„Die Waffentechnik war lange nicht entscheidend“

Viele moderne Waffen und Kriegstechniken sind in Europa entwickelt worden. Das hängt mit der politischen Zersplitterung des Kontinents und der Rivalität zwischen zahlreichen Fürstentümern und Republiken seit dem Mittelalter zusammen. Ständige Kriege führten zur Vergrößerung der Heere und zur Bildung moderner Staaten. Das mündete im 19. Jahrhundert in den ersten industriellen Rüstungswettlauf, erklärt Wolfgang Reinhard, emeritierter Professor für Geschichte und ehemaliger Fellow des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt.
Herr Reinhard, Sie haben einmal die Geschichte Europas seit dem Mittelalter eine von Rüstungswettläufen genannt. Ist das etwas speziell Europäisches?

Ich denke schon. Krieg ist insofern eine europäische Erfindung, als Staat und Krieg eng zusammenhängen. Weil Europa immer politisch pluralistisch war – es lebte im Dauerkonflikt zwischen verschiedenen Anwärtern auf Staatswerdung –, gab es nicht wie in China einen Kaiser, der unangefochten herrschte und sich allenfalls mit einigen auswärtigen Gegnern herumschlagen musste. Es bildeten sich Vormächte, die in ständiger Rivalität standen. Sie mussten bereit sein für Konflikte, also sich rüsten. Diese genuin europäische Rivalität und die Tatsache, dass der moderne Staat hier aus dem Krieg entsteht, ist historisch ein ganz entscheidender Unterschied zwischen Europa und dem Rest der Welt.

Haben Reiche wie China, Japan oder die der Hunnen nicht auch gerüstet und Kriege geführt?

Die Kämpfe und Gewaltformen, die vor der Bildung der modernen Staaten in Europa herrschten, würde ich nicht Krieg nennen, weil Kriege durchorganisiert, in der Hand des Staates und eine Frage des Gewaltmonopols sind. Anderswo war es anders. Natürlich waren China und andere Reiche hoch entwickelt, doch auch ihnen fehlte etwas, das für den Staat ganz wesentlich ist, nämlich der säkulare Charakter. Das chinesische Reich war kein religiöses Gebilde, aber der Kaiser war dennoch Vermittler zwischen Himmel und Erde und Zentrum des Kosmos. Nur der europäische Staat ist grundsätzlich säkular geworden.

Und nur in Europa hat ein Prozess eingesetzt, in dem Rivalität, Rüstung, Krieg und Staatsbildung miteinander einhergingen?

So kann man es sagen. Die Entwicklung der Waffentechnik war dabei anfangs nicht der Hauptfaktor. Eine erste Etappe war der Konflikt zwischen Reitern und Infanteristen. Den haben im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit die Schweizer Infanteristen mit ihren Langspieß-Haufen klar zu ihren Gunsten entschieden. Sie kämpften als geschlossenes Viereck aus 3000 bis 7000 Mann, wobei die sechs Meter langen Spieße der vorderen Reihen aus dem Haufen hervorragten. Diese Formation walzte alles nieder, mittelalterliche Ritter konnten nichts gegen sie ausrichten; die Zeit der adligen Kämpfer, der auf Lehnsgefolgschaft beruhenden Truppen und der Kämpfe Mann gegen Mann war in Europa mit dem 15. Jahrhundert zu Ende.

Waren dafür auch Schusswaffen verantwortlich?

Man sollte den Wert der Schusswaffen im Feld nicht überschätzen, am Anfang war das ziemlich kläglich. Ein guter Armbrust- oder Pfeilschütze war sehr viel effizienter als diese frühen komischen Schießprügel, weil er schneller und genauer schießen konnte. Bei den ersten Vorderladern wusste man nie so genau, wo die Kugeln hinfallen. Die Gewehre wurden allerdings laufend verbessert. Im Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts setzten Briten und Franzosen, die auf Seiten der Osmanen gegen Russland kämpften, schließlich Gewehre mit gezogenem Lauf ein. Der versetzt Geschosse in schnelle Rotation, so dass man nun auf tausend Meter gezielt schießen konnte. Vorher waren ein paar hundert Meter das höchste. Feuerwaffen waren anfangs vor allem für den Festungskrieg wichtig: Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen hielten den Kanonen nicht stand. Deshalb baute man immer tiefer gestaffelte Festungswerke. Das war auch eine Art Rüstungswettlauf.

Die Artillerie diente zuerst der Eroberung von Festungen?

