Mikrokredite seien kein Allheilmittel, aber vielen Menschen in armen Ländern machten sie das Leben leichter.

Frau Chini, können Sie mir garantieren, dass ich zur Armutsbekämpfung beitrage, wenn ich bei Oikocredit Geld anlege?

Ulrike Chini: Davon sind wir überzeugt. Mikrokredite leisten zusammen mit anderen Maßnahmen auf lokaler Ebene einen Beitrag zur Armutsreduzierung. Dass es darüber hinaus makroökonomischer Veränderungen bedarf, ist unbestritten.

Herr Klas, Sie dagegen schreiben in Ihrem Buch, mit Mikrokrediten Armut bekämpfen zu wollen sei, als wolle man mit Waffenexporten Kriege verhindern. Wie meinen Sie das?

Gerhard Klas: Mikrofinanz ist ein marktwirtschaftliches Instrument, das mit dem genossenschaftlichen Ansatz etwa eines Raiffeisen, der gerne bemüht wird, heute nichts mehr zu tun hat. Das dominante Modell ist das der kommerziellen Mikrofinanz, die sich selbst tragen und ohne Subventionen auskommen muss. Das bedeutet für die Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen, dass 2008 der durchschnittliche Zinssatz bei 35 Prozent lag.

Ist das auch das Modell von Oikocredit?

Chini: Meine Schwierigkeit mit dem Ansatz von Herrn Klas ist, dass er sehr pauschalisiert. Für uns ist Mikrokredit ein Instrument, das gut oder schlecht angewendet werden kann. Es gab in den vergangenen Jahren ohne Zweifel Fehlentwicklungen, aber das bedeutet nicht, dass das Instrument als solches nichts taugt. Die Mikrokreditorganisationen, die ich kenne, sind zum Beispiel zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich auf dem Land um Erosionsschutz kümmern und nebenbei auch Mikrokredite vergeben. Die kennen ihre Kunden, und für die sind Mikrokredite nur eine Maßnahme unter vielen anderen. Oikocredit arbeitet mit vielen Organisationen zusammen, die sich aus einer Vielzahl von Quellen finanzieren: Spenden, Kredite, Entwicklungshilfe. Sie tragen sich nicht alle selbst. Ihr Ziel ist es aber, dass das Kreditgeschäft sich selbst trägt, dass die Kreditnehmerinnen ihre Kredite zurückzahlen und ohne Zuschüsse auskommen. Daneben gibt es Organisationen wie „SHARE“ in Indien, mit denen wir früher zusammengearbeitet haben, die klein angefangen haben und jetzt Riesenorganisationen sind und nicht mehr den Werten von Oikocredit entsprechen.

Herr Klas, kritisieren Sie nur das kommerzielle Modell von Mikrofinanz, oder das Instrument an sich?

Klas: Ich habe nichts einzuwenden gegen genossenschaftliche Modelle, wie es sie früher gab, bei denen in einem Dorf Leute aus derselben sozialen Schicht Spargruppen gegründet und Einzelnen bei Bedarf Kredite gegeben haben zu Konditionen, die individuell angepasst waren. Bei diesem Modell bleibt das, was erwirtschaftet wird, in der Gemeinschaft und kann reinvestiert werden. Diesem Modell aber entsprechen heute kaum noch Mikrofinanzinstitute. Unter bestimmten Bedingungen können Kredite sinnvoll sein, um aus Notlagen zu helfen. Ein Mittel zur Bekämpfung von Armut in größerem Stil sind sie aber nicht.

Gibt es aussagekräftige und unabhängige Untersuchungen zur Wirkung von Mikrokrediten?

Chini: Es gibt eine ganze Menge Stellungnahmen, die zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Es gibt vernichtende Urteile, die Herr Klas gern zitiert, es gibt aber auch positivere Ergebnisse. Aber es fehlt an Langzeitstudien, die zeigen, wie sich Mikrokredite langfristig auf die Kreditnehmer auswirken. Oikocredit hat vor einigen Jahren damit begonnen, die soziale Wirksamkeit der Arbeit von Partnerorganisationen zu kontrollieren.

Klas: Die Frage ist immer, wer finanziert welche Studie und was wird untersucht. Es ist doch paradox, dass 30 Jahre lang Mikrokredite vergeben und als Erfolg gefeiert wurden, obwohl das nie wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Bisher wurden Mikrokredite immer nur aus der Perspektive der Investoren und der Mikrofinanzinstitute untersucht. Es sind vor allem betriebswirtschaftliche Kriterien berücksichtigt worden, nämlich die hohe Rückzahlungsquote, die auch Oikocredit bis heute als Beleg für den Erfolg anführt. Nicht untersucht wird hingegen die Frage, wie die Frauen in der Lage sind, die exorbitanten Zinsen und die Rückzahlungen zu finanzieren. In Bangladesch sind 70 Prozent der 30 Millionen Kreditnehmerinnen bei mehr als einer Mikrofinanzinstitution verschuldet. Das ist die Eintrittskarte zur Überschuldung. Die Frauen nehmen dann zum Beispiel ihre Kinder aus der Schule und schicken sie zur Arbeit, damit sie zur Rückzahlung beitragen können. In manchen Dörfern in Andhra Pradesh und in Bangladesch haben sich zehn Mikrofinanzinstitute angesiedelt und pumpen dort Geld hinein. Und es stimmt auch nicht, dass Mikrofinanz die sogenannten Kredithaie verdrängt, die 100 Prozent Zinsen nehmen. Die machen in solchen Dörfern bessere Geschäfte als zuvor.

