Vernünftige Strategie

Den ärmsten Ländern will die Weltbank weiter Geld für Kohlekraftwerke geben

Deutschland will seine Atomkraftwerke abschalten und wird sich das zum Teil auf dem Rücken der Entwicklungsländer leisten. Denn bis der Atomstrom durch Energie aus erneuerbaren Quellen ersetzt ist, wird wohl das eine oder andere Kohlekraftwerk länger laufen oder neu gebaut werden. Als Folge könnte der Kohlendioxidausstoß in den kommenden Jahrzehnten langsamer sinken als geplant - zum Schaden der armen Länder, die unter dem Klimawandel besonders leiden. So lange selbst die reichen Länder den Umstieg auf saubere Energie nicht hinkriegen, kann man von Entwicklungs- oder Schwellenländern nicht erwarten, dass sie für die eigene Energieversorgung nicht auch auf Kohle setzen.

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".

Aber soll die Entwicklungshilfe sie darin unterstützen? Die Weltbank will das, wenn auch weniger stark als früher. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen (NGOs) sind dagegen. Derzeit berät die Bank über eine neue Förderstrategie für den Energiebereich. Darin formuliert sie zwei Hauptziele: Zugang zu einer verlässlichen und modernen Energieversorgung und Umstieg auf einen umweltfreundlichen Entwicklungspfad. Neu ist, dass die Weltbank Kohlekraftwerke künftig nur noch in den ärmsten Ländern fördern will, in denen große Teile der Bevölkerung keinen Strom haben. In fortgeschrittenen Ländern hingegen, in denen die Versorgung besser ist, soll der Wechsel zu sauberer Energie im Vordergrund stehen. Für Kohlekraft sollen sie kein Geld mehr erhalten.

Den NGOs reicht dieser halbe Ausstieg nicht. Die Weltbank opfere in ihrem Strategieentwurf vielfach eines der beiden Ziele, „obwohl CO2-arme Energiegewinnung und verlässlicher, bezahlbarer Zugang zu Energie für die Armen gemeinsam erreichbar sind", schreiben vier Organisationen aus Deutschland und der Schweiz, darunter der Evangelische Entwicklungsdienst und „urgewald", in einem Brief an die deutsche Weltbank-Exekutivdirektorin. In einem Positionspapier internationaler NGOs heißt es ähnlich, zwischen den beiden Zielen gebe es „nicht notwendig ein Spannungsverhältnis".

Natürlich lassen sich ein zuverlässiger Zugang und sauberer Strom gemeinsam erreichen. Aber bis wann? Und zu welchem Preis? Bis 2050 ließen sich drei Viertel des Energiebedarfs weltweit aus erneuerbaren Quellen decken, rechnet der UN-Klimarat IPCC in einem neuen Gutachten vor. Geschätzte Investitionskosten: bis zu 12 Billionen Dollar bis zum Jahr 2030. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die deutschen Stromkunden in den kommenden zwanzig Jahren jedes Jahr knapp 9 Milliarden Euro zur Förderung erneuerbarer Energien zahlen müssen. Das entspricht der Wirtschaftsleistung von Ländern wie Albanien, Botswana, Honduras oder Senegal.

Kurz: Wind-, Sonnen- und umwelt- und sozialverträgliche Wasserkraft erfordern immense Investitionen und sind vorerst noch viel teurer als Strom aus Kohle und Gas. Zugleich muss in den ärmsten Ländern eine riesige Versorgungslücke geschlossen werden: Laut Weltbank steht für 840 Millionen Afrikaner weniger Strom zur Verfügung als für 46 Millionen Spanier. Es gibt also durchaus ein Spannungsverhältnis zwischen den beiden Zielen der Strategie. Die Weltbank erkennt das an, die NGOs verschließen die Augen davor.

Es ist deshalb vernünftig, dass die Weltbank die Option offen hält, in den ärmsten Ländern Kohlestrom zu fördern. Es ist aber auch richtig, das sie mit der neuen Strategie, wenn sie denn so verabschiedet wird, ein deutliches Zeichen für den Ausstieg aus der klimaschädlichen Energieversorgung setzt. Öffentlich subventionierte Entwicklungsbanken sollten Vorreiter sein bei der Finanzierung von klimafreundlichen und innovativen Lösungen. Sie müssen Risiken eingehen und Wege ausprobieren, vor denen Privatinvestoren zurückschrecken, etwa bei der Versorgung von Dörfern und kleinen Städten auf dem Land.

NGOs werfen der Weltbank vor, dass sie das in den vergangenen Jahren zwar immer gepredigt, aber nur unzureichend beherzigt hat. Und tatsächlich ist es fragwürdig, wenn die Bank einem Energiekonzern wie der südafrikanischen Eskom, der sogar Geld im Ausland investiert, einen Milliardenkredit für ein neues Kohlekraftwerk gibt. Schwellenländer wie China, Brasilien, Südafrika oder Indien lehnen die neue Weltbank-Strategie ab, weil sie aus Washington weiter Geld für die billigste Energieform haben wollen. Man kann aber von ihnen erwarten, dass sie sich das Kapital dafür anderswo beschaffen.

Die Entwicklungsländer werden das Zeitalter fossiler Energie nicht überspringen. Die reichen Länder können - und müssen - sie aber dabei unterstützen, es zu verkürzen und die Schäden zu begrenzen.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2011: Wir konsumieren uns zu Tode

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