In erster Linie. Im 17. Jahrhundert kommt die Feldartillerie auf, Geschütze, die von Armeen mitgeführt wurden. Sie wird dann sehr wichtig. Eine große Rolle hat hier der schwedische König Gustav Adolf im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gespielt. Er hat das System aus kleineren Truppeneinheiten und einer Feldartillerie, die während der Schlacht verschoben wird, perfektioniert.

Hat sich die Waffentechnik in Europa damals wesentlich von der anderswo unterschieden?

Nein. Aber es gab schon im Spätmittelalter so etwas wie Rüstungsindustrie. Städte wie Mailand oder Nürnberg waren bekannte Zentren der Waffenfertigung. Sie war natürlich Handwerk, doch man begann, die Herstellung zu standardisieren. Kaiser Maximilian I. von Habsburg (1459-1519), der angebliche romantische letzte Ritter, hat dafür gesorgt, dass Kanonen ein bestimmtes Kaliber bekamen, so dass sie austauschbar wurden und man die Kugeln bereitstellen konnte. Die Aufrüstung, die im späten Mittelalter einsetzte, bedeutete aber vor allem mehr Soldaten: Die Heere Kaiser Karls V. (1500-1558) hatten vielleicht gut 20.000 Mann, die Heere des französischen Königs Ludwigs XIV. zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestanden aus 150.000 Mann und Friedrich II. hat die preußische Armee in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf 200.000 Mann vergrößert. Die rüstungstechnischen Errungenschaften waren dagegen relativ bescheiden und konnten immer ganz schnell von allen Seiten nachgeahmt werden. Nehmen Sie das Bajonett: Ursprünglich waren Schützen und Spießer getrennte Einheiten. Das Bajonett führte sie zusammen – erst wurde geschossen, meist daneben, dann mit dem Bajonett angegriffen. Diese einfache technische Errungenschaft konnte ganz leicht kopiert werden.

Wann begannen Staaten, selbst eine Rüstungsproduktion aufzubauen?

Das taten Fürsten und Königshäuser meines Wissens zunächst nicht. Zuerst findet man eine eigene Rüstungsfertigung in städtischen Republiken – vor allem wenn sie eine Flotte unterhielten. Das Arsenal von Venedig war schon im Mittelalter ein Großunternehmen der Stadtrepublik und damals wahrscheinlich eine der größten „Fabriken“ überhaupt. Ähnlich war es in der Republik der Niederlande. Auch hier ging es bezeichnenderweise um die Marine, die sehr kostspielig ist – viel mehr als Schießprügel und Waffenschmieden. Doch auch anderswo vergab man gezielt Aufträge und sammelte Kriegsgerät an. Zum Beispiel im Zeughaus in Graz, der einstigen Hauptstadt von Innerösterreich: Das ist ein riesiges Gebäude, in dem man immer noch unzählige Kürasse, Spieße und Feuerwaffen besichtigen kann, die für den Ernstfall angesammelt wurden.

Wenn die Marinerüstung anspruchsvoll ist, sind dann kriegstechnische Innovationen in der Frühen Neuzeit von Seemächten ausgegangen – vor allem von denen, die ein Kolonialreich hatten?

Im begrenzten Rahmen der Seerüstung schon. Die Portugiesen, die Spanier, dann die Niederländer haben die Seerüstung vorangetrieben. Allerdings waren Innovationen im Schiffsbau nicht so sehr rüstungstechnisch bedingt, und es gab keinen Transfer von der Marine zur Waffentechnik für den Landkrieg. Und auch damals fand man schon Mittel, den Fortschritt der Waffentechnik auszugleichen. Im 17. Jahrhundert waren zwar die portugiesischen Schiffe den niederländischen unterlegen, aber die in Asien ansässigen Portugiesen oder ihre Nachfahren bauten sehr gute kleine Schiffe, die wiederum den Holländern überlegen waren.

Gab es Rüstungswettläufe zur See?

Für die frühe Neuzeit kann man das nicht sagen. Man muss bedenken, dass die Schiffe zwar manchmal königlich waren, aber nicht eigentlich das, was man heute eine Kriegsmarine nennt. Die britische Königin Elizabeth I. musste Ende des 16. Jahrhunderts die Schiffe für den Kampf gegen die spanische Armada sozusagen mieten.

Das waren eigentlich Handelsschiffe?

