Die neue Echtzeit

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, heißt es. Seit es das Internet gibt, ist allerdings auch die Zeitung von heute manchmal ziemlich alt. Weil man alles schon weiß, was darin steht. Weil man es tags zuvor in Echtzeit, wie es neuerdings heißt, im World Wide Web verfolgt hat. In einem so genannten „Liveticker“, zum Beispiel: Wenn man auf „Aktualisieren“ drückt, wird man da alle dreißig Sekunden über den neuesten Stand informiert. Erfunden wurde der Liveticker für den Sport, wobei er auch da mal mehr, mal weniger Sinn und Vergnügen macht: Bei so manchem Fußballspiel etwa will man gar nicht jede halbe Minute wissen, dass immer noch nichts passiert ist.

Aber das Internet ist schnell, und der Platz im Netz für Nachrichten ist schier unbegrenzt und muss gefüllt werden. Deshalb wird der Liveticker zunehmend auch anderweitig eingesetzt. Von „Spiegel Online“ zum Beispiel neuerdings in der Börsenberichterstattung. „Dax hält sich“ - „Dax bricht ein“ – „Dax dreht ins Plus“ war dort neulich innerhalb weniger Stunden zu lesen. Das war aufregend. Die letzte Meldung des Tages lautete: „Dax geht mit minus 0,1 Prozent aus dem Handel“. Es gab mal eine Zeit, da haben sich Leute ernsthaft über Quartalsberichte zur Konjunkturentwicklung beklagt, weil sich doch so schnell in der Wirtschaft gar nichts grundlegend ändere. Rührend, nicht?

Heute kriegen wir alles sofort gesagt. Wenn wir zum Beispiel am Sonntag ein neues Parlament gewählt haben, erfahren wir am Montag, wer gewinnen würde, wenn wir am kommenden Sonntag ein neues Parlament wählen würden. Vorbei die Zeiten, in denen sich Politiker nach einer Wahl in Ruhe überlegen durften, was in den nächsten vier Jahren erledigt werden müsste. Heute müssen die Probleme schneller, in Echtzeit eben, gelöst werden – oder zumindest beredet.

erschienen in Ausgabe 9 / 2011: Rüstung: Begehrtes Mordgerät

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