Chini: Es gibt wissenschaftliche Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen, und nicht von Interessen geleitet sind. Oikocredit hat gerade eine Untersuchung auf den Philippinen nach dem sogenannten „Progress out of Poverty“-Index gemacht, mit dem ermittelt wird, ob Kreditnehmer über die Armutsschwelle kommen. Demnach sind innerhalb eines Jahres von 9800 Kundinnen 665 über die nationale Armutsgrenze gekommen. Untersuchungen aus Bangladesch belegen, dass es gar nicht immer schlecht ist, wenn Leute von mehreren Anbietern Kredite nehmen. Das muss nicht zwangsläufig zur Überschuldung führen. Im informellen Wirtschaftssektor, in dem die meisten Kreditnehmerinnen tätig sind, können zudem enorm hohe Gewinnspannen erwirtschaftet werden, bis zu 800 Prozent des eingesetzten Kapitals. Davon können die Frauen ihre wöchentlichen Ratenzahlen leisten. Vor diesem Hintergrund – und bei einer Inflationsrate von teilweise 20 Prozent – sind Zinsen von 35 Prozent gar nicht so enorm hoch.

Herr Klas, den 665 Frauen auf den Philippinen haben die Mikrokredite doch offenbar etwas gebracht, oder?

Klas: Das hängt davon ab, wie man Armut definiert. Die Gesellschaften im globalen Süden sind noch nicht so von Geldkreisläufen durchdrungen wie unsere. Es gibt da immer noch relativ viel Tausch, Subsistenz und Teilsubsistenz. All das fällt heraus, wenn man Armut nur mit einer bestimmten Einkommensgrenze misst. Ich würde deshalb infrage stellen, was es heißt, wenn eine Frau die Einkommensgrenze von 1,25 Dollar am Tag überschreitet, von denen sie dann ihre Raten abzahlen muss.

Chini: Bei Ihnen klingt es immer so, als würde man den Leuten die Kredite regelrecht aufzwingen; als wären sie völlig unselbstständig und würden in eine Falle geraten. Ich habe aber viele Leute erlebt, die sehr selbstbewusst sind und Kredite aufnehmen, weil sie Finanzbedarf haben. So wie bei uns auch. Das Instrument entwickelt sich außerdem weiter und man hat aus Fehlern gelernt. In Peru gibt es zum Beispiel eine Art Schufa, ein Kreditinformationsbüro, das Überschuldung verhindern soll. Da kann jede Mikrofinanzinstitution anfragen, ob ein möglicher Kunde bereits anderswo einen Kredit aufgenommen hat. Ähnliches wird jetzt in vielen anderen Ländern eingeführt.

Klas: Mikrokredite verdecken die strukturellen Ursachen von Armut. Sie sind ein Instrument der Marktwirtschaft, die auch bei uns in den reichen Ländern nicht dazu beigetragen hat, Armut zu verringern. Der Zusammenhang zwischen Ausbeutung und Profit wird ausgeblendet. Warum sind Frauen gezwungen, Kredite aufzunehmen, die sie nur unter größter Belastung zurückzahlen können? Um diese Frage zu beantworten muss man den Blick weiten, zum Beispiel auf die Privatisierung des öffentlichen Sektors in vielen Ländern. Plötzlich mussten die Leute für vormals kostenlose Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheit bezahlen. Hinzu kommt die Industrialisierung der Landwirtschaft, die dazu führt, dass Subsistenz und Teilsubsistenz zerstört werden und auch für die tägliche Ernährung Bargeld benötigt wird. In diesem Zusammenhang sind Mikrokredite so, als würde man einem Verdurstenden schmutziges Wasser verkaufen.

Chini: Ein Beispiel aus Kenia: Da habe ich eine Teegenossenschaft kennengelernt, die ihren Mitgliedern Darlehen gegeben hat, damit sie ihre Kinder zur Schule schicken können. Die Leute haben das mit einem Teil ihrer Teeernte zurückgezahlt. Natürlich kann man jetzt sagen, diese Mikrofinanzinstitution verdient ihr Geld damit, dass die Leute Schulgeld bezahlen müssen. Aber die Alternative wäre, dass sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken können. Und die Mikrofinanz entwickelt sich weiter: Viele Institute bieten neben Krediten und Sparprogrammen heute auch Versicherungen an, etwa für Krankheit, Unfälle oder Kreditausfälle. Das verbessert den Zugang zu Sozialleistungen.