Ja, aber speziell die Asienfahrer mussten natürlich bewaffnet sein. Der frühe Kolonialismus zur See befand sich in gleitendem Übergang zur Piraterie. Richtige staatliche Kriegsflotten gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert. Nicht zufällig verschwinden dann die Freibeuter, die man für die Kriegführung nicht mehr brauchte. Und man beginnt zu zählen, welcher Staat über wie viele Schiffe verfügt. Als regelrechter Wettlauf wird das dann im 19. Jahrhundert wahrgenommen.

Überhaupt tritt bei der Rüstung ein entscheidender Bruch Ende des 19. Jahrhunderts ein. Als die industrielle Revolution ihren Höhepunkt erreicht, wird die Rüstungsindustrie erstmals zum Schrittmacher für zivile Technik, und Rüstung wird zum Selbstläufer – die europäischen Regierungen hatten das Gefühl, dass sie gar nicht anders konnten als aufzurüsten. Der moderne Rüstungswettlauf fängt bei der Artillerie und bei der Marine an. Vorher waren eher politische Entwicklungen entscheidend für neue Arten der Kriegführung. Zum Beispiel hat Friedrich II. von Preußen einmal gesagt, der Soldat muss vor seinem Offizier mehr Angst haben als vor dem Feind. Kriegführung auf dieser Basis – mit Soldaten, die bei der ersten Gelegenheit desertieren – gestattet keine beweglichen Truppen. Ein großer Erfolge Napoleons war, bewegliche kleinere Verbände einzusetzen und sie zugleich so unter Kontrolle zu behalten, dass er sie dirigieren konnte. Das war ein Ergebnis der Französischen Revolution.

Weil da die für die eigene Nation kämpfende Volksarmee entstanden ist?

Genau. Die politische Errungenschaft geht der technischen voraus. Überlegene Bewaffnung führte nicht unbedingt zum Sieg.

Gilt das auch für das Verhältnis Europas zu den Kolonien, oder war dort die Waffentechnik öfter kriegsentscheidend?

Die Erfolge der europäischen Eroberer hingen bis ins 18. Jahrhundert mit ihrer Art der Kriegführung zusammen – das heißt vor allem mit der Disziplin. In Indien kann man das gut beobachten: Die relativ kleinen Truppen der britischen Ostindien-Kompanie, die mit europäischer Disziplin in geschlossenen Einheiten vorgingen, waren im 18. Jahrhundert den riesigen feudalen Aufgeboten mit Elefanten überlegen. Bei der Bewaffnung dagegen war man sich ebenbürtig. Selbst wenn Inder oder Türken schlechtere Kanonen gehabt haben sollten, gab es genügend Leute – im 16. Jahrhundert angeblich vor allem Venezianer –, die ihnen beibrachten, wie man bessere herstellte und bediente. Unterschiede in der Waffentechnik werden erst Ende des 19. Jahrhunderts kriegsentscheidend. Mit dem ersten Maschinengewehr haben damals zum Beispiel britische Truppen im Sudan die Anhänger des Mahdi niedergemäht. Aber ein Monopol auf neue Waffen war nicht von Dauer. Als die Äthiopier 1896 bei Adua die Italiener besiegten, lag das nicht nur daran, dass sie zahlenmäßig überlegen waren und die Italiener sich im Gelände verirrten. Sondern die Äthiopier hatten auch Zehntausende modernster Schusswaffen.

Wie kamen anti-koloniale Bewegungen zu modernen Waffen? Trug dazu bei, dass verschiedene Kolonien verfeindeten europäischen Mächten gehörten und die in den Kolonien ihrer Rivalen einheimische Verbündete bewaffnet haben?

Zunächst kaum; die Kolonialmächte verhielten sich hier relativ solidarisch. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, spielte der Ost-West-Konflikt eine Rolle: Wer im Westen keine Waffen bekam, hatte eine gute Chance, sie im Osten zu bekommen. Es gibt aber auch merkwürdige Querverbindungen. Soweit ich weiß, konnte die vietnamesische Befreiungsbewegung unter anderem deshalb die Schlacht von Dien Bien Phu gegen die Franzosen gewinnen, weil sie von den Chinesen Kanonen und andere Waffen erhalten hatte, die diese wiederum im Koreakrieg den Amerikanern abgenommen hatten

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.


Wolfgang Reinhard
ist emeritierter Professor für Geschichte und ehemaliger Fellow des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt. Er ist unter anderem Autor von „Geschichte der Staatsgewalt“ (München 1999).

erschienen in Ausgabe 9 / 2011: Rüstung: Begehrtes Mordgerät

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