Der schillernde Ayatollah

 Katajun Amirpur: Khomeini – Der Revolutionär des Islams. Eine Biographie. C.H.Beck, München 2021, 352 Seiten, 26,95 Euro (Hardcover)

Die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur legt die erste deutschsprachige Biografie über den 1989 verstorbenen islamischen Revolutionär Ruhollah Khomeini vor. Sie zeichnet das Bild einer Persönlichkeit, die nicht nur politisieren, sondern auch Gedichte schreiben konnte und gerne schicke Kleider trug. 

Ruhollah Musawi Khomeini (1902–1989) hat mit der Islamischen Revolution nicht nur den Iran, sondern die gesamte islamische Welt verändert. Seine Ideen zum Wirkungsanspruch des Islam für alle Lebensbereiche prägen bis heute das Denken muslimischer Politiker, Revolutionäre und Religionsführer weit über den schiitischen Bereich hinaus. Auch manche Verzerrung im Islambild des Westens geht auf die Politisierung des Islam à la Khomeini zurück, der zehn Jahre lang als Staatsführer des Iran die westliche Welt das Fürchten gelehrt hat – sei es durch die Ausschaltung jeglicher Opposition im eigenen Land, sei es durch die 444 Tage dauernde Geiselnahme von US-Botschaftsangehörigen in Teheran, sei es durch die Todes-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie 1989. 

Die Kölner Islamwissenschaftlerin und Publizistin Katajun Amirpur zeigt in ihrem Buch unaufgeregt und dennoch spannend, dass es noch viel mehr Seiten an Khomeini zu entdecken gibt. Aufgewachsen in der zentraliranischen Kleinstadt Khomein als dritter Sohn wohlhabender und gebildeter Eltern, schlug er mit 16 Jahren die klassische Laufbahn des islamischen Rechtsgelehrten ein. Amirpur macht deutlich, wie lang und intensiv diese Lehr- und Studienzeit war. Grundsätzlich dauert sie zwischen 15 und 18 Jahre und umfasst nicht nur das Auswendiglernen des Koran und anderer Schriften, sondern vor allem die Auseinandersetzung mit den Texten, Infragestellen, Argumentieren und Diskutieren mit Lehrern und Kommilitonen. Mit 34 Jahren erhielt Khomeini den Titel Hodschatoleslam und war damit offiziell berechtigt, Fatwas, also Rechtsgutachten, zu allen Bereichen des Lebens zu erstellen. 
Anfangs folgte Khomeini der Vorstellung seiner Lehrer, dass islamische Gelehrsamkeit und politisches Wirken unvereinbar seien.

Doch in der Auseinandersetzung mit den Modernisierungsvorhaben von Schah Reza Pahlevi, der unter anderem das Frauenwahlrecht einführen und über eine Landreform den kleinen Bauern Grundbesitz ermöglichen wollte, begann Khomeini, sich zunehmend auch politisch zu äußern: gegen die Vorhaben des Schahs. Dabei stützte er sich immer auf die Prinzipien des Islam, den er als Antwort auf alle Fragen des 20. Jahrhunderts begriff. Er kam immer mehr in Konflikt mit dem Herrscher. 1963 musste er den Iran verlassen, ging erst in den Irak und schließlich nach Frankreich. Aus dem Exil gelang es ihm, die politischen Kräfte im Iran von der Geistlichkeit über die Kommunisten bis hin zum Bürgertum hinter sich und gegen den Schah zu scharen. Sein Charisma faszinierte auch westliche Intellektuelle und Politiker, die sich bei ihm die Klinke in die Hand gaben. 

Gedichte über die Liebe, den Wein und das Wirtshaus

Amirpur gelingt es, anhand von Khomeinis Leben die geschichtlichen und weltpolitischen Zusammenhänge der 1960er bis 1980er Jahre aufzuzeigen, ohne sie zu bewerten. Die letzten vier der insgesamt 15 Kapitel widmet sie der Zeit nach Khomeinis Tod, analysiert sein Frauenbild, seine ambivalente Haltung zum Westen und seine Liebe zu Philosophie, Poesie und Mystik. 

Dass dieser unerbittliche Revolutionär bis zu seinem Tod fein gedrechselte Gedichte schrieb, zumal über die Liebe, den Wein und das Wirtshaus, mag wie eine interessante Marginalie erscheinen. Doch Amirpur analysiert auch einige seiner Gedichte und zeigt an der Bildsprache, wie sehr Khomeini eben nicht nur Revolutionsführer war, sondern auch Kleriker und Mystiker. Welch schillernde Persönlichkeit er war, macht der Vers deutlich, mit dem Amirpur ihr Buch beschließt: „Bin mit dem Wein deiner Liebe trunken // von solch einem Betrunkenen // Frag nach nüchternem Rat eines Weltenmannes nicht.“   

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