Klas: Früher war der Anspruch der Entwicklungspolitik, öffentliche Dienstleistungen in den armen Ländern auszubauen. Das hat in der Praxis oft nicht funktioniert, viel Geld ist durch Korruption verschwunden oder an Firmen in den Geberländern zurückgeflossen. Aber der Anspruch war richtig. Bei der Mikrofinanz ist schon der Anspruch falsch, er ist in sich ein Widerspruch. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Armut ohne Umverteilung bekämpfen. Die Mikrofinanz geht davon aus, dass die Armen sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen können, ohne dass der Reichtum anderer angetastet wird. Und die Praxis dient vor allem den Investoren. Oikocredit hat hier eine Art Gatekeeper-Funktion: Sie setzen auf finanzielle Nachhaltigkeit und fördern mit diesem Anspruch kleine nichtstaatliche Institutionen. Sobald die beweisen, dass sie finanziell nachhaltig arbeiten können, werden sie interessant für kommerzielle Investoren, die Profit machen wollen und auf den Zug aufspringen.

Chini: Wir brauchen ohne Zweifel mehr Regulierung. Der Sektor wird größer und populärer; viele springen auf, die da eigentlich nichts zu suchen haben. Dennoch sind Mikrokredite nicht bloß ein Instrument westlicher Imperialisten. Es gibt zum Beispiel in Afrika seit 200 Jahren traditionell Formen von Mikrokrediten. Man kann also nicht sagen, das hat nie funktioniert und das kann nicht funktionieren. Mikrokredite sind ein Instrument, das von den Leuten selbst entwickelt und nicht erst vor zehn Jahren erfunden wurde.

Herr Klas, romantisieren Sie mit Ihrer Kritik nicht die Verhältnisse in traditionellen Gesellschaften, in denen es noch Tausch und Subsistenzwirtschaft gibt?

Klas: Meine Kritik hat nichts mit Romantik zu tun, sondern orientiert sich an der Lebensrealität der Frauen, die ich in Indien und Bangladesch getroffen habe. Mikrokredite setzen die Frauen in Konkurrenz zueinander. Wenn eine Frau aus einer Kreditgruppe nicht zurückzahlen kann, dann kriegen die anderen auch nichts mehr. Das heißt, sie müssen Druck ausüben. Diese Entsolidarisierung mindert die Lebensqualität. Mir haben Frauen berichtet, dass sie es nicht einmal mehr wagen, ihrer Nachbarin zu erzählen, dass ihr Kind krank ist. Sie fürchten, dass die anderen sofort denken, sie könnten ihre Raten nicht zurückzahlen. Früher war es normal, dass die Frauen sich untereinander geholfen haben.

Letzte Frage: Die Mikrokreditbranche ist 30 Jahre alt. Warum hat die Kritik gerade in den vergangenen fünf Jahren so zugenommen?

Chini: Ich denke, zum einen weil Mikrokredite seit dem Friedensnobelpreis an Grameen-Bank-Gründer Muhammad Yunus stark überbewertet wurden. Plötzlich glaubten alle, mit Mikrokrediten könne man die Armut ins Museum schicken – was natürlich Quatsch ist. Zum anderen weil als Folge dieses Booms Investoren auf den Zug aufgesprungen sind, die Mikrokredite als lukrative Kapitalanlage sehen – und dafür sind sie nicht geeignet. Das hat zu einer Blase und zu Fehlentwicklungen geführt.

Klas: Die Weltbank hat sich des Konzepts Mitte der 1990er Jahre angenommen, seitdem ist ungeheuer viel Geld in den Sektor geflossen. Das hat zu Krisen erst in Lateinamerika und dann in Indien geführt. In Bangladesch dringt die Krise noch nicht nach außen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch dort die Blase platzt.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.


Ulrike Chini
ist Geschäftsführerin von Oikocredit Westdeutschland. Die internationale Genossenschaft unterstützt Mikrofinanzinstitutionen in rund 70 Ländern.

Gerhard Klas
ist freier Journalist in Köln. Sein Buch „Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut“ ist im vergangenen Jahr im Verlag Assoziation A erschienen.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2012: Digitale Medien: Das Versprechen der Technik

Kommentare

Mich hat überzeugt, dass U. Chini schreibt, es sei überhaupt kein Gegensatz zu Oikocredit, sich für makroökonomische Veränderungen einzusetzen. Ich streite auch für eine grundlegende Änderung der gegenwärtigen Strukturen der Weltwirtschaft, weil sie eine tägliche Versündigung an den Armen darstellt, bin aber gleichzeitig auch für Oikocredit tätig, weil ich jetzt konkret etwas für Benachteiligte tun will.

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