Wunschziel Wellblechhütte

Armut in der Stadt hat etwas zutiefst abstoßendes: der Gestank von offenen Abwasserkanälen; der Qualm von schwelenden Müllhaufen, der einem den Atem raubt; die Gruben mit übelriechendem Trinkwasser, auf denen ein in den Farben des Regenbogens schimmernder Ölfilm schwimmt. Im Vergleich dazu mutet Armut auf dem Land geradezu idyllisch an. Warum also zieht jemand freiwillig in einen Slum, wenn das Leben dort so elend ist?

Slums sind besser als die Alternativen. Die meisten Leute, die sowohl ländliche als auch städtische Armut erlebt haben, ziehen ein Leben im Slum vor. Das gilt für Hunderte von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern in den vergangenen Jahrzehnten – und allein für 130 Millionen Wanderarbeiter in China. Sie folgen einem gut ausgetretenen Pfad auf der Suche nach einem besseren Leben in den strahlenden Lichtern der Großstadt. Denken Sie an die Fabel von Dick Whittington, der im 14. Jahrhundert vom Land nach London wanderte und dort Bürgermeister wurde. Die gute Nachricht ist, dass die Chancen heute größer sind denn je, in der Stadt ein besseres Leben zu finden. Bei all dem Horror, den das Leben in Slums auch heute noch bedeutet: Meistens ist es besser als auf dem Dorf.

Autor

Charles Kenny

ist Mitarbeiter des Center for Global Development in Washington. 2011 ist sein Buch „Getting Better: Why Global Development is Succeeding” (Basic Books) erschienen.

Das beginnt mit dem einfachsten Grund, aus dem die Leute vom Land wegziehen: Geld. In die Stadt zu ziehen, ist wirtschaftlich klug. Reiche Länder sind von Städten geprägte Länder, und wohlhabende Leute gibt es vor allem in den Städten. Laut dem McKinsey Global Institute entfallen auf nur 600 Städte in aller Welt 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Slumbewohner stehen ganz unten in der städtischen Pyramide, aber den meisten geht es besser als ihresgleichen auf dem Land. Die Hälfte der Erdenbewohner lebt heute in Städten, aber nur ein Viertel der Armen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen. In Brasilien, wo der Begriff Armut Bilder aus Rios schwindelerregenden Favelas und vom entbehrungsreichen Leben der Indigenen am Amazonas hervorruft, gelten nur fünf Prozent der Stadtbewohner als extrem arm – gegenüber 25 Prozent der Landbevölkerung.

Aber hat das überhaupt mit Leben zu tun, sich mehr schlecht als recht durch das städtische Elend zu quälen? Unser Bild von den Slums heute stammt aus Filmen wie „Slumdog Millionär“ und Büchern wie Katherine Boos „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben – Porträts der städtischen Unterschicht in Indien, die nicht weit weg sind von den fürchterlichen Darstellungen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert aus den Romanen von Charles Dickens über Armut und Gewalt unter Londons Slumbewohnern. In einem Kommentar im „New England Journal of Medicine“ vor einiger Zeit wurde die Urbanisierung als „eine wachsende humanitäre Katastrophe“ bezeichnet. Und der Stadtforscher Mike Davis schreibt in seinem Buch „Planet der Slums“, niemand wisse, ob eine solche Konzentration von Armut biologisch und ökologisch längerfristig Bestand haben kann.

Doch das Leben in Slums ist – trotz seiner Mängel – heute deutlich besser als zur Zeit von Charles Dickens. Die Lebensqualität in Städten ermöglicht heute mehr als nur das nackte Überleben. Die längste Zeit war die Sterberate in Städten so hoch, dass Ballungsgebiete ihre Einwohnerzahlen nur halten konnten, weil kontinuierlich Leute vom Land zuzogen. Im Manchester von Charles Dickens lag die durchschnittliche Lebensdauer bei nur 25 Jahren – gegenüber 45 Jahren im ländlichen Surrey. Heute ist die Lebenserwartung in Städten überall auf der Welt deutlich höher als auf dem Land – dank Impfstoffen gegen Krankheiten und Abwasserentsorgung. In den Millionenstädten in Afrika ist die Sterberate von Kindern um ein Drittel niedriger als in ländlichen Regionen. Tatsächlich wachsen die Städte heute vor allem, weil die Stadtbewohner Kinder kriegen und länger leben, und nicht wegen des Zuzugs vom Land.

Slums mach die Leute nicht arm - sie ziehen arme Leute an, die reich werden wollen

Die Lebensqualität in Städten ist höher, weil die Leute besser versorgt sind. Untersuchungen aus verschiedenen Entwicklungsregionen zeigen, dass arme Haushalte in Städten gegenüber solchen auf dem Land mit doppelt so großer Wahrscheinlichkeit Zugang zu Leitungswasser und mit fast vierfacher Wahrscheinlichkeit Zugang zu einer Toilette mit Wasserspülung haben. In Indien hat eine sehr arme Frau in der Stadt mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Zugang zu Mutterschaftsvorsorge wie eine besser gestellte Frau auf dem Land. Die Ökonomen Abhijt Banerjee und Esther Duflo haben herausgefunden, dass in 70 Prozent der von ihnen untersuchten Länder die Schulbesuchsrate von sieben- bis zwölfjährigen Mädchen aus armen Haushalten in Städten höher ist als auf dem Land. Soweit, so gut. Allerdings zählen die Bewohner von Slums – ein Drittel der Stadtbevölkerung in Entwicklungsländern – zu den Leuten, die am wenigsten Aussicht auf Zugang zu Impfstoffen haben oder an eine Abwasserentsorgung angeschlossen sind. Mit anderen Worten: Krankheit und schlechte Gesundheitsversorgung in informellen Siedlungen sind viel gravierende Probleme, als es Durchschnittsdaten aus Städten vermuten lassen. In den Slums von Nairobi ist die Kindersterblichkeit doppelt so hoch wie im Stadtdurchschnitt – und sogar höher als auf dem Land.

Doch die Slums von Nairobi sind außergewöhnlich schlimm und belegen eigentlich nur die Unfähigkeit der kenianischen Regierung. In den meisten Entwicklungsländern geht es selbst dem ärmsten Slumbewohner besser als dem durchschnittlichen Landbewohner. Laut Banerjee und Duflo ist in zwei Drittel der von ihnen untersuchten Länder die Kindersterblichkeit in sehr armen Haushalten in Städten niedriger als auf dem Land. In den Städten Indiens liegt der Anteil der Kinder, die in ihrem ersten Lebensmonat sterben, um ein Drittel unter dem in ländlichen Regionen. Die Unterschiede sind so groß, dass laut dem Bevölkerungsforscher Martin Brockerhoff allein in den 1980er Jahren Millionen Kinder hätten gerettet werden können, wenn die Mütter in Städte gezogen wären.

Das Leben in Slums ist und bleibt hart. Der Anteil der mit HIV infizierten und aidskranken Menschen ist in den Städten Sambias doppelt so hoch wie auf dem Land; in Kenia sieht es beim Typhus sogar noch schlimmer aus. Slumbewohner leiden zudem viel stärker unter Gewalt und Luftverschmutzung und werden häufiger Opfer von Verkehrsunfällen als Landbewohner. Und je mehr sich die Lage in einem Slum in Richtung Anarchie gemischt mit Willkürherrschaft bewegt, desto mehr ähneln die Lebensbedingungen jenen in Manchester zur Zeit von Charles Dickens.

Aber langfristig wird aus dem Wachstum der Slums viel Gutes hervorgehen. Es könnte ein noch stärkerer Motor für Entwicklung sein, wenn Regierungen aufhörten, Slums nur als Übel zu sehen, das beseitigt werden muss – und wenn sie stattdessen die Slumbewohner ordentlich versorgten, ihnen verlässliche Landtitel gäben und für Sicherheit, asphaltierte Straßen, Wasser- und Abwasserleitungen sowie Schulen und Krankenhäuser sorgten. Der Ökonom Edward Glaeser von der Harvard University hat es so ausgedrückt: Slums machen die Leute nicht arm. Vielmehr ziehen sie arme Leute an, die reich werden wollen. Lasst uns ihnen also helfen, sich selbst zu helfen. 

erschienen in Ausgabe 3 / 2013: Neue Geber: Konkurrenz stört das Geschäft

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